Bettina Luis über „Mann vom Meer“

Bettina Luis über „Mann vom Meer“

Volker Weidermann: Mann vom Meer

THOMAS MANN (1875-1955) starb vor fast 81 Jahren. Nur wenige Schriftsteller blieben bis heute weltweit so berühmt wie er. Und nur wenigen war es vergönnt, bereits zu Lebzeiten größten Ruhm, Glanz und Ehre erfahren zu dürfen. Aber auch politische, gesellschaftliche und persönliche Tiefschläge erlebte dieser eigentlich tiefsinnige und sensible Mann.

Gesellschaftliche Zuweisung von Rollen und Zwängen waren in seiner Zeit tragischerweise schier unüberwindbar eng, geschweige denn verhandelbar. Thomas Mann lebte nach außen durchaus konform als Patriarch, bisweilen starrköpfig, wenig kritikfähig bis autoritär. Gerade aber im sich innerlich im Anderssein treu zu bleiben, nicht in den Strömungen der „Zeitgeister“ zu ertrinken, sondern scharfsinnig reflektierend und erschreckend präzise die ihn umgebenden Bedingungen zu beobachten, zu analysieren, um sie dann meisterhaft eloquent in seine Geschichten und Romane einzubetten – dies brachte ihm bereits 1929 verdientermaßen den Literaturnobelpreis ein.

Sein persönliches Sein in den turbulenten Geschehnissen seiner Jahre bot oft die Kulisse für seine Protagonisten. Durch sie hindurch sprach er zur Welt, durch ihre Lebensgeschichten und -ereignisse schimmerte seine Kritik und Mahnung an die herrschenden Irrungen und Wirrungen seiner Zeitgenossen. Seine Botschaften erzählen von schier falsch gelebtem Leben, von nicht gelebten Leben, vom Menschen verachtenden Miteinander und ihren Sehnsüchten, … und all den leidvollen Konsequenzen. Aber da ist auch Hoffnung durch heilsame Begegnungen und schützende Auszeiten.

Volker WEIDERMANN – ein m.E. kluger und vertrauenswürdiger Autor und Journalist – schrieb 2023 dieses gründlich recherchierte Buch über Thomas Mann, das sich nicht einfach unauffällig in die unzähligen Meter Bibliografien einreiht! Nein! MANN VOM MEER- ist wirklich ein Thomas Mann Panorama- zum Horizont und zurück!

Ich teile diese Liebe zum Wasser, zum Meer zutiefst. Weidermann nennt das Meer „den stillen Held all seiner (Th.M.) Bücher“. Mann selber habe es einmal so beschrieben: „Das Meer, sein Rhythmus, seine musikalische Transzendenz ist auf irgendeine Weise überall in meinen Büchern gegenwärtig, auch dann, wenn nicht, was oft genug der Fall, ausdrücklich davon die Rede ist.“

Am Ende meiner Lektüre durfte ich feststellen: Ich habe  viel biografisch Neues über Thomas Mann erfahren! Ich war mit ihm und seiner Familie sozusagen auf einer wunderbaren „Seereise“ durch sein Leben, seine Leidenschaften und Sehnsüchte. Als bisexueller Mann hat er gelebt, aber oft waren es gerade seine homoerotischen Sehnsüchte, die ihn vor allem junge Männer leidenschaftlich beobachten ließen und die letztlich etliche seiner literarischen Charaktere formten. Und immer wieder durfte ich längere Zitate aus seinen Werken lesen, die ich bisher noch nicht oder vor langer Zeit gelesen hatte. Es war also ein vollkommen neues, vielfältiges Eintauchen -auch sprachlich -in sein Meer des Erzählens.

