Petra Nietsch über „Die Namen“

Petra Nietsch über „Die Namen“

Florence Knapp: Die Namen

Was für ein Geschenk, dass wir uns im großen Team der Bücher-Heimat immer wieder regelmäßig über Gelesenes austauschen. Dieses Mal hat unsere Auszubildende Thea mir diesen Roman empfohlen, und vier Tage später hatte ich ihn bereits ausgelesen. Es lässt sich also als erstes festhalten, dass das Buch für jede Altersklasse eine Empfehlung ist.

„What’s in a name? “ lässt bereits Shakespeare Julia ihren Romeo fragen. Und um diese Frage geht es auch in dieser Geschichte. Kann der eigene Name unseren Charakter, unser Tun und Handeln und unsere Entscheidungen beeinflussen? Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die versuchen, das zu beweisen.

Aber schauen wir auf den Debut-Roman von Florence Knapp. Eine Junge, drei Namen, drei Lebenswege.
Im Oktober 1987 hat Cora, die  in einer unglücklichen Ehe mit einem gewalttätigen Mann gefangen ist, ihr zweites Kind geboren. Als sie mit ihrer Tochter Maia auf dem Weg zum Standesamt ist, um ihren Sohn anzumelden, sprechen sie über Namen. Während Coras Mann erwartet, dass sein Sohn aus langer Tradition heraus Gordon genannt werden muss, bevorzugt sie Julian, was laut ihrem Namensbuch „Himmelsvater“ bedeutet. Maia schlägt Bear vor, denn für sie sind Bären weich, verschmust und freundlich, aber auch mutig und stark.

Nun beginnt ein spannendes Gedankenexperiment, denn Knapp entwickelt drei unterschiedliche, parallel verlaufene Handlungsstränge. Die Geschichte erstreckt sich über 35 Jahre und zwischen jedem Abschnitt liegen 7 Jahre. Bear, Julian und Gordon wachsen also in der Zeit zu erwachsenen Männern heran. Diese klare Struktur und die Tatsache, dass die wichtigsten Charaktere Teil aller Lebensgeschichten sind, erleichtert das Verständnis beim Lesen.

Ein fesselnder Roman, der Antworten gibt, aber genauso viel Fragen aufwirft.

Florence Knapp: „Die Namen“, Eichborn Verlag, 352 Seiten, ISBN 9783847902294, Preis: 24,00 Euro.


Petra Nietsch über „Die Briefeschreiberin“

Petra Nietsch über „Die Briefeschreiberin“

Virginia Evans: Die Briefeschreiberin

Dieser Roman hat seit seiner Veröffentlichung im April 2025 weltweit große Anerkennung erfahren. Im Juni dieses Jahres gewann Virginia Evans für ihr Erstlingswerk den Women’s Prize for Fiction, einer der renommiertesten Literaturpreise für Frauen.

Allein schon auf Grund des nur noch selten gewählten Formats ist „Die Briefeschreiberin“ ein außergewöhnliches Buch. Denn es besteht ausschließlich aus Briefen und gelegentlichen Emails, die die Ich-Erzählerin Sybil Van Antwerp an jeden schreibt, dem sie etwas mitzuteilen hat.

Dies sind neben Verwandten und Freunden u.a. auch bekannte Persönlichkeiten wie z.B. die Schriftstellerin Ann Patchett oder der Filmregisseur George Lucas. Wenn sie Antworten erhält, sind auch diese abgedruckt.

Mit Hilfe dieses Formats gelingt es Virginia Evans ein sehr genaues Charakterbild dieser Frau zu zeichnen. So habe ich als Leserin nicht nur wesentliche Daten und Ereignisse aus ihrem langen Leben erfahren, sondern sie als Mensch wirklich gut kennengelernt. Sie braucht feste Routinen, kann kratzbürstig, streitbar und auch belehrend sein, gleichzeitig ist sie aber hilfsbereit, warmherzig und großzügig.

Sybil ist 73 Jahre alt, als der Roman beginnt. Ihr Augenlicht wird immer schlechter und sie weiß, dass sie in einigen Jahren erblinden wird. Sie erkennt, dass sie bis dahin noch einiges, wie z.B. das schwierige Verhältnis zu ihren Kindern, klären muss.

