Einladung zur „Harzreise“

Der Schriftsteller Steffen Kopetzky ist durch den Harz auf den Spuren von Heinrich Heine gewandert und schrieb darüber ein Buch. Eine Zugfahrt auf den Brocken mit der Harzer Schmalspurbahn.

Eine „Deutschlanderkundung“ mit Steffen Kopetzky

Zweihundert Jahre nach Heinrich Heines Harzreise macht sich Steffen Kopetzky, dessen Route folgend, auf durch eine faszinierende deutsche Seelenlandschaft: Im Harz spiegelt sich unser Land – er ist poetischer Märchenort und Brennpunkt der Klimakrise, offenbart historischen Reichtum, Strukturwandel und Armut, war geteilt zwischen Ost und West. Am Donnerstag, 22. Oktober 2026, um 19.00 Uhr liest Steffen Kopetzky in der BÜCHER-HEIMAT aus seinem Buch „Die Harzreise“.

Jener Streifen, der einst die Grenze war, ist heute als „Grünes Band“ einer der erfreulichsten Krafträume der Natur. Kopetzky stößt auf Erinnerungsorte unseres Landes, von Hexentanzplätzen am mythenumwobenen Brocken bis zu legendären Abhörstationen. Und entdeckt seine riesigen Potentiale. Er macht berührend menschliche Erfahrungen, sieht aber auch die Realität einer verunsicherten Gesellschaft, in der das «Deutschtum» neue Blüten treibt. 

Mit dem Echolot des geschichtsbewussten Autors und der Offenheit des Wanderers erkundet Kopetzky nicht nur das so unbekannte eigene Land, sondern auch jenes Lebensgefühl, für das der Harz seit Heines Zeiten steht, eines Sehnsuchtsortes der Freiheit und der seelischen Erneuerung. Ein überraschendes, lebendig erzähltes Reiseabenteuer – und eine Deutschlanderkundung der besonderen Art.

Zum Autor

Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Hörspielen und Reisereportagen. Sein Roman „Monschau“ stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, ebenso wie „Risiko“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Zuletzt erschien der Roman „Atom“ (2025), über den Die Zeit schrieb: „Kopetzky zu lesen, macht Spaß. Er erzählt schmissig und doch präzise (…) Aktueller kann ein vermeintlich historischer Roman wirklich nicht sein.“ 2024 wurde Steffen Kopetzky mit dem Literaturpreis der Stahlstiftung geehrt. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen.

Donnerstag, 22. Oktober 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon  (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Petra Nietsch über „Herz König“

Petra Nietsch über „Herz König“

Lily King: Herz König

Dies ist der erste Roman, den ich in diesem Jahr  gelesen habe, der mich wirklich gefesselt hat, und den ich nicht aus der Hand legen wollte. Aber als ich mich gefragt habe, warum er mir so gut gefällt, musste ich tatsächlich erst einmal ein wenig überlegen.

Ein Grund ist sicherlich die Tatsache, dass Lily King eine gute Schriftstellerin ist. Das wird u.a. daran deutlich, dass sie ihren Schreibstil dem Inhalt und den Gegebenheiten anpasst. Im ersten Teil, als die drei Protagonisten noch Studenten sind, ist die Sprache eine andere als später, wenn wir sie als Mitvierziger erleben. Zudem nimmt sie in der Mitte des Romans eine Art Perspektivwechsel vor, der in meinen Augen die besondere Gefühlslage unterstreicht, in der sich die Ich-Erzählerin befindet.

Inhaltlich geht es um Liebe, genau genommen um eine erste große Liebe, die nicht hält, die die Erzählerin in ihrem späteren Leben aber wieder einholt, zu einer Zeit als sie ihr Glück mit Mann, zwei Kindern und einem erfolgreichen Beruf gefunden hat. Es geht aber auch um die Erkenntnis , dass ein kurzer Moment, eine einzige Entscheidung, den weiteren Lebensweg unwiderruflich beeinflussen kann. Eine Thematik, die bekanntermaßen in Matt Haigs „Die Mitternachtsbibliothek“ eine zentrale Rolle spielt

Es wird aber nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, das würde für einen besonderen Roman nicht reichen. Es geht auch um die Frage, in wie weit Bücher uns in bestimmten Phasen unseres Lebens leiten. Sinngemäß sagt die Erzählerin, deren Namen übrigens erst ganz am Ende der Geschichte genannt wird, dass ein großartiger Roman nicht nur ein besonderes literarische Erlebnis vermittelt, sondern er auch die Art und Weise, wie man auf das eigene Leben blickt, verändert und verstärkt.