Volker Weidermann schafft es darüber hinaus sehr einfühlsam, Manns Zweifel, die Scham, die Wut und das Entsetzen über die damalige politische Weltlage deutlich werden zu lassen: „Er will nicht ins Exil. Er ist Deutschland, nicht diese Leute an der Macht, die sich mit dem Land verwechseln. Mann selber schreibt 1933 im französischen Badeort Bandol: „Wunderliches Erlebnis, daß einem, während man gerade draußen ist, sein Land irgendwohin davonläuft, sodaß man es nicht wiedergewinnen kann.“

 Sehr eindrücklich wird von Weidermann in 24 Strandwanderungen (Kapiteln) Manns „Wandel“ vom zunächst klassischen, treu konservativ Denkendem hin zum lauten Rufer und Streiter für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie aus dem späteren Exil heraus nachvollzogen.

Auf dieser literarischen Seereise sind mir der Mensch Thomas Mann und seine Familienbeziehungen sehr nahe gekommen und mit ihnen ein anderes, tieferes und leider auch aktuelles (Wieder)Erkennen in einigen seiner Werke. Weidermann beschreibt es so: „Er ist zusammen mit Katia über Brüssel, Paris weiter in die Schweiz gefahren. Den Sommer verbringen sie gemeinsam mit anderen Schriftstellern, die über Nacht ihr Vaterland verloren haben, am Mittelmeer. Thomas Mann beobachtet die Entwicklungen zu Hause mit Staunen. Vor allem dieses widerstandslose Sichergeben, das sich Dreinfügen in die Ungeheuerlichkeiten der neuen Zeit überrascht ihn doch. Wie genau auch immer er es am italienischen Mittelmeer im MARIO auch schon beschrieben hatte: „Wie seltsam, daß man in Deutschland gegen die wahrhaft schweinischen Mittel, mit denen diese <Volksbewegung> gesiegt hat, offenbar nicht die Empörung, den Ekel aufbringt, den ich empfinde!“ Thomas Mann erkennt eine „Verfälschung der Gehirne“ im Land und staunt, wie schnell das alles geht.“

Und noch etwas hat mir Weidermanns Buch verraten: Die Lieblingstochter ELISABETH MANN BORGESE, hat mit ihrem Vater das Meer als Ort der Sehnsucht geteilt und es mit ihm als Kind oft besucht. Sie setzte sich später engagiert als Aktivistin für die Bewahrung der Meere ein. Ihre Expertisen als Wissenschaftlerin und Visionärin waren gefragt. 1970 war sie das einzige weibliche Gründungsmitglied des CLUB OF ROME. Ihr Engagement nannte sie BLAUE REVOLUTION und propagierte die OZEANISCHE POLITIK zur „Bekämpfung der Armut und die Bewahrung der Welt. Denn mit den Meeren fängt es an“. Über ihren Vater sagte sie einmal:

„Ich halte seine Analyse des Verhältnisses der Menschen zur Natur und besonders zum Meer für die tiefgründigste, die mir je begegnet ist. Er erkannte die Ehrfurcht des Menschen vor der Unendlichkeit und Wildheit der Meere.“

Danke, Volker Weidermann!

Volker Weidermann: Mann vom Meer, btb-Verlag, 233 Seiten, ISBN 9783442774944, Preis: 14,00 Euro.


Bettina Luis über „Das gute Übel“

Bettina Luis über „Das gute Übel“

Samantah Schweblin: Das gute Übel

Cover Das gute Übel Schweblin

In Spanien wurde 2026 erstmalig der sehr hochdotierte AENA-Literaturpreis vergeben. Die Auszeichnung erhielt die 1978 in Buenos Aires/Argentinien geborene Autorin SAMANTHA SCHWEBLIN. Das mit dem Preis verbundene Preisgeld von 1 MIO Euro ist nicht unumstritten. Stammt das Geld doch von der gleichnamigen Fluggesellschaft…

Die im Suhrkamp Verlag erschienene Erzählsammlung DAS GUTE ÜBEL (El BUEN MAL) wurde 2025 immerhin zum besten spanischsprachigen Buch erklärt.

Ich habe angesichts der immensen Summe allerdings auch gestutzt und wollte dem „Besonderen“ in dem Buch unbedingt nachspüren, ohne natürlich letztlich ein Urteil über dessen „Preiswürdigkeit“ zu fällen. „Kunst liegt bekanntlich im Auge des Betrachters“, heißt es. Gleiches gilt m.E. auch für Literatur und jede Rezension bleibt subjektiv. So las ich DAS GUTE ÜBEL unter genau dieser Fragestellung: Möchte ich es anderen Lesern empfehlen und wenn ja, warum?

