Sonja Weber über „Der Gärtner von Wimbledon“

Sonja Weber über „Der Gärtner von Wimbledon“

Jane Crilly: „Der Gärtner von Wimbledon“

Henry Evans hat sich ein halbes Jahrhundert um den Rasen von Wimbledon gekümmert, dafür gesorgt, dass all die prominenten Tennisspielerinnen und Tennisspieler sich auf dem Grün der Courts von ihrer besten Seite zeigen konnten, der Ball perfekt absprang und der Rasen bis zum Finale auch durchhielt. Viele große Namen hatte er kommen und gehen, gewinnen und verlieren sehen, nur der eine Name war nie darunter, die eine Person, derentwegen Henry getreulich zwischen den weißen Linien und den grünen Halmen ausharrte, war nie aufgetaucht: Rose Blake, Tochter aus bestem Hause und Henrys einzige Liebe.

Ihr großer Wunsch war es gewesen einmal im Endspiel von Wimbledon selbst auf dem Rasen zu stehen. Alles begann kurz vor dem zweiten Weltkrieg auf dem Landgut der Blakes. Der dreizehnjährige, vom Leben nicht verwöhnte Henry, Sohn des zweiten Gärtners und die vierzehnjährige vorlaute Rose, Tochter des einflussreichen Sir Richard Blake und leidenschaftliche Tennisspielerin, treffen aufeinander. Zwei Menschen aus unterschiedlichen Welten, die zwei unbeschwerte Sommer lang ihre Träume von der Zukunft träumen, ehe die Gegenwart sie einholt.

Was bleiben wird sind die Plätze an der Church Road, auf denen einst alles möglich schien. Ein Rechteck aus akkuratem Achtmillimeterrasen, von dem aus Rose die Welt erobern wollte und der Ort, an dem Henry sich endlich gleichberechtigt fühlte.

Jane Crilly hat zwei Leben auf wunderbar leichte und literarisch ansprechenden Weise verbunden und wieder getrennt und in eine interessante Rahmenhandlung gebracht. Eine herrliche Sommerlektüre. Alle Leserinnen und Leser von „Offene See“ von Benjamin Myers dürften auch an „Der Gärtner von Wimbledon“ Spaß haben.

Jane Crilly; „Der Gärtner von Wimbledon“, Kampa Verlag, 256 Seiten, ISBN 9778-3-311-15138-8, Preis: 14,00 Euro.


Petra Nietsch über „Die Namen“

Petra Nietsch über „Die Namen“

Florence Knapp: Die Namen

Was für ein Geschenk, dass wir uns im großen Team der Bücher-Heimat immer wieder regelmäßig über Gelesenes austauschen. Dieses Mal hat unsere Auszubildende Thea mir diesen Roman empfohlen, und vier Tage später hatte ich ihn bereits ausgelesen. Es lässt sich also als erstes festhalten, dass das Buch für jede Altersklasse eine Empfehlung ist.

„What’s in a name? “ lässt bereits Shakespeare Julia ihren Romeo fragen. Und um diese Frage geht es auch in dieser Geschichte. Kann der eigene Name unseren Charakter, unser Tun und Handeln und unsere Entscheidungen beeinflussen? Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die versuchen, das zu beweisen.

Aber schauen wir auf den Debut-Roman von Florence Knapp. Eine Junge, drei Namen, drei Lebenswege.
Im Oktober 1987 hat Cora, die  in einer unglücklichen Ehe mit einem gewalttätigen Mann gefangen ist, ihr zweites Kind geboren. Als sie mit ihrer Tochter Maia auf dem Weg zum Standesamt ist, um ihren Sohn anzumelden, sprechen sie über Namen. Während Coras Mann erwartet, dass sein Sohn aus langer Tradition heraus Gordon genannt werden muss, bevorzugt sie Julian, was laut ihrem Namensbuch „Himmelsvater“ bedeutet. Maia schlägt Bear vor, denn für sie sind Bären weich, verschmust und freundlich, aber auch mutig und stark.

Nun beginnt ein spannendes Gedankenexperiment, denn Knapp entwickelt drei unterschiedliche, parallel verlaufene Handlungsstränge. Die Geschichte erstreckt sich über 35 Jahre und zwischen jedem Abschnitt liegen 7 Jahre. Bear, Julian und Gordon wachsen also in der Zeit zu erwachsenen Männern heran. Diese klare Struktur und die Tatsache, dass die wichtigsten Charaktere Teil aller Lebensgeschichten sind, erleichtert das Verständnis beim Lesen.

