Markus Weber über „Hallelujah & Schalom“

Markus Weber über „Hallelujah & Schalom“

Holger Jendrich/Lutz Debus: Hallelujah & Schalom

Es war ein wunderbarer Abend in der BÜCHER-HEIMAT am 8. Oktober 2026, der die zahlreichen Besucher begeistert hat. Der Autor Holger Jendrich und der Musiker Lutz Debus boten eine schöne Mischung aus wohl formulierten Informationen zum Leben von Leonard Cohen und seiner Musik, die auch live gespielt wurde.

Holger Jendrich und Lutz Debus bei ihrem Auftritt in der BÜCHER-HEIMAT.

Dabei waren nicht nur Cohens „Signature Songs“, die jede*r kennt – wie etwa „Suzanne“ und mit dem Künstler und seiner unverwechselbaren Stimme verbindet. Es wurden auch unbekanntere Titel vorgestellt.

Diejenigen, die nicht dabei waren, haben die Möglichkeit, all die Geschichten, die am Abend erzählt wurden und noch mehr, nachzulesen und so im Nachhinein teilzuhaben. Über QR-Codes gibt es einen einfachen Zugang zu den Songs und sie nebenbei zu hören.

Obwohl ich schon seit meiner Jugend immer wieder die Stücke von Leonard Cohen gehört und gelegentlich auch am Lagerfeuer mit Freunden gesungen habe, habe ich viel Neues über den Poeten und Musiker Cohen erfahren – über seine Beziehung zu Judentum, Christentum und Buddhismus, seine zahlreichen Liebschaften, aber auch die politischen Botschaften.

Nicht nur beim Auftritt in der Bücher-Heimat, auch im Buch erfährt man einiges über die langjährige persönliche Beziehung der Autoren zu Leonard Cohen. Beeindruckt hat mich auch, wie Lutz Debus seine Familiengeschichte einfließen lässt und in Verbindung zur Musik von Cohen bringt. Zurückhaltend und dennoch eindringlich.

Man spürt bei beiden Autoren die intensive Beschäftigung mit Werk und Leben Cohens, die ihnen zurecht viele Auftritte an unterschiedlichen Orten – von Synagogen bis in unsere BÜCHER-HEIMAT – eingebracht hat. Der Funke sprang am Abend gleich über, etwas davon wird auch den Leser*innen des Buches spürbar sein.

Holger Jendrich/Lutz Debus: Hallelujah & Schalom. Eine Verneigung vor Leonard Cohen, Ventura Verlag 3. Aufl. 2026, 80 Seiten, ISBN 9783912497014, Preis: 10,00 Euro.

Markus Weber über „Sanditz“

Markus Weber über „Sanditz“

Lukas Rietzschel: Sanditz

Der Roman beginnt mit einer skurrilen Szene in der fiktiven ostdeutschen Stadt Sanditz, die der Ort der meisten Geschichten des Buches ist. Vom Himmel fallen nachts große Vögel, die sich nach und nach in Männer verwandeln. Sie kommen weit aus der Vergangenheit, um ein Denkmal zu stürzen, das das Wiedererwachen des alten Deutschlands symbolisiert.

Dann aber sind wir mitten in der Realität von Sanditz im Jahr 2021. Die Kapitel des Buches erzählen das Leben sehr unterschiedlicher Menschen und deren Schicksale. Dabei gibt es einen Erzählstrang, der ausgehend vom Jahr 1978 in der DDR beginnt, aber bis ins Jahr 1997 führt.

Ein zweiter Erzählstrang schildert Ereignisse in den Jahren 2021/22. Beide sind einander verschachtelt. In den einzelnen Kapiteln begegnen die Leser sehr vielen Menschen und ihrem Leben, z.B. Bürgerrechtlern der DDR und Offizieren der Stasi, Menschen im kirchlichen Milieu, einer Pastorin, einem Orgelbauer, einem homosexuellen Liebespaar, Kindern, einem Bausoldaten, Arbeitern und einem Banker.

