Petra Nietsch über „Das Gemälde“

Petra Nietsch über „Das Gemälde“

Geraldine Brooks: Das Gemälde

Geraldine Brooks: Das Gemälde

Dieser Roman gehört für mich zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Die Geschichte entfaltet so viel Kraft, dass ich wie von einem Magneten mühelos durch die Handlung gezogen wurde. Dabei fiel es mir schwer, das Buch aus der Hand zu legen.

Der deutsche Titel lässt vermuten, dass ein Gemälde im Mittelpunkt steht. In Wirklichkeit geht es aber um das Pferd, das darauf zu sehen ist. Das Gemälde, 1857 von Thomas J. Scott gemalt, dient lediglich dazu, die drei unterschiedlichen Zeitebenen, in denen der Roman spielt, miteinander zu verknüpfen.

Bei dem Pferd handelt es sich um Lexington, das erfolgreichste amerikanische Rennpferd, das es jemals gegeben hat, und das zudem als Deckhengst nahezu 600 Fohlen zeugte, von denen 236 als Sieger ins Ziel kamen.

Der Roman basiert somit auf einer wahren Geschichte. Die überwiegende Zahl der Charaktere sind reale Personen, lediglich die Protagonisten sind fiktional.

Die Handlung habe ich als äußerst komplex empfunden, auch weil Geraldine Brooks eine Vielzahl von Themen darin verwoben hat. Es empfiehlt sich, sich für die ersten Kapitel etwas Muße zu gönnen, um die Vielschichtigkeit des Romans leichter erfassen zu können.

In ihrem Nachwort sagt die Autorin: „As I began to research Lexington’s life, it became clear to me that this novel could not merely be about a racehorse, it would also need to be about race.” („Als ich begann, über Lexingtons Leben zu recherchieren, wurde mir klar, dass dieser Roman nicht bloß von einem Rennpferd handeln konnte – er musste auch von Rasse handeln.“)

Die historische Dimension des Romans gibt Einblick in die Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg als der Rennsport in der reichen Gesellschaft der Weißen eine bedeutende Rolle spielte. Die Arbeit als Trainer, Jockey und Pferdepfleger wurde allerdings fast ausschließlich von Sklaven erledigt. Rassismus ist einer der zentralen Themen dieses Buches und spielt in allen drei Zeitebenen eine Rolle.

Jarret, einer der Hauptfiguren im Roman, ist bei der Geburt dieses außergewöhnlichen Pferdes dabei und begleitet es bis zu dessen Tod. Wenn Lexington an einen neuen Besitzer verkauft wird, wird Jarret mit ihm verkauft.

Parallel zu diesem Erzählstrang spielt sich ein weiterer in 2019 in Washington DC ab. Hier treffen Jess, eine junge australische Wissenschaftlerin und Theo, ein nigerianisch-amerikanischer Kunsthistoriker aufeinander. Während Jess zufällig auf dem Dachboden des Naturhistorischen Museums das verstaubte Skelett von Lexington findet, entdeckt Theo im Sperrmüll der Nachbarin das Gemälde von Thomas J. Scott. Gemeinsam versuchen sie mehr über das Rennpferd und das Gemälde herauszufinden.

Die historischen Aspekte der einzelnen Erzählstränge sind von Geraldine Brooks gründlich recherchiert und mit großem Können zusammengefügt worden und verdeutlichen, wie Vergangenheit und Vermächtnis die moderne Welt formen. Jede handelnde Person hat einen individuellen Sprachstil, der sich nahtlos und überzeugend in die jeweilige Zeit einfügt.

„Das Gemälde“ von Pulitzer-Preis-Gewinnerin Geraldine Brooks hat es verdient, verfilmt zu werden. In meinem Kopf sind bereits beim Lesen vielfältige Bilder entstanden.

Geraldine Brooks: „Das Gemälde“, btb Taschenbuch, 569 Seiten, ISBN 9783442775293, Preis: 15,00 Euro.


Petra Nietsch über „Die Frauen von Paris“

Petra Nietsch über „Die Frauen von Paris“

Pam Jenoff: Die Frauen von Paris

Dieser Roman basiert auf historischen Tatsachen und beschreibt ein den meisten Leserinnen und Lesern vermutlich unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Ähnlich wie in den Romanen von Kate Quinn (die leider vom deutschsprachigen Buchmarkt fast vollständig verschwunden sind), erzählt Pam Jenoff von den mutigen Frauen, die oftmals im Verborgenen geholfen haben, den Krieg zu gewinnen.