Ein fesselnder Roman, der Antworten gibt, aber genauso viel Fragen aufwirft.

Florence Knapp: „Die Namen“, Eichborn Verlag, 352 Seiten, ISBN 9783847902294, Preis: 24,00 Euro.


Sonja Weber über „Szene für Szene die Welt entdecken“

Sonja Weber über „Szene für Szene die Welt entdecken“

Andrea David: Szene für Szene die Welt entdecken

Andrea David ist als Filmtouristin unterwegs und bereist und fotografiert auf der ganzen Welt Landschaften, Städte und Gebäude, die in Filmen oder auch Musikvideos zu sehen sind. Vor Kurzem ist Teil zwei von „Szene für Szene die Welt entdecken“ erschienen und die Autorin nimmt uns mit nach Berlin, Paris, Notting Hill, Salzburg und Amsterdam, nach Neuseeland, Tunesien und Japan.

Und eben auch, jetzt wird es für Weihnachtsmärchenfreunde interessant, nach Moritzburg und auf das Schloss Moritzburg knappe zwanzig Kilometer nördlich von Dresden. Hier kann man auf der Schlosstreppe den Schuh von Aschenbrödel bestaunen und im Inneren wurden Szenen des Remakes von „Drei Engel für Charlie“ gedreht.

Die spannendste Entdeckung für mich ist der Strand von Freshwater West bei Pembrokeshire in Wales. Dort kann man das fiktive Grab des Haushelfen Dobby aus den Harry Potter Filmen besuchen. Der kleine Filmelf hat viele Fans und einige haben bunte Steine und tatsächlich Socken zu seinen Ehren dagelassen.

Da möchte ich ja spontan gleich hin, oder nach Tunesien. Indiana Jones und Krieg der Sterne schau ich gelegentlich auch gern und der Dghoumes National Park circa fünfhundert Kilometer südlich von Tunis war oft Kulisse für diese Reihen.

Andrea David: „Szene für Szene die Welt entdecken“, Bruckmann Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-7343-3266-1, Preis: 24,99 Euro.


Petra Nietsch über „Die Briefeschreiberin“

Petra Nietsch über „Die Briefeschreiberin“

Virginia Evans: Die Briefeschreiberin

Dieser Roman hat seit seiner Veröffentlichung im April 2025 weltweit große Anerkennung erfahren. Im Juni dieses Jahres gewann Virginia Evans für ihr Erstlingswerk den Women’s Prize for Fiction, einer der renommiertesten Literaturpreise für Frauen.

Allein schon auf Grund des nur noch selten gewählten Formats ist „Die Briefeschreiberin“ ein außergewöhnliches Buch. Denn es besteht ausschließlich aus Briefen und gelegentlichen Emails, die die Ich-Erzählerin Sybil Van Antwerp an jeden schreibt, dem sie etwas mitzuteilen hat.

Dies sind neben Verwandten und Freunden u.a. auch bekannte Persönlichkeiten wie z.B. die Schriftstellerin Ann Patchett oder der Filmregisseur George Lucas. Wenn sie Antworten erhält, sind auch diese abgedruckt.

Mit Hilfe dieses Formats gelingt es Virginia Evans ein sehr genaues Charakterbild dieser Frau zu zeichnen. So habe ich als Leserin nicht nur wesentliche Daten und Ereignisse aus ihrem langen Leben erfahren, sondern sie als Mensch wirklich gut kennengelernt. Sie braucht feste Routinen, kann kratzbürstig, streitbar und auch belehrend sein, gleichzeitig ist sie aber hilfsbereit, warmherzig und großzügig.

Sybil ist 73 Jahre alt, als der Roman beginnt. Ihr Augenlicht wird immer schlechter und sie weiß, dass sie in einigen Jahren erblinden wird. Sie erkennt, dass sie bis dahin noch einiges, wie z.B. das schwierige Verhältnis zu ihren Kindern, klären muss.

Und dann ist da noch der eine Brief , an dem sie seit Jahrzehnten schreibt, aber den sie nie abgeschickt hat …

Ein wundervoller Roman, der nicht nur durch das ungewöhnliche Format besticht, sondern auch durch die gelungene Charakteristik eines ganz besonderen Menschen. Gleichzeitig ist er auch ein Plädoyer für die Kunst des Briefeschreibens, denn in einem Brief steckt so viel mehr als in einer Text- oder Sprachnachricht.

