Der Jugendliteraturpreis „Bad Harzburger Eselsohr“ geht 2026 an die Autorin Danae Lake für ihr Buch „Ganz aus Splittern“. Die zwölfköpfige Jury (je sechs Erwachsene und Jugendliche) aus Bad Harzburger Bürgern hat sich jetzt auf diesen Titel verständigt. Die feierliche Preisverleihung wird am Freitag, 2. Oktober, im Bündheimer Schloss stattfinden, bereits am Donnerstag, 1. Oktober, liest Danae Lake ab 19.00 Uhr in der BÜCHER-HEIMAT aus ihrem Roman.
Die Jury hat sich für diesen Titel entschieden, weil man sich gerade als Jugendlicher einerseits sehr gut in die Hauptfigur hineinversetzen kann, andererseits Lebenssituationen vorgestellt bekommt, von denen viele Jugendliche nichts mitbekommen. Die Geschichte transportiert viele wichtige Themen wie häusliche Gewalt, soziale Ungleichheit, Bildungsgerechtigkeit, aber auch Freundschaft und Zusammenhalt. Das Buch ist ein bemerkenswert konzipiertes Erstlingswerk einer jungen Autorin in einem altersgerechten, realistischen und flüssigen Schreibstil.
Das „Bad Harzburger Eselsohr“ wird seit 1989 alle zwei Jahre von der Stadt Bad Harzburg verliehen. Preistrophäe ist das „Bad Harzburger Eselsohr“ in Silber, entworfen und „PreisträgerIn-individuell“ in Handarbeit gefertigt von der Goldschmiedemeisterin Katrin Erben. Mit der Übernahme der Kosten unterstützt die Bad Harzburg-Stiftung seit Jahren den Jugendliteraturpreis.
Zusätzlich ist der Preis mit 2000 Euro dotiert. Mit dem Eselsohr sollen herausragende Werke der Jugendliteratur ausgezeichnet und auf Neuerscheinungen der Literatur für Jugendliche aufmerksam gemacht werden.
Zum Roman
„Ganz aus Splittern“ erzählt eine bewegende Geschichte um Liebe, Freundschaft und Familie: Die 16-jährige Chrissy lebt mit ihrer Mutter und ihrem gewalttätigen Stiefvater Marcel im „Problemkiez“ und träumt von einem besseren Leben. Mehr noch, sie tut etwas dafür, indem sie sich in der Schule anstrengt, um ein gutes Abitur zu machen. Eines Tages bietet ihr die Direktorin des Heinrich-Heine-Gymnasiums die Teilnahme an einer Studie an, die den Wechsel von Schülern aus Problemvierteln an Elitegymnasien untersucht.
Chrissy lehnt zunächst ab, will kein „Sozialexperiment“ sein. Doch dann eskaliert die Lage zu Hause und sie nimmt das Angebot an. Während sie sich am Elitegymnasium einlebt, Freundschaften schließt und sich verliebt, hinterfragt sie die mysteriöse Studie. Als Marcel das Geheimnis um den Schulwechsel enthüllt, nimmt das Unheil seinen Lauf…
Zur Autorin
Danae Lake, Jahrgang 2006, sucht schon früh nach Möglichkeiten, Gesehenes und Erlebtes in Worte und Bilder zu fassen. Neben der Schule nimmt sie Schauspielunterricht, spielt in einem mehrfach preisgekrönten Kurzfilm und veröffentlicht mit neunzehn ihren ersten Roman „Ganz aus Splittern“, eine bewegende Geschichte um Freundschaft, Liebe und familiäre Beziehungen, aber auch um soziale Ungleichheit und Gewalt. Sie lebt in einer deutschen Großstadt.
Donnerstag, 01. Oktober 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT, Telefon (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de
Henry Evans hat sich ein halbes Jahrhundert um den Rasen von Wimbledon gekümmert, dafür gesorgt, dass all die prominenten Tennisspielerinnen und Tennisspieler sich auf dem Grün der Courts von ihrer besten Seite zeigen konnten, der Ball perfekt absprang und der Rasen bis zum Finale auch durchhielt. Viele große Namen hatte er kommen und gehen, gewinnen und verlieren sehen, nur der eine Name war nie darunter, die eine Person, derentwegen Henry getreulich zwischen den weißen Linien und den grünen Halmen ausharrte, war nie aufgetaucht: Rose Blake, Tochter aus bestem Hause und Henrys einzige Liebe.