Soviel vorab: Ich mag skurrile und befremdliche Literatur und lasse mich gerne ein auf Texte, die durchaus auch surreal und/oder sprachlich irritierend sein dürfen. Diese Vorlieben bedient SCHWEBLIN in den sechs Erzählungen durchaus. Es gibt verbindende Themen, allerdings steht jede Geschichte für sich. „Bilder“ erscheinen, sind düster gefärbt, morbide, z.T. auch abstoßend:

Eine Frau beschreibt detailliert ihr freiwilliges Ertrinken und erkennt dann neue Nähe, („Willkommen im Club“).

Eine andere Mutter ertrinkt in ihrer langjährigen Trauer um den kleinen Sohn, den nun ein geschundenes Pferd der Freundin ersetzen soll, („Ein fabelhaftes Tier“).

Eine ungewöhnliche Geburtstagsparty in einem Studentenzimmer wird durch einen vergifteten Kater in ziemlich unheimlicher Art aufgelöst. Wie fühlt es sich an, verrückt zu werden? („William am Fenster“).

In „Das Auge in der Kehle“ verunfallt ein Kleinkind, weil für den Bruchteil einer Sekunde der Vater abwesend war. Das Kind wird durch eine Tracheotomie („Das Auge in der Kehle“) zwar gerettet, bleibt aber seitdem stumm. Seine Eltern versinken in seltsam „schützende“ Schuldgefühle.

„Die Frau aus Atlántida“ verwahrlost zunehmend – heimlich nehmen sich einzig zwei Mädchen immer nachts ihrer pflegend an.

In der letzten Geschichte wird eine verwirrte Greisin aufgegriffen. Ihr höflicher Sohn entpuppt sich allerdings letztlich als Psychopath. („Der Allmächtige macht einen Besuch“).

Die Zumutung dieser Lektüre liegt zum einen sicher darin, sich dem Horror im Chaos menschlicher Urgründe auszusetzen. Besonders schwer zu ertragen ist dabei das gesellschaftliche „Ausblenden“ psychosozialer Nöte, das SCHWEBLIN in ihren Texten exemplarisch sehr bildhaft vorstellt und offensichtlich anprangert.  Dem „Übel“ gegenüber stellt sie jedoch auch das unscheinbare „kleine Gute“, das in Form von menschlicher Nähe, Fürsorge, Freundschaft, … durchschimmert. Das „Gute“ liegt versunken im „Übel“, es scheint ertrunken, untergegangen im überschwemmt Werden von erstickenden Ereignissen.

Sprachlich erlebe ich die Erzählungen als ausgesprochen lebendig – also gewollt konträr zur inhaltlich düsteren Atmosphäre. Innere Monologe und kurzweilige äußere Dialoge passen sich dem wiederkehrenden Thema WASSER mal fließend, mal stürmisch an. Bildreiche Formulierungen garantieren: Viel Raum für Phantasien und damit:  Keine Langeweile auf 190 Seiten!

Möchte ich also DAS GUTE ÜBEL anderen LeserInnen empfehlen? JA, wenn folgende Vorlieben geteilt werden: Die Liebe zur Kurzgeschichte, die Spannung eines Krimis, kunstvolle psychopathisch detaillierte Phantasiebeschreibungen, surreale (Traum)Welten, offene Enden… u.a.m. Dann findet man sich als LeserIn ungeschützt wieder inmitten eigener aktueller Sozialdramen und lässt sich bestenfalls ein auf das Finden von jenem Not-wendigem GUTEN im ÜBEL der eigenen Gegenwart. Oder denkt zumindest mal darüber nach!

Samantah Schweblin: „Das gute Übel“, Suhrkamp, 189 Seiten, ISBN 9783518431382, Preis: 25,00 Euro.


Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Michael Connelly: Der Inselcop von L.A.

