Sonja Weber über „Alles ist noch zu wenig“

Sonja Weber über „Alles ist noch zu wenig“

Katja Schönherr: „Alles ist noch zu wenig“

Eine Familie, drei Generationen, viele verschiedene Blickwinkel und Ansichten, die auf-, gegen- und voneinander abprallen. Ein Lesegefühl wie bei Juli Zeh vermittelt Katja Schönherr.

In ihrem Buch „Alles ist noch zu wenig“ geschieht kein großes Unglück, kein Mord und es wird auch nicht von der Liebesgeschichte des Jahrhunderts erzählt, es ist einfach der Alltag, der geschieht. Die in Dresden geborene Autorin und Schriftstellerin hat einen Familienroman geschaffen, der ohne schicksalshafte Zufälle und unglaubliche Dramen zu bemühen doch die großen Themen unserer Gesellschaft anspricht: Erwartungen, Verantwortung, Verständnis für die Situation anderer Menschen, Hilfsbereitschaft und Zuneigung.

In einem heißen Brandenburger Sommer driften Carsten, seine Mutter Inge und seine Tochter Lissa aufeinander zu und wieder voneinander weg. Stoßen alle Menschen um sie herum ab und ziehen sie wieder an, bis sich die eigenen Wünsche und Möglichkeiten mit der Realität angefreundet haben. 

Nichts ist hier perfekt, alles, was die Einzelnen geben können, wird nicht ausreichen, um allen Ansprüchen zu genügen und alle tragen dabei Altlasten mit sich herum. So ist das wohl im Leben, es gibt Zeiten für Champagner, Zeiten für Pellkartoffeln und Zeiten für heiße Milch mit Honig.

Katja Schönherr: „Alles ist noch zu wenig“, Arche Verlag, 314 Seiten, ISBN 978-3-7160-0017-5, Preis: 13,00 Euro.


Lesung der „Omas gegen Rechts“

Lesung der „Omas gegen Rechts“

Lesungsabend soll Demokratie schützen helfen

Die Gruppe „Omas gegen Rechts“ im Landkreis Goslar bietet am Donnerstag, 19. März 2026, eine Literaturlesung mit dem Thema „Demokratie schützen“ in der BÜCHER-HEIMAT an.

Mitglieder der Gruppe stellen verschiedene Bücher zum Thema vor und lesen daraus. Zur Bandbreite der Lesung gehören Sachbücher, (auto-)biografische und literarische Werke. Im Anschluss wird es Zeit zum Austausch geben.

Die „Omas gegen Rechts“ gibt es bundesweit seit 2018, im Landkreis Goslar hat sich eine Gruppe im Januar 2025 aus Besorgnis über zunehmende rechtsextreme Tendenzen in der Gesellschaft gebildet. Die „Omas gegen Rechts“ stehen für Toleranz, Vielfalt, Menschenrechte und Demokratie.

Mit der Veranstaltung möchte die Gruppe für einen aktiven Einsatz für unsere Demokratie werben.

Donnerstag, 19. März 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon  (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Die BÜCHER-HEIMAT im Radio

Die BÜCHER-HEIMAT im Radio
Lena Scholz, Petra Nietsch, Andrea Scholz und Dirk Junicke (sitzend v.li.) mit Moderator Wolfgang Altstädt vor der Sendung. Auf dem Foto fehlt Sonja Weber – aber irgendwer muss ja auch fotografieren… 🙂

Auf der Okerwelle gesurft

Wer am Donnerstag (13.11.12025) in der BÜCHER-HEIMAT Reinhard Sturm mit „Brönner und der Tote im Moor“ lauschte, sollte sich den kommenden Dienstag (18.11.2025) rot im Kalender markieren und um 14 Uhr „Okerwelle 104,6 – das Radio für die Region“ einschalten. Dann wird der Auftritt der BÜCHER-HEIMAT in der „Wunschkiste“ wiederholt – und es lohnt sich absolut.