Ihr großer Wunsch war es gewesen einmal im Endspiel von Wimbledon selbst auf dem Rasen zu stehen. Alles begann kurz vor dem zweiten Weltkrieg auf dem Landgut der Blakes. Der dreizehnjährige, vom Leben nicht verwöhnte Henry, Sohn des zweiten Gärtners und die vierzehnjährige vorlaute Rose, Tochter des einflussreichen Sir Richard Blake und leidenschaftliche Tennisspielerin, treffen aufeinander. Zwei Menschen aus unterschiedlichen Welten, die zwei unbeschwerte Sommer lang ihre Träume von der Zukunft träumen, ehe die Gegenwart sie einholt.
Was bleiben wird sind die Plätze an der Church Road, auf denen einst alles möglich schien. Ein Rechteck aus akkuratem Achtmillimeterrasen, von dem aus Rose die Welt erobern wollte und der Ort, an dem Henry sich endlich gleichberechtigt fühlte.
Jane Crilly hat zwei Leben auf wunderbar leichte und literarisch ansprechenden Weise verbunden und wieder getrennt und in eine interessante Rahmenhandlung gebracht. Eine herrliche Sommerlektüre. Alle Leserinnen und Leser von „Offene See“ von Benjamin Myers dürften auch an „Der Gärtner von Wimbledon“ Spaß haben.
Lea Ypi: „Frei – Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“
Anfang der 1990er Jahre erklären Historiker das „Ende der Geschichte“ – als habe sich alles auf dieser Welt so ergeben, dass größere Verwerfungen nicht mehr möglich würden.
Lea Ypi lebt im (post)stalinistischen Albanien, ist zehn Jahre alt und erlebt, wie der Diktator Enver Hoxha im Wortsinn vom Sockel gestoßen wird, die neue Zeit beginnt: Hoffnungsvoll erwartet und enttäuschend in seiner kapitalistischen Härte.
Ypi erzählt die Geschichte ihrer Familie und reflektiert, was eigentlich „Freiheit“ bedeutet und ob das Alte vergeblich war und das Neue wunderbar sein wird. Schon bald zeigt sich in ihrer Familie, dass es keine schnellen Antworten gibt. Die Realität legt sich chaotisch über das Land.
Ypi, geboren 1979, ist Professorin für Politische Theorie und schreibt nicht professoral, sondern nahe, eingefühlt und auf milde Art ironisch. „Frei“ liest sich leicht und taucht unter die Oberflächen.
Im Rahmen der ökumenischen Friedensdekade 2026 lädt die pax christi-Gruppe Nordharz am Dienstag, 10. November 2026, um 19.00 Uhr zu einem Vortrag in die BÜCHER-HEIMAT ein: Prof. Dr. Kai Ambos (Göttingen) referiert zum Thema seines neuen Buches „Staatsräson nach Gaza. Das deutsch-israelische Verhältnis und das Völkerrecht“.
Welche Bedeutung hat das Völkerrecht angesichts zahlreicher aktueller Konflikte und Kriege? Dieser grundlegenden Fragestellung wird Prof. Dr. Kai Ambos anhand der Themenstellung seines aktuellen Buches, das im Mai 2026 im Campus Verlag erschienen ist, nachgehen. Nach dem Holocaust und der Frage der Lehren aus den historischen Erfahrungen pflegen Israel und Deutschland ein besonderes Verhältnis. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat 2008 gefolgert, Israels Sicherheit sei Teil deutscher Staatsräson.
Es stellt sich die Frage, ob daraus die bedingungslose Unterstützung Israels – auch in der Kriegsführung – folgt. Der Gaza-Krieg nach dem Massaker der Hamas im Oktober 2023 hat die Situation verschärft. Vor dem Hintergrund der Geltung des Völkerrechts wird Prof. Ambos verschiedene Aspekte des Themas beleuchten, z.B. Recht auf Verteidigung, Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen, Waffenlieferungen.