Im englischen Original liest sich das so:

“A great novel, a truly good one not only captures a particular literary experience, it alters and intensifies the way you experience your own life while reading it.”

Und genau dies ist der Autorin meines Erachtens ebenfalls gelungen: ihr Roman regt zum Nachdenken an.

Mir persönlich gefällt auch das Cover sehr gut. Es ist ausdrucksstark und stellt Bezüge zum Inhalt her.

Lily King ist in den USA eine anerkannte Schriftstellerin, die es verdient hat auch bei uns von einer größeren Leserschaft wahrgenommen zu werden.

Der Roman ist für den Women’s Prize for Fiction 2026 nominiert, einer der bedeutendsten Literaturpreise Großbritanniens.

Lily King: „Herz König”, C.H. Beck, 222 Seiten, ISBN 9783406848193, Preis: 24,00 Euro.

Die deutsche Ausgabe ist vorbestellbar, der Roman erscheint am 9. Juli 2026.


Hans Georg Ruhe über „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“

Hans Georg Ruhe über „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“

Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary

Nicht nur der Großschriftsteller Thomas Mann, Bruder Heinrich Mann, die Söhne Klaus und Golo Mann, Frau Katia Mann, Monika, Michael – alle aus der Familie Mann haben sie Bücher geschrieben und wurden berühmt. Die wissenschaftliche und literarische Ausschlachtung dieser Familie mit Genius-Gen hält an.

Jetzt also auch Florian Illies, der selber bekannt wurde durch seine „atmosphärischen Epochenerzählungen“. Eigentlich wollte ich das geschenkte Buch sofort weglegen und habe es dann doch zügig gelesen.

Illies hat ein Buch geschrieben, dass Zeitgeschichte geschickt mit Familiengeschichte verknüpft. Er beschränkt sich auf drei Monate in dem Riviera-Ort Sanary, der ersten Station des gemeinsamen Familien-Exils. Illies zeigt, wie schnell die Nationalsozialisten auch in den intellektuellen Kreisen zugeschlagen haben und die Manns im März 1933 nur mit Geschick Deutschland verlassen konnten. Thomas Mann war tief gekränkt, hielt er sich offenbar doch für die Inkarnation der deutschen Hochkultur.

Er, der Gottvater der Familie, wird gezeigt als verklemmter Egomane, Zauderer, als großbürgerlicher Patriarch und Hypochonder. Katia Mann steht bedingungslos zu ihrem „Thommy“. Gemeinsam sind sie stilvoll Elternpaar: schräg, verquer, selbstbewusst und befremdend ungerecht. Und die (erwachsenen) Kinder leiden, sie bewundern ihren „Zauberer“.

Das Leben spielt sich an einem Traumort ab: Wenn in Sanary die Sonne untergeht, geht mit ihr auch die großbürgerliche Epoche zugrunde – nur wissen es noch nicht alle.

Florian Illies schreibt mit sanftem Spott. Er schreibt informativ, unterhaltsam und erzählt vom aufkommenden Grauen im Plauderton.

Als Leser beginnt man in der Abendsonne zu frösteln.

Florian Illies: „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“, S. Fischer, 326 Seiten, ISBN 978-3-10-397192-7, Preis: 26,00 Euro.


Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Michael Connelly: Der Inselcop von L.A.

Sit back, Relax and Enjoy – Lehne dich zurück, Entspanne dich und Genieße!!!

Wenn Sie einen Roman suchen, um genau dies zu tun, dann sind Sie bei Michael Connelly genau richtig. Ich habe diesen vielschreibenden Krimi-Autor erst kürzlich entdeckt, und ich mag seine Art zu schreiben. Bekannt ist er durch Reihen wie „Der Lincoln-Lawyer“ und „Harry Bosch“ geworden, die beide auch als Fernseh-Serien verfilmt worden sind.

In diesem Kriminalroman wird eine neue Figur eingeführt: Detective Stilwell, der auf die idyllische Ferieninsel Santa Catalina Island, die vor der Küste von Los Angeles liegt, strafversetzt wurde. (Kleiner Fun Fact am Rande: die Insel gehörte von 1919 – 1975 der Familie Wrigley, deren Firma als weltweit größter Kaugummi-Produzent gilt.)