Hochkonzentriert: Sonja Weber stellt das umfangreiche Angebot der BÜCHER-HEIMAT vor.

Eine starke Musikauswahl, aber fast noch stärkere Wortbeiträge, hatte das BÜCHER-HEIMAT-Team mit Lena Scholz, Petra Nietsch, Andrea Scholz, Sonja Weber und Dirk Junicke zu bieten. Wobei die Redebeiträge im Zusammenspiel mit Wunschkiste-Moderator Wolfgang Altstädt auch inhaltlich klug und interessant aufeinander abgestimmt waren.

Dirk Junicke berichtete von der Grundidee der BÜCHER-HEIMAT und dem wirtschaftlichen Aufbau der gemeinnützigen GmbH, die ihre Gewinne über die Bad Harzburg-Stiftung wohltätigen Zwecken zuführt. Andrea Scholz als Mitstreiterin der ersten Stunde erläuterte das Konzept der Mitmach-Buchhandlung, Lena Scholz schilderte die BÜCHER-HEIMAT aus der Sicht der ersten Auszubildenden, Petra Nietsch warb für das „Zaunkönig“-Buch und Sonja Weber stellte das umfassende Angebot dar, wobei sie vor allem auch die vielen kostenfreien Lesungen hervorhob.

Absolut hörenswert waren aber auch die Musiktitel, die nach intensiven Diskussionen in der WhatsApp-Gruppe der Ehrenamtlichen ausgewählt worden waren. Tagelang prasselte es im Chat  Lieblings-Musiktitel, aus der überreichen Flut filterten Petra Nietsch und Auszubildende Thea Dravenau die zehn Titel, die jetzt über den Äther gingen.

Selbstverständlich kam bei der Musikauswahl auch der regionale und lokale Aspekt nicht zu kurz. Ganz oben in der Wunschliste zur Wunschkiste stand „First day at school“ von The Dippers – die ja ohnehin sozusagen die Haus- und Hof-Band der BÜCHER-HEIMAT sind.

Ansonsten waren die Klänge internationaler: „Imagine“ von John Lennon, „Zukunft Pink“ von Peter Fox, „Englishman in New York“ von Sting, „Music“ von John Miles, „Simply the Best“ von Tina Turner, „Sozusagen grundlos vergnügt“ von Dota K., „Schuhe“ von Ina Müller, „Love on the backseat“ von ClockClock und „Didn’t know it was love“ von Lena trugen dazu bei, die BÜCHER-HEIMAT-Wunschkiste zum Hörvergnügen zu machen.

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Julia Steinmann über „Klara vergessen“

Julia Steinmann über „Klara vergessen“

Isabelle Autissier: „Klara vergessen“

Das Buch hat mich sofort neugierig gemacht – allein schon wegen des Titels. Meine Tochter heißt Klara, und sie ist jemand, den ich natürlich niemals vergessen würde. Vielleicht war es genau diese persönliche Verbindung, die mich dazu gebracht hat, das Buch in die Hand zu nehmen – und ich konnte es danach kaum noch weglegen.

Isabelle Autissier erzählt eine tief berührende Geschichte über drei Generationen, die durch Liebe, Verlust und unausgesprochene Geheimnisse miteinander verbunden sind. Juri, der als Ornithologe in den USA lebt, kehrt nach vielen Jahren in seine raue, nordrussische Heimat zurück, um das Schicksal seiner Großmutter Klara zu erforschen – einer Frau, die zu Zeiten Stalins verschwand. Diese Spurensuche wird zu einer Reise in die Vergangenheit, aber auch zu einer inneren Reise zu sich selbst und zu seinem Vater Rubin, der zeitlebens unter dem Verlust gelitten hat, ohne darüber sprechen zu dürfen.

Besonders die Beschreibungen der rauen Natur und der inneren Kämpfe der Figuren haben mich sehr bewegt.

„Klara vergessen“ ist ein stilles, aber intensives Buch über Herkunft, Vergebung und die Suche nach Wahrheit. Eine bewegende Lektüre, die noch lange nachhallt.