Zur Person:
Kai Ambos hat seit 2003 eine Professur für Straf- und Strafprozessrecht, Rechtsvergleichung, internationales Strafrecht und Völkerrecht an der Universität Göttingen. Seit 2017 ist er Richter am Kosovo Sondertribunal (Kosovo Specialist Chambers KSC) in Den Haag und Berater der kolumbianischen Sondergerichtsbarkeit für den Frieden. Er hat zahlreiche Publikationen in unterschiedlichen Sprachen zu juristischen Fragen verfasst, zuletzt: Staatsräson nach Gaza. Das deutsch-israelische Verhältnis und das Völkerrecht, Campus Verlag Mai 2026.
Andrea David ist als Filmtouristin unterwegs und bereist und fotografiert auf der ganzen Welt Landschaften, Städte und Gebäude, die in Filmen oder auch Musikvideos zu sehen sind. Vor Kurzem ist Teil zwei von „Szene für Szene die Welt entdecken“ erschienen und die Autorin nimmt uns mit nach Berlin, Paris, Notting Hill, Salzburg und Amsterdam, nach Neuseeland, Tunesien und Japan.
Und eben auch, jetzt wird es für Weihnachtsmärchenfreunde interessant, nach Moritzburg und auf das Schloss Moritzburg knappe zwanzig Kilometer nördlich von Dresden. Hier kann man auf der Schlosstreppe den Schuh von Aschenbrödel bestaunen und im Inneren wurden Szenen des Remakes von „Drei Engel für Charlie“ gedreht.
Die spannendste Entdeckung für mich ist der Strand von Freshwater West bei Pembrokeshire in Wales. Dort kann man das fiktive Grab des Haushelfen Dobby aus den Harry Potter Filmen besuchen. Der kleine Filmelf hat viele Fans und einige haben bunte Steine und tatsächlich Socken zu seinen Ehren dagelassen.
Da möchte ich ja spontan gleich hin, oder nach Tunesien. Indiana Jones und Krieg der Sterne schau ich gelegentlich auch gern und der Dghoumes National Park circa fünfhundert Kilometer südlich von Tunis war oft Kulisse für diese Reihen.
Dieser Roman hat seit seiner Veröffentlichung im April 2025 weltweit große Anerkennung erfahren. Im Juni dieses Jahres gewann Virginia Evans für ihr Erstlingswerk den Women’s Prize for Fiction, einer der renommiertesten Literaturpreise für Frauen.
Allein schon auf Grund des nur noch selten gewählten Formats ist „Die Briefeschreiberin“ ein außergewöhnliches Buch. Denn es besteht ausschließlich aus Briefen und gelegentlichen Emails, die die Ich-Erzählerin Sybil Van Antwerp an jeden schreibt, dem sie etwas mitzuteilen hat.
Dies sind neben Verwandten und Freunden u.a. auch bekannte Persönlichkeiten wie z.B. die Schriftstellerin Ann Patchett oder der Filmregisseur George Lucas. Wenn sie Antworten erhält, sind auch diese abgedruckt.
Mit Hilfe dieses Formats gelingt es Virginia Evans ein sehr genaues Charakterbild dieser Frau zu zeichnen. So habe ich als Leserin nicht nur wesentliche Daten und Ereignisse aus ihrem langen Leben erfahren, sondern sie als Mensch wirklich gut kennengelernt. Sie braucht feste Routinen, kann kratzbürstig, streitbar und auch belehrend sein, gleichzeitig ist sie aber hilfsbereit, warmherzig und großzügig.
Sybil ist 73 Jahre alt, als der Roman beginnt. Ihr Augenlicht wird immer schlechter und sie weiß, dass sie in einigen Jahren erblinden wird. Sie erkennt, dass sie bis dahin noch einiges, wie z.B. das schwierige Verhältnis zu ihren Kindern, klären muss.
Und dann ist da noch der eine Brief , an dem sie seit Jahrzehnten schreibt, aber den sie nie abgeschickt hat …
Ein wundervoller Roman, der nicht nur durch das ungewöhnliche Format besticht, sondern auch durch die gelungene Charakteristik eines ganz besonderen Menschen. Gleichzeitig ist er auch ein Plädoyer für die Kunst des Briefeschreibens, denn in einem Brief steckt so viel mehr als in einer Text- oder Sprachnachricht.