Und dann ist da noch der eine Brief , an dem sie seit Jahrzehnten schreibt, aber den sie nie abgeschickt hat …

Ein wundervoller Roman, der nicht nur durch das ungewöhnliche Format besticht, sondern auch durch die gelungene Charakteristik eines ganz besonderen Menschen. Gleichzeitig ist er auch ein Plädoyer für die Kunst des Briefeschreibens, denn in einem Brief steckt so viel mehr als in einer Text- oder Sprachnachricht.

Virginia Evans: „Die Briefeschreiberin“, Goldmann, 384 Seiten, ISBN 9783442317844, Preis: 24,00 Euro.


Petra Nietsch über „Herz König“

Petra Nietsch über „Herz König“

Lily King: Herz König

Dies ist der erste Roman, den ich in diesem Jahr  gelesen habe, der mich wirklich gefesselt hat, und den ich nicht aus der Hand legen wollte. Aber als ich mich gefragt habe, warum er mir so gut gefällt, musste ich tatsächlich erst einmal ein wenig überlegen.

Ein Grund ist sicherlich die Tatsache, dass Lily King eine gute Schriftstellerin ist. Das wird u.a. daran deutlich, dass sie ihren Schreibstil dem Inhalt und den Gegebenheiten anpasst. Im ersten Teil, als die drei Protagonisten noch Studenten sind, ist die Sprache eine andere als später, wenn wir sie als Mitvierziger erleben. Zudem nimmt sie in der Mitte des Romans eine Art Perspektivwechsel vor, der in meinen Augen die besondere Gefühlslage unterstreicht, in der sich die Ich-Erzählerin befindet.

Inhaltlich geht es um Liebe, genau genommen um eine erste große Liebe, die nicht hält, die die Erzählerin in ihrem späteren Leben aber wieder einholt, zu einer Zeit als sie ihr Glück mit Mann, zwei Kindern und einem erfolgreichen Beruf gefunden hat. Es geht aber auch um die Erkenntnis , dass ein kurzer Moment, eine einzige Entscheidung, den weiteren Lebensweg unwiderruflich beeinflussen kann. Eine Thematik, die bekanntermaßen in Matt Haigs „Die Mitternachtsbibliothek“ eine zentrale Rolle spielt

Es wird aber nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, das würde für einen besonderen Roman nicht reichen. Es geht auch um die Frage, in wie weit Bücher uns in bestimmten Phasen unseres Lebens leiten. Sinngemäß sagt die Erzählerin, deren Namen übrigens erst ganz am Ende der Geschichte genannt wird, dass ein großartiger Roman nicht nur ein besonderes literarische Erlebnis vermittelt, sondern er auch die Art und Weise, wie man auf das eigene Leben blickt, verändert und verstärkt.

Im englischen Original liest sich das so:

“A great novel, a truly good one not only captures a particular literary experience, it alters and intensifies the way you experience your own life while reading it.”

Und genau dies ist der Autorin meines Erachtens ebenfalls gelungen: ihr Roman regt zum Nachdenken an.

Mir persönlich gefällt auch das Cover sehr gut. Es ist ausdrucksstark und stellt Bezüge zum Inhalt her.

Lily King ist in den USA eine anerkannte Schriftstellerin, die es verdient hat auch bei uns von einer größeren Leserschaft wahrgenommen zu werden.

Der Roman ist für den Women’s Prize for Fiction 2026 nominiert, einer der bedeutendsten Literaturpreise Großbritanniens.

Lily King: „Herz König”, C.H. Beck, 222 Seiten, ISBN 9783406848193, Preis: 24,00 Euro.

Die deutsche Ausgabe ist vorbestellbar, der Roman erscheint am 9. Juli 2026.


Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Michael Connelly: Der Inselcop von L.A.

Sit back, Relax and Enjoy – Lehne dich zurück, Entspanne dich und Genieße!!!

