Bettina Luis über „Die elfte Stunde“

Bettina Luis über „Die elfte Stunde“

Salman Rusdie: Die elfte Stunde

Vorab: Salman Rushdie ist mir vor allem als politisch verfolgter und hochdekorierter indisch/englischer Autor bekannt. Gegen ihn wurde 1989, kurz nach dem Erscheinen seiner SATANISCHEN VERSE vom iranischen Machthaber Ruhollah Chameini die Todesfatwa verhängt, die der Ajatollah immer wieder bekräftigte.

Rushdie war gezwungen, lange Zeit in der Anonymität zu leben…und schrieb weiter! Erzählte weiter seine Geschichten, blieb unbequem. 2022 entging er nur knapp einem Attentat, verlor dabei ein Auge. Er fand zurück ins Leben, als er auch jetzt wieder begann zu schreiben. DIE ELFTE STUNDE ist sein aktuelles Werk.

Die fünf Geschichten sind mein erstes Lesehighlight im Januar 2026! Ich gehe sogar soweit, dass ich sie als den verdichteten Abschluss eines in der elften Lebensstunde stehenden nobelpreisträchtigen Autors erlebe! Er hätte ihn m.E. tatsächlich verdient!

Worum geht es thematisch in der ELFTEN STUNDE: Es ist „kurz vor Zwölf“ – in vielerlei Hinsicht. Bedroht sind FREIHEIT, WAHRHEIT, DEMOKRATIE, SPRACHE, ZIVILISATION und KULTUR in unserer Gegenwart. Auch der Tod wird als unausweichlich erkannt und RUSHDIE begegnet ihm in seiner ihm eigenen phantastischen Art und Sprache des Geschichten Erzählens:

Der Tod – mal trennt er zwei Schatten uralter Freunde, die sich nie einig waren und doch nur als zwei Schatten gemeinsam Lebenssinn erfuhren.

Oder: Ein schwuler Autor stirbt in einem englischen College. Er bekommt aber als Geist die Chance, seinen ehemaligen Peiniger unheilvoll zu „besetzen“ und ihm die Wahrheit seines Schuldigwerdens abzuringen.

Rache übt auch eine geniale Musikerin mit der verfluchenden Kraft ihrer indischen Musik, nachdem Ruhm, Geld und die Unmenschlichkeit und Oberflächlichkeit des Turbokapitalismus sie eigentlich das Leben kosten.

Auf der Suche nach sich selbst verliert sich ein Autor im surrealen Strudel von Geschichte und Geschichten einer amerikanischen Gegenwart, deren Wirklichkeit die boshaftesten Fiktionen noch übertrifft. Ein Abtauchen, Entkommen ist nicht möglich. Und was wird aus der personifizierten Sprache, wenn ihr die Worte zum notwendigen Widerstand fehlen? Sie geht, endgültig!

RUSHDIE ist sprachlich unglaublich erfrischend! Er erzählt, wie er denkt, philosophiert, phantasiert, mischt sich immer wieder biografisch selber ein. Er nutzt die gesamte Klaviatur der Prosa. Allein wie er die schweren Themen unserer Gegenwart ironisch humorvoll überzeichnet, ohne sie zu bagatellisieren…  „Grenzen des Lebens“ werden hier literarisch meisterhaft in Szene gesetzt.

Dieser RUSHDIE ist ein bittersüßes literarisches Muss!

Salman Rushdie: „Die elfte Stunde“, Verlag Penguin, 285 Seiten, ISBN 9783328604686, Preis: 26,00 Euro.


Musikalische Lesung um einen Obstbrand

Promillehaltige Satire genießen

„QUITT – Wenn ein Getränk das Leben auf den Kopf stellt“, über diesen spannenden (und zugleich komischen) Fall berichtet Autor und Musiker Stefan Gliwitzki am Donnerstag, 7. Mai 2026, um 19 Uhr in der BÜCHER-HEIMAT in einer musikalischen Lesung. „QUITT“ ist, so der Autor, „ein satirischer Roman für Menschen, die sich den hart erarbeiteten Frust über den Job mal richtig vom Leib lachen wollen, über das Kleinstadtleben schmunzeln und eine Antenne für Satire haben“.

Im Fokus steht das von harter Hand geführte Familienunternehmen Peter GmbH & Co. KG in Oberklemmbach, das zufällig einen sensationellen neuen Quittenbrand mit geheimnisvollen Zutaten auf den Markt bringt und damit einen irrwitzigen Hype auslöst. Als ob die ganze Nation nur darauf gewartet hätte, endlich mal wieder von einer obskuren Obstbranntwein-Kreation umgehauen zu werden.