Die Handlung beginnt 1946 in Manhattan, als Grace, eine junge amerikanische Kriegswitwe, einen verlassenen Koffer in der Grand Central Station entdeckt. Als sie ihn öffnet, findet sie u.a. einen Briefumschlag, in dem sich die Fotografien von zwölf Frauen befinden.

Aus auch für sie unerklärlichen Gründen begibt sie sich auf die scheinbar aussichtslose Suche nach den Hintergründen. Bald findet sie heraus, dass es sich um junge Britinnen handelt, die im Zweiten Weltkrieg rekrutiert und nach Frankreich eingeschleust wurden, um das britische Spionagenetzwerk zu unterstützen.

Die Geschichte wird aus drei sich abwechselnden Perspektiven erzählt. Neben Grace ist da noch Marie, eine der Frauen auf den Fotografien, die als alleinerziehende Mutter mit finanziellen Sorgen das gefährliche Angebot des britischen Nachrichtendienstes angenommen hat, und Eleanor Trigg, die davon überzeugt war, dass weibliche Spione im besetzten Frankreich schwerer zu entlarven seien als Männer. Sie hatte nicht nur die Idee für diese Spezialoperation, sondern war auch für die Rekrutierung und Ausbildung dieser jungen Frauen verantwortlich. Ihr gehört der Koffer.

So entwickelt sich eine spannende und bewegende Geschichte über Mut, Verrat und politischem Kalkül.

Pam Jenoff: „Die Frauen von Paris“, Aufbau Taschenbuch Verlag, 435 Seiten, ISBN 9783746636283, Preis: 12,99 Euro.


Petra Nietsch über „Liebe und Verderben“

Petra Nietsch über „Liebe und Verderben“

Kristin Hannah: Liebe und Verderben

Kristin Hannah war mir als Schriftstellerin bekannt, aber dies ist der erste Roman, den ich von ihr gelesen habe und er ist ein ganz besonderer.

Die Autorin entführt uns in die Wildnis Alaskas. Es gibt sicherlich nicht viele Menschen, die eine wirkliche Vorstellung davon haben, wie einsam es dort ist. Hier bestimmt die Natur das Leben der Menschen. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben.

Im Sommer wird es so gut wie nicht dunkel und im Winter wird es kaum hell. Frühling und Herbst sind kaum existent. Im Sommer muss alles getan werden, um im Winter ausreichend Vorräte zu haben. Die Menschen jagen, fangen Fische, pflücken Beeren, arbeiten an ihren Häusern und Hütten und, und, und.

Dieses Leben fordert viel, aber bietet auch Freiheit. Jeder hilft jedem, egal, was es ist. Man kann sich aufeinander verlassen.

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die Handlung. Die Familie Albright siedelt im Jahr 1974 von Seattle um nach Kaneq auf der Kenai-Insel. Ernt, der im Vietnam-Krieg gekämpft hat, leidet seitdem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, die dazu führt, dass er immer wieder seinen Job verliert, auch weil er unter starken Gemütsschwankungen leidet.

Cora, seine Frau liebt ihn so sehr, dass sie ihm nahezu alles verzeiht. Lenora (Leni), die 13-jährige Tochter, fühlt sich einsam, denn wegen der vielen Umzüge ist sie nie lange genug an einer Schule, um Freunde zu finden.

Für das harte Leben in Alaska sind sie schlecht vorbereitet, aber sie fühlen sich willkommen geheißen und schnell wohl. Alle drei arbeiten unentwegt, um endlich zur Ruhe zu kommen. Und in der Schule findet Leni mit Matthew sogar einen Freund. Doch der Winter naht und mit ihm kommen nicht nur die Dunkelheit, sondern auch Ernts Alpträume.

Seine Angstzustände und Unzufriedenheit nehmen zu. Er sucht Streit zu Hause, wird zunehmend gewalttätig gegenüber Cora und wird auch in der Dorfgemeinschaft immer mehr zum Außenseiter. Derweil wird aus der Freundschaft zwischen Leni und Matthew die erste große Liebe.

