Markus Weber über „Nach der Nacht“

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht

Im Mittelpunkt des Buches stehen Interviews mit sieben Überlebenden des Holocaust. Zwar erfährt man über ihr Schicksal auch, wie sie den Holocaust erlitten haben und überleben konnten. Vor allem aber werden sie befragt, wie sie unsere heutige Welt sehen und die weltweiten Gefährdungen von Demokratie und Menschenwürde einschätzen. Und was zu tun ist, damit die Welt lebenswert für alle Menschen bleibt.

Allen Zeitzeug*innen ist gemeinsam, dass sie erst sehr spät begonnen haben, über ihr Schicksal zu erzählen, dass sie dann aber – wie die inzwischen verstorbene Margot Friedländer – unermüdlich Zeugnis abgelegt haben, gerade im Gespräch mit jungen Menschen. Und sie warnen vor Gefahren zunehmenden Rassismus und Antisemitismus angesichts aktueller Entwicklungen: Was geschehen ist, kann wieder geschehen.

Die Herausgeber, der Regisseur Joachim A. Lang und der Historiker Thomas Weber, haben die Zeitzeug*innen für ein Filmprojekt über die Wirksamkeit der NS-Propaganda kennengelernt. Und sie waren zurecht der Meinung, dass deren Stimmen nicht verloren gehen dürfen.

Die Interviews werden durch einen längeren Text eingeleitet, in dem sie ihre Grundfrage erläutern, nämlich wie die Schrecken des NS möglich wurden, oder anders und grundsätzlicher ausgedrückt: „Wie kommt die Finsternis in die Welt? Aber auch: Wie kommt das Licht in die Welt zurück?“ Dabei unterstreichen sie die Bedeutung und Wirksamkeit von Erinnerung, nicht zuletzt aus der jüdisch-christlichen Tradition heraus. Abschließend fassen die beiden Autoren zusammen, welche Bedeutung die „Vision der Holocaustüberlebenden für die Zukunft der Demokratie“ hat.

Letztlich ist deren Zeugnis eine Botschaft an jede*n Einzelne*n – und: Erinnerung dient unserer Gegenwart und einer menschenwürdigen Zukunft.

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie, Herder-Verlag 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3451396670, 20,00 Euro.

Sonja Weber über „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“

Sonja Weber über „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“

Lisa Ridzén: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

Irgendwann im Leben treffen wir die erste eigene wichtige Entscheidung und irgendwann die letzte, machen irgendwann den ersten eigenen Schritt und dann irgendwann den letzten. Dazwischen liegt mit Glück ein gutes Leben, dass vielleicht sogar lang ist. Dazu muss man allerdings alt werden und es dann auch noch schaffen alt zu sein.

Lisa Ridzén erzählt in ihrem wunderbaren soeben erschienenen Debutroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ genau davon. Anhand von Notizen des Pflegeteams ihres Großvaters hat die Autorin eine feine, alle Beteiligten beleuchtende Geschichte erschaffen, in der es auf die erdenklich beste Art menschelt.

Aus der Sicht des alten Bo blicken wir als Leserinnen und Leser auf einen Alltag, in dem alles was Jahrzehnte leicht war, immer schwieriger wird. Egal ob Kochen, in die Stadt fahren, Putzen, den Kamin anfeuern oder mit dem Hund rausgehen, Bo benötigt Hilfe. Deshalb kommt ein Pflegedienst und deshalb möchte Bos Sohn Hans den Hund weggeben.

Aber darf er das? Ist es nicht immer noch Bos Leben? Ist es nicht seine Entscheidung, ob er beim Spaziergang mit dem Hund oder auf der Küchenbank stirbt? In den einzelnen Kapiteln verweben sich Vergangenheit und Gegenwart, erleben wir Bos gefühlte Realität und das „so ist es“ aus der Sicht von Hans, der Pflegekräfte und Bos Enkelin und wir begleiten Bo das letzte halbe Jahr seines langen und aus seiner Sicht sicher auch guten Lebens.

Lisa Ridzén: „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“, btb Verlag, 384 Seiten, ISBN 978-3-442-76296-5, Preis: 24,00 Euro.


Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Saša Stanišićs: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn

Pascal Mercier, Der Fluss der Zeit

Literatur im Doppelpack bekommt man mit „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“ von Stanišić und „Der Fluss der Zeit“ von Pascal Mercier. Beides Bände mit Erzählungen, beide sind großartig, sehr gegensätzlich und passen trotzdem zusammen, ich erlebte sie als Ergänzung zueinander.