Im Zentrum steht die Familie Wenzel, an der gezeigt sind, wie die Lebenswege aus der DDR in die Nachwendezeit bis in die Gegenwart führen. In vielen der Geschichten wird nicht nur der Alltag lebendig erzählt, sondern auch gezeigt, wie die Politik in diesen Alltag hineinwirkt – und zu Verwerfungen führt.

So werden auch die Brüche der Nachwendezeit anhand der Lebensgeschichten deutlich, etwa wenn ein „Westler“ nun Bankdirektor Sanditz wird, ein „Ostler“ seinen Unterhalt im Westen verdienen muss, Familien sich in der Coronakrise zerstreiten oder der Krieg in der Ukraine neue Konflikte hervorruft.

Von der Kritik wird der Roman vielfach gelobt. Ich stimme dem zu – es ist ein großes Buch über die letzten Jahre der DDR und über die Schwierigkeiten in den Umbrüchen. Aber das Buch macht es dem Leser – zumindest ging es mir so – nicht immer leicht, den verschiedenen Erzählsträngen und den einzelnen Personen zu folgen, zumal es auch in den einzelnen Kapiteln Rückblicke gibt.

Eine kleine Hilfe gibt es in den Innenseiten des Einbands mit Zeichnungen zu den Orten in Sanditz und den persönlichen Beziehungen der Protagonisten. Auf jeden Fall bietet der Roman interessante Perspektiven auf die neuere deutsche Geschichte.

Lukas Rietzschel: „Sanditz“, dtv Verlagsgesellschaft 2026, 480 Seiten, ISBN 978-3423285162, Preis: 26,00 Euro.

Markus Weber über „Anton will bleiben“

Markus Weber über „Anton will bleiben“

Nelio Biedermann: Anton will bleiben

Wer möchte nicht, dass auch nach dem Tod etwas bleibt? Dass man nicht spurlos aus der Welt verschwindet?

Anton, der seit Jahren verwitwet ist, alleine lebt und nur mit wenigen Menschen Kontakt hat, erfährt von seinem Arzt, dass er nur noch eine kurze Lebensfrist hat. So macht er sich daran, in der verbleibenden Zeit etwas zu schaffen, das nicht vergehen kann. Er versucht, ein Buch zu schreiben, zu fotografieren und zu malen. Doch alles scheint ihm vergeblich.

Bei alldem begleitet ihn sein alter Freund Emil, der auch seine Geschichte aufzeichnet. An sein Küchenfenster kommen täglich eine Möwe und eine Taube, für die er sich verantwortlich fühlt. Und ganz unerwartet lernt er die junge Schauspielerin Katharina von gegenüber kennen, die ihn herausfordert; die beiden freunden sich an.

Katharinas Freund Konstantin formuliert schließlich, worum es im Leben geht, nämlich „nicht darum, seine Fähigkeiten zu nutzen, um in der Erinnerung Fremder zu bleiben. Es geht darum, sein Talent zu nutzen, um die eigene Welt zu einem klein wenig erträglicheren Ort zu machen.“

Und ist es nicht bedeutend, dass Anton sich als junger Mann dem Krieg verweigert hat, weil er nicht töten wollte? Und dass er viele Jahre mit seiner Frau glücklich zusammenleben konnte? Man muss also keine große Literatur oder Kunstwerke schaffen, um als Mensch Bedeutung zu haben.

Nelio Biedermann erzählt Antons Geschichte poetisch, mit philosophischem Gespür und feinem Humor. Ein ermutigender Roman!

Nelio Biedermann: Anton will bleiben. Roman, Rowohlt Taschenbuch 2. Aufl. 2026, ISBN 978-3499017223, 224 Seiten, 14,00 Euro

Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie

Der Fernsehjournalist Arnd Henze hat mit diesem Buch ein im besten Sinne aufklärerisches Werk über die aktuelle Situation in den USA und die Rolle der religiösen Rechten vorgelegt. Dass das Thema nicht nur die USA angeht, sondern auch Europa und die ganze Welt lässt sich täglich an den Nachrichten ablesen.