Virginia Evans: „Die Briefeschreiberin“, Goldmann, 384 Seiten, ISBN 9783442317844, Preis: 24,00 Euro.


Petra Nietsch über „Herz König“

Petra Nietsch über „Herz König“

Lily King: Herz König

Dies ist der erste Roman, den ich in diesem Jahr  gelesen habe, der mich wirklich gefesselt hat, und den ich nicht aus der Hand legen wollte. Aber als ich mich gefragt habe, warum er mir so gut gefällt, musste ich tatsächlich erst einmal ein wenig überlegen.

Ein Grund ist sicherlich die Tatsache, dass Lily King eine gute Schriftstellerin ist. Das wird u.a. daran deutlich, dass sie ihren Schreibstil dem Inhalt und den Gegebenheiten anpasst. Im ersten Teil, als die drei Protagonisten noch Studenten sind, ist die Sprache eine andere als später, wenn wir sie als Mitvierziger erleben. Zudem nimmt sie in der Mitte des Romans eine Art Perspektivwechsel vor, der in meinen Augen die besondere Gefühlslage unterstreicht, in der sich die Ich-Erzählerin befindet.

Inhaltlich geht es um Liebe, genau genommen um eine erste große Liebe, die nicht hält, die die Erzählerin in ihrem späteren Leben aber wieder einholt, zu einer Zeit als sie ihr Glück mit Mann, zwei Kindern und einem erfolgreichen Beruf gefunden hat. Es geht aber auch um die Erkenntnis , dass ein kurzer Moment, eine einzige Entscheidung, den weiteren Lebensweg unwiderruflich beeinflussen kann. Eine Thematik, die bekanntermaßen in Matt Haigs „Die Mitternachtsbibliothek“ eine zentrale Rolle spielt

Es wird aber nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, das würde für einen besonderen Roman nicht reichen. Es geht auch um die Frage, in wie weit Bücher uns in bestimmten Phasen unseres Lebens leiten. Sinngemäß sagt die Erzählerin, deren Namen übrigens erst ganz am Ende der Geschichte genannt wird, dass ein großartiger Roman nicht nur ein besonderes literarische Erlebnis vermittelt, sondern er auch die Art und Weise, wie man auf das eigene Leben blickt, verändert und verstärkt.

Im englischen Original liest sich das so:

“A great novel, a truly good one not only captures a particular literary experience, it alters and intensifies the way you experience your own life while reading it.”

Und genau dies ist der Autorin meines Erachtens ebenfalls gelungen: ihr Roman regt zum Nachdenken an.

Mir persönlich gefällt auch das Cover sehr gut. Es ist ausdrucksstark und stellt Bezüge zum Inhalt her.

Lily King ist in den USA eine anerkannte Schriftstellerin, die es verdient hat auch bei uns von einer größeren Leserschaft wahrgenommen zu werden.

Der Roman ist für den Women’s Prize for Fiction 2026 nominiert, einer der bedeutendsten Literaturpreise Großbritanniens.

Lily King: „Herz König”, C.H. Beck, 222 Seiten, ISBN 9783406848193, Preis: 24,00 Euro.

Die deutsche Ausgabe ist vorbestellbar, der Roman erscheint am 9. Juli 2026.


Hans Georg Ruhe über „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“

Hans Georg Ruhe über „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“

Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary

Nicht nur der Großschriftsteller Thomas Mann, Bruder Heinrich Mann, die Söhne Klaus und Golo Mann, Frau Katia Mann, Monika, Michael – alle aus der Familie Mann haben sie Bücher geschrieben und wurden berühmt. Die wissenschaftliche und literarische Ausschlachtung dieser Familie mit Genius-Gen hält an.

Jetzt also auch Florian Illies, der selber bekannt wurde durch seine „atmosphärischen Epochenerzählungen“. Eigentlich wollte ich das geschenkte Buch sofort weglegen und habe es dann doch zügig gelesen.

Illies hat ein Buch geschrieben, dass Zeitgeschichte geschickt mit Familiengeschichte verknüpft. Er beschränkt sich auf drei Monate in dem Riviera-Ort Sanary, der ersten Station des gemeinsamen Familien-Exils. Illies zeigt, wie schnell die Nationalsozialisten auch in den intellektuellen Kreisen zugeschlagen haben und die Manns im März 1933 nur mit Geschick Deutschland verlassen konnten. Thomas Mann war tief gekränkt, hielt er sich offenbar doch für die Inkarnation der deutschen Hochkultur.