Zurück zum Roman: während Detective Stilwell zunächst nur kleinere Vergehen aufklären muss, wird eines Tages eine weibliche Unterwasserleiche im Hafen gefunden. Stilwell nimmt die Untersuchungen auf und erkennt sehr schnell Zusammenhänge mit anderen Straftaten auf der Insel. Er scheut sich nicht, Kompetenzen zu überschreiten und riskiert dadurch, noch mehr in Schwierigkeiten zu geraten.

Wie viele andere Autoren auch erfindet Connelly das Rad nicht neu. Aber gelegentlich ist es auch schön, sich von Büchern einfach nur unterhalten zu lassen, und deshalb hat mir dieser Krimi gefallen.

Was mir wie schon so oft nicht gefallen hat, ist der Titel der deutschen Übersetzung Der Inselcop von L.A. Der englische Titel Nightshade bedeutet Nachtschatten und bezieht sich auf die giftigen Nachtschattengewächse. Aus meiner Sicht steckt darin viel mehr Symbolik.

Michael Connelly: „Der Inselcop von L.A.“, Kampa, 384 Seiten, ISBN 9783311121121, Preis: 23,00 Euro.


Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie

Der Fernsehjournalist Arnd Henze hat mit diesem Buch ein im besten Sinne aufklärerisches Werk über die aktuelle Situation in den USA und die Rolle der religiösen Rechten vorgelegt. Dass das Thema nicht nur die USA angeht, sondern auch Europa und die ganze Welt lässt sich täglich an den Nachrichten ablesen.

Die Analyse des Denkens der unterschiedlichen Protagonisten des „Sadopopulismus“ (T. Snyder) von Pete Hegseth über Charlie Kirk bis zu J. D. Vance und deren Bedeutung für die Regierung von Präsident Donald Trump und dessen Erfolge wird anschaulich und gut lesbar beschrieben. Dabei wird die jüngste Entwicklung in das grundlegende Verhältnis von Religion und Politik in den USA eingeordnet. Und auch ein Vergleich – keine Gleichsetzung, sondern eine differenzierte Betrachtung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden – mit den Deutschen Christen im Nationalsozialismus hilft zum Verständnis.

In seinem Religionsverständnis orientiert Henze sich an Dietrich Bonhoeffer und seinem Diktum, in Notsituationen müsse die Kirche nicht nur den Bedrängten helfen, sondern auch dem „Rad in die Speichen fallen“, also dem Unrechtssystem widerstehen. Für die Situation in den USA zeigt Henze, wie wichtig gerade die Rolle der liberalen Kirchen etwa im Blick auf die Menschen ist, die von der Trumpschen Politik bedroht sind – aber auch wie heikel und schwierig. Er macht aber deutlich, dass deren Handeln zu den Hoffnungszeichen gehört.

Nebenbei: Persönlich fand ich es bei aller Zustimmung zu Henzes Standpunkt schade, dass er aus der in Anlehnung an Bonhoeffer geforderten strikten Trennung von Religion und Staat die Position des Soziologen Hartmut Rosa rundweg ablehnt. Ich hätte gerade die Debatte mit dessen These, dass die Demokratie Religion braucht und von ihr lernen könnte, spannend gefunden.

Basierend auf den eingehenden Analysen entwickelt Henze sowohl ein „Worst Case“ als auch ein „Best Case-Szenario“. Das nimmt einerseits die Gefahren für die US-amerikanische Demokratie und die Weltlage ernst, macht aber ebenso Hoffnung, dass noch nicht entschieden ist, wie die Entwicklung nach Trump weitergehen wird.

Es kommt auf die Menschen an – nicht nur in verantwortlichen Positionen, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger. Schon zu Beginn des Buches führt Henze in diesem Sinne ein älteres Zitat eines US-Bürgerrechtsaktivisten an: „Du findest die großartigsten Menschen genau dort, wo sich diese Gesellschaft von ihrer dunkelsten Seite zeigt.“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloher Verlagshaus 2026, ISBN 978-3579062020, 228 Seiten, 20,00 Euro.