In der Firma jagt deshalb ein Meeting das andere. Alle sind bis zur Oberkante beschäftigt. Manche wittern neue Karrierechancen. Andere fürchten um ihr ruhiges Dasein. Der ganz normale Wahnsinn des Arbeitsalltags steigert sich schließlich auf groteske Weise. Korruption und Verrat überschatten die Euphorie um die neue Erfolgsformel, die streng geheim bleiben muss. Die Konkurrenz schläft jedoch nicht und das Unternehmen wird Opfer filmreifer chinesischer Spionageaktionen.

Alles gipfelt schließlich in einem fragwürdig wie symbolträchtigen Firmen-Event in der Kanalisation Oberklemmbachs. Eine implosionsreife Welt eröffnet sich – wenn da nicht dieser kleine zugelaufene Hund wäre…

Der satirische Roman richtet sich laut Pressemitteilung an Menschen,
die mit der Arbeitswelt, ihren Absurditäten und ungeschriebenen Gesetzen vertraut sind,
die Sarkasmus schätzen und sich den hart erarbeiteten Frust über den Job mal richtig vom Leib lachen wollen,
die das Leben in Kleinstädten kennen und sich darüber amüsieren können und
die einfach so gern lachen oder es lernen wollen.

Zum Autor:

Stefan Gliwitzki, den sein Verleger Dr. Alexander Schug einen „echten Entertainer“ nennt, lebt in einer Kleinstadt und auf der Insel Föhr. Der Anglist und Theologe hat viele mittelständische Unternehmen geleitet – und kennt die Kultur der Arbeitswelt, die üblichen Gepflogenheiten und verborgenen Unsitten von unten bis oben. Sein Hang zur Ironie ist vermutlich angeboren oder erst dadurch entstanden.

Als professioneller Musiker und Komponist tourt er seit mehr als zehn Jahren mit seiner Folk-Band Tone Fish (www.tone-fish.de) in ganz Deutschland, singt, spielt Gitarre und Irish Bouzouki. Fünf erfolgreiche CDs hat die Band bislang herausgebracht, spielte rund 1.000 Live-Konzerte und ist weiter ganzjährig unterwegs.

 Stefan Gliwitzki hat zwei Söhne und eine Ehefrau, die neben ihm mit ihrer wunderbaren Buchhandlung verheiratet ist.

Petra Nietsch über „Sonnenaufgang mit Giraffen“

Petra Nietsch über „Sonnenaufgang mit Giraffen“

Lynda Rutledge: Sonnenaufgang mit Giraffen

Basierend auf einer wahren Geschichte verknüpft die Autorin Lynda Rutledge geschickt historische Fakten mit fiktiven Elementen und spinnt daraus eine Handlung, die fesselt und zugleich berührt.

Es ist das Jahr 1938. Die USA leiden noch immer unter der schweren Wirtschaftskrise und in Europa braut sich ein Krieg zusammen. In dieser Zeit sehnen sich die Menschen nach einem Wunder und dieses begegnet ihnen, als die Zeitungen beginnen, über eine 12-tägige Reise zu berichten, die zwei junge Giraffen quer über den Kontinent führt.

Bereits ihre Ankunft im Hafen von New York grenzt an ein Wunder, denn sie haben auf dem Atlantik einen der schwersten Wirbelstürme überlebt, der die Ostküste jemals getroffen hat. Von dort werden sie auf einen umgebauten Laster verladen. Ziel ist der Zoo in San Diego an der Westküste. Ein ungewöhnliches Unterfangen, das es so noch nie gegeben hat.

Gemeinsam mit einem kauzigen Tierpfleger, einer ambitionierten Fotografin und dem armen 17-jährigen Waisenjungen Woody Wilson Nickel am Steuer beginnt für sie eine Fahrt voller Abenteuer.

Der Roman ist herzerwärmend und gibt gleichzeitig tiefe Einblicke in die damalige Lebenssituation vieler Menschen in den USA und deren Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ein Roadmovie in Textform!

Lynda Rutledge: „Sonnenaufgang mit Giraffen“, Piper Verlag, 432 Seiten, ISBN 9783492070959, Preis: 22,00 Euro.