Er, der Gottvater der Familie, wird gezeigt als verklemmter Egomane, Zauderer, als großbürgerlicher Patriarch und Hypochonder. Katia Mann steht bedingungslos zu ihrem „Thommy“. Gemeinsam sind sie stilvoll Elternpaar: schräg, verquer, selbstbewusst und befremdend ungerecht. Und die (erwachsenen) Kinder leiden, sie bewundern ihren „Zauberer“.

Das Leben spielt sich an einem Traumort ab: Wenn in Sanary die Sonne untergeht, geht mit ihr auch die großbürgerliche Epoche zugrunde – nur wissen es noch nicht alle.

Florian Illies schreibt mit sanftem Spott. Er schreibt informativ, unterhaltsam und erzählt vom aufkommenden Grauen im Plauderton.

Als Leser beginnt man in der Abendsonne zu frösteln.

Florian Illies: „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“, S. Fischer, 326 Seiten, ISBN 978-3-10-397192-7, Preis: 26,00 Euro.


Bettina Luis über „Das gute Übel“

Bettina Luis über „Das gute Übel“

Samantah Schweblin: Das gute Übel

Cover Das gute Übel Schweblin

In Spanien wurde 2026 erstmalig der sehr hochdotierte AENA-Literaturpreis vergeben. Die Auszeichnung erhielt die 1978 in Buenos Aires/Argentinien geborene Autorin SAMANTHA SCHWEBLIN. Das mit dem Preis verbundene Preisgeld von 1 MIO Euro ist nicht unumstritten. Stammt das Geld doch von der gleichnamigen Fluggesellschaft…

Die im Suhrkamp Verlag erschienene Erzählsammlung DAS GUTE ÜBEL (El BUEN MAL) wurde 2025 immerhin zum besten spanischsprachigen Buch erklärt.

Ich habe angesichts der immensen Summe allerdings auch gestutzt und wollte dem „Besonderen“ in dem Buch unbedingt nachspüren, ohne natürlich letztlich ein Urteil über dessen „Preiswürdigkeit“ zu fällen. „Kunst liegt bekanntlich im Auge des Betrachters“, heißt es. Gleiches gilt m.E. auch für Literatur und jede Rezension bleibt subjektiv. So las ich DAS GUTE ÜBEL unter genau dieser Fragestellung: Möchte ich es anderen Lesern empfehlen und wenn ja, warum?

Soviel vorab: Ich mag skurrile und befremdliche Literatur und lasse mich gerne ein auf Texte, die durchaus auch surreal und/oder sprachlich irritierend sein dürfen. Diese Vorlieben bedient SCHWEBLIN in den sechs Erzählungen durchaus. Es gibt verbindende Themen, allerdings steht jede Geschichte für sich. „Bilder“ erscheinen, sind düster gefärbt, morbide, z.T. auch abstoßend:

Eine Frau beschreibt detailliert ihr freiwilliges Ertrinken und erkennt dann neue Nähe, („Willkommen im Club“).

Eine andere Mutter ertrinkt in ihrer langjährigen Trauer um den kleinen Sohn, den nun ein geschundenes Pferd der Freundin ersetzen soll, („Ein fabelhaftes Tier“).

Eine ungewöhnliche Geburtstagsparty in einem Studentenzimmer wird durch einen vergifteten Kater in ziemlich unheimlicher Art aufgelöst. Wie fühlt es sich an, verrückt zu werden? („William am Fenster“).

In „Das Auge in der Kehle“ verunfallt ein Kleinkind, weil für den Bruchteil einer Sekunde der Vater abwesend war. Das Kind wird durch eine Tracheotomie („Das Auge in der Kehle“) zwar gerettet, bleibt aber seitdem stumm. Seine Eltern versinken in seltsam „schützende“ Schuldgefühle.

„Die Frau aus Atlántida“ verwahrlost zunehmend – heimlich nehmen sich einzig zwei Mädchen immer nachts ihrer pflegend an.

In der letzten Geschichte wird eine verwirrte Greisin aufgegriffen. Ihr höflicher Sohn entpuppt sich allerdings letztlich als Psychopath. („Der Allmächtige macht einen Besuch“).

