Was hoffnungsvoll begonnen wurde, endete in einem Desaster. Christoph Hein hat die Geschichte der DDR selbst erlebt. Er hat die Schwächen des Systems gesehen, am 4. November 1989 hat er bei der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz eine Rede gehalten. Über 40 Jahre zeichnet er die Geschichte nach.
Es war wichtiger, sich mit dem System zu arrangieren als Leistung zu bringen. Seine Protagonisten lernen schnell, worauf es ankommt, wenn man in der DDR Erfolg haben will. Kompetenz war weniger gefragt. „Die Partei hat immer recht…“, nach dem Motto lebten ein Ökonom, ein Wissenschaftler für Metalltechnik und deren Ehefrauen und ein international angesehener Professor, der keine Stelle an der Uni bekam, weil er während der Nazizeit in England und nicht in der UDSSR war. Er wurde schließlich für Kinderfilme zuständig.
So haben viele absurde Entscheidungen erst zum Selbstzweifel, zur Verlogenheit und schließlich zum Zusammenbruch geführt. Das Narrenschiff ist gesunken. Eine spannende Geschichte durch 40 Jahre DDR, vor allem für Menschen, die die DDR selbst nicht mehr erlebt haben.
Ein Buch kann für mich zu einer Ruhezeit und einer Insel werden, eine ganz besonders erholsame war „Über der Brandung“ von Franziska Jebens, ihres Zeichens Autorin, Podcasterin und Weltenbummlerin. Ihr wohltuender Roman war eine angenehme Entspannung nach dem letzten trubeligen Wochenende und hat mich gedanklich zusammen mit der Protagonistin auf einer kleinen Kykladen-Insel zu mir selbst kommen lassen.
Die Geschichte ist herrlich undramatisch, bis auf einen heftigen Sommersturm geschieht nichts Bedrohliches, das Leben ist ruhig dort. Genau daran muss sich die aus Berlin kommende junge Frau erst einmal gewöhnen, ebenso daran, dass niemand sie nach dem Warum und Wieso ihrer Flucht auf dieses Eiland fragt.
Im Gegenteil scheint ihre Gastgeberin Hera schon alles über die neu Angekommene zu wissen. Nea, die Neue, wie sie dann auch nur noch genannt wird, lässt sich nach anfänglichem Zögern auf Heras Art das Leben zu leben ein. Sie findet ihre eigene Stärke in langen Wanderungen mit einer zahmen Ziege, bei Zusammenkünften mit anderen Frauen, in der Einsamkeit ihres neuen Zuhauses und in einer neuen Beziehung.
Nea lernt, die Welt zu vergessen, im Moment zu leben und zu vertrauen. Alles kann, nichts muss. Sie erkennt die Heilsamkeit von Gemeinschaft und Freude, die Wichtigkeit, Dinge zu machen, die guttun und den Schutz von Werten und Grenzen, die man für sich festlegt.
Die Insel, neue Freunde und eine nette Ziege machen aus einer an sich zweifelnden mutlosen Autorin, die nie wieder schreiben wollte, eine starke Frau mit starken Grundsätzen, eine Neue, die ihr Leben ohne Angst in die Hand nimmt. Eine, die nicht nur eine Idee davon hat, wie ihre Zukunft aussehen soll, sondern diese wahr werden lässt. Nea ist kein Spiel der Wellen mehr, sie lebt nun über der Brandung.
Mit großem Interesse habe ich das Buch „Meine frühen Jahre“ von Winston Churchill gelesen. Er beschreibt hier seine ersten 25 Lebensjahre. Er berichtet von einer untergegangenen Welt des britischen Empire, einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.
Churchill war abenteuerlustig und hat an mehreren Kriegen in Indien, Ägypten, dem Sudan und in Südafrika teilgenommen. Besonders wichtig erscheint mir seine Erkenntnis über einen Kriegsbeginn.
Er warnt jeden Kriegstreiber. Damit bekommt das Buch eine besondere Aktualität.
Winston Churchell hat für seine Werke den Literatur-Nobelpreis erhalten. Nach dem Lesegenuss seines Buches „Meine frühen Jahre“ erscheint mir der Literatur-Nobelpreis sehr angemessen.
Wer möchte nicht, dass auch nach dem Tod etwas bleibt? Dass man nicht spurlos aus der Welt verschwindet?
Anton, der seit Jahren verwitwet ist, alleine lebt und nur mit wenigen Menschen Kontakt hat, erfährt von seinem Arzt, dass er nur noch eine kurze Lebensfrist hat. So macht er sich daran, in der verbleibenden Zeit etwas zu schaffen, das nicht vergehen kann. Er versucht, ein Buch zu schreiben, zu fotografieren und zu malen. Doch alles scheint ihm vergeblich.