Lena Scholz über „Der Lehrer“

Lena Scholz über „Der Lehrer“

Freida McFadden: Der Lehrer

Eve Bennett hat ein gutes Leben als Lehrerin an der örtlichen Schule. Sie ist glücklich mit ihrem Mann und in ihrem Beruf. Bis ihr Leben auf den Kopf gestellt werden soll. Addie ist eigentlich eine ganz normale Schülerin, bis auf das Geheimnis, das sie zerstören könnte, nur Mister Bennett könnte ihr helfen…

Doch auch er verschweigt seiner Frau etwas. Wer wird am Ende gewinnen und wessen Leben wird sich für immer verändern?

Freida McFadden ist Meisterin, wenn es darum geht, den Leser zu täuschen. Jedes ihrer Bücher war bisher ein Garant für Spannung und Fassungslosigkeit. Sollte jeder mal gelesen haben!

Freida McFadden: „Der Lehrer“, Heyne Taschenbuch, 400 Seiten, ISBN 9783453429499, Preis: 17,00 Euro.


Xmas-Rock in der BÜCHER-HEIMAT

Xmas-Rock in der BÜCHER-HEIMAT

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Weihnachts-Auftakt mit Kult-Charakter

Wer sich fragt, ob eine Veranstaltung nach „nur“ drei Jahren von Tradition und Kult-Charakter sprechen kann, der sollte sich schon einmal im Kalender den Xmas-Rock 2026 in der BÜCHER-HEIMAT mit The Dippers vormerken. Einmal mehr platzte die Mitmach-Buchhandlung am vierten Adventssamstag aus allen Nähten, als die Braunschweiger Band mit Bad Harzburger Wurzeln zu den Instrumenten griff.

Band- und Bücher-Fans wurden gleichermaßen mit knapp zwei Stunden Rock- und Punk-Cover, Dippers-Songs und bandeigene Interpretationen beliebter Weihnachtshits verwöhnt und aufs Fest eingestimmt. Das Team der BÜCHER-HEIMAT sorge dazu mit Glühwein und weihnachtlichen Snacks für das leibliche Wohl.

Und da Bilder (und vor allem auch Videos) viel mehr als 1000 Worte sagen, lassen wir es bei diesem Text damit auch bewenden.

Happy Christmas!

Markus Weber über „Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe“

Markus Weber über „Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe“

Walter Heinemann: Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe

Es ist ein großes Verdienst der Herausgeber*innen des Buches, die Lebenserinnerungen des Braunschweiger jüdischen Arztes Walter Heinemann einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Erinnerungen sind hilfreich eingeleitet und der Text selbst ist mit Fußnoten versehen, die Fachbegriffe erklären, Namen einordnen oder gelegentlich auch kleinere Korrekturen einfügen, wo es nötig ist.

Walter Heinemann wurde 1883 als Sohn einer Braunschweiger Kaufmannsfamilie geboren, besuchte dort die Schule und studierte in Berlin Medizin. Anschließend ließ er sich in Braunschweig als Facharzt nieder, leistete im Ersten Weltkrieg seinen Wehrdienst als Sanitätsoffizier. 1935 floh er schließlich vor der Verfolgung durch die Nazis zunächst nach Palästina, dann über England in die USA, wo er wieder als anerkannter Arzt arbeitete und sich wie schon in Deutschland vielfältig gesellschaftlich engagierte. 1968 starb er dort im Exil.

Walter Heinemann hatte seine Erinnerungen eigentlich für die Familie geschrieben. So gibt er in einem kurzen ersten Kapitel einen Überblick über die unterschiedlichen verwandtschaftlichen Beziehungen. Für mich beginnt es erst danach richtig spannend zu werden, wenn er über seine Kindheit, Jugend und Schulzeit schreibt. Hier gibt es interessante Einblicke in das bürgerliche Familienleben und die Schule im Kaiserreich. Schon früh wird Walter Heinemann – wie auch in allen späteren Phasen seines Lebens – mit Antisemitismus konfrontiert.

Auch bei der Schilderung aller weiteren Lebensstationen – Studium, Arbeit als Arzt in Braunschweig, Verfolgung in der NS-Diktatur, Flucht nach Palästina und dem Leben in den USA – neigt Walter Heinemann dazu, Anekdoten zu erzählen. Das bleibt aber keineswegs oberflächlich, sondern hat den Grund, „damit manche Erscheinungen und Symptome viel schärfer“ fassen zu können „als mit langatmigen Erzählungen“, wie er selbst am Schluss bemerkt. Dem kann ich durchaus zustimmen.

Für mich war es eine lohnende und trotz der oft schwierigen Verhältnisse und Zeiten, um die es geht, auch eine unterhaltsame Lektüre. Zahlreiche Bilder und andere Abbildungen lassen die Erinnerungen noch anschaulicher werden.

