Markus Weber über „Shira – eine Tasche voller Hoffnung“

Markus Weber über „Shira – eine Tasche voller Hoffnung“

Barbara Bišický-Ehrlich: Shira – eine Tasche voller Hoffnung

Auf dieses wunderbare Kinderbuch bin ich beim Eröffnungskonzert der diesjährigen internationalen Musiktage in Goslar aufmerksam geworden. Da spielte das Frankfurter „Duo Duor“ – Hila Ofek (Harfe) und Andre Tsirlin (Saxophon) – ein begeisterndes Konzert und wies auf das Buch hin, für das sie die Musik eingespielt hatten.

Shira kann nicht schlafen und ist traurig, weil ihre Großmutter nicht mehr da ist und ihr nicht mehr tröstende Lieder singen und Mut zusprechen kann. Und Shira fühlt sich selbst schwach und hilflos, wenn sie etwa auf dem Schulhof Ungerechtigkeiten erlebt. Die Mutter erzählt nun die Geschichte der jüdischen Oma, die in Frankfurt während der NS-Zeit aufwuchs. Die Erzählung ist dabei so zurückhaltend, dass sie auch für Kinder zumutbar ist und nicht überfordert.

Das trifft auch für die weitere Geschichte zu, die Shira auf geheimnisvolle Weise in heutige Länder führt, in denen das Leben von Kindern schwierig und bedroht ist – u.a. in die Ukraine, nach Russland, nach Syrien oder nach Gaza. Motiviert wird Shira des Nachts von Herrn von und zu Moll, einer sprechenden Maus mit Zylinder und Frack. Sein Wunderkoffer ist voller Musik, die Shira und die anderen Kinder spüren lässt, dass sie Mut fassen können.

Zu den einzelnen Kapiteln gibt es Musiktitel, die über einen QR-Code abrufbar sind – instrumental vom Duo Duor eingespielt. Die Lieder aus unterschiedlichen Kulturen, die Shira den Kindern mitbringt, machen Hoffnung und Mut. So nach und nach reisen die Kinder aus den verschiedenen Ländern zusammen mit Shira und bestärken sich gegenseitig.

Letztlich kehren alle Kinder ermutigt in ihre eigenen Welten zurück. Sie haben erkannt, dass sie dort, wo sie wohnen, für sich und andere einstehen können. Das Buch ist ein bewegender Appell für Frieden und Menschlichkeit über alle Kulturen hinweg.

Empfohlen wird das Buch für Kinder ab 8 Jahren, was mir auch angemessen erscheint. Die Kinder können es alleine lesen – am besten aber mit den Eltern oder anderen Erwachsenen, mit denen sie über das Gelesene sprechen können.

Barbara Bišický-Ehrlich: Shira – eine Tasche voller Hoffnung. Illustriert von Chriostopher Tauber, Societäts-Verlag 2026, 80 Seiten,  ISBN 978-3955425685, Preis: 15,00 Euro.

Übrigens ist über die BÜCHER-HEIMAT auch eine CD vom „Duo Duor“ bestellbar. Sie bietet eine schöne Mischung von Klassik über Klezmer und internationale Folklore bis hin zu George Harrison, dargeboten in der sehr eigenen Fassung der beiden Musiker.

Das Album, 2020 noch unter dem Namen „Duo Jerusalem“ eingespielt, trägt den programmatischen Titel „Rainbow“, den ein kleiner Junge erfunden hat, um die Vielfalt der Musik zu benennen, als das Duo unter Corona-Bedingungen für die Frankfurter Hausgemeinschaft ihre Musik vorführte. So erzählte Andre Tsirlin beim Konzert in Goslar.

Duo Jerusalem: Rainbow, BuschFunk Vertriebs GmbH / Berlin 2021, EAN 4021934700220, Preis: 19,99 Euro.

Sonja Weber über „Eines Menschen Herz“

Sonja Weber über „Eines Menschen Herz“

William Boyd: Eines Menschen Herz

Der Protagonist Logan Mountstuart, den der Autor William Boyd durch die Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts streifen lässt macht diesen Entwicklungs- und Gesellschaftsroman in Tagebuchform so besonders.

Geboren in Uruguay kommt Logan, Sohn eines britischen Wurstfabrikanten und einer Uruguayerin als Kind zurück nach England. Als Leserin und Leser begleiten wir ihn durchs Internat und später durch sein Studium in Oxford. Wir erleben, wie er Vater wird und Autor, sich immer neu verliebt und in den Krieg zieht.

