Sonja Weber über „Über der Brandung“

Sonja Weber über „Über der Brandung“

Franziska Jebens: Über der Brandung

Ein Buch kann für mich zu einer Ruhezeit und einer Insel werden, eine ganz besonders erholsame war „Über der Brandung“ von Franziska Jebens, ihres Zeichens Autorin, Podcasterin und Weltenbummlerin. Ihr wohltuender Roman war eine angenehme Entspannung nach dem letzten trubeligen Wochenende und hat mich gedanklich zusammen mit der Protagonistin auf einer kleinen Kykladen-Insel zu mir selbst kommen lassen.

Die Geschichte ist herrlich undramatisch, bis auf einen heftigen Sommersturm geschieht nichts Bedrohliches, das Leben ist ruhig dort. Genau daran muss sich die aus Berlin kommende junge Frau erst einmal gewöhnen, ebenso daran, dass niemand sie nach dem Warum und Wieso ihrer Flucht auf dieses Eiland fragt.

Im Gegenteil scheint ihre Gastgeberin Hera schon alles über die neu Angekommene zu wissen. Nea, die Neue, wie sie dann auch nur noch genannt wird, lässt sich nach anfänglichem Zögern auf Heras Art das Leben zu leben ein. Sie findet ihre eigene Stärke in langen Wanderungen mit einer zahmen Ziege, bei Zusammenkünften mit anderen Frauen, in der Einsamkeit ihres neuen Zuhauses und in einer neuen Beziehung.

Nea lernt, die Welt zu vergessen, im Moment zu leben und zu vertrauen. Alles kann, nichts muss. Sie erkennt die Heilsamkeit von Gemeinschaft und Freude, die Wichtigkeit, Dinge zu machen, die guttun und den Schutz von Werten und Grenzen, die man für sich festlegt.

Die Insel, neue Freunde und eine nette Ziege machen aus einer an sich zweifelnden mutlosen Autorin, die nie wieder schreiben wollte, eine starke Frau mit starken Grundsätzen, eine Neue, die ihr Leben ohne Angst in die Hand nimmt. Eine, die nicht nur eine Idee davon hat, wie ihre Zukunft aussehen soll, sondern diese wahr werden lässt. Nea ist kein Spiel der Wellen mehr, sie lebt nun über der Brandung.

Franziska Jebens: „Über der Brandung“, Fischer Verlag, 352 Seiten, ISBN 9783758790362, Preis: 22,00 Euro.


Markus Weber über „Anton will bleiben“

Markus Weber über „Anton will bleiben“

Nelio Biedermann: Anton will bleiben

Wer möchte nicht, dass auch nach dem Tod etwas bleibt? Dass man nicht spurlos aus der Welt verschwindet?

Anton, der seit Jahren verwitwet ist, alleine lebt und nur mit wenigen Menschen Kontakt hat, erfährt von seinem Arzt, dass er nur noch eine kurze Lebensfrist hat. So macht er sich daran, in der verbleibenden Zeit etwas zu schaffen, das nicht vergehen kann. Er versucht, ein Buch zu schreiben, zu fotografieren und zu malen. Doch alles scheint ihm vergeblich.

Bei alldem begleitet ihn sein alter Freund Emil, der auch seine Geschichte aufzeichnet. An sein Küchenfenster kommen täglich eine Möwe und eine Taube, für die er sich verantwortlich fühlt. Und ganz unerwartet lernt er die junge Schauspielerin Katharina von gegenüber kennen, die ihn herausfordert; die beiden freunden sich an.

Katharinas Freund Konstantin formuliert schließlich, worum es im Leben geht, nämlich „nicht darum, seine Fähigkeiten zu nutzen, um in der Erinnerung Fremder zu bleiben. Es geht darum, sein Talent zu nutzen, um die eigene Welt zu einem klein wenig erträglicheren Ort zu machen.“

Und ist es nicht bedeutend, dass Anton sich als junger Mann dem Krieg verweigert hat, weil er nicht töten wollte? Und dass er viele Jahre mit seiner Frau glücklich zusammenleben konnte? Man muss also keine große Literatur oder Kunstwerke schaffen, um als Mensch Bedeutung zu haben.

Nelio Biedermann erzählt Antons Geschichte poetisch, mit philosophischem Gespür und feinem Humor. Ein ermutigender Roman!