Wenn Sie einen Roman suchen, um genau dies zu tun, dann sind Sie bei Michael Connelly genau richtig. Ich habe diesen vielschreibenden Krimi-Autor erst kürzlich entdeckt, und ich mag seine Art zu schreiben. Bekannt ist er durch Reihen wie „Der Lincoln-Lawyer“ und „Harry Bosch“ geworden, die beide auch als Fernseh-Serien verfilmt worden sind.

In diesem Kriminalroman wird eine neue Figur eingeführt: Detective Stilwell, der auf die idyllische Ferieninsel Santa Catalina Island, die vor der Küste von Los Angeles liegt, strafversetzt wurde. (Kleiner Fun Fact am Rande: die Insel gehörte von 1919 – 1975 der Familie Wrigley, deren Firma als weltweit größter Kaugummi-Produzent gilt.)

Zurück zum Roman: während Detective Stilwell zunächst nur kleinere Vergehen aufklären muss, wird eines Tages eine weibliche Unterwasserleiche im Hafen gefunden. Stilwell nimmt die Untersuchungen auf und erkennt sehr schnell Zusammenhänge mit anderen Straftaten auf der Insel. Er scheut sich nicht, Kompetenzen zu überschreiten und riskiert dadurch, noch mehr in Schwierigkeiten zu geraten.

Wie viele andere Autoren auch erfindet Connelly das Rad nicht neu. Aber gelegentlich ist es auch schön, sich von Büchern einfach nur unterhalten zu lassen, und deshalb hat mir dieser Krimi gefallen.

Was mir wie schon so oft nicht gefallen hat, ist der Titel der deutschen Übersetzung Der Inselcop von L.A. Der englische Titel Nightshade bedeutet Nachtschatten und bezieht sich auf die giftigen Nachtschattengewächse. Aus meiner Sicht steckt darin viel mehr Symbolik.

Michael Connelly: „Der Inselcop von L.A.“, Kampa, 384 Seiten, ISBN 9783311121121, Preis: 23,00 Euro.


Petra Nietsch über „Kaltblütig“

Petra Nietsch über „Kaltblütig“

Truman Capote: Kaltblütig

Gelegentlich nehmen wir uns in unserem Buch-Club vor, einen Klassiker zu lesen. Dieses Mal ist die Wahl auf „Kaltblütig“ von Truman Capote gefallen. Ein Buch, das 1966 erschienen ist, hat mich auch aufgrund seiner Komposition sehr beeindruckt.

Es wird in der Literatur-Welt als erster Tatsachenroman bezeichnet. Capote war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Journalist, was mit ein Grund dafür ist, dass dieses literarische Werk so außergewöhnlich ist. Denn bevor der Roman beginnt, wird der Leser über alle wesentlichen Fakten in Kenntnis gesetzt.

Im November 1959 wird eine vierköpfige Familie von zwei ehemaligen Häftlingen in einem kleinen Ort im Bundesstaat Kansas brutal ermordet. Als Capote durch eine kurze Pressenotiz von dieser Tat erfährt, entscheidet er sich dort hinzufahren. Aus journalistischer Sicht interessiert ihn zunächst, was so ein Ereignis für die Menschen bedeutet, die dort leben. Im weiteren Verlauf möchte er aber auch Näheres über die getötete Familie erfahren, aber auch über die Täter, die sechs Wochen später gefasst und einige Monate später zum Tode verurteilt werden.

All diese Erkenntnisse verarbeitet er in seinem Roman, der durch die sprachliche Kreativität des Schriftstellers auch eine sehr hohe literarische Qualität zeigt.

Ergänzend zu dem wirklich empfehlenswerten Buch lohnt es sich bei dem Fernsehsender ARTE die Dokumentation Truman Capote und „Kaltblütig – Eine mörderische Nacht“ anzuschauen, denn sie liefert nicht nur weitere Hintergrundinformationen, sondern beschäftigt sich auch mit der Frage, ob die Auseinandersetzung mit den Ereignissen den Autor und Menschen Truman Capote verändert hat (Verfügbar bis zum 28/07/2026).