Wir sind an seiner Seite in der Gefangenschaft und in einer sich neu erfindenden Weltordnung. Wir lieben und leiden mit ihm, treffen Politiker, Monarchen und Künstler und lassen nichts Menschliches aus.

William Boyd hat sich schon mit seinen früheren Werken als Autor hervorgetan, der an einigen Stellen durchaus etwas Hemingwaysches im besten Sinne bietet. In „Eines Menschen Herz“ verknüpft er Kolonialismus, politisches Geschehen aber ebenso Kunst, Literatur und die Suche nach Liebe, die Sehnsucht nach Glück und das Auflehnen gegen Konventionen zu einer lebendigen Geschichte.

William Boyd: Eines Menschen Herz, Kampa Verlag, 652 Seiten, ISBN 9783311150657, Preis: 16,00 Euro.


Petra Nietsch über „Das Gemälde“

Petra Nietsch über „Das Gemälde“

Geraldine Brooks: Das Gemälde

Geraldine Brooks: Das Gemälde

Dieser Roman gehört für mich zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Die Geschichte entfaltet so viel Kraft, dass ich wie von einem Magneten mühelos durch die Handlung gezogen wurde. Dabei fiel es mir schwer, das Buch aus der Hand zu legen.

Der deutsche Titel lässt vermuten, dass ein Gemälde im Mittelpunkt steht. In Wirklichkeit geht es aber um das Pferd, das darauf zu sehen ist. Das Gemälde, 1857 von Thomas J. Scott gemalt, dient lediglich dazu, die drei unterschiedlichen Zeitebenen, in denen der Roman spielt, miteinander zu verknüpfen.

Bei dem Pferd handelt es sich um Lexington, das erfolgreichste amerikanische Rennpferd, das es jemals gegeben hat, und das zudem als Deckhengst nahezu 600 Fohlen zeugte, von denen 236 als Sieger ins Ziel kamen.

Der Roman basiert somit auf einer wahren Geschichte. Die überwiegende Zahl der Charaktere sind reale Personen, lediglich die Protagonisten sind fiktional.

Die Handlung habe ich als äußerst komplex empfunden, auch weil Geraldine Brooks eine Vielzahl von Themen darin verwoben hat. Es empfiehlt sich, sich für die ersten Kapitel etwas Muße zu gönnen, um die Vielschichtigkeit des Romans leichter erfassen zu können.

In ihrem Nachwort sagt die Autorin: „As I began to research Lexington’s life, it became clear to me that this novel could not merely be about a racehorse, it would also need to be about race.” („Als ich begann, über Lexingtons Leben zu recherchieren, wurde mir klar, dass dieser Roman nicht bloß von einem Rennpferd handeln konnte – er musste auch von Rasse handeln.“)

Die historische Dimension des Romans gibt Einblick in die Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg als der Rennsport in der reichen Gesellschaft der Weißen eine bedeutende Rolle spielte. Die Arbeit als Trainer, Jockey und Pferdepfleger wurde allerdings fast ausschließlich von Sklaven erledigt. Rassismus ist einer der zentralen Themen dieses Buches und spielt in allen drei Zeitebenen eine Rolle.

Jarret, einer der Hauptfiguren im Roman, ist bei der Geburt dieses außergewöhnlichen Pferdes dabei und begleitet es bis zu dessen Tod. Wenn Lexington an einen neuen Besitzer verkauft wird, wird Jarret mit ihm verkauft.

Parallel zu diesem Erzählstrang spielt sich ein weiterer in 2019 in Washington DC ab. Hier treffen Jess, eine junge australische Wissenschaftlerin und Theo, ein nigerianisch-amerikanischer Kunsthistoriker aufeinander. Während Jess zufällig auf dem Dachboden des Naturhistorischen Museums das verstaubte Skelett von Lexington findet, entdeckt Theo im Sperrmüll der Nachbarin das Gemälde von Thomas J. Scott. Gemeinsam versuchen sie mehr über das Rennpferd und das Gemälde herauszufinden.

Die historischen Aspekte der einzelnen Erzählstränge sind von Geraldine Brooks gründlich recherchiert und mit großem Können zusammengefügt worden und verdeutlichen, wie Vergangenheit und Vermächtnis die moderne Welt formen. Jede handelnde Person hat einen individuellen Sprachstil, der sich nahtlos und überzeugend in die jeweilige Zeit einfügt.