Mit Mark Twain und Axel Gottschick auf Reisen

Tödlich für Vorurteile

„Reisen ist tödlich für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit, und viele unserer Leute brauchen sie dringend aus diesen Gründen. Breite, gesunde, wohltätige Ansichten über Menschen und Dinge können nicht erworben werden, indem man sein ganzes Leben lang in einer kleinen Ecke der Erde vegetiert.“

Der große US-Schriftsteller Mark Twain, aus dessen Feder das Zitat stammt, begab sich mehrfach auf Europareise und fasste seine Eindrücke humorvoll, bisweilen auch satirisch-bissig in mehreren Büchern wie „Die Arglosen im Ausland“ oder  „Bummel durch Europa“. Nicht zu vergessen der grandiose Aufsatz „The Awful German Language“ („Die schreckliche deutsche Sprache“).

Auf eine amüsante LeseReise mit Mark Twain lädt Reiseleiter Axel Gottschick am Freitag, 28. August 2026, um 19 Uhr in der BÜCHER-HEIMAT ein. Das romantische Heidelberg, das famose Studentenleben, Betrachtungen über die deutsche Sprache aus Sicht eines Amerikaners, eine abenteuerliche Exkursion in den Alpen, ein Ausflug nach Turin sind einige Stationen, die an diesem Abend literarisch angesteuert werden.

Die Reisebeschreibungen Twains, mögen vielleicht nicht so bekannt wie „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ sein, werden aber ebenso wie der Schlüsselroman amerikanischer Literatur um Tom Sawyer und Huckleberry Finn bis heute gern gelesen und von der Kritik gefeiert. Und dies sehr zu Recht. Die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Die unnachahmliche Mischung aus sprachlicher Finesse, witziger Analyse und historischer Weitsicht regt zu eigenen Entdeckungen an.“

Eine amüsante LeseReise mit Mark Twain,
Reiseleitung: Axel Gottschick.

Freitag, 28. August 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon  (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Markus Weber über „Mein Abschied“

Markus Weber über „Mein Abschied“

Christine Mann: Mein Abschied

Christine Mann, die Tochter von Werner Heisenberg und Ehefrau von Frido Mann, schreibt in dem Büchlein über ihre schwere Herzerkrankung, die Operation am offenen Herzen, den mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und die anschließende Zeit in einer Reha-Klinik. Es sind die Aufzeichnungen einer Frau, die trotz aller Schwäche und Krisen selbstbestimmt bleiben will. Die schweren Erkrankungen führten schließlich 2024 zu ihrem Tod.

Teilweise sehr nüchtern beschreibt Christine Mann die Erfahrungen und Krisen im Krankenhaus während der Corona-Zeit; es geht um mangelnde Betreuung durch Pflegepersonal und Ärzte, aber ebenso berichtet sie über liebevolle und professionelle Zuwendung auf anderen Stationen. Immer – und dann sehr emotional – ist präsent, dass es um Leben und Tod geht. Und Christine Mann erlebt Panik und Gottverlassenheit, die in kurzen, aber eindrücklichen Sequenzen zum Thema werden. Im Hintergrund steht immer auch die Frage, ob es angesichts der Schmerzen und des nahen Todes Hoffnung geben kann.

In der gesamten Zeit in Krankenhaus und Reha begleitet ihr Ehemann Frido sie liebevoll. Während Christines Bericht mit der Reha-Maßnahme endet, schreibt Frido auch über die anschließende Zeit bis zu ihrem Tod. Dabei stellt er seinem Nachwort ein Zitat seines Schwiegervaters Werner Heisenberg voran: „Man kann mit der Seele eines anderen Menschen mitschwingen wie mit der zentralen Ordnung.“

Mein Eindruck: Dieses Mitschwingen löst er in Handeln und Schreiben ein. Letzte Gespräche haben etwas von einer „Todesmeditation“. Trotz allem Zweifel und Erleben von Gottesferne bleibt dennoch ein Gottvertrauen.

Christine Mann: Mein Abschied. Mit einem Nachwort von Frido Mann und Zeichnungen von Fee Blumenthaler, Rubicon 2025, ISBN  978-3981957839, 128 Seiten, 18,00 Euro.

Der Blick bereits in 2027: „Mala Visión“

Pfad der Erkenntnis

Auf der Suche nach seinem Ex-Partner, der von einem Tag auf den nächsten nach Mexiko durchgebrannt ist, reist Rafa ans andere Ende der Welt. Die Spurensuche endet im dichten Wald vor Texcaltitla: mit Knochenbrüchen und dem Verlust seiner Brille, ohne die er aufgrund einer starken Sehschwäche so gut wie blind ist. Ein lebensgefährlicher Irrweg zurück in die Zivilisation beginnt.