Isabelle Autissier: „Klara vergessen“, Goldmann TB, 352 Seiten, ISBN 9783442491780, Preis: 12,00 Euro.


Harz-Tapas und Cosy-Crime

Harz-Tapas und Cosy-Crime

Eine mörderische Versuchung…

Eine absolut mörderische Versuchung, der Literatur- und Lukullus-Fans schwer widerstehen dürften, servieren die BÜCHER-HEIMAT und das Hotel „Braunschweiger Hof“ in einer Kooperation am Sonntag, 16. November 2025: Harz-Tapas und eine Cosy-Crime-Lesung werden an diesem Abend im „Braunschweiger Hof“, Herzog-Wilhelm-Straße 54, dargereicht.

Die Kombination aus lokalen Gaumenfreuden und kriminellem Hörgenuss startet am 16. November um 18.00 Uhr, wenn Harz-Tapas gereicht werden. Nach einer genussreichen Stunde folgt um 19.00 Uhr der wahrhaft mörderische Höhepunkt: Spiegel-Bestsellerautor Jürgen Seibold liest aus seinem neusten Kriminalroman „Herr Max Moritz mahlt nicht mehr“, in dem der Autor erneut seinen Buchhändler Robert Mondrian auf Mörderjagd schickt.

Natürlich sorgt die BÜCHER-HEIMAT dafür, dass an dem Abend die Bücher aus Jürgen Seibolds Krimireihe direkt vor Ort erworben werden. Und selbstverständlich wird der Autor die Bände gern signieren.

Die Tickets für Harz-Tapas und Coys-Crime zu 49,00 € beinhalten Tapas, Dessert und Lesung und sind im Hotel „Braunschweiger Hof“ und in der BÜCHER-HEIMAT erhältlich.

ZUM KRIMI

Grundgütiger! Kriminalkommissar Klaus Neher und Buchhändler Robert Mondrian trauen ihren Augen nicht, als sie den Mühlenbetreiber Max Moritz erschlagen und kopfüber im historischen Mahlwerk stecken sehen – als wäre es ein besonders böser Streich. Doch wer hat diesen schurkischen Coup geplant?

Die wachsame Nachbarin Witwe Klara Boldt ist für ihr scharfes Auge und noch schärferes Gedächtnis bekannt. Akribisch beobachtet sie, was auf dem Weg zur Mühle vor sich geht. Die Liste der Verdächtigen ist lang – denn in dieser Geschichte könnte jeder ein mörderischer Lausbub sein…

Nach „Schneewittchen und die sieben Särge“, „Sein oder Totsein“, „’Frodo war’s nicht“ und „Sherlock ist ausgeflogen“ packt den sympathischen Buchhändler und Ex-Geheimdienstler Robert Mondrian erneut das Ermittlungsfieber.

ZUM AUTOR

Jürgen Seibold, in Stuttgart geboren, arbeitete als Redakteur und freier Journalist. 1989 veröffentlichte der SPIEGEL-Bestsellerautor die erste Musikerbiografie. Es folgten Sachbücher, Theaterstücke, Thriller, Komödien und Kriminalromane.

Thomas Dahm und der Krieg im Comic-Format

„Wehrmachtlosigkeit an der Westfront“

Der Zweite Weltkrieg als Comic. Geht das? Darf man das? Kulturhistoriker Thomas Dahms stellt am Donnerstag, 23. April 2026, um 19.00 Uhr in der BÜCHER-HEIMAT mit „Wehrmachtlosigkeit an der Westfront“ ein neues Werk aus seiner viel beachteten Reihe Deutsche Geschichte im Comic vor.

Der „Westfront-Comic“, zu dem einmal mehr Alexander Pavlenko die Illustrationen schuf, behandelt die Zeitspanne von der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 bis zum Kollaps der Hitlerarmee an der Elbe Mai 1945. Das Ende eines dunklen Kapitels der deutschen Geschichte – im Comic passend in schwarz-weiß Zeichnungen dargestellt.