„Das Gemälde“ von Pulitzer-Preis-Gewinnerin Geraldine Brooks hat es verdient, verfilmt zu werden. In meinem Kopf sind bereits beim Lesen vielfältige Bilder entstanden.

Geraldine Brooks: „Das Gemälde“, btb Taschenbuch, 569 Seiten, ISBN 9783442775293, Preis: 15,00 Euro.


Markus Weber über „Hallelujah & Schalom“

Markus Weber über „Hallelujah & Schalom“

Holger Jendrich/Lutz Debus: Hallelujah & Schalom

Es war ein wunderbarer Abend in der BÜCHER-HEIMAT am 8. Oktober 2026, der die zahlreichen Besucher begeistert hat. Der Autor Holger Jendrich und der Musiker Lutz Debus boten eine schöne Mischung aus wohl formulierten Informationen zum Leben von Leonard Cohen und seiner Musik, die auch live gespielt wurde.

Holger Jendrich und Lutz Debus bei ihrem Auftritt in der BÜCHER-HEIMAT.

Dabei waren nicht nur Cohens „Signature Songs“, die jede*r kennt – wie etwa „Suzanne“ und mit dem Künstler und seiner unverwechselbaren Stimme verbindet. Es wurden auch unbekanntere Titel vorgestellt.

Diejenigen, die nicht dabei waren, haben die Möglichkeit, all die Geschichten, die am Abend erzählt wurden und noch mehr, nachzulesen und so im Nachhinein teilzuhaben. Über QR-Codes gibt es einen einfachen Zugang zu den Songs und sie nebenbei zu hören.

Obwohl ich schon seit meiner Jugend immer wieder die Stücke von Leonard Cohen gehört und gelegentlich auch am Lagerfeuer mit Freunden gesungen habe, habe ich viel Neues über den Poeten und Musiker Cohen erfahren – über seine Beziehung zu Judentum, Christentum und Buddhismus, seine zahlreichen Liebschaften, aber auch die politischen Botschaften.

Nicht nur beim Auftritt in der Bücher-Heimat, auch im Buch erfährt man einiges über die langjährige persönliche Beziehung der Autoren zu Leonard Cohen. Beeindruckt hat mich auch, wie Lutz Debus seine Familiengeschichte einfließen lässt und in Verbindung zur Musik von Cohen bringt. Zurückhaltend und dennoch eindringlich.

Man spürt bei beiden Autoren die intensive Beschäftigung mit Werk und Leben Cohens, die ihnen zurecht viele Auftritte an unterschiedlichen Orten – von Synagogen bis in unsere BÜCHER-HEIMAT – eingebracht hat. Der Funke sprang am Abend gleich über, etwas davon wird auch den Leser*innen des Buches spürbar sein.

Holger Jendrich/Lutz Debus: Hallelujah & Schalom. Eine Verneigung vor Leonard Cohen, Ventura Verlag 3. Aufl. 2026, 80 Seiten, ISBN 9783912497014, Preis: 10,00 Euro.

Sonja Weber über „Wilbur und Charlotte”

Sonja Weber über „Wilbur und Charlotte”

Elwyn Brooks White: Wilbur und Charlotte

Einer meiner liebsten Kinderbuch-Klassiker ist „Wilbur und Charlotte” von Elwyn Brooks White. Der Autor war 1945 mit „Stuart Little” bekannt geworden und 1952 erschien „Charlotte`s Web”. Im Deutschen schaut man auf das Buch und denkt: „Ah, es geht um ein Mädchen und das Schwein Wilbur.”  Der englische Originaltitel suggeriert gleich, um wen es sich bei Charlotte handelt.

Die ganze Geschichte beginnt eines Morgens im Frühjahr auf der Farm der Zuckermans. Die kleine Fern sitzt beim Frühstück, als ihr Vater mit einer Axt das Haus verlässt. In der Nacht war ein Mickerling geboren worden, ein kleines Ferkel ohne große Überlebenschance.

Fern rettet das Kerlchen, nennt es Wilbur und päppelt es auf, bis aus ihm ein recht propperes Schweinchen geworden ist, das auf dem Hof so einige Freunde gefunden hat. Ein Lamm, einen Ganter und vor allem die kluge Spinne Charlotte. Diese trägt dann auch wesentlich zu seiner Rettung bei, denn gerettet werden muss Wilbur erneut, wenn man bedenkt, was aus propperen Schweinen auf einer Farm wird.