Walter Heinemann, Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe. Lebenserinnerungen eines jüdischen Arztes, hrsg. Meike Buck/Harro Jens/Benjamin Kuntz, Wallstein-Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3835358881, 20,00 €

Heike Zumbruch über „Mein Bruder heißt Jessica“

Heike Zumbruch über „Mein Bruder heißt Jessica“

John Boyne: Mein Bruder heißt Jessica

Schon der Titel des Buches verrät nicht nur das Thema, sondern auch die Perspektive, aus der John Boyne die Geschichte erzählt.

Sam Wavers ist 13 Jahre alt, als sein älterer Bruder Jason der Familie eröffnet, dass er schon lange als Mädchen leben möchte – als Jessica. Aus Sams Perspektive erzählt der Autor die Folgen dieses Coming-Outs. Die Eltern wollen nichts davon wissen. Gemeinsam sucht die Familie einen Psychologen auf, der Jason hoffentlich „reparieren“ kann. Sam versteht seinen Bruder nicht und will einfach nur, dass alles wieder so wird wie früher.

Wie Sam diese Zerreißprobe der Familie erlebt, wie er verzweifelt versucht, seinen Bruder zurückzubekommen, erzählt Boyne auf seine einfühlsame und bewegende Art. Gleichzeitig verschärft er das „Problem“ für die Eltern noch. Ist doch die Mutter eine Ministerin mit Ambitionen auf ein noch höheres Amt.

Als Sam seinen Bruder zu verstehen versucht, mit ihm redet und auch streitet, beginnt die Erkenntnis in ihm zu reifen, die dem Buch den Titel gibt.

Vielleicht ist das Ende ein bisschen zu gut geraten, wie manche Kritiker meinen. Mir gefällt allerdings die Hoffnung, dass Familie mehr sein kann als Vater-Mutter-Kind, dass es möglich ist, über alle Sorgen und Unterschiedlichkeiten hinweg eine echte Gemeinschaft zu sein. 

Im Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag erschienen ist dieses Buch für Jugendliche ab 12 empfohlen, aber auch für Erwachsene gut zu lesen. Mir jedenfalls hat es viel Freude gemacht!

John Boyne: „Mein Bruder heißt Jessica“, FISCHER Sauerländer, 253 Seiten, ISBN 9783737342193, Preis: 14,00 Euro.


„Zaunkönig“ erneut neu aufgelegt

„Zaunkönig“ erneut neu aufgelegt

Das allerbeste Ding ist die Dritte…

Für alle, die vielleicht noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken sind, haben wir einen ebenso guten wie brandheißen Tipp: Frisch in der BÜCHER-HEIMAT angekommen ist die nunmehr bereits dritte Auflage von „Der Weg des Zaunkönigs“, des ersten Romanprojekts im Eigenverlag der Buchhandlung.

Das von Petra Nietsch ins Deutsche übertragene Werk des Deutsch-Kanadiers Philipp Schott entwickelt sich damit zu einem regionalen Bestseller. Die Gesamtauflage der deutschen Fassung liegt bei mittlerweile 900 Exemplaren. Und die Nachfrage ist anhaltend hoch.

Wobei davon auszugehen ist, dass sie nun weiter in die Höhe schnellen könnte, denn wenn dem Sprichwort nach aller guten Dinge drei sind, dann ist in diesem speziellen Fall die dritte Auflage das allerbeste Ding. Entscheidend dazu beigetragen hat die 14-jährige Schülerin Feline Maja Schneider, eine außerordentlich begabte Zeichnerin, deren Illustrationen die dritte Auflage des „Zaunkönigs“ bereichern.

Sich als moderner Teenager in die Lebenswelten der Romanfiguren einzufühlen, die während des Dritten Reichs, des Zweiten Weltkriegs und im Nachkriegsdeutschland lebten, war dabei ohne Frage eine große Herausforderung. Feline Maja Schneider stand vor einer intensiven Auseinandersetzung mit einer Zeit, die für sie weit in der Vergangenheit liegt.

Wie diese Herausforderung bewältigt wurde, dies können sich die Besucher der Jubiläumslesung in der BÜCHER-HEIMAT aus erster Hand berichten lassen: Die 100. Lesung gestalten am 16. April 2026 Feline Maja Schneider, Petra Nietsch und Lektor Hartmut Frenk. Angekündigt wird ein „Blick vom Buch aufs Bild – und zurück“.