Die Analyse des Denkens der unterschiedlichen Protagonisten des „Sadopopulismus“ (T. Snyder) von Pete Hegseth über Charlie Kirk bis zu J. D. Vance und deren Bedeutung für die Regierung von Präsident Donald Trump und dessen Erfolge wird anschaulich und gut lesbar beschrieben. Dabei wird die jüngste Entwicklung in das grundlegende Verhältnis von Religion und Politik in den USA eingeordnet. Und auch ein Vergleich – keine Gleichsetzung, sondern eine differenzierte Betrachtung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden – mit den Deutschen Christen im Nationalsozialismus hilft zum Verständnis.

In seinem Religionsverständnis orientiert Henze sich an Dietrich Bonhoeffer und seinem Diktum, in Notsituationen müsse die Kirche nicht nur den Bedrängten helfen, sondern auch dem „Rad in die Speichen fallen“, also dem Unrechtssystem widerstehen. Für die Situation in den USA zeigt Henze, wie wichtig gerade die Rolle der liberalen Kirchen etwa im Blick auf die Menschen ist, die von der Trumpschen Politik bedroht sind – aber auch wie heikel und schwierig. Er macht aber deutlich, dass deren Handeln zu den Hoffnungszeichen gehört.

Nebenbei: Persönlich fand ich es bei aller Zustimmung zu Henzes Standpunkt schade, dass er aus der in Anlehnung an Bonhoeffer geforderten strikten Trennung von Religion und Staat die Position des Soziologen Hartmut Rosa rundweg ablehnt. Ich hätte gerade die Debatte mit dessen These, dass die Demokratie Religion braucht und von ihr lernen könnte, spannend gefunden.

Basierend auf den eingehenden Analysen entwickelt Henze sowohl ein „Worst Case“ als auch ein „Best Case-Szenario“. Das nimmt einerseits die Gefahren für die US-amerikanische Demokratie und die Weltlage ernst, macht aber ebenso Hoffnung, dass noch nicht entschieden ist, wie die Entwicklung nach Trump weitergehen wird.

Es kommt auf die Menschen an – nicht nur in verantwortlichen Positionen, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger. Schon zu Beginn des Buches führt Henze in diesem Sinne ein älteres Zitat eines US-Bürgerrechtsaktivisten an: „Du findest die großartigsten Menschen genau dort, wo sich diese Gesellschaft von ihrer dunkelsten Seite zeigt.“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloher Verlagshaus 2026, ISBN 978-3579062020, 228 Seiten, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Mein Abschied“

Markus Weber über „Mein Abschied“

Christine Mann: Mein Abschied

Christine Mann, die Tochter von Werner Heisenberg und Ehefrau von Frido Mann, schreibt in dem Büchlein über ihre schwere Herzerkrankung, die Operation am offenen Herzen, den mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und die anschließende Zeit in einer Reha-Klinik. Es sind die Aufzeichnungen einer Frau, die trotz aller Schwäche und Krisen selbstbestimmt bleiben will. Die schweren Erkrankungen führten schließlich 2024 zu ihrem Tod.

Teilweise sehr nüchtern beschreibt Christine Mann die Erfahrungen und Krisen im Krankenhaus während der Corona-Zeit; es geht um mangelnde Betreuung durch Pflegepersonal und Ärzte, aber ebenso berichtet sie über liebevolle und professionelle Zuwendung auf anderen Stationen. Immer – und dann sehr emotional – ist präsent, dass es um Leben und Tod geht. Und Christine Mann erlebt Panik und Gottverlassenheit, die in kurzen, aber eindrücklichen Sequenzen zum Thema werden. Im Hintergrund steht immer auch die Frage, ob es angesichts der Schmerzen und des nahen Todes Hoffnung geben kann.

In der gesamten Zeit in Krankenhaus und Reha begleitet ihr Ehemann Frido sie liebevoll. Während Christines Bericht mit der Reha-Maßnahme endet, schreibt Frido auch über die anschließende Zeit bis zu ihrem Tod. Dabei stellt er seinem Nachwort ein Zitat seines Schwiegervaters Werner Heisenberg voran: „Man kann mit der Seele eines anderen Menschen mitschwingen wie mit der zentralen Ordnung.“

Mein Eindruck: Dieses Mitschwingen löst er in Handeln und Schreiben ein. Letzte Gespräche haben etwas von einer „Todesmeditation“. Trotz allem Zweifel und Erleben von Gottesferne bleibt dennoch ein Gottvertrauen.