Aber Dank Charlottes Klugheit und Webkünsten wird aus einem ganz normalen Borstentier ein Pracht-Schwein. Das erstaunt dann sowohl die Zuckermans wie auch den Rest des Dorfes und weil ja Geheimnisse bekanntlich schwer zu hüten sind, weiß schon bald der ganze Bezirk, dass auf der Zuckerman-Farm ein Wunderschwein lebt.

Der Sommer wird damit für alle Beteiligten recht aufregend und vor allem Wilbur hat auf einmal viel um die Schweineohren. Der Sommer vergeht wie im Fluge und als der Herbst langsam in einen frühen Winter übergeht, muss Charlotte ihrem guten Freund eine traurige und schöne Mitteilung gleichzeitig machen.

Elwyn Brooks White: „Wilbur und Charlotte”, Diogenes Verlag, 224 Seiten, ISBN 9783257235241, Preis: 12,00 Euro.


Petra Nietsch über „Die Frauen von Paris“

Petra Nietsch über „Die Frauen von Paris“

Pam Jenoff: Die Frauen von Paris

Dieser Roman basiert auf historischen Tatsachen und beschreibt ein den meisten Leserinnen und Lesern vermutlich unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Ähnlich wie in den Romanen von Kate Quinn (die leider vom deutschsprachigen Buchmarkt fast vollständig verschwunden sind), erzählt Pam Jenoff von den mutigen Frauen, die oftmals im Verborgenen geholfen haben, den Krieg zu gewinnen.

Die Handlung beginnt 1946 in Manhattan, als Grace, eine junge amerikanische Kriegswitwe, einen verlassenen Koffer in der Grand Central Station entdeckt. Als sie ihn öffnet, findet sie u.a. einen Briefumschlag, in dem sich die Fotografien von zwölf Frauen befinden.

Aus auch für sie unerklärlichen Gründen begibt sie sich auf die scheinbar aussichtslose Suche nach den Hintergründen. Bald findet sie heraus, dass es sich um junge Britinnen handelt, die im Zweiten Weltkrieg rekrutiert und nach Frankreich eingeschleust wurden, um das britische Spionagenetzwerk zu unterstützen.

Die Geschichte wird aus drei sich abwechselnden Perspektiven erzählt. Neben Grace ist da noch Marie, eine der Frauen auf den Fotografien, die als alleinerziehende Mutter mit finanziellen Sorgen das gefährliche Angebot des britischen Nachrichtendienstes angenommen hat, und Eleanor Trigg, die davon überzeugt war, dass weibliche Spione im besetzten Frankreich schwerer zu entlarven seien als Männer. Sie hatte nicht nur die Idee für diese Spezialoperation, sondern war auch für die Rekrutierung und Ausbildung dieser jungen Frauen verantwortlich. Ihr gehört der Koffer.

So entwickelt sich eine spannende und bewegende Geschichte über Mut, Verrat und politischem Kalkül.

Pam Jenoff: „Die Frauen von Paris“, Aufbau Taschenbuch Verlag, 435 Seiten, ISBN 9783746636283, Preis: 12,99 Euro.


Sonja Weber über „Reclams Literatur-Quiz“

Sonja Weber über „Reclams Literatur-Quiz“

Andrea Hahn: Reclams Literatur-Quiz – Ergänze das Zitat

Zum Geburtstag habe ich von einer lieben Kollegin das „Reclams Literatur-Quiz – Ergänze das Zitat“ bestehend aus fünfzig Rätselkärtchen bekommen und nehme mir jetzt immer zum Frühstück eines vor. Dann hat mein Gehirn sich schon mal einem klassischen Werk gewidmet und ist wach.

Gestern war es „… Ereignisse werfen ihre Schatten voraus“. Das Kärtchen lässt einem die Wahl zwischen a: große b: künftige und c: dunkle. Und, wissen Sie es sofort? Ich lag zunächst falsch.

Falsch lag ich heute damit, wie lange einen so ein Zitaterätsel umtreiben kann. Da gibt es diesen bekannten Ausspruch „Nichts ist dauernd als …. (a: der Wechsel b: das Leben c: die Welt?), nichts beständig als der Tod.“ Alle, die sich in letzter Zeit mit Heinrich Heine beschäftigt haben denken vielleicht gleich an diesen und seine Harzreise. Aber nö, Heinrich war`s nicht. Der hat`s nur verwendet.

Ursprünglich gesagt hat es wer anders. Wer? Schauen Sie mal nach. Dazu sei allerdings so viel verraten, dieses einleitende Zitat der Harzreise, das Heine sich ausgeborgt und dabei ganz brav den Urheber erwähnt hat, wurde mal abgedruckt und mal nicht. Warum? Sie werden darauf kommen (recherchieren Sie in der Stadtbücherei).