Truman Capote: „Kaltblütig“, Verlag Kein + Aber, 544 Seiten, ISBN 9783036959030, Preis: 15,00 Euro.


Petra Nietsch über „Sonnenaufgang mit Giraffen“

Petra Nietsch über „Sonnenaufgang mit Giraffen“

Lynda Rutledge: Sonnenaufgang mit Giraffen

Basierend auf einer wahren Geschichte verknüpft die Autorin Lynda Rutledge geschickt historische Fakten mit fiktiven Elementen und spinnt daraus eine Handlung, die fesselt und zugleich berührt.

Es ist das Jahr 1938. Die USA leiden noch immer unter der schweren Wirtschaftskrise und in Europa braut sich ein Krieg zusammen. In dieser Zeit sehnen sich die Menschen nach einem Wunder und dieses begegnet ihnen, als die Zeitungen beginnen, über eine 12-tägige Reise zu berichten, die zwei junge Giraffen quer über den Kontinent führt.

Bereits ihre Ankunft im Hafen von New York grenzt an ein Wunder, denn sie haben auf dem Atlantik einen der schwersten Wirbelstürme überlebt, der die Ostküste jemals getroffen hat. Von dort werden sie auf einen umgebauten Laster verladen. Ziel ist der Zoo in San Diego an der Westküste. Ein ungewöhnliches Unterfangen, das es so noch nie gegeben hat.

Gemeinsam mit einem kauzigen Tierpfleger, einer ambitionierten Fotografin und dem armen 17-jährigen Waisenjungen Woody Wilson Nickel am Steuer beginnt für sie eine Fahrt voller Abenteuer.

Der Roman ist herzerwärmend und gibt gleichzeitig tiefe Einblicke in die damalige Lebenssituation vieler Menschen in den USA und deren Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ein Roadmovie in Textform!

Lynda Rutledge: „Sonnenaufgang mit Giraffen“, Piper Verlag, 432 Seiten, ISBN 9783492070959, Preis: 22,00 Euro.


Petra Nietsch über „Das Wunder von Bahnsteig 5“

Petra Nietsch über „Das Wunder von Bahnsteig 5“

Clare Pooley: Das Wunder von Bahnsteig 5

Dieser Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert. Ein Wohlfühl- und Gute-Laune-Buch, das viel Herzenswärme und Menschlichkeit verströmt, aber trotzdem Tiefgang hat und nicht kitschig ist. Eine Kombination, die man so nur selten findet.

Jeden Morgen fährt dieselbe Gruppe Menschen mit dem Zug nach London hinein und abends wieder zurück. Aber es gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Pendler sprechen nicht miteinander, auch wenn man jedem einzelnen heimlich einen Spitznamen gegeben hat.

Doch eines Tages kommt es zu einem Zwischenfall, der alles verändert. Plötzlich fangen die Menschen miteinander zu reden und aus Fremden werden Freunde, die alle für einander einstehen. Denn jeder von ihnen hat ein Problem, bei dem er Hilfe oder Unterstützung benötigt.

Keines davon ist ungewöhnlich, sondern kommt in unserer Gesellschaft vermutlich tagtäglich vor. Dies ist vermutlich der Grund, warum ich beim Lesen immer das Gefühl hatte, nicht nur Zuschauerin, sondern mittendrin im Geschehen zu sein.

Clare Poole ist selber über Jahre mit dem Zug zur Arbeit gefahren und hat dabei viel gesehen und viel gehört. Einige dieser Erlebnisse sind in diesen Roman geflossen. Daraus erklärt sich, dass die Charaktere alles Menschen wie ich und du sind. Schade, dass ich sie nicht persönlich kennenlernen kann.

Clare Pooley: „Das Wunder von Bahnsteig 5“, Goldmann TB, 400 Seite, ISBN 9783442206377, Preis: 16,00 Euro.


Petra Nietsch über „Der Tote in der Crown Row“

Petra Nietsch über „Der Tote in der Crown Row“

Sally Smith: Der Tote in der Crown Row

Lieben Sie Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder Lord Peter Wimpsey? Dann wird Ihnen auch „Der Tote in der Crown Row“ von Sally Smith gefallen, denn dieses Buch enthält alle Elemente des klassischen englischen Kriminalromans.