Christine Mann: Mein Abschied. Mit einem Nachwort von Frido Mann und Zeichnungen von Fee Blumenthaler, Rubicon 2025, ISBN  978-3981957839, 128 Seiten, 18,00 Euro.

Markus Weber über „Auf den Straßen Teherans“

Markus Weber über „Auf den Straßen Teherans“

Nila: Auf den Straßen Teherans

Der gegenwärtige Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die öffentliche Aufmerksamkeit nun noch einmal in besonderer Weise auf das Land gelenkt. Anfang Januar 2026 hatte die Ermordung von Zehntausenden Demonstranten die Brutalität des Mullah-Regimes in Teheran gezeigt. Unabhängig davon, wie man den Krieg und die Frage bewertet, ob er die demokratische Opposition im Lande stärkt oder ihr schadet, hilft das Büchlein, die Hintergründe des Aufbegehrens der Frauen zu verstehen.

Nila, Pseudonym einer mutigen iranischen Frau, gibt Zeugnis davon, unter welchen Verhältnissen besonders die Frauen im Iran leiden und was sie bewegt, dagegen unter erheblichen persönlichen Risiken auf die Straßen zu gehen. Das Buch war schon 2023 auf Französisch und Englisch veröffentlicht worden, Anfang 2026 ist es nun – endlich! – auch auf Deutsch erhältlich. Es wird sehr eindrücklich und glaubwürdig geschildert, wie die Unterdrückung ausgeübt wird. So müssen die Familien der Opfer in manchen Fällen die Kugeln bezahlen, mit denen ihre Töchter von den Milizen erschossen wurden, um die Leichen bestatten zu können – ein unglaublicher Zynismus. Und eine Herausforderung für solidarisches Handeln andererseits.

Eingeflochten in die Darstellung der heutigen Situation sind Geschichten über die religiös begründete patriarchale Gewaltherrschaft, die nicht erst 1979 mit der sogenannten islamischen Revolution begann. Und es gibt alte Geschichten der Gegenwehr von Frauen, auf die sich die heutige Opposition bezieht. So kann das Verständnis für die Entwicklungen vertieft werden.

Und im Buch finde ich Sätze, die mich länger beschäftigen, die hängen bleiben: „Ohne Ziel vor Augen steige ich in die U-Bahn. Ich schwebe durch die Stadt wie in einem Traum, dessen Träumerin gestorben ist. Zwischen den Stationen starren die Menschen nur auf ihr eigenes Spiegelbild im Fenster des Waggons. Kein Wort wird gewechselt. Vollkommene Stille. Wie die Reaktion Gottes auf ihr Leid.“

Das Vorwort der Journalistin Natalie Amiri erinnert daran, wie wichtig es ist, sich für die Freiheit zu engagieren – auch bei uns. Erläuterungen zu einzelnen Personen und Ereignissen und eine Zeittafel zu den Jahren 2022/23 ergänzen den Text.

Nila: Auf den Straßen Teherans. Ein eindringliches Zeugnis der Revolution mit einem Vorwort von Natalie Amiri. Pfaueninsel 2026, ISBN 978-3691310085, 144 Seiten, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

Simone de Beauvoir, eine der berühmtesten Frauenrechtlerinnen Europas, hat mit diesem Roman ein sehr persönliches – autofiktionales – Buch geschrieben. Für ihren langjährigen Lebensgefährten Jean-Paul Sartre war es zu persönlich. Deshalb war es zu ihren Lebzeiten nicht erschienen. Erst Simone de Beauvoirs Adoptivtochter, Sylvie Le Bon de Beauvoir, sorgte dafür, dass das Buch lange nach ihrem Tod 1986 erscheinen konnte. Eine gute Entscheidung, wie ich finde.