Der Roman hat fast 600 Seiten, aber es ist nicht eine zuviel. Immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen, die die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten. Die Handlung ist bis zum Ende hin schlüssig und hat mich als Leserin zufrieden gemacht.

Wie so oft unterscheiden sich der englische und der deutsche Titel, wobei aus meiner Sicht in diesem Fall der Schwerpunkt unterschiedlich gesetzt ist. Der englische Titel „The Great Alone“ bezieht sich auf die Wildheit Alaskas, es ist „The Last Frontier“ während der deutsche Titel mehr auf das Thema Liebe zielt. Von der gibt es ganz unterschiedliche Formen im Roman. Von freundschaftlicher über partnerschaftliche Liebe über Liebe zur Natur und zum Land ist alles dabei.

Ein packender Roman, der mich sehr bewegt hat und den ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Kristin Hannah: „Liebe und Verderben“, Aufbau Taschenbuch Verlag, 591 Seiten, ISBN 9783746635767, Preis: 14,00 Euro.


Petra Nietsch über „Die Namen“

Petra Nietsch über „Die Namen“

Florence Knapp: Die Namen

Was für ein Geschenk, dass wir uns im großen Team der Bücher-Heimat immer wieder regelmäßig über Gelesenes austauschen. Dieses Mal hat unsere Auszubildende Thea mir diesen Roman empfohlen, und vier Tage später hatte ich ihn bereits ausgelesen. Es lässt sich also als erstes festhalten, dass das Buch für jede Altersklasse eine Empfehlung ist.

„What’s in a name? “ lässt bereits Shakespeare Julia ihren Romeo fragen. Und um diese Frage geht es auch in dieser Geschichte. Kann der eigene Name unseren Charakter, unser Tun und Handeln und unsere Entscheidungen beeinflussen? Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die versuchen, das zu beweisen.

Aber schauen wir auf den Debut-Roman von Florence Knapp. Eine Junge, drei Namen, drei Lebenswege.
Im Oktober 1987 hat Cora, die  in einer unglücklichen Ehe mit einem gewalttätigen Mann gefangen ist, ihr zweites Kind geboren. Als sie mit ihrer Tochter Maia auf dem Weg zum Standesamt ist, um ihren Sohn anzumelden, sprechen sie über Namen. Während Coras Mann erwartet, dass sein Sohn aus langer Tradition heraus Gordon genannt werden muss, bevorzugt sie Julian, was laut ihrem Namensbuch „Himmelsvater“ bedeutet. Maia schlägt Bear vor, denn für sie sind Bären weich, verschmust und freundlich, aber auch mutig und stark.

Nun beginnt ein spannendes Gedankenexperiment, denn Knapp entwickelt drei unterschiedliche, parallel verlaufene Handlungsstränge. Die Geschichte erstreckt sich über 35 Jahre und zwischen jedem Abschnitt liegen 7 Jahre. Bear, Julian und Gordon wachsen also in der Zeit zu erwachsenen Männern heran. Diese klare Struktur und die Tatsache, dass die wichtigsten Charaktere Teil aller Lebensgeschichten sind, erleichtert das Verständnis beim Lesen.

Ein fesselnder Roman, der Antworten gibt, aber genauso viel Fragen aufwirft.

Florence Knapp: „Die Namen“, Eichborn Verlag, 352 Seiten, ISBN 9783847902294, Preis: 24,00 Euro.


Petra Nietsch über „Die Briefeschreiberin“

Petra Nietsch über „Die Briefeschreiberin“

Virginia Evans: Die Briefeschreiberin

Dieser Roman hat seit seiner Veröffentlichung im April 2025 weltweit große Anerkennung erfahren. Im Juni dieses Jahres gewann Virginia Evans für ihr Erstlingswerk den Women’s Prize for Fiction, einer der renommiertesten Literaturpreise für Frauen.

Allein schon auf Grund des nur noch selten gewählten Formats ist „Die Briefeschreiberin“ ein außergewöhnliches Buch. Denn es besteht ausschließlich aus Briefen und gelegentlichen Emails, die die Ich-Erzählerin Sybil Van Antwerp an jeden schreibt, dem sie etwas mitzuteilen hat.