Sir Gabriel Ward, ein etwas kauziger Junggeselle und Einzelgänger, lebt und arbeitet  im Londoner Stadtbezirk Temple, welcher seit Jahrhunderten Zentrum des englischen Rechtswesens ist und in dem es eigene Regeln und Gesetze gibt.

Am 21. Mai 1901 stolpert Sir Gabriel am frühen Morgen auf den Treppenstufen zu seinen Büroräumen über eine Leiche im Abendanzug aber mit nackten Füßen. Es handelt sich um den obersten Richter Lord Dunning, der mit einem silbernen Fleischmesser erstochen worden ist.

Da die Londoner Polizei nur nach Aufforderung im Temple ermitteln darf, wird Sir Gabriel beauftragt, erste Untersuchungen und Befragungen vorzunehmen. Nur widerwillig übernimmt er diese Aufgabe, denn er ist gerade dabei, sich auf die Verteidigung eines Mandaten vorzubereiten, der in einen Streit um die Rechte an einem sehr beliebten Kinderbuch verwickelt ist.

Schnell stellt sich heraus, dass viele verschiedene Personen als Verdächtige infrage kommen, denn sie haben alle ein Motiv. Mit seiner guten Beobachtungsgabe, seiner Fähigkeit Spuren richtig zu deuten und logische Zusammenhänge zu erkennen, gelingt es Sir Gabriel, die richtigen Schlüsse zu ziehen und den Mord schließlich aufzuklären.

Die Geschichte mag auf den ersten Blick etwas simpel wirken, aber die vielen Verwicklungen lassen den Leser bis zum Schluss rätseln, wer von den vielen Verdächtigen wohl den Mord begangen hat.

Die Autorin Sally Smith hat jahrelang als Rechtsanwältin im Temple gearbeitet und vermittelt dem Leser dementsprechend einen guten Einblick in das englische Rechtssystem. Ihr Roman zeigt aber auch, wie sehr es damals davon abhing, in welche soziale Klasse man geboren wurde, um eine gerechte Gerichtsverhandlung zu bekommen.

Ein „Whodunit“, wie es ihn nur in der englischen Literatur gibt, unterhaltsam und witzig geschrieben.

Sally Smith: „Der Tote in der Crown Row“, Goldmann Verlag, 400 Seiten, ISBN 9783442317929, Preis: 22,00 Euro.


Petra Nietsch über „James“

Petra Nietsch über „James“

Percival Everett: James

„Die gesamte moderne amerikanische Literatur geht auf ein einziges Buch von Mark Twain mit dem Titel Huck Finn zurück.“ Dieses Zitat, das von niemand anderem als Ernest Hemingway stammt, unterstreicht die Bedeutung dieses Romans, der weit mehr ist als eine Abenteuergeschichte.

Percival Everett hat diesen Literaturklassiker als Grundlage genommen, um eine eigene und in großen Teilen andere Geschichte zu schreiben.

Er nimmt einen Perspektivwechsel vor, so dass nicht Huck Finn, sondern den Sklave Jim  zum Ich-Erzähler wird. Sehr bald stellt sich heraus, dass James, wie er sich selbst nennt, nicht nur klug ist, sondern auch sehr viel weiß. Er durchschaut die weiße Gesellschaft, erkennt ihre Schwächen und nutzt sie zu seinem Vorteil. „Es zahlt sich immer aus, den weißen Menschen das zu geben, was sie wollen …“ sagt Jim zu Beginn des ersten Kapitels.

Als Jim nach New Orleans verkauft werden soll, läuft er davon und gemeinsam mit Huck, der vor seinem trunksüchtigen Vater geflohen ist, fährt er auf einem selbstgebauten Floss den Mississippi hinunter. Das Entkommen und die Flucht stellen für ihn einen ständigen Kampf ums Überleben dar. Er ist niemals sicher, wem er trauen kann und wem nicht. Hier wird der Unterschied zum kindlichen Erzähler Huck deutlich. Es ist eben kein Abenteuer.