Stanišićs Figuren, seine burschikose Sprache und seine skurrilen Handlungsideen erstaunen und gehen unter die Haut. Heiter desillusioniert und naiv zielgenau nimmt der deutsch-bosnische Ausnahmeschriftsteller uns mit in seine Jugend und in die unbeleuchteten Ecken der Gesellschaft. Anhand unwahrscheinlicher Zufälle und vielleicht möglichen Glücks, konnte ich als Leserin in fremde Leben schlüpfen.

Pascal Merciers Geschichten sind sanft und hüllen ein. Auch er beleuchtet durchaus die schwachen Stellen unseres Seins, die Momente, in denen wir es gut meinen, aber nicht wissen, wie zu Handeln ist. Situationen, die uns fragend dastehen lassen und wir unverhofft in die eigene Seele blicken. Dabei bleibt der vor drei Jahren gestorbene Schweizer Autor seinen philosophischen Ideen, wie man sie aus „Nachtzug nach Lissabon“ kennt und seinem eleganten, weich dahinfließenden Stil treu.

Saša Stanišićs: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“, Btb Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-442-77541-5, Preis: 14,00 Euro.

Pascal Mercier, „Der Fluss der Zeit“, Hanser Verlag, 112 Seiten, ISBN 978-3-446-28577-4, Preis: 22,00 Euro.


Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Hermann Vinke: Entscheidet euch!

Der Journalist und Buchautor Hermann Vinke, Jahrgang 1940, beschäftigt sich seit langer Zeit mit Fragen der Demokratie und der deutschen Geschichte. Schon 1980 hat er eine Biografie zu Sophie Scholl geschrieben und früh hat er sich dafür eingesetzt, dass in seiner Heimat eine Auseinandersetzung mit den Emslandlagern in Gang kam, also die Erinnerung an die NS-Verbrechen und deren Opfer möglich wurde. Nun ist er im Jahr 2026, in dem in fünf Bundesländern Wahlen stattfinden, in großer Sorge um die Demokratie.

„Was passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen. Das ist der eigentliche Grund für meinen Appell ‚Entscheidet euch!‘ … Vielmehr ist es unsere Pflicht, für unser freiheitliches demokratisches System mit aller Kraft einzutreten.“ So ist das kleine Buch keine tiefschürfende politische Analyse eines Wissenschaftlers, sondern ein eindringlicher Aufruf an alle Bürgerinnen und Bürger. Zentrale Fragen der deutschen und internationalen Gegenwart werden schlagwortartig, aber sachkundig angesprochen und in ihrer Bedeutung für den Bestand der Demokratie beleuchtet.

Hermann Vinke bezieht dabei auch Begegnungen aus seiner eigenen Geschichte ein, die ihn geprägt haben. So zum Beispiel mit Stéphane Hessel, dem deutsch-französischen Kämpfer der Résistance, der in seinen Streitschriften wie „Empört euch!“ viele Menschen in Europa aufgerüttelt hat, sich für eine menschenwürdige Zukunft weltweit einzusetzen.

Einige herausfordernde und zum Nachdenken anregende Zitate unterschiedlicher Autor*innen sind ganzseitig eingestreut. Und auch konkrete Handlungsvorschläge für die Politik und für Bürgerinnen und Bürger fehlen nicht. Wer keine Zeit für lange politikwissenschaftliche Erörterungen hat, sich aber dennoch um die freiheitliche Demokratie Gedanken macht, liegt bei diesem Buch richtig.

Hermann Vinke: Entscheidet euch! Eine Flugschrift, Metropol 2. Aufl. 2026, ISBN 978-3863318215, 96 Seiten, 9,90 Euro

Markus Weber über „Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe“

Markus Weber über „Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe“

Walter Heinemann: Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe

Es ist ein großes Verdienst der Herausgeber*innen des Buches, die Lebenserinnerungen des Braunschweiger jüdischen Arztes Walter Heinemann einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Erinnerungen sind hilfreich eingeleitet und der Text selbst ist mit Fußnoten versehen, die Fachbegriffe erklären, Namen einordnen oder gelegentlich auch kleinere Korrekturen einfügen, wo es nötig ist.

Walter Heinemann wurde 1883 als Sohn einer Braunschweiger Kaufmannsfamilie geboren, besuchte dort die Schule und studierte in Berlin Medizin. Anschließend ließ er sich in Braunschweig als Facharzt nieder, leistete im Ersten Weltkrieg seinen Wehrdienst als Sanitätsoffizier. 1935 floh er schließlich vor der Verfolgung durch die Nazis zunächst nach Palästina, dann über England in die USA, wo er wieder als anerkannter Arzt arbeitete und sich wie schon in Deutschland vielfältig gesellschaftlich engagierte. 1968 starb er dort im Exil.