Sit back, Relax and Enjoy – Lehne dich zurück, Entspanne dich und Genieße!!!

Wenn Sie einen Roman suchen, um genau dies zu tun, dann sind Sie bei Michael Connelly genau richtig. Ich habe diesen vielschreibenden Krimi-Autor erst kürzlich entdeckt, und ich mag seine Art zu schreiben. Bekannt ist er durch Reihen wie „Der Lincoln-Lawyer“ und „Harry Bosch“ geworden, die beide auch als Fernseh-Serien verfilmt worden sind.

In diesem Kriminalroman wird eine neue Figur eingeführt: Detective Stilwell, der auf die idyllische Ferieninsel Santa Catalina Island, die vor der Küste von Los Angeles liegt, strafversetzt wurde. (Kleiner Fun Fact am Rande: die Insel gehörte von 1919 – 1975 der Familie Wrigley, deren Firma als weltweit größter Kaugummi-Produzent gilt.)

Zurück zum Roman: während Detective Stilwell zunächst nur kleinere Vergehen aufklären muss, wird eines Tages eine weibliche Unterwasserleiche im Hafen gefunden. Stilwell nimmt die Untersuchungen auf und erkennt sehr schnell Zusammenhänge mit anderen Straftaten auf der Insel. Er scheut sich nicht, Kompetenzen zu überschreiten und riskiert dadurch, noch mehr in Schwierigkeiten zu geraten.

Wie viele andere Autoren auch erfindet Connelly das Rad nicht neu. Aber gelegentlich ist es auch schön, sich von Büchern einfach nur unterhalten zu lassen, und deshalb hat mir dieser Krimi gefallen.

Was mir wie schon so oft nicht gefallen hat, ist der Titel der deutschen Übersetzung Der Inselcop von L.A. Der englische Titel Nightshade bedeutet Nachtschatten und bezieht sich auf die giftigen Nachtschattengewächse. Aus meiner Sicht steckt darin viel mehr Symbolik.

Michael Connelly: „Der Inselcop von L.A.“, Kampa, 384 Seiten, ISBN 9783311121121, Preis: 23,00 Euro.


Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie

Der Fernsehjournalist Arnd Henze hat mit diesem Buch ein im besten Sinne aufklärerisches Werk über die aktuelle Situation in den USA und die Rolle der religiösen Rechten vorgelegt. Dass das Thema nicht nur die USA angeht, sondern auch Europa und die ganze Welt lässt sich täglich an den Nachrichten ablesen.

Die Analyse des Denkens der unterschiedlichen Protagonisten des „Sadopopulismus“ (T. Snyder) von Pete Hegseth über Charlie Kirk bis zu J. D. Vance und deren Bedeutung für die Regierung von Präsident Donald Trump und dessen Erfolge wird anschaulich und gut lesbar beschrieben. Dabei wird die jüngste Entwicklung in das grundlegende Verhältnis von Religion und Politik in den USA eingeordnet. Und auch ein Vergleich – keine Gleichsetzung, sondern eine differenzierte Betrachtung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden – mit den Deutschen Christen im Nationalsozialismus hilft zum Verständnis.

In seinem Religionsverständnis orientiert Henze sich an Dietrich Bonhoeffer und seinem Diktum, in Notsituationen müsse die Kirche nicht nur den Bedrängten helfen, sondern auch dem „Rad in die Speichen fallen“, also dem Unrechtssystem widerstehen. Für die Situation in den USA zeigt Henze, wie wichtig gerade die Rolle der liberalen Kirchen etwa im Blick auf die Menschen ist, die von der Trumpschen Politik bedroht sind – aber auch wie heikel und schwierig. Er macht aber deutlich, dass deren Handeln zu den Hoffnungszeichen gehört.

Nebenbei: Persönlich fand ich es bei aller Zustimmung zu Henzes Standpunkt schade, dass er aus der in Anlehnung an Bonhoeffer geforderten strikten Trennung von Religion und Staat die Position des Soziologen Hartmut Rosa rundweg ablehnt. Ich hätte gerade die Debatte mit dessen These, dass die Demokratie Religion braucht und von ihr lernen könnte, spannend gefunden.