Ach, und wissen Sie, wer wann das Gedicht „Lore Lay“ erschaffen hat und in welchem Gesamtwerk es zu finden ist? Und woher kam denn eigentlich diese sagenhafte Frauengestalt? Aus Rüdesheim, aus Bacharach oder aus Ingelheim?

Das ganze Spiel ist handlich, nur ein wenig größer als ein normales Skatblatt, also auch prima zum Mittnehmen auf Reisen. Damit man nicht versehentlich zuerst die Lösungsseite anschaut, sind die beiden Kartenseiten farblich unterschiedlich gestaltet. In jeder Lösung stecken an sich schon viele Informationen, aber so wie es mir mit dem Nicht-Heinrich-Heine-Zitat ging, finden Sie bestimmt auch Rätsel, Autorinnen, Autoren oder Werke, die es tiefer zu erkunden gilt.

Andrea Hahn: „Reclams Literatur-Quiz – Ergänze das Zitat“, Reclam Verlag, 108 Seiten (Karten), ISBN 4262461870041, Preis: 14,00 Euro.


Markus Weber über „Sanditz“

Markus Weber über „Sanditz“

Lukas Rietzschel: Sanditz

Der Roman beginnt mit einer skurrilen Szene in der fiktiven ostdeutschen Stadt Sanditz, die der Ort der meisten Geschichten des Buches ist. Vom Himmel fallen nachts große Vögel, die sich nach und nach in Männer verwandeln. Sie kommen weit aus der Vergangenheit, um ein Denkmal zu stürzen, das das Wiedererwachen des alten Deutschlands symbolisiert.

Dann aber sind wir mitten in der Realität von Sanditz im Jahr 2021. Die Kapitel des Buches erzählen das Leben sehr unterschiedlicher Menschen und deren Schicksale. Dabei gibt es einen Erzählstrang, der ausgehend vom Jahr 1978 in der DDR beginnt, aber bis ins Jahr 1997 führt.

Ein zweiter Erzählstrang schildert Ereignisse in den Jahren 2021/22. Beide sind einander verschachtelt. In den einzelnen Kapiteln begegnen die Leser sehr vielen Menschen und ihrem Leben, z.B. Bürgerrechtlern der DDR und Offizieren der Stasi, Menschen im kirchlichen Milieu, einer Pastorin, einem Orgelbauer, einem homosexuellen Liebespaar, Kindern, einem Bausoldaten, Arbeitern und einem Banker.

Im Zentrum steht die Familie Wenzel, an der gezeigt sind, wie die Lebenswege aus der DDR in die Nachwendezeit bis in die Gegenwart führen. In vielen der Geschichten wird nicht nur der Alltag lebendig erzählt, sondern auch gezeigt, wie die Politik in diesen Alltag hineinwirkt – und zu Verwerfungen führt.

So werden auch die Brüche der Nachwendezeit anhand der Lebensgeschichten deutlich, etwa wenn ein „Westler“ nun Bankdirektor Sanditz wird, ein „Ostler“ seinen Unterhalt im Westen verdienen muss, Familien sich in der Coronakrise zerstreiten oder der Krieg in der Ukraine neue Konflikte hervorruft.

Von der Kritik wird der Roman vielfach gelobt. Ich stimme dem zu – es ist ein großes Buch über die letzten Jahre der DDR und über die Schwierigkeiten in den Umbrüchen. Aber das Buch macht es dem Leser – zumindest ging es mir so – nicht immer leicht, den verschiedenen Erzählsträngen und den einzelnen Personen zu folgen, zumal es auch in den einzelnen Kapiteln Rückblicke gibt.

Eine kleine Hilfe gibt es in den Innenseiten des Einbands mit Zeichnungen zu den Orten in Sanditz und den persönlichen Beziehungen der Protagonisten. Auf jeden Fall bietet der Roman interessante Perspektiven auf die neuere deutsche Geschichte.

Lukas Rietzschel: „Sanditz“, dtv Verlagsgesellschaft 2026, 480 Seiten, ISBN 978-3423285162, Preis: 26,00 Euro.

Heike Zumbruch über „Die Stunde der Mauersegler“

Heike Zumbruch über „Die Stunde der Mauersegler“

Margarethe Adler: Die Stunde der Mauersegler

Egal, wohin man geht, man nimmt sich und seine Geschichte immer und überall hin mit! Das ist ein Fazit dieses Romans, ein anderes: Reden hilft!