Nelio Biedermann: Anton will bleiben. Roman, Rowohlt Taschenbuch 2. Aufl. 2026, ISBN 978-3499017223, 224 Seiten, 14,00 Euro

Sonja Weber über „Der Gärtner von Wimbledon“

Sonja Weber über „Der Gärtner von Wimbledon“

Jane Crilly: „Der Gärtner von Wimbledon“

Henry Evans hat sich ein halbes Jahrhundert um den Rasen von Wimbledon gekümmert, dafür gesorgt, dass all die prominenten Tennisspielerinnen und Tennisspieler sich auf dem Grün der Courts von ihrer besten Seite zeigen konnten, der Ball perfekt absprang und der Rasen bis zum Finale auch durchhielt. Viele große Namen hatte er kommen und gehen, gewinnen und verlieren sehen, nur der eine Name war nie darunter, die eine Person, derentwegen Henry getreulich zwischen den weißen Linien und den grünen Halmen ausharrte, war nie aufgetaucht: Rose Blake, Tochter aus bestem Hause und Henrys einzige Liebe.

Ihr großer Wunsch war es gewesen einmal im Endspiel von Wimbledon selbst auf dem Rasen zu stehen. Alles begann kurz vor dem zweiten Weltkrieg auf dem Landgut der Blakes. Der dreizehnjährige, vom Leben nicht verwöhnte Henry, Sohn des zweiten Gärtners und die vierzehnjährige vorlaute Rose, Tochter des einflussreichen Sir Richard Blake und leidenschaftliche Tennisspielerin, treffen aufeinander. Zwei Menschen aus unterschiedlichen Welten, die zwei unbeschwerte Sommer lang ihre Träume von der Zukunft träumen, ehe die Gegenwart sie einholt.

Was bleiben wird sind die Plätze an der Church Road, auf denen einst alles möglich schien. Ein Rechteck aus akkuratem Achtmillimeterrasen, von dem aus Rose die Welt erobern wollte und der Ort, an dem Henry sich endlich gleichberechtigt fühlte.

Jane Crilly hat zwei Leben auf wunderbar leichte und literarisch ansprechenden Weise verbunden und wieder getrennt und in eine interessante Rahmenhandlung gebracht. Eine herrliche Sommerlektüre. Alle Leserinnen und Leser von „Offene See“ von Benjamin Myers dürften auch an „Der Gärtner von Wimbledon“ Spaß haben.

Jane Crilly; „Der Gärtner von Wimbledon“, Kampa Verlag, 256 Seiten, ISBN 9778-3-311-15138-8, Preis: 14,00 Euro.


Sonja Weber über „Szene für Szene die Welt entdecken“

Sonja Weber über „Szene für Szene die Welt entdecken“

Andrea David: Szene für Szene die Welt entdecken

Andrea David ist als Filmtouristin unterwegs und bereist und fotografiert auf der ganzen Welt Landschaften, Städte und Gebäude, die in Filmen oder auch Musikvideos zu sehen sind. Vor Kurzem ist Teil zwei von „Szene für Szene die Welt entdecken“ erschienen und die Autorin nimmt uns mit nach Berlin, Paris, Notting Hill, Salzburg und Amsterdam, nach Neuseeland, Tunesien und Japan.

Und eben auch, jetzt wird es für Weihnachtsmärchenfreunde interessant, nach Moritzburg und auf das Schloss Moritzburg knappe zwanzig Kilometer nördlich von Dresden. Hier kann man auf der Schlosstreppe den Schuh von Aschenbrödel bestaunen und im Inneren wurden Szenen des Remakes von „Drei Engel für Charlie“ gedreht.

Die spannendste Entdeckung für mich ist der Strand von Freshwater West bei Pembrokeshire in Wales. Dort kann man das fiktive Grab des Haushelfen Dobby aus den Harry Potter Filmen besuchen. Der kleine Filmelf hat viele Fans und einige haben bunte Steine und tatsächlich Socken zu seinen Ehren dagelassen.

Da möchte ich ja spontan gleich hin, oder nach Tunesien. Indiana Jones und Krieg der Sterne schau ich gelegentlich auch gern und der Dghoumes National Park circa fünfhundert Kilometer südlich von Tunis war oft Kulisse für diese Reihen.

Andrea David: „Szene für Szene die Welt entdecken“, Bruckmann Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-7343-3266-1, Preis: 24,99 Euro.


Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie

Der Fernsehjournalist Arnd Henze hat mit diesem Buch ein im besten Sinne aufklärerisches Werk über die aktuelle Situation in den USA und die Rolle der religiösen Rechten vorgelegt. Dass das Thema nicht nur die USA angeht, sondern auch Europa und die ganze Welt lässt sich täglich an den Nachrichten ablesen.