Seit 2013 veröffentlicht Thomas Dahms mit Illustrationen von verschiedenen Zeichnern die Geschichtscomics im Ostfalia-Verlag. Den Auftakt machte seinerzeit der Band „Das Wunder von Werla“. Dahms und seinen Mitstreitern ist mit der Reihe etwas gelungen, worum an vielen Bildungseinrichtungen gerungen wird: Die Comic-Bände aus der Deutschen Geschichte erreichen ein sowohl alters- wie auch interessenmäßig außerordentlich heterogenes Publikum gleichermaßen.

Warum dies so ist, davon können sich die Besucher der Lesung am Donnerstag, 23. April 2026, um 19.00 Uhr in der BÜCHER-HEIMAT selbst überzeugen.

Donnerstag, 23. April 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Ein Thriller-Abend mit Lars Menz

Ein Thriller-Abend mit Lars Menz

Hohe Berge, tiefe Abgründe

Ein Pageturner über das Lügennetz in einer Dorfgemeinschaft, eine unfassbare Grausamkeit und Rache. Bereit für Lars Menz? Diese Frage stellt der Ullstein Taschenbuchverlag auf seiner Website. Die Antwort können Thriller-Fans am Donnerstag, 26. Februar 2026, in der BÜCHER-HEIMAT finden, in der Lars Menz an diesem Tag von 19.00 Uhr an zu Gast ist.

Zum Inhalt des Thrillers: „Ein nächtliches Dorf, nur die beleuchtete Skischanze ragt empor. Mit einem elektrischen Viehtreiber wird ein Mann zur Schanze getrieben. Am höchsten Punkt stößt ihn sein Peiniger hinab – ein Seil um den Hals.  

Als Ellen den Toten an der Schanze hängen sieht, erstarrt sie in Panik. Sie kennt das Opfer. Erst vor kurzem ist sie in den Ort ihrer Kindheit am Rande der Alpen zurückgekehrt. Ein schreckliches Verbrechen zwang Ellen vor vielen Jahren zur Flucht. Der grausame Fund reißt die alte Wunde wieder auf. Ist es Zufall, dass der Mord ausgerechnet jetzt geschieht? Wie lange dauert es, bis jemand erkennt, dass Ellen das stärkste Motiv hat? 

Hohe Berge, tiefe Abgründe. Hier lauert das Böse. Es wird dich finden.“

Lars Menz Foto: Andrea Seifert

ZUR PERSON

Lars Menz, geboren 1972 in Bremen, hat Geografie, Stadtplanung und Politik studiert und arbeitet als Journalist. Er hat den Roman „Rauschen“ und mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht, für die er auch ausgezeichnet wurde, unter anderem beim Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich. Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern lebt er in Hannover. „Die Schanze“ ist sein erster Thriller. Ein weiterer Thriller ist in Arbeit und erscheint ebenfalls bei Ullstein.

Markus Weber über „Erinnern heißt handeln“

Markus Weber über „Erinnern heißt handeln“

Ruth Weiss: Erinnern heißt handeln

Mit 100 Jahren legte Ruth Weiss in diesem Jahr ihr letztes Buch, das sie gemeinsam mit dem Lektor und Übersetzer Lutz Kliche verfasst hat, vor. 1924 wurde sie in Fürth geboren, mit 101 Jahren starb sie dann im September 2025 in Ålborg. So ist es das letzte von zahlreichen Büchern, so etwas wie ein Vermächtnis.

Darin teilt sie ihre Erfahrung: „Zivilcourage – Mut, dem Unrecht zu widerstehen – kann man lernen. Auch ich selbst bin ja nicht mutig auf die Welt gekommen.“ Und sie möchte andere ermutigen, einzustehen für „Respekt vor jedem und jeder anderen, Verständnis und Toleranz“.