Margarethe Adler erzählt die Geschichte einer Familie mit dem Fokus auf vier Frauen aus vier Generationen. Da ist Elisabeth, 1932 geboren, nach dem Krieg begeisterte Anhängerin der sozialistischen Idee. Sie arbeitet mit großem Enthusiasmus am Aufbau der DDR. Ihre Tochter Isa allerdings stellt einen Ausreiseantrag für sich und ihre Familie. Als sie 1988 aus der DDR ausreisen, müssen sie ihren Sohn zurücklassen. Anke, Isas Tochter, ist bei der Ausreise 14 Jahre alt und fügt sich. Ankes Tochter Lou wächst als „Nachwendekind“ in Berlin auf.

Als eines Tages Henning mit seiner Frau auf einer Familienfeier erscheint und Elisabeth mit Vorwürfen überhäuft, setzt er Dinge in Gang, die die ganze Familie erschüttern. Lou, inzwischen eine erwachsene Frau, die von Hennings Existenz nichts wusste, stellt plötzlich Fragen, auf die sie keine Antworten bekommt.

Da geht sie einen ungewöhnlichen Schritt und fühlt sich selbst als „Arschloch“, aber den einmal eingeschlagenen Weg kann und will sie nicht mehr verlassen. Als sie ihre Familie mit ihren Erkenntnissen konfrontiert, kommt es zum Eklat.

Das Ende wird natürlich hier nicht verraten, nur so viel, die Frauen der Familie streiten furchtbar und suchen doch nach einem Weg wieder aufeinander zu. Es ist kein Wir-haben-uns-alle-lieb-Ende, aber wie gesagt: „Reden hilft!“

Dieses Buch ist einfühlsam geschrieben, liest sich gut, ist informativ und lehrreich. Ein Stück Geschichtsunterricht, dem ich mit Interesse gefolgt bin – auch wenn mich immer wieder die Erkenntnis erschreckt hat, was Menschen Menschen antun, wenn sie die Macht dazu haben….

Margarethe Adler ist Autorin und Rechercheurin für Film und Fernsehen, im Fokus ihres Schaffens stehen selbstbewusste Frauen. Für diesen Roman hat sie viele Zeitzeug*innen interviewt, um einen Einblick in den DDR-Alltag vor und nach der Wende zu bekommen und zu erfahren, wie Diktatur in die Familien hinein- und wie sie nachwirkt.

„Vielleicht kann der Roman ein winziger Beitrag werden …, warum Demokratie die einzig sinnvolle Gesellschaftsform ist und bleibt.“ (Zitat aus der Danksagung der Autorin.)

Margarethe Adler: „Die Stunde der Mauersegler“, Bertelsmann, 349 Seiten, ISBN 9783570105528, Preis: 22,00 Euro.


Johannes Jakob über „Das Narrenschiff“

Johannes Jakob über „Das Narrenschiff“

Christoph Hein: Das Narrenschiff

Christoph Hein: Das Narrenschiff

Was hoffnungsvoll begonnen wurde, endete in einem Desaster. Christoph Hein hat die Geschichte der DDR selbst erlebt. Er hat die Schwächen des Systems gesehen, am 4. November 1989 hat er bei der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz eine Rede gehalten. Über 40 Jahre zeichnet er die Geschichte nach.

Es war wichtiger, sich mit dem System zu arrangieren als Leistung zu bringen. Seine Protagonisten lernen schnell, worauf es ankommt, wenn man in der DDR Erfolg haben will. Kompetenz war weniger gefragt. „Die Partei hat immer recht…“, nach dem Motto lebten ein Ökonom, ein Wissenschaftler für Metalltechnik und deren Ehefrauen und ein international angesehener Professor, der keine Stelle an der Uni bekam, weil er während der Nazizeit in England und nicht in der UDSSR war. Er wurde schließlich für Kinderfilme zuständig.

So haben viele absurde Entscheidungen erst zum Selbstzweifel, zur Verlogenheit und schließlich zum Zusammenbruch geführt. Das Narrenschiff ist gesunken. Eine spannende Geschichte durch 40 Jahre DDR, vor allem für Menschen, die die DDR selbst nicht mehr erlebt haben.

Christoph Hein: Das Narrenschiff, Suhrkamp Verlag, 750 Seiten, ISBN 9783518475355, Preis: 16,00 Euro.

Eine Rezension zum „Narrenschiff“ hat auch Markus Weber vorgelegt.