Die Analyse des Denkens der unterschiedlichen Protagonisten des „Sadopopulismus“ (T. Snyder) von Pete Hegseth über Charlie Kirk bis zu J. D. Vance und deren Bedeutung für die Regierung von Präsident Donald Trump und dessen Erfolge wird anschaulich und gut lesbar beschrieben. Dabei wird die jüngste Entwicklung in das grundlegende Verhältnis von Religion und Politik in den USA eingeordnet. Und auch ein Vergleich – keine Gleichsetzung, sondern eine differenzierte Betrachtung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden – mit den Deutschen Christen im Nationalsozialismus hilft zum Verständnis.

In seinem Religionsverständnis orientiert Henze sich an Dietrich Bonhoeffer und seinem Diktum, in Notsituationen müsse die Kirche nicht nur den Bedrängten helfen, sondern auch dem „Rad in die Speichen fallen“, also dem Unrechtssystem widerstehen. Für die Situation in den USA zeigt Henze, wie wichtig gerade die Rolle der liberalen Kirchen etwa im Blick auf die Menschen ist, die von der Trumpschen Politik bedroht sind – aber auch wie heikel und schwierig. Er macht aber deutlich, dass deren Handeln zu den Hoffnungszeichen gehört.

Nebenbei: Persönlich fand ich es bei aller Zustimmung zu Henzes Standpunkt schade, dass er aus der in Anlehnung an Bonhoeffer geforderten strikten Trennung von Religion und Staat die Position des Soziologen Hartmut Rosa rundweg ablehnt. Ich hätte gerade die Debatte mit dessen These, dass die Demokratie Religion braucht und von ihr lernen könnte, spannend gefunden.

Basierend auf den eingehenden Analysen entwickelt Henze sowohl ein „Worst Case“ als auch ein „Best Case-Szenario“. Das nimmt einerseits die Gefahren für die US-amerikanische Demokratie und die Weltlage ernst, macht aber ebenso Hoffnung, dass noch nicht entschieden ist, wie die Entwicklung nach Trump weitergehen wird.

Es kommt auf die Menschen an – nicht nur in verantwortlichen Positionen, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger. Schon zu Beginn des Buches führt Henze in diesem Sinne ein älteres Zitat eines US-Bürgerrechtsaktivisten an: „Du findest die großartigsten Menschen genau dort, wo sich diese Gesellschaft von ihrer dunkelsten Seite zeigt.“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloher Verlagshaus 2026, ISBN 978-3579062020, 228 Seiten, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Mein Abschied“

Markus Weber über „Mein Abschied“

Christine Mann: Mein Abschied

Christine Mann, die Tochter von Werner Heisenberg und Ehefrau von Frido Mann, schreibt in dem Büchlein über ihre schwere Herzerkrankung, die Operation am offenen Herzen, den mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und die anschließende Zeit in einer Reha-Klinik. Es sind die Aufzeichnungen einer Frau, die trotz aller Schwäche und Krisen selbstbestimmt bleiben will. Die schweren Erkrankungen führten schließlich 2024 zu ihrem Tod.

Teilweise sehr nüchtern beschreibt Christine Mann die Erfahrungen und Krisen im Krankenhaus während der Corona-Zeit; es geht um mangelnde Betreuung durch Pflegepersonal und Ärzte, aber ebenso berichtet sie über liebevolle und professionelle Zuwendung auf anderen Stationen. Immer – und dann sehr emotional – ist präsent, dass es um Leben und Tod geht. Und Christine Mann erlebt Panik und Gottverlassenheit, die in kurzen, aber eindrücklichen Sequenzen zum Thema werden. Im Hintergrund steht immer auch die Frage, ob es angesichts der Schmerzen und des nahen Todes Hoffnung geben kann.

In der gesamten Zeit in Krankenhaus und Reha begleitet ihr Ehemann Frido sie liebevoll. Während Christines Bericht mit der Reha-Maßnahme endet, schreibt Frido auch über die anschließende Zeit bis zu ihrem Tod. Dabei stellt er seinem Nachwort ein Zitat seines Schwiegervaters Werner Heisenberg voran: „Man kann mit der Seele eines anderen Menschen mitschwingen wie mit der zentralen Ordnung.“

Mein Eindruck: Dieses Mitschwingen löst er in Handeln und Schreiben ein. Letzte Gespräche haben etwas von einer „Todesmeditation“. Trotz allem Zweifel und Erleben von Gottesferne bleibt dennoch ein Gottvertrauen.

Christine Mann: Mein Abschied. Mit einem Nachwort von Frido Mann und Zeichnungen von Fee Blumenthaler, Rubicon 2025, ISBN  978-3981957839, 128 Seiten, 18,00 Euro.