Dies sind neben Verwandten und Freunden u.a. auch bekannte Persönlichkeiten wie z.B. die Schriftstellerin Ann Patchett oder der Filmregisseur George Lucas. Wenn sie Antworten erhält, sind auch diese abgedruckt.

Mit Hilfe dieses Formats gelingt es Virginia Evans ein sehr genaues Charakterbild dieser Frau zu zeichnen. So habe ich als Leserin nicht nur wesentliche Daten und Ereignisse aus ihrem langen Leben erfahren, sondern sie als Mensch wirklich gut kennengelernt. Sie braucht feste Routinen, kann kratzbürstig, streitbar und auch belehrend sein, gleichzeitig ist sie aber hilfsbereit, warmherzig und großzügig.

Sybil ist 73 Jahre alt, als der Roman beginnt. Ihr Augenlicht wird immer schlechter und sie weiß, dass sie in einigen Jahren erblinden wird. Sie erkennt, dass sie bis dahin noch einiges, wie z.B. das schwierige Verhältnis zu ihren Kindern, klären muss.

Und dann ist da noch der eine Brief , an dem sie seit Jahrzehnten schreibt, aber den sie nie abgeschickt hat …

Ein wundervoller Roman, der nicht nur durch das ungewöhnliche Format besticht, sondern auch durch die gelungene Charakteristik eines ganz besonderen Menschen. Gleichzeitig ist er auch ein Plädoyer für die Kunst des Briefeschreibens, denn in einem Brief steckt so viel mehr als in einer Text- oder Sprachnachricht.

Virginia Evans: „Die Briefeschreiberin“, Goldmann, 384 Seiten, ISBN 9783442317844, Preis: 24,00 Euro.


Petra Nietsch über „Herz König“

Petra Nietsch über „Herz König“

Lily King: Herz König

Dies ist der erste Roman, den ich in diesem Jahr  gelesen habe, der mich wirklich gefesselt hat, und den ich nicht aus der Hand legen wollte. Aber als ich mich gefragt habe, warum er mir so gut gefällt, musste ich tatsächlich erst einmal ein wenig überlegen.

Ein Grund ist sicherlich die Tatsache, dass Lily King eine gute Schriftstellerin ist. Das wird u.a. daran deutlich, dass sie ihren Schreibstil dem Inhalt und den Gegebenheiten anpasst. Im ersten Teil, als die drei Protagonisten noch Studenten sind, ist die Sprache eine andere als später, wenn wir sie als Mitvierziger erleben. Zudem nimmt sie in der Mitte des Romans eine Art Perspektivwechsel vor, der in meinen Augen die besondere Gefühlslage unterstreicht, in der sich die Ich-Erzählerin befindet.

Inhaltlich geht es um Liebe, genau genommen um eine erste große Liebe, die nicht hält, die die Erzählerin in ihrem späteren Leben aber wieder einholt, zu einer Zeit als sie ihr Glück mit Mann, zwei Kindern und einem erfolgreichen Beruf gefunden hat. Es geht aber auch um die Erkenntnis , dass ein kurzer Moment, eine einzige Entscheidung, den weiteren Lebensweg unwiderruflich beeinflussen kann. Eine Thematik, die bekanntermaßen in Matt Haigs „Die Mitternachtsbibliothek“ eine zentrale Rolle spielt

Es wird aber nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, das würde für einen besonderen Roman nicht reichen. Es geht auch um die Frage, in wie weit Bücher uns in bestimmten Phasen unseres Lebens leiten. Sinngemäß sagt die Erzählerin, deren Namen übrigens erst ganz am Ende der Geschichte genannt wird, dass ein großartiger Roman nicht nur ein besonderes literarische Erlebnis vermittelt, sondern er auch die Art und Weise, wie man auf das eigene Leben blickt, verändert und verstärkt.

Im englischen Original liest sich das so:

“A great novel, a truly good one not only captures a particular literary experience, it alters and intensifies the way you experience your own life while reading it.”

Und genau dies ist der Autorin meines Erachtens ebenfalls gelungen: ihr Roman regt zum Nachdenken an.

Mir persönlich gefällt auch das Cover sehr gut. Es ist ausdrucksstark und stellt Bezüge zum Inhalt her.

Lily King ist in den USA eine anerkannte Schriftstellerin, die es verdient hat auch bei uns von einer größeren Leserschaft wahrgenommen zu werden.