Jim hat sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht und untereinander unterhalten sich die Sklaven in fehlerfreiem Englisch. Nur in der Gegenwart von Weißen sprechen sie so, wie es von ihnen erwartet wird – fehlerhaft und nicht immer verständlich.

Die Geschichte ist natürlich vollständig erfunden und erscheint an manchen Stellen unlogisch und konstruiert. Aber das ist genau so gewollt, denn sie ist gleichzeitig auch als Satire zu verstehen, ebenso wie „Die Abenteuer des Huck Finn“ satirische Elemente enthält.

„James“ gibt allen Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen, eine Stimme. Somit ist es ein Roman, der zwar in der Vergangenheit spielt, aber große Bedeutung für unsere Gegenwart und Zukunft hat.

Das Buch ist ein literarisches Meisterwerk, denn es ist vielschichtig, mal lustig, mal klug, mal beängstigend und mal zum Nachdenken anregend. Es ist zu Recht mit dem Pulitzer Preis 2025 ausgezeichnet worden.

Percival Everett: „James“, Blessing Karl Verlag, 336 Seiten, ISBN 9783446279483, Preis: 26,00 Euro.

Die Taschenbuchausgabe (ISBN 9783896677730) für 14,00 Euro wird vom Verlag für den 10. September 2025 angekündigt.


Petra Nietsch über „Ein Mord im November“

Petra Nietsch über „Ein Mord im November“

Simon Mason: Ein Mord im November

Dies ist der erste Band einer neuen Krimi-Reihe, und man kann nur hoffen, dass auch die weiteren Bände ins Deutsche übersetzt werden. Schauplatz ist Oxford und allein diese Tatsache hat mich dazu bewogen, das Buch in die Hand zu nehmen. Und tatsächlich gelingt es dem Autor, die Stadt mit all ihren Traditionen und ihrem Charme für den Leser zum Leben zu erwecken.

Wir lernen ein Ermittlungsteam kennen, das unterschiedlicher nicht sein kann.

Ray stammt aus einer reichen nigerianischen Familie, ist in einem Nobelviertel in London aufgewachsen und hat seinen Studienabschluss am berühmten Balliol-College in Oxford gemacht. Er liebt es, sich gut zu kleiden.

Ryan hingegen trägt am liebsten Trainingshosen, eine Bomberjacke und ein Baseball-Cap. Er wuchs in ärmlichsten Verhältnissen in einem Trailer-Park am Stadtrand auf und litt unter seinem alkoholkranken Vater, der die Familie regelmäßig verprügelte. Ryan’s Wortwahl ist nicht immer druckreif und bei Befragungen verstößt er regelmäßig gegen den Polizei-Kodex.

Ray und Ryan haben jedoch zwei Gemeinsamkeiten: den gleichen Nachnamen, was immer wieder zu Verwechslungen führt und trotz unterschiedlicher Vorgehensweisen das gleiche Ziel, nämlich einen brutalen Mörder zu finden.

Ein junges Mädchen wird erwürgt im Arbeitszimmer von Sir James, dem Leiter von Barnabas Hall, einem der vielen Colleges in Oxford, gefunden. Die Identität des Opfers bleibt lange im Dunkeln, was die Arbeit  der beiden Ermittler erschwert und zu immer neuen Wendungen führt. So wird die Spannung für den Leser die ganze Zeit aufrechterhalten. Syrische Flüchtlinge und ein verschwundener Koran verleihen der Handlung zusätzlich eine gewisse politische Aktualität.

Aber jeder Roman lebt von seinen Charakteren. Und Ryan und Ray machen wirklich Spaß. Ryan hält Ray für einen Snob und Ray Ryan für einen Proll, aber trotz allem müssen sie zusammenarbeiten und so nach und nach kommen sie sich auch menschlich näher.

Mich hat dieser Krimi so in den Bann gezogen, dass ich ihn in wenigen Tagen verschlungen habe.

Simon Mason: „Ein Mord im November“, Goldmann TB, 395 Seiten, ISBN 9783442495641, Preis: 17,00 Euro.