Simone de Beauvoir erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen zwei Freundinnen, die sich als 10-jährige am katholischen Mädcheninstitut kennenlernen. Es ist eine für mich fremde Welt, in der sich die Kinder Siezen müssen, wie es sich für das Bildungs- und Besitzbürgertum der damaligen französischen Gesellschaft so gehörte. Und trotz der herzlichen und langjährigen Freundschaft der beiden, die mit dem tragischen Tod der 22-jährigen Freundin Zaza (im Roman: Andrée) endet, bleibt das bis zum Schluss so. Für Simone (im Roman: Sylvie) ist es mehr als eine Mädchenfreundschaft.

Die Welt, in der die beiden Mädchen aufwachsen, ist geprägt von einem rigorosen Katholizismus, der Schuldgefühle einimpft, wann immer Regeln übertreten werden – und sei es in Gedanken. Und die Mädchen werden trotz ihrer hohen Bildung in Rollen gedrängt, was bei Sylvie früh eine Wut gegen die strengen Regeln und die Enge auslöst. Eine Wut, die Sylvies Tante sagen lässt, sie sei „vom Teufel besessen“. Und im Unterschied zu Andrée kommt Sylvie zu dem Schluss, einen solchen Gott, der sich gegen die Menschen stellt, könne und dürfe es nicht geben. Sylvie durchbricht die Erwartungen, während Andrée gegen ihre inneren Widerstände ankämpft und sich unterwirft, woran sie letztlich zerbricht.

Die Widmung des Romans an Zaza zeigt etwas, das den Roman durchzieht: Ein Verantwortungsgefühl für Zaza und ein Schuldgefühl, weil diese so früh sterben musste: „Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot ist oder weil ich lebe?“ Trotz dieser Schwere ist es ein schöner Roman über eine Freundschaft.

Sylvie Le Bon de Beauvoir hat dem Roman ein Vorwort vorangestellt. Und im Anhang geben bisher unveröffentlichte Bilder und Briefauszüge Einblicke in die Freundschaft von Simone und Zaza.

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen. Roman, Rowohlt Taschenbuch 2023, ISBN 978-3499005497, 144 Seiten, 14,00 Euro.

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit

Drei Generationen in einem Tal der Abruzzen sind mit einer Gewalttat verwoben, die 30 Jahre zurückliegt, auch die Nachgeborenen tragen daran. Niemand geht offen damit um. Dennoch, oder gerade deshalb, lastet die Gewalt auf allen in unterschiedlicher Weise: auf der jungen Studentin Amanda, auf ihrer Mutter und dem Großvater sowie den anderen Bewohnern des Tals.

Erst nach und nach stellt sich heraus, was geschehen ist und welche Rolle die Beteiligten spielen. Obwohl es untergründig immer um die erlittene Gewalt geht, wird diese nicht sensationsheischend dargestellt. So verschlossen wie die Menschen, aber auch sensibel und intensiv, habe ich die Sprache erlebt. Es geht langsam voran. In die Auseinandersetzungen mischen sich aktuelle Pläne eines Investors zum Grundstück der Familie am Dentro del Lupo, dem „Wolfszahn“. Die Interessen der Generationen treffen aufeinander.

Für mich war besonders die Darstellung der Beziehung zwischen Amanda und ihrer Mutter interessant. Wie wird mit den traditionellen Erwartungen umgegangen? Wie können die Frauen ihren eigenen Weg finden? Wie weit darf die Mutter sich in das Leben ihrer Tochter einmischen – gerade in der Sorge um deren Zukunft einerseits und deren Recht auf freie Entfaltung andererseits? Und bei aller Gewalterfahrung: Es bleibt letztlich die Frage, ob die Wunden heilen können.

Donatella di Pietrantonio wurde 2024 für ihren Roman mit dem Premio Strega, einem der höchsten italienischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit. Roman, Verlag Antje Kunstmann 2024, 237 Seiten, ISBN 978-3956146213, 22,00 Euro.

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht

Im Mittelpunkt des Buches stehen Interviews mit sieben Überlebenden des Holocaust. Zwar erfährt man über ihr Schicksal auch, wie sie den Holocaust erlitten haben und überleben konnten. Vor allem aber werden sie befragt, wie sie unsere heutige Welt sehen und die weltweiten Gefährdungen von Demokratie und Menschenwürde einschätzen. Und was zu tun ist, damit die Welt lebenswert für alle Menschen bleibt.