Der Roman ist für den Women’s Prize for Fiction 2026 nominiert, einer der bedeutendsten Literaturpreise Großbritanniens.

Lily King: „Herz König”, C.H. Beck, 222 Seiten, ISBN 9783406848193, Preis: 24,00 Euro.

Die deutsche Ausgabe ist vorbestellbar, der Roman erscheint am 9. Juli 2026.


Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Michael Connelly: Der Inselcop von L.A.

Sit back, Relax and Enjoy – Lehne dich zurück, Entspanne dich und Genieße!!!

Wenn Sie einen Roman suchen, um genau dies zu tun, dann sind Sie bei Michael Connelly genau richtig. Ich habe diesen vielschreibenden Krimi-Autor erst kürzlich entdeckt, und ich mag seine Art zu schreiben. Bekannt ist er durch Reihen wie „Der Lincoln-Lawyer“ und „Harry Bosch“ geworden, die beide auch als Fernseh-Serien verfilmt worden sind.

In diesem Kriminalroman wird eine neue Figur eingeführt: Detective Stilwell, der auf die idyllische Ferieninsel Santa Catalina Island, die vor der Küste von Los Angeles liegt, strafversetzt wurde. (Kleiner Fun Fact am Rande: die Insel gehörte von 1919 – 1975 der Familie Wrigley, deren Firma als weltweit größter Kaugummi-Produzent gilt.)

Zurück zum Roman: während Detective Stilwell zunächst nur kleinere Vergehen aufklären muss, wird eines Tages eine weibliche Unterwasserleiche im Hafen gefunden. Stilwell nimmt die Untersuchungen auf und erkennt sehr schnell Zusammenhänge mit anderen Straftaten auf der Insel. Er scheut sich nicht, Kompetenzen zu überschreiten und riskiert dadurch, noch mehr in Schwierigkeiten zu geraten.

Wie viele andere Autoren auch erfindet Connelly das Rad nicht neu. Aber gelegentlich ist es auch schön, sich von Büchern einfach nur unterhalten zu lassen, und deshalb hat mir dieser Krimi gefallen.

Was mir wie schon so oft nicht gefallen hat, ist der Titel der deutschen Übersetzung Der Inselcop von L.A. Der englische Titel Nightshade bedeutet Nachtschatten und bezieht sich auf die giftigen Nachtschattengewächse. Aus meiner Sicht steckt darin viel mehr Symbolik.

Michael Connelly: „Der Inselcop von L.A.“, Kampa, 384 Seiten, ISBN 9783311121121, Preis: 23,00 Euro.


Petra Nietsch über „Kaltblütig“

Petra Nietsch über „Kaltblütig“

Truman Capote: Kaltblütig

Gelegentlich nehmen wir uns in unserem Buch-Club vor, einen Klassiker zu lesen. Dieses Mal ist die Wahl auf „Kaltblütig“ von Truman Capote gefallen. Ein Buch, das 1966 erschienen ist, hat mich auch aufgrund seiner Komposition sehr beeindruckt.

Es wird in der Literatur-Welt als erster Tatsachenroman bezeichnet. Capote war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Journalist, was mit ein Grund dafür ist, dass dieses literarische Werk so außergewöhnlich ist. Denn bevor der Roman beginnt, wird der Leser über alle wesentlichen Fakten in Kenntnis gesetzt.

Im November 1959 wird eine vierköpfige Familie von zwei ehemaligen Häftlingen in einem kleinen Ort im Bundesstaat Kansas brutal ermordet. Als Capote durch eine kurze Pressenotiz von dieser Tat erfährt, entscheidet er sich dort hinzufahren. Aus journalistischer Sicht interessiert ihn zunächst, was so ein Ereignis für die Menschen bedeutet, die dort leben. Im weiteren Verlauf möchte er aber auch Näheres über die getötete Familie erfahren, aber auch über die Täter, die sechs Wochen später gefasst und einige Monate später zum Tode verurteilt werden.

All diese Erkenntnisse verarbeitet er in seinem Roman, der durch die sprachliche Kreativität des Schriftstellers auch eine sehr hohe literarische Qualität zeigt.