Basierend auf den eingehenden Analysen entwickelt Henze sowohl ein „Worst Case“ als auch ein „Best Case-Szenario“. Das nimmt einerseits die Gefahren für die US-amerikanische Demokratie und die Weltlage ernst, macht aber ebenso Hoffnung, dass noch nicht entschieden ist, wie die Entwicklung nach Trump weitergehen wird.

Es kommt auf die Menschen an – nicht nur in verantwortlichen Positionen, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger. Schon zu Beginn des Buches führt Henze in diesem Sinne ein älteres Zitat eines US-Bürgerrechtsaktivisten an: „Du findest die großartigsten Menschen genau dort, wo sich diese Gesellschaft von ihrer dunkelsten Seite zeigt.“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloher Verlagshaus 2026, ISBN 978-3579062020, 228 Seiten, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Mein Abschied“

Markus Weber über „Mein Abschied“

Christine Mann: Mein Abschied

Christine Mann, die Tochter von Werner Heisenberg und Ehefrau von Frido Mann, schreibt in dem Büchlein über ihre schwere Herzerkrankung, die Operation am offenen Herzen, den mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und die anschließende Zeit in einer Reha-Klinik. Es sind die Aufzeichnungen einer Frau, die trotz aller Schwäche und Krisen selbstbestimmt bleiben will. Die schweren Erkrankungen führten schließlich 2024 zu ihrem Tod.

Teilweise sehr nüchtern beschreibt Christine Mann die Erfahrungen und Krisen im Krankenhaus während der Corona-Zeit; es geht um mangelnde Betreuung durch Pflegepersonal und Ärzte, aber ebenso berichtet sie über liebevolle und professionelle Zuwendung auf anderen Stationen. Immer – und dann sehr emotional – ist präsent, dass es um Leben und Tod geht. Und Christine Mann erlebt Panik und Gottverlassenheit, die in kurzen, aber eindrücklichen Sequenzen zum Thema werden. Im Hintergrund steht immer auch die Frage, ob es angesichts der Schmerzen und des nahen Todes Hoffnung geben kann.

In der gesamten Zeit in Krankenhaus und Reha begleitet ihr Ehemann Frido sie liebevoll. Während Christines Bericht mit der Reha-Maßnahme endet, schreibt Frido auch über die anschließende Zeit bis zu ihrem Tod. Dabei stellt er seinem Nachwort ein Zitat seines Schwiegervaters Werner Heisenberg voran: „Man kann mit der Seele eines anderen Menschen mitschwingen wie mit der zentralen Ordnung.“

Mein Eindruck: Dieses Mitschwingen löst er in Handeln und Schreiben ein. Letzte Gespräche haben etwas von einer „Todesmeditation“. Trotz allem Zweifel und Erleben von Gottesferne bleibt dennoch ein Gottvertrauen.

Christine Mann: Mein Abschied. Mit einem Nachwort von Frido Mann und Zeichnungen von Fee Blumenthaler, Rubicon 2025, ISBN  978-3981957839, 128 Seiten, 18,00 Euro.

Werner Beckmann über „Die Känguru-Rebellion“

Werner Beckmann über „Die Känguru-Rebellion“

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion

Ich bin kein Freund von Hörbüchern, auch Literatur-Verfilmungen haben es bei mir schwer. Ich schaffe mir die Figuren lieber selbst. Daniel Radcliffe war nie mein Harry Potter. Aber es gibt Ausnahmen, weswegen hier Marc-Uwe Klings „Die Känguru-Rebellion“ als Hörbuch besprochen sein soll.

Wenn der „Kleinkünstler“ das Beuteltier mit dem Hang zur Anarchie oder Kneipenwirtin Hertha spricht, ist das ähnlich großartig (und doch ganz anders) wie Timur Vernes‘ „Er ist wieder da“, vorgelesen von Christoph Maria Herbst.