Die Zumutung dieser Lektüre liegt zum einen sicher darin, sich dem Horror im Chaos menschlicher Urgründe auszusetzen. Besonders schwer zu ertragen ist dabei das gesellschaftliche „Ausblenden“ psychosozialer Nöte, das SCHWEBLIN in ihren Texten exemplarisch sehr bildhaft vorstellt und offensichtlich anprangert.  Dem „Übel“ gegenüber stellt sie jedoch auch das unscheinbare „kleine Gute“, das in Form von menschlicher Nähe, Fürsorge, Freundschaft, … durchschimmert. Das „Gute“ liegt versunken im „Übel“, es scheint ertrunken, untergegangen im überschwemmt Werden von erstickenden Ereignissen.

Sprachlich erlebe ich die Erzählungen als ausgesprochen lebendig – also gewollt konträr zur inhaltlich düsteren Atmosphäre. Innere Monologe und kurzweilige äußere Dialoge passen sich dem wiederkehrenden Thema WASSER mal fließend, mal stürmisch an. Bildreiche Formulierungen garantieren: Viel Raum für Phantasien und damit:  Keine Langeweile auf 190 Seiten!

Möchte ich also DAS GUTE ÜBEL anderen LeserInnen empfehlen? JA, wenn folgende Vorlieben geteilt werden: Die Liebe zur Kurzgeschichte, die Spannung eines Krimis, kunstvolle psychopathisch detaillierte Phantasiebeschreibungen, surreale (Traum)Welten, offene Enden… u.a.m. Dann findet man sich als LeserIn ungeschützt wieder inmitten eigener aktueller Sozialdramen und lässt sich bestenfalls ein auf das Finden von jenem Not-wendigem GUTEN im ÜBEL der eigenen Gegenwart. Oder denkt zumindest mal darüber nach!

Samantah Schweblin: „Das gute Übel“, Suhrkamp, 189 Seiten, ISBN 9783518431382, Preis: 25,00 Euro.


Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Petra Nietsch über „Der Inselcop von L.A.“

Michael Connelly: Der Inselcop von L.A.

Sit back, Relax and Enjoy – Lehne dich zurück, Entspanne dich und Genieße!!!

Wenn Sie einen Roman suchen, um genau dies zu tun, dann sind Sie bei Michael Connelly genau richtig. Ich habe diesen vielschreibenden Krimi-Autor erst kürzlich entdeckt, und ich mag seine Art zu schreiben. Bekannt ist er durch Reihen wie „Der Lincoln-Lawyer“ und „Harry Bosch“ geworden, die beide auch als Fernseh-Serien verfilmt worden sind.

In diesem Kriminalroman wird eine neue Figur eingeführt: Detective Stilwell, der auf die idyllische Ferieninsel Santa Catalina Island, die vor der Küste von Los Angeles liegt, strafversetzt wurde. (Kleiner Fun Fact am Rande: die Insel gehörte von 1919 – 1975 der Familie Wrigley, deren Firma als weltweit größter Kaugummi-Produzent gilt.)

Zurück zum Roman: während Detective Stilwell zunächst nur kleinere Vergehen aufklären muss, wird eines Tages eine weibliche Unterwasserleiche im Hafen gefunden. Stilwell nimmt die Untersuchungen auf und erkennt sehr schnell Zusammenhänge mit anderen Straftaten auf der Insel. Er scheut sich nicht, Kompetenzen zu überschreiten und riskiert dadurch, noch mehr in Schwierigkeiten zu geraten.

Wie viele andere Autoren auch erfindet Connelly das Rad nicht neu. Aber gelegentlich ist es auch schön, sich von Büchern einfach nur unterhalten zu lassen, und deshalb hat mir dieser Krimi gefallen.

Was mir wie schon so oft nicht gefallen hat, ist der Titel der deutschen Übersetzung Der Inselcop von L.A. Der englische Titel Nightshade bedeutet Nachtschatten und bezieht sich auf die giftigen Nachtschattengewächse. Aus meiner Sicht steckt darin viel mehr Symbolik.

Michael Connelly: „Der Inselcop von L.A.“, Kampa, 384 Seiten, ISBN 9783311121121, Preis: 23,00 Euro.


Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie

Der Fernsehjournalist Arnd Henze hat mit diesem Buch ein im besten Sinne aufklärerisches Werk über die aktuelle Situation in den USA und die Rolle der religiösen Rechten vorgelegt. Dass das Thema nicht nur die USA angeht, sondern auch Europa und die ganze Welt lässt sich täglich an den Nachrichten ablesen.