Ergänzend zu dem wirklich empfehlenswerten Buch lohnt es sich bei dem Fernsehsender ARTE die Dokumentation Truman Capote und „Kaltblütig – Eine mörderische Nacht“ anzuschauen, denn sie liefert nicht nur weitere Hintergrundinformationen, sondern beschäftigt sich auch mit der Frage, ob die Auseinandersetzung mit den Ereignissen den Autor und Menschen Truman Capote verändert hat (Verfügbar bis zum 28/07/2026).

Truman Capote: „Kaltblütig“, Verlag Kein + Aber, 544 Seiten, ISBN 9783036959030, Preis: 15,00 Euro.


Petra Nietsch über „Sonnenaufgang mit Giraffen“

Petra Nietsch über „Sonnenaufgang mit Giraffen“

Lynda Rutledge: Sonnenaufgang mit Giraffen

Basierend auf einer wahren Geschichte verknüpft die Autorin Lynda Rutledge geschickt historische Fakten mit fiktiven Elementen und spinnt daraus eine Handlung, die fesselt und zugleich berührt.

Es ist das Jahr 1938. Die USA leiden noch immer unter der schweren Wirtschaftskrise und in Europa braut sich ein Krieg zusammen. In dieser Zeit sehnen sich die Menschen nach einem Wunder und dieses begegnet ihnen, als die Zeitungen beginnen, über eine 12-tägige Reise zu berichten, die zwei junge Giraffen quer über den Kontinent führt.

Bereits ihre Ankunft im Hafen von New York grenzt an ein Wunder, denn sie haben auf dem Atlantik einen der schwersten Wirbelstürme überlebt, der die Ostküste jemals getroffen hat. Von dort werden sie auf einen umgebauten Laster verladen. Ziel ist der Zoo in San Diego an der Westküste. Ein ungewöhnliches Unterfangen, das es so noch nie gegeben hat.

Gemeinsam mit einem kauzigen Tierpfleger, einer ambitionierten Fotografin und dem armen 17-jährigen Waisenjungen Woody Wilson Nickel am Steuer beginnt für sie eine Fahrt voller Abenteuer.

Der Roman ist herzerwärmend und gibt gleichzeitig tiefe Einblicke in die damalige Lebenssituation vieler Menschen in den USA und deren Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ein Roadmovie in Textform!

Lynda Rutledge: „Sonnenaufgang mit Giraffen“, Piper Verlag, 432 Seiten, ISBN 9783492070959, Preis: 22,00 Euro.


Petra Nietsch über „Das Wunder von Bahnsteig 5“

Petra Nietsch über „Das Wunder von Bahnsteig 5“

Clare Pooley: Das Wunder von Bahnsteig 5

Dieser Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert. Ein Wohlfühl- und Gute-Laune-Buch, das viel Herzenswärme und Menschlichkeit verströmt, aber trotzdem Tiefgang hat und nicht kitschig ist. Eine Kombination, die man so nur selten findet.

Jeden Morgen fährt dieselbe Gruppe Menschen mit dem Zug nach London hinein und abends wieder zurück. Aber es gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Pendler sprechen nicht miteinander, auch wenn man jedem einzelnen heimlich einen Spitznamen gegeben hat.

Doch eines Tages kommt es zu einem Zwischenfall, der alles verändert. Plötzlich fangen die Menschen miteinander zu reden und aus Fremden werden Freunde, die alle für einander einstehen. Denn jeder von ihnen hat ein Problem, bei dem er Hilfe oder Unterstützung benötigt.

Keines davon ist ungewöhnlich, sondern kommt in unserer Gesellschaft vermutlich tagtäglich vor. Dies ist vermutlich der Grund, warum ich beim Lesen immer das Gefühl hatte, nicht nur Zuschauerin, sondern mittendrin im Geschehen zu sein.

Clare Poole ist selber über Jahre mit dem Zug zur Arbeit gefahren und hat dabei viel gesehen und viel gehört. Einige dieser Erlebnisse sind in diesen Roman geflossen. Daraus erklärt sich, dass die Charaktere alles Menschen wie ich und du sind. Schade, dass ich sie nicht persönlich kennenlernen kann.

Clare Pooley: „Das Wunder von Bahnsteig 5“, Goldmann TB, 400 Seite, ISBN 9783442206377, Preis: 16,00 Euro.