Eigentlich geht es um Bewährtes und Beliebtes – und doch ist etwas anders. Ein neues Känguru-Erlebnis. Deutlich politischer, häufig schärfer als in den Vorgängerwerken. Warum das so ist, erklärt das Känguru selbst: „Im Wort ‚Unterhaltung‘ steckt auch das Wort ‚Haltung‘.“

Worum es geht? „Hauptsächlich geht’s darum, dass wir rebellieren. Gegen die Zustände. Muss ich noch mehr dazu sagen?“ Nein, muss er nicht, denn, so souffliert das Beuteltier: „Von den Zuständen kriegt man ja Zustände.“ Und die werden am Rebellion-Stammtisch in Herthas Eckkneipe ausgelebt.

Der (aber-)witzige Kampf gegen Rechtsextreme, fürs Klima und gegen den Kapitalismus geht weiter. Ohrfeigen gibt es für den Politbetrieb in Berlin, vorneweg für die AfD, aber auch für Merz und Söder und etliche andere. Wobei an der begrenzten Zahl der „Gebashten“ auch deutlich wird, dass in der Politik die satisfaktionsfähigen Charakterköpfe offenkundig seltener werden.

Absolut im Visier haben Kling und Känguru auch die megareichen Tech-Unternehmer. Damit, dass sich „unser digitales Leben in der Hand weniger Superreicher befindet“, wollen sie sich nicht abfinden. Und irgendwie kann man viele Gedanken nachvollziehen: „Ich finde das so absurd, dass die beiden reichsten Typen auf diesem Planeten Raketenfirmen gründen und zum Mars wollen.“

Es gibt Passagen, die sind politisches Kabarett, in denen kommt einem das Känguru wie die Neuauflage von Volker Pispers oder Dieter Hildebrandt vor. Aber auch die beiden Kabarett-Großmeister brachten uns ja zum Lachen – bis es im Hals steckenbleibt…

Kling jedoch findet eine gute Mischung, verzichtet weder auf Schnapspralinen noch auf falsch zugeordnete Zitate. Beispiele gefällig: Die Fußballer-Weisheit „Elf Freunde sollt ihr sein“ legt Kling den Zwölf Aposteln in den Mund. Und vom Ex-FDP-Chef Christian Lindner stammt demnach die Weisheit „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“

Wer sich das Hörbuch herunterlädt (oder das Buch kauft), wird hernach auch seine Meinung zur vermeintlich so schönen virtuellen Welt überdenken: „Das Tolle am Internet ist, dass endlich jeder der ganzen Welt seine Meinung mitteilen kann. Das Furchtbare ist, dass es auch jeder tut.“

Und jetzt habe ich mich mit dieser Rezension da eingereiht…

Marc-Uwe Kling: „Die Känguru-Rebellion“, Hörbuch Hamburg, Laufzeit ca. 7 Stunden und 30 Minuten, ISBN 9783844944549, Preis: 12,95 Euro.

Für alle, die lieber etwas in der Hand haben: Hier geht es zum Taschenbuch der Känguru-Rebellion…


Markus Weber über „Auf den Straßen Teherans“

Markus Weber über „Auf den Straßen Teherans“

Nila: Auf den Straßen Teherans

Der gegenwärtige Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die öffentliche Aufmerksamkeit nun noch einmal in besonderer Weise auf das Land gelenkt. Anfang Januar 2026 hatte die Ermordung von Zehntausenden Demonstranten die Brutalität des Mullah-Regimes in Teheran gezeigt. Unabhängig davon, wie man den Krieg und die Frage bewertet, ob er die demokratische Opposition im Lande stärkt oder ihr schadet, hilft das Büchlein, die Hintergründe des Aufbegehrens der Frauen zu verstehen.