Bei alldem begleitet ihn sein alter Freund Emil, der auch seine Geschichte aufzeichnet. An sein Küchenfenster kommen täglich eine Möwe und eine Taube, für die er sich verantwortlich fühlt. Und ganz unerwartet lernt er die junge Schauspielerin Katharina von gegenüber kennen, die ihn herausfordert; die beiden freunden sich an.
Katharinas Freund Konstantin formuliert schließlich, worum es im Leben geht, nämlich „nicht darum, seine Fähigkeiten zu nutzen, um in der Erinnerung Fremder zu bleiben. Es geht darum, sein Talent zu nutzen, um die eigene Welt zu einem klein wenig erträglicheren Ort zu machen.“
Und ist es nicht bedeutend, dass Anton sich als junger Mann dem Krieg verweigert hat, weil er nicht töten wollte? Und dass er viele Jahre mit seiner Frau glücklich zusammenleben konnte? Man muss also keine große Literatur oder Kunstwerke schaffen, um als Mensch Bedeutung zu haben.
Nelio Biedermann erzählt Antons Geschichte poetisch, mit philosophischem Gespür und feinem Humor. Ein ermutigender Roman!
Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder
Das Buch ist 70 Jahre alt. Aber wenn man den Stalinismus verstehen will, gehört es immer noch zu den besten Quellen.
Wolfgang Leonhard kam als 13-jähriger Junge mit seiner Mutter in die Sowjetunion. Seine Mutter wurde während der Säuberungen in den Gulag verschleppt und blieb dort 10 Jahre. Er selbst wurde und blieb überzeugter Kommunist, durchlief die Ausbildung, um später als Führungskraft im neuen Deutschland den Sozialismus aufzubauen.
Er erlebt die Zeit des Krieges in der Sowjetunion. Die Gräueltaten der Nazis blieben ihm weitgehend verborgen. Aber die russische Sicht auf den Krieg wird sehr spannend beschrieben. Er ist dabei nah am Geschehen und kann viele Interna schildern.
1945 kam er noch vor Ende des Krieges mit der sogenannten Gruppe Ulbricht nach Berlin. Aus heutiger Sicht sind vor allem die ersten Jahre in Ostberlin sehr interessant. Sehr detailliert schildert er das Vorgehen, wie es gelang einen Sozialismus sowjetischer Prägung in Deutschland durchzusetzen, was letztlich zur Teilung Deutschlands führte.
Er wurde Dozent an der Parteihochschule, brach aber mit dem System, als seine Hoffnung, dass Deutschland einen eigenen Weg zum Sozialismus gehen könnte, sich in Luft auflöste. Sehr präzise analysiert und beschreibt er die Mechanismen des Stalinismus.
Er floh 1949 zunächst in das damalige Jugoslawien und später in die Bundesrepublik. 2014 starb er. Er war einer der besten Kenner der Sowjetunion und Russlands und lehrte an mehreren internationalen Universitäten. Erst nach der Wende konnte er nach Ostberlin und Russland zurückkehren. Eine spannende Zeitgeschichte des letzten Jahrhunderts.
Die Sonne verdunkelt sich und eine Auslöschung der Menschheit in absehbarer Zeit scheint unabwendbar. Angesichts dieser Bedrohung arbeiten alle Regierungen der Welt tatsächlich zusammen, um herauszufinden, ob es eine Lösung gibt.
Die scheint in einer anderen Galaxie im Weltraum zu finden sein und so bauen die klügsten Wissenschaftler der Welt ein Raumschiff und schicken drei Astronauten zum Stern TauCeti. Nur einer kommt lebend dort an!
Und schon sind wir mittendrin in diesem bemerkenswerten Roman von Andy Weir. Der Autor erschafft ein Szenario, dass nur gemeinsam bewältigt werden kann und wird. Natürlich gibt es Diskussionen und auch Streit, aber keine Gewalt – dafür reicht die Zeit nicht, und das scheinen alle verstanden zu haben.
Wir erfahren die Geschichte aus der Ich-Perspektive des überlebenden Astronauten, teils in Rückblenden, der kurz vor dem Ziel ein Alien-Raumschiff entdeckt, auf dem auch nur noch ein Besatzungsmitglied lebt. Und endlich traut sich mal ein Schriftsteller, eine intelligente Lebensform zu „erfinden“, die völlig anders ist als alle, die mir bisher in Büchern und Filmen begegnet sind. Mit unglaublich viel Fantasie hat Andy Weir einen Alien erschaffen, der beinahe unvorstellbar ist.