Das Buch ist keine Autobiografie im klassischen Sinn. In einigen Kapiteln schildert sie ihre sehr persönlichen Erlebnisse, etwa das Aufwachsen als jüdisches Kind in Fürth, das 1933 mit der NS-Herrschaft und dem Antisemitismus konfrontiert wird. Oder sie berichtet, wie sie nach der Auswanderung nach Südafrika seit 1936 lernen musste, sich als Kind neu zu orientieren. Und wieder war sie mit einem System der Ungleichheit konfrontiert.

Andere Kapitel gleichen einem Sachbuch, wenn sie das System der Apartheid in Südafrika beschreibt. Aber auch in diesen Kapiteln macht sie die Darstellung durch eigene Erlebnisse anschaulich. Und sie zeigt ihre Haltung gegen jegliche Ungleichbehandlung, was ihr in Südafrika später ein Einreiseverbot einbrachte.

Sie führt die Leser*innen in die Länder, in denen sie gelebt und gearbeitet hat: Israel, Sambia, Simbabwe, Angola, England. Und sie lernte viele Politiker kennen, die sich für die Befreiung Afrikas von europäischer Kolonialherrschaft einsetzten. So arbeitete sie als engagierte Journalistin, die sich immer verpflichtet fühlte, „mit allen Seiten zu sprechen, um mir ein möglichst umfassendes und objektives Urteil zu bilden, um möglichst ‚faktenbasiert‘ und objektiv berichten zu können“. Angesichts von fake-news in heutigen Zeiten ein beeindruckendes Ethos!

Ihr Verhältnis zu Deutschland blieb gebrochen, trotz zahlreicher Aufenthalte, Gesprächen mit Schüler*innen und Bewunderung für die Erinnerungskultur. Doch es gab auch verstörende Erfahrungen mit der Bürokratie, als sie in Deutschland für die Deutsche Welle arbeitete und der Beamte abweisend auf ihre Fragen reagierte. Erst als anhand ihrer Papiere die Flucht aus Deutschland im NS deutlich wurde, stammelte er, er sei auch Widerstandskämpfer gewesen und habe ihr nicht „angesehen“, dass sie Jüdin sei. Und auch bei der Wohnungssuche stieß sie auf feste antisemitische Denkmuster.

Bei aller Rückschau auf vergangene Zeiten ist das Buch auch eine Einmischung in die heutige Zeit: für ein friedliches Miteinander und den Abbau von Vorurteilen, für ein Leben in Freiheit und Demokratie, für Verständnis und Toleranz, die aber Grenzen hat, wo Ungerechtigkeit herrscht. So schreibt sie zum Schluss: „Die Demokratie ist immer wieder der Gefahr ausgesetzt, von ihren Feinden ausgehöhlt zu werden. Das sollten wir niemals zulassen.“

Ruth Weiss: Erinnern heißt handeln. Mein Jahrhundertleben für Demokratie und Menschlichkeit, Herder 2025, 176 Seiten, ISBN  978-3451036217, 20,00 Euro

Markus Weber über „Unerwünscht“

Markus Weber über „Unerwünscht“

Stefanie Schüler-Springorum: Unerwünscht

Immer noch geistert in vielen Köpfen der Begriff „Stunde Null“ herum, als sei mit dem Kriegsende gleich alles neu geworden und auf die Erfolgsgeschichte der westdeutschen Demokratie zugelaufen. Dass das nicht der Fall ist, ist vielfach belegt. Die Historikerin Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, hat nun aus einer besonderen Perspektive die Nachkriegsgeschichte beleuchtet.

Sie widmet sich der Frage, wie die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit den millionenfachen Opfern umgegangen ist, wie es jüdischen Überlebenden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, ehemaligen Zwangsarbeitern, Homosexuellen und Opfern von Zwangssterilisation ergangen ist. Das Urteil ist auf der Grundlage vieler anschaulicher Quellen erschreckend. Es zeigt sich, dass Hass und Vorurteile im Denken der Menschen nach wie vor tief verwurzelt waren.