Nila, Pseudonym einer mutigen iranischen Frau, gibt Zeugnis davon, unter welchen Verhältnissen besonders die Frauen im Iran leiden und was sie bewegt, dagegen unter erheblichen persönlichen Risiken auf die Straßen zu gehen. Das Buch war schon 2023 auf Französisch und Englisch veröffentlicht worden, Anfang 2026 ist es nun – endlich! – auch auf Deutsch erhältlich. Es wird sehr eindrücklich und glaubwürdig geschildert, wie die Unterdrückung ausgeübt wird. So müssen die Familien der Opfer in manchen Fällen die Kugeln bezahlen, mit denen ihre Töchter von den Milizen erschossen wurden, um die Leichen bestatten zu können – ein unglaublicher Zynismus. Und eine Herausforderung für solidarisches Handeln andererseits.

Eingeflochten in die Darstellung der heutigen Situation sind Geschichten über die religiös begründete patriarchale Gewaltherrschaft, die nicht erst 1979 mit der sogenannten islamischen Revolution begann. Und es gibt alte Geschichten der Gegenwehr von Frauen, auf die sich die heutige Opposition bezieht. So kann das Verständnis für die Entwicklungen vertieft werden.

Und im Buch finde ich Sätze, die mich länger beschäftigen, die hängen bleiben: „Ohne Ziel vor Augen steige ich in die U-Bahn. Ich schwebe durch die Stadt wie in einem Traum, dessen Träumerin gestorben ist. Zwischen den Stationen starren die Menschen nur auf ihr eigenes Spiegelbild im Fenster des Waggons. Kein Wort wird gewechselt. Vollkommene Stille. Wie die Reaktion Gottes auf ihr Leid.“

Das Vorwort der Journalistin Natalie Amiri erinnert daran, wie wichtig es ist, sich für die Freiheit zu engagieren – auch bei uns. Erläuterungen zu einzelnen Personen und Ereignissen und eine Zeittafel zu den Jahren 2022/23 ergänzen den Text.

Nila: Auf den Straßen Teherans. Ein eindringliches Zeugnis der Revolution mit einem Vorwort von Natalie Amiri. Pfaueninsel 2026, ISBN 978-3691310085, 144 Seiten, 20,00 Euro.

Sonja Weber über „Das Jahr“

Sonja Weber über „Das Jahr“

Jonas Tjäder / Maja Knochenhauer: Das Jahr

Jonas Tjäders und Maja Knochenhauers neues Bilderbuch „Das Jahr“ ist für alle kleinen Menschen von vier bis sieben gedacht und alle Großen, die gerne mit Kindern Bücher anschauen.

Anhand einer Stadt, aufgeteilt in drei verschiedene Szenen und bevölkert von vielen Leuten, beschreiben die beiden jeden einzelnen Monat auf je einer Doppelseite. Ein Mehrfamilienhaus, eine Bücherei, die Bäckerei und das Sportgeschäft aus dem Januar trifft man im April, Juli und Oktober wieder. Was im Kindergarten und der Kirche los ist, entdeckt man Februar, Mai, August und November, die Schule, den Markt und ein Neubaugebiet bekommt man im März, Juni, September und Dezember zu sehen.

Die vielen, vielen kleinen Figuren, die jede Seite bevölkern, tummeln sich ebenfalls auf den Umschlaginnenseiten vorne und hinten. Einige von ihnen verstecken sich richtig gut im Buch und man hat lange zu suchen, andere haben ein paar Rätselaufgaben für alle Bilderbuchfans. Mit jeder Figur kann man das Jahr in einer individuellen Geschichte erleben.

Jonas Tjäder und Maja Knochenhauer haben ein kleines Universum erschaffen, in das man nach Lust und Laune eintauchen kann.

Jonas Tjäder / Maja Knochenhauer: „Das Jahr“, Oetinger Verlag, 32 Seiten, ISBN 978-3-7512-0785-0, Preis: 17,00 Euro.


Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

Simone de Beauvoir, eine der berühmtesten Frauenrechtlerinnen Europas, hat mit diesem Roman ein sehr persönliches – autofiktionales – Buch geschrieben. Für ihren langjährigen Lebensgefährten Jean-Paul Sartre war es zu persönlich. Deshalb war es zu ihren Lebzeiten nicht erschienen. Erst Simone de Beauvoirs Adoptivtochter, Sylvie Le Bon de Beauvoir, sorgte dafür, dass das Buch lange nach ihrem Tod 1986 erscheinen konnte. Eine gute Entscheidung, wie ich finde.