Und nein, Ryland Grace und „Rocky“ sind sich nicht feindlich gesonnen, nicht einmal misstrauisch. Sie lernen miteinander zu kommunizieren, Probleme gemeinsam zu lösen, voneinander zu lernen und die Stärken des anderen für ihre Missionen zu nutzen.
Ein Buch, ganz ohne Gewalt, ohne Kampfszenen, nicht einmal Waffen kommen vor. Der wissenschaftliche Austausch steht im Mittelpunkt. Dieser Roman ist absolut lesenswert, voller überraschender Erkenntnisse, humorvoll, intelligent, auch gefühlvoll und die Begegnung der Spezies führt zu einer echten Freundschaft. Zitat Rocky: „Dein Gesicht ist undicht?!“
Ob die Missionen der beiden Protagonisten erfolgreich abgeschlossen werden? Das wird an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel, das Ende ist wunderbar! Ein ruhiges Buch, mit einem Ende, das mein Gesicht hat undicht werden lassen.
Danke an Sonja Weber, die mich „genötigt“ hat, dieses Buch zu lesen!
Kristin Hannah war mir als Schriftstellerin bekannt, aber dies ist der erste Roman, den ich von ihr gelesen habe und er ist ein ganz besonderer.
Die Autorin entführt uns in die Wildnis Alaskas. Es gibt sicherlich nicht viele Menschen, die eine wirkliche Vorstellung davon haben, wie einsam es dort ist. Hier bestimmt die Natur das Leben der Menschen. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben.
Im Sommer wird es so gut wie nicht dunkel und im Winter wird es kaum hell. Frühling und Herbst sind kaum existent. Im Sommer muss alles getan werden, um im Winter ausreichend Vorräte zu haben. Die Menschen jagen, fangen Fische, pflücken Beeren, arbeiten an ihren Häusern und Hütten und, und, und.
Dieses Leben fordert viel, aber bietet auch Freiheit. Jeder hilft jedem, egal, was es ist. Man kann sich aufeinander verlassen.
Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die Handlung. Die Familie Albright siedelt im Jahr 1974 von Seattle um nach Kaneq auf der Kenai-Insel. Ernt, der im Vietnam-Krieg gekämpft hat, leidet seitdem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, die dazu führt, dass er immer wieder seinen Job verliert, auch weil er unter starken Gemütsschwankungen leidet.
Cora, seine Frau liebt ihn so sehr, dass sie ihm nahezu alles verzeiht. Lenora (Leni), die 13-jährige Tochter, fühlt sich einsam, denn wegen der vielen Umzüge ist sie nie lange genug an einer Schule, um Freunde zu finden.
Für das harte Leben in Alaska sind sie schlecht vorbereitet, aber sie fühlen sich willkommen geheißen und schnell wohl. Alle drei arbeiten unentwegt, um endlich zur Ruhe zu kommen. Und in der Schule findet Leni mit Matthew sogar einen Freund. Doch der Winter naht und mit ihm kommen nicht nur die Dunkelheit, sondern auch Ernts Alpträume.
Seine Angstzustände und Unzufriedenheit nehmen zu. Er sucht Streit zu Hause, wird zunehmend gewalttätig gegenüber Cora und wird auch in der Dorfgemeinschaft immer mehr zum Außenseiter. Derweil wird aus der Freundschaft zwischen Leni und Matthew die erste große Liebe.
Der Roman hat fast 600 Seiten, aber es ist nicht eine zuviel. Immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen, die die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten. Die Handlung ist bis zum Ende hin schlüssig und hat mich als Leserin zufrieden gemacht.
Wie so oft unterscheiden sich der englische und der deutsche Titel, wobei aus meiner Sicht in diesem Fall der Schwerpunkt unterschiedlich gesetzt ist. Der englische Titel „The Great Alone“ bezieht sich auf die Wildheit Alaskas, es ist „The Last Frontier“ während der deutsche Titel mehr auf das Thema Liebe zielt. Von der gibt es ganz unterschiedliche Formen im Roman. Von freundschaftlicher über partnerschaftliche Liebe über Liebe zur Natur und zum Land ist alles dabei.
Ein packender Roman, der mich sehr bewegt hat und den ich uneingeschränkt empfehlen kann.
Henry Evans hat sich ein halbes Jahrhundert um den Rasen von Wimbledon gekümmert, dafür gesorgt, dass all die prominenten Tennisspielerinnen und Tennisspieler sich auf dem Grün der Courts von ihrer besten Seite zeigen konnten, der Ball perfekt absprang und der Rasen bis zum Finale auch durchhielt. Viele große Namen hatte er kommen und gehen, gewinnen und verlieren sehen, nur der eine Name war nie darunter, die eine Person, derentwegen Henry getreulich zwischen den weißen Linien und den grünen Halmen ausharrte, war nie aufgetaucht: Rose Blake, Tochter aus bestem Hause und Henrys einzige Liebe.