Während viele NS-Täter – bis auf Ausnahmen – straffrei ausgingen, recht schnell wieder Fuß fassen konnten und in ihre alten Positionen zurückkehrten – euphemistisch als „Elitenkontinuität“ bezeichnet – blieben die meisten Opfer entwurzelt. Mit großen Schwierigkeiten mussten sie um die Anerkennung als Opfer der Verfolgung ebenso kämpfen wie um die Zahlung von Entschädigungs- und Wiedergutmachungsleistungen angesichts zerstörter Existenzen.

Besonders schlecht erging es den Zwangsarbeitern, die als Displaced People nicht zurück in ihre osteuropäische Heimat gehen konnten, weil ihnen dort auch Verfolgung drohte, und sie in Deutschland nach wie vor als „Fremde“ ausgeschlossen blieben. Die 400.000 zwangssterilisierten Männer und Frauen hatten keinen Anspruch auf Entschädigung, galten doch die Zwangssterilisationen nicht als spezifisches NS-Unrecht. Homosexuelle wurden nach wie vor auf der Grundlage des von den Nazis verschärften § 175 im Strafgesetzbuch Ziele polizeilicher Verfolgung. Der Widerstand der Kommunisten gegen die NS-Herrschaft wurde angesichts des wachsenden Ost-West-Konflikts disqualifiziert. Und die Massendeportationen von Sinti und Roma wurden nicht als rassistische Verfolgung angesehen, sondern als sicherheitspolitische und militärische Maßnahme, wurden sie doch als Spione verdächtigt und weiterhin kriminalisiert.

Von dem aus dem Exil zurückgekehrten Fritz Bauer, der immerhin in Braunschweig, dann in Frankfurt als Staatsanwalt tätig war, ist ein berühmter Satz überliefert: „Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“ Welche Erinnerungen leben da wieder auf, war er doch vor der Verfolgung als Jude aus Deutschland geflohen?

Das Buch mutet den Leser*innen einiges zu, aber es bietet einen erhellenden Blick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte. Neben der – sicher auch berechtigten – Erzählung einer Erfolgsgeschichte, sollte dieser Blick auf die Opfer nicht vergessen werden. Und als Teil der deutschen Geschichte wahrgenommen werden.

Stefanie Schüler-Springorum: Unerwünscht. Die westdeutsche Demokratie und die Verfolgten des NS-Regimes, S. Fischer, 256 Seiten, ISBN 978-3103976649, 25,00 Euro.

Hans Georg Ruhe über „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“

Hans Georg Ruhe über „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“

Andrea Paluch und Robert Habeck:

Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf

Diese verwirrende Geschichte tänzelt am Rand der Wirklichkeit. Der Leser schaut in den Spiegel, hinter den Spiegel, prüft die Realität, lächelt über Täuschung oder Mutmaßung.

Erzählt wird aus der Perspektive der Ich-Erzählerin, einer Witwe mit drei Kindern. Sie begegnet einem Mann, der dem ihren aufs Haar gleicht. Sie erkennt dessen Gesichtszüge, seine Bewegungen, Eigenarten. Mit ihm verbringt sie eine Nacht, immer auf der Suche nach der Wahrheit, auf der Suche nach Ähnlichkeit oder Fremdem. Die Erzählerin ist präsent und wirkt lebensklug in ihrer fortdauernden Trauer.

Paluch und Habeck erzählen die Geschichte in fast lakonischem Ton. In knappen Worten und kurzen Sätzen breitet sich eine Zwischenbilanz des Lebens aus. Die Erzählung ist unterhaltsam und schenkt wenig Gewissheit. Dass der Mann im Buch „Robert“ heißt und das Autorenpaar verheiratet ist, täuscht irritierend Autobiografisches vor.

Andrea Paluch und Robert Habeck: „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“, Kiepenheuer und Witsch, 150 Seiten, ISBN 978-3-462-00547-9, Preis: 13,00 €.