Simone de Beauvoir erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen zwei Freundinnen, die sich als 10-jährige am katholischen Mädcheninstitut kennenlernen. Es ist eine für mich fremde Welt, in der sich die Kinder Siezen müssen, wie es sich für das Bildungs- und Besitzbürgertum der damaligen französischen Gesellschaft so gehörte. Und trotz der herzlichen und langjährigen Freundschaft der beiden, die mit dem tragischen Tod der 22-jährigen Freundin Zaza (im Roman: Andrée) endet, bleibt das bis zum Schluss so. Für Simone (im Roman: Sylvie) ist es mehr als eine Mädchenfreundschaft.

Die Welt, in der die beiden Mädchen aufwachsen, ist geprägt von einem rigorosen Katholizismus, der Schuldgefühle einimpft, wann immer Regeln übertreten werden – und sei es in Gedanken. Und die Mädchen werden trotz ihrer hohen Bildung in Rollen gedrängt, was bei Sylvie früh eine Wut gegen die strengen Regeln und die Enge auslöst. Eine Wut, die Sylvies Tante sagen lässt, sie sei „vom Teufel besessen“. Und im Unterschied zu Andrée kommt Sylvie zu dem Schluss, einen solchen Gott, der sich gegen die Menschen stellt, könne und dürfe es nicht geben. Sylvie durchbricht die Erwartungen, während Andrée gegen ihre inneren Widerstände ankämpft und sich unterwirft, woran sie letztlich zerbricht.

Die Widmung des Romans an Zaza zeigt etwas, das den Roman durchzieht: Ein Verantwortungsgefühl für Zaza und ein Schuldgefühl, weil diese so früh sterben musste: „Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot ist oder weil ich lebe?“ Trotz dieser Schwere ist es ein schöner Roman über eine Freundschaft.

Sylvie Le Bon de Beauvoir hat dem Roman ein Vorwort vorangestellt. Und im Anhang geben bisher unveröffentlichte Bilder und Briefauszüge Einblicke in die Freundschaft von Simone und Zaza.

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen. Roman, Rowohlt Taschenbuch 2023, ISBN 978-3499005497, 144 Seiten, 14,00 Euro.

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit

Drei Generationen in einem Tal der Abruzzen sind mit einer Gewalttat verwoben, die 30 Jahre zurückliegt, auch die Nachgeborenen tragen daran. Niemand geht offen damit um. Dennoch, oder gerade deshalb, lastet die Gewalt auf allen in unterschiedlicher Weise: auf der jungen Studentin Amanda, auf ihrer Mutter und dem Großvater sowie den anderen Bewohnern des Tals.

Erst nach und nach stellt sich heraus, was geschehen ist und welche Rolle die Beteiligten spielen. Obwohl es untergründig immer um die erlittene Gewalt geht, wird diese nicht sensationsheischend dargestellt. So verschlossen wie die Menschen, aber auch sensibel und intensiv, habe ich die Sprache erlebt. Es geht langsam voran. In die Auseinandersetzungen mischen sich aktuelle Pläne eines Investors zum Grundstück der Familie am Dentro del Lupo, dem „Wolfszahn“. Die Interessen der Generationen treffen aufeinander.

Für mich war besonders die Darstellung der Beziehung zwischen Amanda und ihrer Mutter interessant. Wie wird mit den traditionellen Erwartungen umgegangen? Wie können die Frauen ihren eigenen Weg finden? Wie weit darf die Mutter sich in das Leben ihrer Tochter einmischen – gerade in der Sorge um deren Zukunft einerseits und deren Recht auf freie Entfaltung andererseits? Und bei aller Gewalterfahrung: Es bleibt letztlich die Frage, ob die Wunden heilen können.

Donatella di Pietrantonio wurde 2024 für ihren Roman mit dem Premio Strega, einem der höchsten italienischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit. Roman, Verlag Antje Kunstmann 2024, 237 Seiten, ISBN 978-3956146213, 22,00 Euro.