Ihr großer Wunsch war es gewesen einmal im Endspiel von Wimbledon selbst auf dem Rasen zu stehen. Alles begann kurz vor dem zweiten Weltkrieg auf dem Landgut der Blakes. Der dreizehnjährige, vom Leben nicht verwöhnte Henry, Sohn des zweiten Gärtners und die vierzehnjährige vorlaute Rose, Tochter des einflussreichen Sir Richard Blake und leidenschaftliche Tennisspielerin, treffen aufeinander. Zwei Menschen aus unterschiedlichen Welten, die zwei unbeschwerte Sommer lang ihre Träume von der Zukunft träumen, ehe die Gegenwart sie einholt.
Was bleiben wird sind die Plätze an der Church Road, auf denen einst alles möglich schien. Ein Rechteck aus akkuratem Achtmillimeterrasen, von dem aus Rose die Welt erobern wollte und der Ort, an dem Henry sich endlich gleichberechtigt fühlte.
Jane Crilly hat zwei Leben auf wunderbar leichte und literarisch ansprechenden Weise verbunden und wieder getrennt und in eine interessante Rahmenhandlung gebracht. Eine herrliche Sommerlektüre. Alle Leserinnen und Leser von „Offene See“ von Benjamin Myers dürften auch an „Der Gärtner von Wimbledon“ Spaß haben.
Lea Ypi: „Frei – Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“
Anfang der 1990er Jahre erklären Historiker das „Ende der Geschichte“ – als habe sich alles auf dieser Welt so ergeben, dass größere Verwerfungen nicht mehr möglich würden.
Lea Ypi lebt im (post)stalinistischen Albanien, ist zehn Jahre alt und erlebt, wie der Diktator Enver Hoxha im Wortsinn vom Sockel gestoßen wird, die neue Zeit beginnt: Hoffnungsvoll erwartet und enttäuschend in seiner kapitalistischen Härte.
Ypi erzählt die Geschichte ihrer Familie und reflektiert, was eigentlich „Freiheit“ bedeutet und ob das Alte vergeblich war und das Neue wunderbar sein wird. Schon bald zeigt sich in ihrer Familie, dass es keine schnellen Antworten gibt. Die Realität legt sich chaotisch über das Land.
Ypi, geboren 1979, ist Professorin für Politische Theorie und schreibt nicht professoral, sondern nahe, eingefühlt und auf milde Art ironisch. „Frei“ liest sich leicht und taucht unter die Oberflächen.
Was für ein Geschenk, dass wir uns im großen Team der Bücher-Heimat immer wieder regelmäßig über Gelesenes austauschen. Dieses Mal hat unsere Auszubildende Thea mir diesen Roman empfohlen, und vier Tage später hatte ich ihn bereits ausgelesen. Es lässt sich also als erstes festhalten, dass das Buch für jede Altersklasse eine Empfehlung ist.
„What’s in a name? “ lässt bereits Shakespeare Julia ihren Romeo fragen. Und um diese Frage geht es auch in dieser Geschichte. Kann der eigene Name unseren Charakter, unser Tun und Handeln und unsere Entscheidungen beeinflussen? Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die versuchen, das zu beweisen.
Aber schauen wir auf den Debut-Roman von Florence Knapp. Eine Junge, drei Namen, drei Lebenswege. Im Oktober 1987 hat Cora, die in einer unglücklichen Ehe mit einem gewalttätigen Mann gefangen ist, ihr zweites Kind geboren. Als sie mit ihrer Tochter Maia auf dem Weg zum Standesamt ist, um ihren Sohn anzumelden, sprechen sie über Namen. Während Coras Mann erwartet, dass sein Sohn aus langer Tradition heraus Gordon genannt werden muss, bevorzugt sie Julian, was laut ihrem Namensbuch „Himmelsvater“ bedeutet. Maia schlägt Bear vor, denn für sie sind Bären weich, verschmust und freundlich, aber auch mutig und stark.
Nun beginnt ein spannendes Gedankenexperiment, denn Knapp entwickelt drei unterschiedliche, parallel verlaufene Handlungsstränge. Die Geschichte erstreckt sich über 35 Jahre und zwischen jedem Abschnitt liegen 7 Jahre. Bear, Julian und Gordon wachsen also in der Zeit zu erwachsenen Männern heran. Diese klare Struktur und die Tatsache, dass die wichtigsten Charaktere Teil aller Lebensgeschichten sind, erleichtert das Verständnis beim Lesen.
Ein fesselnder Roman, der Antworten gibt, aber genauso viel Fragen aufwirft.