Die Analyse des Denkens der unterschiedlichen Protagonisten des „Sadopopulismus“ (T. Snyder) von Pete Hegseth über Charlie Kirk bis zu J. D. Vance und deren Bedeutung für die Regierung von Präsident Donald Trump und dessen Erfolge wird anschaulich und gut lesbar beschrieben. Dabei wird die jüngste Entwicklung in das grundlegende Verhältnis von Religion und Politik in den USA eingeordnet. Und auch ein Vergleich – keine Gleichsetzung, sondern eine differenzierte Betrachtung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden – mit den Deutschen Christen im Nationalsozialismus hilft zum Verständnis.

In seinem Religionsverständnis orientiert Henze sich an Dietrich Bonhoeffer und seinem Diktum, in Notsituationen müsse die Kirche nicht nur den Bedrängten helfen, sondern auch dem „Rad in die Speichen fallen“, also dem Unrechtssystem widerstehen. Für die Situation in den USA zeigt Henze, wie wichtig gerade die Rolle der liberalen Kirchen etwa im Blick auf die Menschen ist, die von der Trumpschen Politik bedroht sind – aber auch wie heikel und schwierig. Er macht aber deutlich, dass deren Handeln zu den Hoffnungszeichen gehört.

Nebenbei: Persönlich fand ich es bei aller Zustimmung zu Henzes Standpunkt schade, dass er aus der in Anlehnung an Bonhoeffer geforderten strikten Trennung von Religion und Staat die Position des Soziologen Hartmut Rosa rundweg ablehnt. Ich hätte gerade die Debatte mit dessen These, dass die Demokratie Religion braucht und von ihr lernen könnte, spannend gefunden.

Basierend auf den eingehenden Analysen entwickelt Henze sowohl ein „Worst Case“ als auch ein „Best Case-Szenario“. Das nimmt einerseits die Gefahren für die US-amerikanische Demokratie und die Weltlage ernst, macht aber ebenso Hoffnung, dass noch nicht entschieden ist, wie die Entwicklung nach Trump weitergehen wird.

Es kommt auf die Menschen an – nicht nur in verantwortlichen Positionen, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger. Schon zu Beginn des Buches führt Henze in diesem Sinne ein älteres Zitat eines US-Bürgerrechtsaktivisten an: „Du findest die großartigsten Menschen genau dort, wo sich diese Gesellschaft von ihrer dunkelsten Seite zeigt.“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloher Verlagshaus 2026, ISBN 978-3579062020, 228 Seiten, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Mein Abschied“

Markus Weber über „Mein Abschied“

Christine Mann: Mein Abschied

Christine Mann, die Tochter von Werner Heisenberg und Ehefrau von Frido Mann, schreibt in dem Büchlein über ihre schwere Herzerkrankung, die Operation am offenen Herzen, den mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und die anschließende Zeit in einer Reha-Klinik. Es sind die Aufzeichnungen einer Frau, die trotz aller Schwäche und Krisen selbstbestimmt bleiben will. Die schweren Erkrankungen führten schließlich 2024 zu ihrem Tod.

Teilweise sehr nüchtern beschreibt Christine Mann die Erfahrungen und Krisen im Krankenhaus während der Corona-Zeit; es geht um mangelnde Betreuung durch Pflegepersonal und Ärzte, aber ebenso berichtet sie über liebevolle und professionelle Zuwendung auf anderen Stationen. Immer – und dann sehr emotional – ist präsent, dass es um Leben und Tod geht. Und Christine Mann erlebt Panik und Gottverlassenheit, die in kurzen, aber eindrücklichen Sequenzen zum Thema werden. Im Hintergrund steht immer auch die Frage, ob es angesichts der Schmerzen und des nahen Todes Hoffnung geben kann.

In der gesamten Zeit in Krankenhaus und Reha begleitet ihr Ehemann Frido sie liebevoll. Während Christines Bericht mit der Reha-Maßnahme endet, schreibt Frido auch über die anschließende Zeit bis zu ihrem Tod. Dabei stellt er seinem Nachwort ein Zitat seines Schwiegervaters Werner Heisenberg voran: „Man kann mit der Seele eines anderen Menschen mitschwingen wie mit der zentralen Ordnung.“

Mein Eindruck: Dieses Mitschwingen löst er in Handeln und Schreiben ein. Letzte Gespräche haben etwas von einer „Todesmeditation“. Trotz allem Zweifel und Erleben von Gottesferne bleibt dennoch ein Gottvertrauen.

Christine Mann: Mein Abschied. Mit einem Nachwort von Frido Mann und Zeichnungen von Fee Blumenthaler, Rubicon 2025, ISBN  978-3981957839, 128 Seiten, 18,00 Euro.