Sonja Weber über „Ein Bild von einer Frau“

Sonja Weber über „Ein Bild von einer Frau“

Natascha Bub: Ein Bild von einer Frau

Die Protagonistin Insa Schönberg, eine junge noch unerfahrene, aber in höchstem Maße abenteuerlustige Fotografin der Nachkriegszeit, geht mit dem bekannten Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt eine Wette ein. Sie wird ihm ein Foto seines Stars Ernest Hemingway beschaffen, das den exzentrischen Autor nicht nur als Person abbilden, sondern ihn nahbar und sehr persönlich zeigen soll. So reist sie also mit nichts als Mut, Entschlossenheit und ihrer Kamera im Gepäck nach New York und dann notgedrungen weiter nach Kuba.

Die Autorin, die selbst sehr jung nach New York „durchbrannte“, lebt heute in Berlin. Der Roman sei als Hommage an die Fotografin und Verlegerin Inge Schönthal, später Inge Feltrinelli, endstanden, schreibt sie im Nachwort. Mit einem guten Gespür für die Ära und natürlich für ihre Protagonistin lässt Natascha Bub uns ein wenig vom Flair des Kuba in den frühen fünfziger Jahren und einen polarisierenden Starautor erleben.

Natascha Bub: „Ein Bild von einer Frau“, Ullstein Verlag, 288 Seiten, ISBN 978-3-548-06847-3, Preis: 12,99 Euro.


Markus Weber über „Heimatland“

Markus Weber über „Heimatland“

Güner Yasemin Balci: Heimatland

Liebevoll schreibt Güner Yasemin Balci über ihre Heimat Berlin-Neukölln: Schneeflocken im Winter, Fernsehabende mit Hans Rosenthal, die rauen Hände des Vaters, die Currybude auf der Karl-Marx-Straße, laute Musik von Django Reinhardt aus Autoradios, Wettspringen im Freibad, die Sprache und vieles mehr – vor allem aber die Werte des Grundgesetzes, Menschenwürde und Gleichberechtigung.

In der ersten Hälfte ihres Buches beschreibt die Journalistin und heutige Integrationsbeauftragte in Neukölln sehr anschaulich und packend die Geschichte ihrer Familie. Die Eltern kamen als türkische „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Güner wurde 1975 inmitten der Großstadtsiedlung, einem sozialen Brennpunkt, geboren und wuchs dort in einem freiheitlichen Umfeld auf. Die Eltern erzogen sie in Liebe zur Freiheit und zu Bildung, gerade auch für sie als Mädchen.

Dabei verklärt die Autorin nichts, sondern schildert auch, wie enge Verwandte teilweise in Armut abrutschten oder ihr Bruder kriminell wurde. Immer zeigt sie ihre Beobachtungen und Einschätzungen an konkreten Menschen und Schicksalen. Deutschland galt den Eltern als Rettung aus „Willkür und Unwissenheit“, auch wenn eine Verbundenheit zu ihren Ursprüngen in der Türkei erhalten blieb, etwa durch die Reisen der Familie.

In der zweiten Hälfte des Buches steht im Mittelpunkt, wie die freiheitliche Welt der Kindheit und Jugend zunehmend in Bedrängnis geriet, nicht nur durch rechtsextreme Ausländerfeindlichkeit, sondern vor allem auch durch islamistische Hassprediger und zugewanderte arabische Clans. Auch diese Bedrohungen werden sehr konkret mit menschlichen Schicksalen verknüpft.

Mädchen werden gezwungen, sich zu verschleiern; Frauen, die aus Zwangsehen fliehen wollen, von der eigenen Familie mit dem Tode bedroht. Antisemitismus, Homophobie und Antiziganismus machen sich breit. Und die Zivilgesellschaft schaut aus falsch verstandener Toleranz zu, was nicht der Demokratie, sondern nur der antidemokratischen Rechten nützt.

Güner Yasemin Balci erfährt, wie sie für ihr Engagement gegen diese Tendenzen angefeindet wird, aber auch Unterstützung erhält. Mir scheint es wichtig zu sein, auch die im Buch beschriebenen demokratiefeindlichen Bestrebungen in unserer Gesellschaft ernst zu nehmen.

„Wir brauchen einen Patriotismus, der weder auf Herkunft noch Hautfarbe gebaut ist, sondern schlicht auf dem Fundament der Werte einer freien demokratischen Gesellschaft. Einen Patriotismus, der vielen einen Platz lässt, aber nicht alles akzeptiert, sondern unmissverständlich Grenzen zieht, wenn an seinen Grundfesten gerüttelt wird.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Güner Yasemin Balci: Heimatland, Berlin-Verlag 2025, 320 Seiten, ISBN 978-3827015259, 24,00 Euro