Seinen neuen Roman „Herz im Harz“ stellt Marco Rieck-Assmann am Donnerstag, 19. November 2026, in der BÜCHER-HEIMAT in Bad Harzburg vor.
Der Autor weiß, worüber er schreibt, denn er lebt mit seiner Familie und zwei Hunden im Harz und verbringt die Sommermonate regelmäßig auf der Insel Fehmarn. Zwischen Bergen und Meer, Waldwegen und Strand sammelt er Geschichten. Inspiriert von Begegnungen, Erinnerungen und besonderen Orten entstehen so Romane, die von Nähe, Sehnsucht und Neuanfängen erzählen.
Er schreibt für alle, die romantische Geschichten mögen. Für Leserinnen und Leser, die sich nach einem leichten Sommerroman sehnen oder nach Büchern, die sich anfühlen wie ein kleiner Kurzurlaub vom Alltag. Seine Geschichten wollen unterhalten, berühren und für ein paar Stunden in eine andere Welt entführen.
Mit seinem Debütroman „Sommerklang auf Fehmarn“ führt er auf die Ostseeinsel, die für ihn selbst ein Ort der Weite und des Durchatmens ist. Das Meer, das Licht und die besondere Sommerstimmung bilden den Rahmen für eine Liebesgeschichte über zweite Chancen.
Sein zweiter Roman „Herz im Harz“ ist in seiner Heimatregion angesiedelt. Der Harz mit seinen alten Bergstädten, dichten Wäldern und weiten Ausblicken wird hier zur Kulisse für eine Geschichte über Mut, Vertrauen und die Kraft der Liebe.
Zum Autor
Hauptberuflich ist Marco Rieck-Assmann Musiker, Zauberkünstler und Geschichtenerzähler. Seit über 25 Jahren steht er auf den Bühnen Europas. Diese Erfahrung prägt auch sein Schreiben: Er denkt in Szenen, hört den Rhythmus seiner Dialoge und weiß, wie wichtig Timing für Emotionen ist. Seit mehr als zehn Jahren betreibt er das Wunderkammer Theater in Lautenthal – einen Ort für Kultur, Begegnung und besondere Momente. Hier entstehen Programme, neue Ideen und manchmal auch die ersten Seiten neuer Romane.
Ob zwischen Harz und Ostsee oder zwischen Bühne und Buch – im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen immer die Geschichten und die Frage, was Menschen miteinander verbindet. So ist auch „Herz im Harz“ ein bewegender Harz-Roman über Liebe, Heimat und Neubeginn.
Inhaltsangabe „Herz im Harz“
Als Nina eine abgelegene Pension im Harz erbt, möchte sie eigentlich nur schnell verkaufen. Doch zwischen knarrenden Dielen, duftenden Kräutern, frischer Waldluft und alten Erinnerungen trifft sie ihren Jugendfreund Tim wieder. Während sie ihren eigenen Weg sucht, überschlagen sich die Ereignisse und Nina spürt, dass der Harz weit mehr ist als nur Wälder und Berge. Zwischen romantischen Aufbrüchen und chaotischen Missverständnissen ahnt sie nicht, dass dieser kurze Besuch im Harz ihr Leben für immer verändern könnte…
Donnerstag, 19. November 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT, Telefon (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de
Heiner Wilmer: Herzschlag, Etty Hillesum – eine Begegnung
„Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein“
Die niederländische Jüdin Etty Hillesum (1914 – 1943) kannte ich bis vor einigen Wochen gar nicht. Als mir aber dann diese Frau vier Mal in kürzester Zeit „begegnete“, schien es mir wie ein unüberhörbares Zeichen, dass ETTY m i c h wohl kennen lernen wollte!? Es gibt die Tagebücher, es gibt eine Hörspielfassung zu den Tagebüchern, nun auch eine Filmserie und es gibt dieses Buch.