Markus Weber über „Auf den Straßen Teherans“

Markus Weber über „Auf den Straßen Teherans“

Nila: Auf den Straßen Teherans

Der gegenwärtige Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die öffentliche Aufmerksamkeit nun noch einmal in besonderer Weise auf das Land gelenkt. Anfang Januar 2026 hatte die Ermordung von Zehntausenden Demonstranten die Brutalität des Mullah-Regimes in Teheran gezeigt. Unabhängig davon, wie man den Krieg und die Frage bewertet, ob er die demokratische Opposition im Lande stärkt oder ihr schadet, hilft das Büchlein, die Hintergründe des Aufbegehrens der Frauen zu verstehen.

Nila, Pseudonym einer mutigen iranischen Frau, gibt Zeugnis davon, unter welchen Verhältnissen besonders die Frauen im Iran leiden und was sie bewegt, dagegen unter erheblichen persönlichen Risiken auf die Straßen zu gehen. Das Buch war schon 2023 auf Französisch und Englisch veröffentlicht worden, Anfang 2026 ist es nun – endlich! – auch auf Deutsch erhältlich. Es wird sehr eindrücklich und glaubwürdig geschildert, wie die Unterdrückung ausgeübt wird. So müssen die Familien der Opfer in manchen Fällen die Kugeln bezahlen, mit denen ihre Töchter von den Milizen erschossen wurden, um die Leichen bestatten zu können – ein unglaublicher Zynismus. Und eine Herausforderung für solidarisches Handeln andererseits.

Eingeflochten in die Darstellung der heutigen Situation sind Geschichten über die religiös begründete patriarchale Gewaltherrschaft, die nicht erst 1979 mit der sogenannten islamischen Revolution begann. Und es gibt alte Geschichten der Gegenwehr von Frauen, auf die sich die heutige Opposition bezieht. So kann das Verständnis für die Entwicklungen vertieft werden.

Und im Buch finde ich Sätze, die mich länger beschäftigen, die hängen bleiben: „Ohne Ziel vor Augen steige ich in die U-Bahn. Ich schwebe durch die Stadt wie in einem Traum, dessen Träumerin gestorben ist. Zwischen den Stationen starren die Menschen nur auf ihr eigenes Spiegelbild im Fenster des Waggons. Kein Wort wird gewechselt. Vollkommene Stille. Wie die Reaktion Gottes auf ihr Leid.“

Das Vorwort der Journalistin Natalie Amiri erinnert daran, wie wichtig es ist, sich für die Freiheit zu engagieren – auch bei uns. Erläuterungen zu einzelnen Personen und Ereignissen und eine Zeittafel zu den Jahren 2022/23 ergänzen den Text.

Nila: Auf den Straßen Teherans. Ein eindringliches Zeugnis der Revolution mit einem Vorwort von Natalie Amiri. Pfaueninsel 2026, ISBN 978-3691310085, 144 Seiten, 20,00 Euro.

Sonja Weber über „Das Jahr“

Sonja Weber über „Das Jahr“

Jonas Tjäder / Maja Knochenhauer: Das Jahr

Jonas Tjäders und Maja Knochenhauers neues Bilderbuch „Das Jahr“ ist für alle kleinen Menschen von vier bis sieben gedacht und alle Großen, die gerne mit Kindern Bücher anschauen.

Anhand einer Stadt, aufgeteilt in drei verschiedene Szenen und bevölkert von vielen Leuten, beschreiben die beiden jeden einzelnen Monat auf je einer Doppelseite. Ein Mehrfamilienhaus, eine Bücherei, die Bäckerei und das Sportgeschäft aus dem Januar trifft man im April, Juli und Oktober wieder. Was im Kindergarten und der Kirche los ist, entdeckt man Februar, Mai, August und November, die Schule, den Markt und ein Neubaugebiet bekommt man im März, Juni, September und Dezember zu sehen.

Die vielen, vielen kleinen Figuren, die jede Seite bevölkern, tummeln sich ebenfalls auf den Umschlaginnenseiten vorne und hinten. Einige von ihnen verstecken sich richtig gut im Buch und man hat lange zu suchen, andere haben ein paar Rätselaufgaben für alle Bilderbuchfans. Mit jeder Figur kann man das Jahr in einer individuellen Geschichte erleben.

Jonas Tjäder und Maja Knochenhauer haben ein kleines Universum erschaffen, in das man nach Lust und Laune eintauchen kann.

Jonas Tjäder / Maja Knochenhauer: „Das Jahr“, Oetinger Verlag, 32 Seiten, ISBN 978-3-7512-0785-0, Preis: 17,00 Euro.


Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

Simone de Beauvoir, eine der berühmtesten Frauenrechtlerinnen Europas, hat mit diesem Roman ein sehr persönliches – autofiktionales – Buch geschrieben. Für ihren langjährigen Lebensgefährten Jean-Paul Sartre war es zu persönlich. Deshalb war es zu ihren Lebzeiten nicht erschienen. Erst Simone de Beauvoirs Adoptivtochter, Sylvie Le Bon de Beauvoir, sorgte dafür, dass das Buch lange nach ihrem Tod 1986 erscheinen konnte. Eine gute Entscheidung, wie ich finde.

Simone de Beauvoir erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen zwei Freundinnen, die sich als 10-jährige am katholischen Mädcheninstitut kennenlernen. Es ist eine für mich fremde Welt, in der sich die Kinder Siezen müssen, wie es sich für das Bildungs- und Besitzbürgertum der damaligen französischen Gesellschaft so gehörte. Und trotz der herzlichen und langjährigen Freundschaft der beiden, die mit dem tragischen Tod der 22-jährigen Freundin Zaza (im Roman: Andrée) endet, bleibt das bis zum Schluss so. Für Simone (im Roman: Sylvie) ist es mehr als eine Mädchenfreundschaft.

Die Welt, in der die beiden Mädchen aufwachsen, ist geprägt von einem rigorosen Katholizismus, der Schuldgefühle einimpft, wann immer Regeln übertreten werden – und sei es in Gedanken. Und die Mädchen werden trotz ihrer hohen Bildung in Rollen gedrängt, was bei Sylvie früh eine Wut gegen die strengen Regeln und die Enge auslöst. Eine Wut, die Sylvies Tante sagen lässt, sie sei „vom Teufel besessen“. Und im Unterschied zu Andrée kommt Sylvie zu dem Schluss, einen solchen Gott, der sich gegen die Menschen stellt, könne und dürfe es nicht geben. Sylvie durchbricht die Erwartungen, während Andrée gegen ihre inneren Widerstände ankämpft und sich unterwirft, woran sie letztlich zerbricht.

Die Widmung des Romans an Zaza zeigt etwas, das den Roman durchzieht: Ein Verantwortungsgefühl für Zaza und ein Schuldgefühl, weil diese so früh sterben musste: „Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot ist oder weil ich lebe?“ Trotz dieser Schwere ist es ein schöner Roman über eine Freundschaft.

Sylvie Le Bon de Beauvoir hat dem Roman ein Vorwort vorangestellt. Und im Anhang geben bisher unveröffentlichte Bilder und Briefauszüge Einblicke in die Freundschaft von Simone und Zaza.

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen. Roman, Rowohlt Taschenbuch 2023, ISBN 978-3499005497, 144 Seiten, 14,00 Euro.

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit

Drei Generationen in einem Tal der Abruzzen sind mit einer Gewalttat verwoben, die 30 Jahre zurückliegt, auch die Nachgeborenen tragen daran. Niemand geht offen damit um. Dennoch, oder gerade deshalb, lastet die Gewalt auf allen in unterschiedlicher Weise: auf der jungen Studentin Amanda, auf ihrer Mutter und dem Großvater sowie den anderen Bewohnern des Tals.

Erst nach und nach stellt sich heraus, was geschehen ist und welche Rolle die Beteiligten spielen. Obwohl es untergründig immer um die erlittene Gewalt geht, wird diese nicht sensationsheischend dargestellt. So verschlossen wie die Menschen, aber auch sensibel und intensiv, habe ich die Sprache erlebt. Es geht langsam voran. In die Auseinandersetzungen mischen sich aktuelle Pläne eines Investors zum Grundstück der Familie am Dentro del Lupo, dem „Wolfszahn“. Die Interessen der Generationen treffen aufeinander.

Für mich war besonders die Darstellung der Beziehung zwischen Amanda und ihrer Mutter interessant. Wie wird mit den traditionellen Erwartungen umgegangen? Wie können die Frauen ihren eigenen Weg finden? Wie weit darf die Mutter sich in das Leben ihrer Tochter einmischen – gerade in der Sorge um deren Zukunft einerseits und deren Recht auf freie Entfaltung andererseits? Und bei aller Gewalterfahrung: Es bleibt letztlich die Frage, ob die Wunden heilen können.

Donatella di Pietrantonio wurde 2024 für ihren Roman mit dem Premio Strega, einem der höchsten italienischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit. Roman, Verlag Antje Kunstmann 2024, 237 Seiten, ISBN 978-3956146213, 22,00 Euro.