Allen Zeitzeug*innen ist gemeinsam, dass sie erst sehr spät begonnen haben, über ihr Schicksal zu erzählen, dass sie dann aber – wie die inzwischen verstorbene Margot Friedländer – unermüdlich Zeugnis abgelegt haben, gerade im Gespräch mit jungen Menschen. Und sie warnen vor Gefahren zunehmenden Rassismus und Antisemitismus angesichts aktueller Entwicklungen: Was geschehen ist, kann wieder geschehen.

Die Herausgeber, der Regisseur Joachim A. Lang und der Historiker Thomas Weber, haben die Zeitzeug*innen für ein Filmprojekt über die Wirksamkeit der NS-Propaganda kennengelernt. Und sie waren zurecht der Meinung, dass deren Stimmen nicht verloren gehen dürfen.

Die Interviews werden durch einen längeren Text eingeleitet, in dem sie ihre Grundfrage erläutern, nämlich wie die Schrecken des NS möglich wurden, oder anders und grundsätzlicher ausgedrückt: „Wie kommt die Finsternis in die Welt? Aber auch: Wie kommt das Licht in die Welt zurück?“ Dabei unterstreichen sie die Bedeutung und Wirksamkeit von Erinnerung, nicht zuletzt aus der jüdisch-christlichen Tradition heraus. Abschließend fassen die beiden Autoren zusammen, welche Bedeutung die „Vision der Holocaustüberlebenden für die Zukunft der Demokratie“ hat.

Letztlich ist deren Zeugnis eine Botschaft an jede*n Einzelne*n – und: Erinnerung dient unserer Gegenwart und einer menschenwürdigen Zukunft.

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie, Herder-Verlag 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3451396670, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Hermann Vinke: Entscheidet euch!

Der Journalist und Buchautor Hermann Vinke, Jahrgang 1940, beschäftigt sich seit langer Zeit mit Fragen der Demokratie und der deutschen Geschichte. Schon 1980 hat er eine Biografie zu Sophie Scholl geschrieben und früh hat er sich dafür eingesetzt, dass in seiner Heimat eine Auseinandersetzung mit den Emslandlagern in Gang kam, also die Erinnerung an die NS-Verbrechen und deren Opfer möglich wurde. Nun ist er im Jahr 2026, in dem in fünf Bundesländern Wahlen stattfinden, in großer Sorge um die Demokratie.

„Was passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen. Das ist der eigentliche Grund für meinen Appell ‚Entscheidet euch!‘ … Vielmehr ist es unsere Pflicht, für unser freiheitliches demokratisches System mit aller Kraft einzutreten.“ So ist das kleine Buch keine tiefschürfende politische Analyse eines Wissenschaftlers, sondern ein eindringlicher Aufruf an alle Bürgerinnen und Bürger. Zentrale Fragen der deutschen und internationalen Gegenwart werden schlagwortartig, aber sachkundig angesprochen und in ihrer Bedeutung für den Bestand der Demokratie beleuchtet.

Hermann Vinke bezieht dabei auch Begegnungen aus seiner eigenen Geschichte ein, die ihn geprägt haben. So zum Beispiel mit Stéphane Hessel, dem deutsch-französischen Kämpfer der Résistance, der in seinen Streitschriften wie „Empört euch!“ viele Menschen in Europa aufgerüttelt hat, sich für eine menschenwürdige Zukunft weltweit einzusetzen.

Einige herausfordernde und zum Nachdenken anregende Zitate unterschiedlicher Autor*innen sind ganzseitig eingestreut. Und auch konkrete Handlungsvorschläge für die Politik und für Bürgerinnen und Bürger fehlen nicht. Wer keine Zeit für lange politikwissenschaftliche Erörterungen hat, sich aber dennoch um die freiheitliche Demokratie Gedanken macht, liegt bei diesem Buch richtig.

Hermann Vinke: Entscheidet euch! Eine Flugschrift, Metropol 2. Aufl. 2026, ISBN 978-3863318215, 96 Seiten, 9,90 Euro