Für mich begann alles zufällig mit jenem Radiointerview mit Heiner Wilmer, langjähriger Bischof des Bistums Hildesheim. Anlass des Interviews war die kürzliche Ausstrahlung der sechsteiligen ARTE-Serie ETTY. Da ich H. Wilmer als klugen und achtenswerten Katholiken schätze, horchte ich auf, als er nicht nur die Serie als absolut sehenswertes Muss anpries, sondern von seiner ganz eigenen „Begegnung“ mit Etty Hillesum erzählte, deren Namen er selber auch erst 2018 zufällig auf einem Stolperstein im „Garten der Gerechten der Menschheit von Rom“ entdeckte.
Er forschte nach, stieß so auf ihre Tagebücher. Die „Tagebücher eines „Mädchens, das nicht knien konnte“. Ich hörte daraufhin zunächst die sehr einfühlsame Hörspielreihe, sah dann die tatsächlich unglaublich gute (verstörend aktuelle) ETTY- Serie, las daraufhin erste originale Auszüge aus ihren Tagebüchern und erst zum Schluss Wilmers Buch HERZSCHLAG. Diese Reihenfolge meiner Begegnung mit Etty war für mich genau passend.
So lernte ich Etty zuerst als Frau, ganz Menschin kennen. Anfangs sehr verletzbar, oft psychisch instabil, außergewöhnlich klug, aber intellektuell in sich gefangen, kämpft sie sich widerständlerisch durch einen sie zunehmend überfordernden Alltag. Aber Etty hat Humor, und kann in guten Phasen durchaus lustvoll genießen. Sie teilt Tisch und Bett mit einem sehr viel älteren Mann, studiert, diskutiert, ist „das Mädchen, das nicht knien will“!
Etty sucht therapeutische Hilfe und verliebt sich in den ebenfalls viel älteren jüdischen Analytiker und Chirologen (Handlesewissenschaftler) Julius Spier. Ihm verschreibt sie fortan ihr Leben, unter seinem Schutzschirm reift und wächst ihre Metamorphose zur Mystikerin. Die zunehmenden NS-Repressalien und Verbote im Alltag jüdischer Menschen erlebt Etty als Herausforderung, denen sie sich nur unter Zwang beugt. Yogaübungen, Literaturstudien und ihr innerer Weg zu Gott aber verschaffen ihr letztlich die innere Freiheit zum Niederknien. Etty ist geerdet, widersteht allen Angeboten, der Deportation zu entkommen. Solidarisch mit ihrem „Volk“ geht sie die Wege mit, zunächst ins Durchgangslager Westerbork, dann ins KZ Auschwitz und dort am 30. November 1943 in den erwarteten eigenen Tod.
Heiner Wilmers HERZ SCHLÄGT für das intensive Gespräch mit jener Etty, die sich ganz der kraftspendenden spirituellen Suchbewegung hingibt, der sich Wilmer anschließt. Corona und der Lockdown durchkreuzen Anfang 2001 Wilmers Plan, klösterliche Einkehrtage in einer Trapistengemeinschaft in Orval zu verbringen. Spontan entscheidet er sich für Einzelexerzitien im eigenen Haus.
Ein karger Raum wird für acht Tage zur Klosterzelle. Stille und nur die TAGEBÜCHER der Etty Hillesum (Das denkende Herz der Baracke) werden ihn – fernab jeglicher Ablenkung von außen – begleiten. Eintauchen möchte er, sich ganz tief in das Leben dieser Frau versenken um ihr, ihrem Leben, ihrem Glück und ihrem Leiden nachzuspüren. Er hofft, ihre Verwandlung hin zu jener so menschlichen Mystikerin ganz unmittelbar und nur durch das Durchdringen ihrer Texte in sich erfahrbar werden zu lassen.
Diese Etty, die sehenden Auges das tiefste Leid der deportierten jüdischen Männer, Frauen und Kinder im Durchgangslager Westerbork mit ertrug. Etty, die letztendlich durch ihre schier unantastbare Liebe zum Leben und ihren Humor tatsächlich „das Pflaster auf vielen Wunden sein“ durfte. Etty Hillesums Weg, der sie trotz allem zur „innersten Ruhe“, zum „Allertiefsten und Allerreichsten“, resp. zu Gott führte – dieser Weg ist es, dem H.Wilmer bis nach Auschwitz nachgeht.