Anhand des Phänomens Ghosting verhandelt Armin Wühle in „Mala Visión“ grundlegende Fragen über Beziehungen und Identität: Was bedeutet Treue? Wie gut kennen wir die Menschen, die uns nahestehen, wirklich? Und wie gut kennen wir uns selbst? Die Odyssee in der Wildnis wird zum Pfad der Erkenntnis – poetisch, abgründig, fesselnd.

Armin Wühle, geboren 1991, studierte am Hildesheimer Literaturinstitut und verfasst Prosa, Essays und Theaterstücke. Sein Debütroman „Getriebene“ erschien 2021, für sein Theaterstück „Rue d’Armenie“ gewann er 2025 den Dramatikpreis für Politik und Menschenrechte. „Mala Visión“ erscheint im März 2026 im Albino Verlag. Er lebt in Hannover.

Stimmen zum Roman:

„In der Mitte seines Lebens kommt ein Mann im Wald vom Weg ab und gerät für einige Tage in die Hölle. Klingt irgendwie nach Dante, ist aber Wühle. (…) Dieser Text ist mit so viel Tempo und Witz und Klugheit erzählt, er macht so traurig und so glücklich und so nachdenklich, dass ich ihm sehr viele Leser*innen wünsche.“
Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin

„Armin Wühle zeigt uns eine Gegenwart, in der der Fortschritt nur noch technisch ist, in der die emotionale und zwischenmenschliche Kommunikation ausstirbt.“
Volha Hapeyeva, Autorin

Donnerstag, 28. Januar 2027, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon  (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht

Im Mittelpunkt des Buches stehen Interviews mit sieben Überlebenden des Holocaust. Zwar erfährt man über ihr Schicksal auch, wie sie den Holocaust erlitten haben und überleben konnten. Vor allem aber werden sie befragt, wie sie unsere heutige Welt sehen und die weltweiten Gefährdungen von Demokratie und Menschenwürde einschätzen. Und was zu tun ist, damit die Welt lebenswert für alle Menschen bleibt.

Allen Zeitzeug*innen ist gemeinsam, dass sie erst sehr spät begonnen haben, über ihr Schicksal zu erzählen, dass sie dann aber – wie die inzwischen verstorbene Margot Friedländer – unermüdlich Zeugnis abgelegt haben, gerade im Gespräch mit jungen Menschen. Und sie warnen vor Gefahren zunehmenden Rassismus und Antisemitismus angesichts aktueller Entwicklungen: Was geschehen ist, kann wieder geschehen.

Die Herausgeber, der Regisseur Joachim A. Lang und der Historiker Thomas Weber, haben die Zeitzeug*innen für ein Filmprojekt über die Wirksamkeit der NS-Propaganda kennengelernt. Und sie waren zurecht der Meinung, dass deren Stimmen nicht verloren gehen dürfen.

Die Interviews werden durch einen längeren Text eingeleitet, in dem sie ihre Grundfrage erläutern, nämlich wie die Schrecken des NS möglich wurden, oder anders und grundsätzlicher ausgedrückt: „Wie kommt die Finsternis in die Welt? Aber auch: Wie kommt das Licht in die Welt zurück?“ Dabei unterstreichen sie die Bedeutung und Wirksamkeit von Erinnerung, nicht zuletzt aus der jüdisch-christlichen Tradition heraus. Abschließend fassen die beiden Autoren zusammen, welche Bedeutung die „Vision der Holocaustüberlebenden für die Zukunft der Demokratie“ hat.

Letztlich ist deren Zeugnis eine Botschaft an jede*n Einzelne*n – und: Erinnerung dient unserer Gegenwart und einer menschenwürdigen Zukunft.

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie, Herder-Verlag 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3451396670, 20,00 Euro.

Bettina Luis über „Vaim“

Bettina Luis über „Vaim“

Jon Fosse: Vaim

Warum mag ich Jon FOSSE so gerne lesen? Für mich gibt es mindestens vier Gründe: Zum einen sind da seine wie Musik dahinfließenden Endlossätze ohne Punkte, aber immerhin mit Kommata. Sie schwanken wie ein Boot bei allen Wettern auf dem tiefen Meer menschlicher Sprache. Als Leserin muss ich mich diesen Satzwellen überlassen, mich tragen lassen im wechselnden Takt der Wortfolgen, darf Rhythmus und Klang hinter der Sprache erfühlen.