Es entsteht ein „tägliches Gespräch“ zwischen einem katholischen Bischof und einer jüdischen Frau – Ettys Tagebuch erzählt ihm ihre und die Geschichte ihrer Zeit. Wilmer liest, hört zu, lässt alles in sich wirken, fragt nach, fragt tiefer nach, versucht in Briefform wort- und bildreich zu ergründen, was er von Etty lernen darf. Genau dies wollte Etty, dass sie gehört werde und sie hoffte, dass einige Juden überleben mögen und erzählen und fragen und nachfragen … wie H. Wilmer.
Die lebendige Geschichte der Jüdin Etty Hillsum steht für mich stellvertretend für alle Entrechteten und Entwürdigten, nicht nur für die niederländischen Juden in der NS-Diktatur.
H. Wilmer: „Unter anderem habe ich von dir gelernt, wie die Macht des Humors wirkt, wie ich mit Hass umgehe, wie komplex Versöhnung ist, wie ich Halt finde in schwerer Zeit und mit meinen Ängsten umgehe, welcher Reichtum in meinem Inneren lebt, wie ich mich abhärte ohne mich zu verhärten, mich auf eine mögliche schwere Zeit vorbereite, wie ich aus mir herausgehe, wie ich mich selbst überschreite, wie wichtig es ist, ein Ohr für den Seufzer in der Nacht zu haben, einen Blick auf die aufgerissenen Herzen und für die Frage: Wie geht Gott? Wie geht Gebet?“
Ich bin keine Bischöfin und die – wenn auch zart gedachte – Sprachgewalt, in der H. Wilmer seine Begegnung mit Etty Hillesum niederschreibt, beeindruckt. In kleinen Sequenzen öffnet er sich unerwartet persönlich. Insgesamt: Hinter all seinen persönlichen „tausend Fragen“ zu Glauben, Theologie und eine daraus entstehende Identität stiftende mögliche Heilkraft, sehe ich jene Etty weniger ganzheitlich beschrieben, wie sie wirklich lebte, zweifelte, kämpfte und vor allem liebte.
Alles, was sich im Kopf staut, sagt S. ihr sinngemäß, muss in dein Herz wandern. Dass Ettys Weg zu GOTT nicht zuletzt erst aus Sehnsucht und konkret erlebter Begegnung zu diesem realen Menschen sinne-voll entdeckt und dann möglich wird, beschreibt m i r Wilmer dann aber doch zu sehr kopfbetont, er wird so zum Prediger. Ettys Verliebtsein und Begehren, ihre bedingungslos authentische und eben auch erotische Liebe zu e i n e m Menschen, zu „S.“ ist es doch, die ihren Herzschlag zunehmend auf GOTT hin einstellt. Sie weiß, dass sie S. letztlich wieder loslassen muss, um v i e l e n zusagen zu können: „Ich will das denkende Herz eines ganzen Konzentrationslagers sein.“
ETTYs Credo für mich: Wenn mensch bedingungslos liebt und sich lieben lassen kann: So geht Gott! So geht Gebet!
Meine Empfehlung:
HERZSCHLAG JA! Aber erst n a c h anderen „Begegnungen“ – wobei die ARTE-Serie ETTY ein MUSS ist!
Der Schriftsteller Steffen Kopetzky ist durch den Harz auf den Spuren von Heinrich Heine gewandert und schrieb darüber ein Buch. Eine Zugfahrt auf den Brocken mit der Harzer Schmalspurbahn.
Eine „Deutschlanderkundung“ mit Steffen Kopetzky
Zweihundert Jahre nach Heinrich Heines Harzreise macht sich Steffen Kopetzky, dessen Route folgend, auf durch eine faszinierende deutsche Seelenlandschaft: Im Harz spiegelt sich unser Land – er ist poetischer Märchenort und Brennpunkt der Klimakrise, offenbart historischen Reichtum, Strukturwandel und Armut, war geteilt zwischen Ost und West. Am Donnerstag, 22. Oktober 2026, um 19.00 Uhr liest Steffen Kopetzky in der BÜCHER-HEIMAT aus seinem Buch „Die Harzreise“.
Jener Streifen, der einst die Grenze war, ist heute als „Grünes Band“ einer der erfreulichsten Krafträume der Natur. Kopetzky stößt auf Erinnerungsorte unseres Landes, von Hexentanzplätzen am mythenumwobenen Brocken bis zu legendären Abhörstationen. Und entdeckt seine riesigen Potentiale. Er macht berührend menschliche Erfahrungen, sieht aber auch die Realität einer verunsicherten Gesellschaft, in der das «Deutschtum» neue Blüten treibt.
Mit dem Echolot des geschichtsbewussten Autors und der Offenheit des Wanderers erkundet Kopetzky nicht nur das so unbekannte eigene Land, sondern auch jenes Lebensgefühl, für das der Harz seit Heines Zeiten steht, eines Sehnsuchtsortes der Freiheit und der seelischen Erneuerung. Ein überraschendes, lebendig erzähltes Reiseabenteuer – und eine Deutschlanderkundung der besonderen Art.
Zum Autor
Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Hörspielen und Reisereportagen. Sein Roman „Monschau“ stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, ebenso wie „Risiko“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Zuletzt erschien der Roman „Atom“ (2025), über den Die Zeit schrieb: „Kopetzky zu lesen, macht Spaß. Er erzählt schmissig und doch präzise (…) Aktueller kann ein vermeintlich historischer Roman wirklich nicht sein.“ 2024 wurde Steffen Kopetzky mit dem Literaturpreis der Stahlstiftung geehrt. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen.
Donnerstag, 22. Oktober 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT, Telefon (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de
Dies ist der erste Roman, den ich in diesem Jahr gelesen habe, der mich wirklich gefesselt hat, und den ich nicht aus der Hand legen wollte. Aber als ich mich gefragt habe, warum er mir so gut gefällt, musste ich tatsächlich erst einmal ein wenig überlegen.
Ein Grund ist sicherlich die Tatsache, dass Lily King eine gute Schriftstellerin ist. Das wird u.a. daran deutlich, dass sie ihren Schreibstil dem Inhalt und den Gegebenheiten anpasst. Im ersten Teil, als die drei Protagonisten noch Studenten sind, ist die Sprache eine andere als später, wenn wir sie als Mitvierziger erleben. Zudem nimmt sie in der Mitte des Romans eine Art Perspektivwechsel vor, der in meinen Augen die besondere Gefühlslage unterstreicht, in der sich die Ich-Erzählerin befindet.
Inhaltlich geht es um Liebe, genau genommen um eine erste große Liebe, die nicht hält, die die Erzählerin in ihrem späteren Leben aber wieder einholt, zu einer Zeit als sie ihr Glück mit Mann, zwei Kindern und einem erfolgreichen Beruf gefunden hat. Es geht aber auch um die Erkenntnis , dass ein kurzer Moment, eine einzige Entscheidung, den weiteren Lebensweg unwiderruflich beeinflussen kann. Eine Thematik, die bekanntermaßen in Matt Haigs „Die Mitternachtsbibliothek“ eine zentrale Rolle spielt
Es wird aber nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, das würde für einen besonderen Roman nicht reichen. Es geht auch um die Frage, in wie weit Bücher uns in bestimmten Phasen unseres Lebens leiten. Sinngemäß sagt die Erzählerin, deren Namen übrigens erst ganz am Ende der Geschichte genannt wird, dass ein großartiger Roman nicht nur ein besonderes literarische Erlebnis vermittelt, sondern er auch die Art und Weise, wie man auf das eigene Leben blickt, verändert und verstärkt.
Im englischen Original liest sich das so:
“A great novel, a truly good one not only captures a particular literary experience, it alters and intensifies the way you experience your own life while reading it.”
Und genau dies ist der Autorin meines Erachtens ebenfalls gelungen: ihr Roman regt zum Nachdenken an.
Mir persönlich gefällt auch das Cover sehr gut. Es ist ausdrucksstark und stellt Bezüge zum Inhalt her.
Lily King ist in den USA eine anerkannte Schriftstellerin, die es verdient hat auch bei uns von einer größeren Leserschaft wahrgenommen zu werden.
Der Roman ist für den Women’s Prize for Fiction 2026 nominiert, einer der bedeutendsten Literaturpreise Großbritanniens.