Ja, das muss man mögen, diesen ganz besonderen Fosse-Schreibstil! 😉

Zum anderen, die Handlung kommt inhaltlich zwar immer voran, aber sehr, sehr langsam. So, wie die Wellen auf das Ufer treffen um gleich wieder in Unterströmung zurückgesogen zu werden und einen erneuten Anlauf nehmen, so lässt Fosse Gedanken und Ideen seiner Protagonisten plätschern: vorwärts, zurück, verwirbelt, wiederholend…:

“ … aber so konnten wir jedenfalls nicht stehen bleiben, denn jetzt standen wir schon länger dort, oder es fühlte sich an, als hätten wir schon sehr lang so gestanden, und da sie, Eline, zuerst etwas gesagt hatte, meinen Namen gesagt hatte, war ich jetzt wohl an der Reihe, und da Eline meinen Namen klar und deutlich gesagt hatte, war ich jetzt wohl damit dran, klar und deutlich ihren Namen zu sagen und ich nahm irgendwie meinen Mut zusammen und dann sagte ich klar und deutlich Eline und …“

Ja, das muss man mögen, derart auf dem Meer von Sprache inhaltlich zu schaukeln! 😉

Eingebunden in diese Szenarien sind immer passend Fosses nordische Charaktere – und das ist ein dritter Grund meiner Bewunderung. Deren tatsächliche Weisheit und Klugheit lebt gerne gut versteckt hinter einem Schleier aus Einfalt. Vor allem seine männlichen Protagonisten sind gerne wortkarge Einzelgänger, tüchtig in ihrer Arbeit, aber auch unbeholfen, schräg und tragisch-komisch. Fosses Frauenfiguren dagegen wirken wacher, zielstrebiger, offener und gerne auch schlauer. Trotz alter gelebter Rollenbilder, beherrschen sie das Leben und die Männer.

Ja, die Menschen muss man mögen, um Fosses zeitloses Theater gerne zu besuchen!

Auch Jon FOSSEs drei Männer in VAIM sind – und so erwarten wir es ja nun auch – wieder scheinbar gänzlich aus der Zeit geschossen: JATGEIR und OLAV, alias Frank, leben wenig spektakulär als Fischer an zwei Fjorden in Norwegen, lieben das Meer und vor allem ihre Boote. JatGeir hoffte dereinst auf seine einzige Jugendliebe ELINE. Sie heiratete aber Frank und zog fort, bevor die Sehnsucht ihr offenbart werden konnte. Seit dem Tag heißt sein Boot ELINE, ist seine Ersatzbraut. JatGeir hat einen Freund, ELIAS. Elias ist kein Fischer, irgendwie anders, schweigsam düster, sehr sensibel. Er wohnt in der Nähe, aber viel mehr verbindet beide scheinbar nicht, denn die Besuche sind extrem selten, doch sie brauchen nicht mehr, um sich Freunde zu nennen.

Eines Tages überrascht eine sehr bestimmende Eline JatGeir auf seinem Boot, überrumpelt und drängt ihn, sie aufzunehmen. JatGeir lässt es geschehen. Sie leben zusammen bis zu seinem Tod. In dieser Zeit gibt es noch weniger Kontakt zu Elias, der aber letztlich – im Tod vereint – neben JatGeir beerdigt wird. Eline „holt sich“ ganz schnell ihren ExMann Frank , eigentlich Olav, zurück, lebt mit ihm in JatGeiers Haus, stirbt, wird neben Elias begraben und lässt ihren eigentlichen Namen auf den Grabstein setzen. Frank kehrt letztlich als Olav in sein eigenes Haus an seinem Fjord zurück.

Ja, das muss man mögen, diese Einfachheit im Plot! Allerdings wurden hier bewusst einige (zuweilen wirklich komische) Überraschungen nicht vorab verraten: Was hat es mit dem schwarzen Garn und der einen Nadel auf sich? Was ist das Besondere an Elines Werdegang? 😉

Drei Kapitel, Drei Männer, drei Erzählperspektiven – eine ganz große FOSSE-WELT auf nur 156 Seiten!

Die Wesenheit, resp. Essenz großer Romankunst!

Jon Fosse: „Vaim“, Rowohlt Verlag, 160 Seiten, ISBN 9783498007812, Preis: 24,00 Euro.