Walter Heinemann hatte seine Erinnerungen eigentlich für die Familie geschrieben. So gibt er in einem kurzen ersten Kapitel einen Überblick über die unterschiedlichen verwandtschaftlichen Beziehungen. Für mich beginnt es erst danach richtig spannend zu werden, wenn er über seine Kindheit, Jugend und Schulzeit schreibt. Hier gibt es interessante Einblicke in das bürgerliche Familienleben und die Schule im Kaiserreich. Schon früh wird Walter Heinemann – wie auch in allen späteren Phasen seines Lebens – mit Antisemitismus konfrontiert.

Auch bei der Schilderung aller weiteren Lebensstationen – Studium, Arbeit als Arzt in Braunschweig, Verfolgung in der NS-Diktatur, Flucht nach Palästina und dem Leben in den USA – neigt Walter Heinemann dazu, Anekdoten zu erzählen. Das bleibt aber keineswegs oberflächlich, sondern hat den Grund, „damit manche Erscheinungen und Symptome viel schärfer“ fassen zu können „als mit langatmigen Erzählungen“, wie er selbst am Schluss bemerkt. Dem kann ich durchaus zustimmen.

Für mich war es eine lohnende und trotz der oft schwierigen Verhältnisse und Zeiten, um die es geht, auch eine unterhaltsame Lektüre. Zahlreiche Bilder und andere Abbildungen lassen die Erinnerungen noch anschaulicher werden.

Walter Heinemann, Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe. Lebenserinnerungen eines jüdischen Arztes, hrsg. Meike Buck/Harro Jens/Benjamin Kuntz, Wallstein-Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3835358881, 20,00 €

Sonja Weber über „Ein Bild von einer Frau“

Sonja Weber über „Ein Bild von einer Frau“

Natascha Bub: Ein Bild von einer Frau

Die Protagonistin Insa Schönberg, eine junge noch unerfahrene, aber in höchstem Maße abenteuerlustige Fotografin der Nachkriegszeit, geht mit dem bekannten Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt eine Wette ein. Sie wird ihm ein Foto seines Stars Ernest Hemingway beschaffen, das den exzentrischen Autor nicht nur als Person abbilden, sondern ihn nahbar und sehr persönlich zeigen soll. So reist sie also mit nichts als Mut, Entschlossenheit und ihrer Kamera im Gepäck nach New York und dann notgedrungen weiter nach Kuba.

Die Autorin, die selbst sehr jung nach New York „durchbrannte“, lebt heute in Berlin. Der Roman sei als Hommage an die Fotografin und Verlegerin Inge Schönthal, später Inge Feltrinelli, endstanden, schreibt sie im Nachwort. Mit einem guten Gespür für die Ära und natürlich für ihre Protagonistin lässt Natascha Bub uns ein wenig vom Flair des Kuba in den frühen fünfziger Jahren und einen polarisierenden Starautor erleben.

Natascha Bub: „Ein Bild von einer Frau“, Ullstein Verlag, 288 Seiten, ISBN 978-3-548-06847-3, Preis: 12,99 Euro.


Markus Weber über „Heimatland“

Markus Weber über „Heimatland“

Güner Yasemin Balci: Heimatland

Liebevoll schreibt Güner Yasemin Balci über ihre Heimat Berlin-Neukölln: Schneeflocken im Winter, Fernsehabende mit Hans Rosenthal, die rauen Hände des Vaters, die Currybude auf der Karl-Marx-Straße, laute Musik von Django Reinhardt aus Autoradios, Wettspringen im Freibad, die Sprache und vieles mehr – vor allem aber die Werte des Grundgesetzes, Menschenwürde und Gleichberechtigung.

In der ersten Hälfte ihres Buches beschreibt die Journalistin und heutige Integrationsbeauftragte in Neukölln sehr anschaulich und packend die Geschichte ihrer Familie. Die Eltern kamen als türkische „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Güner wurde 1975 inmitten der Großstadtsiedlung, einem sozialen Brennpunkt, geboren und wuchs dort in einem freiheitlichen Umfeld auf. Die Eltern erzogen sie in Liebe zur Freiheit und zu Bildung, gerade auch für sie als Mädchen.

Dabei verklärt die Autorin nichts, sondern schildert auch, wie enge Verwandte teilweise in Armut abrutschten oder ihr Bruder kriminell wurde. Immer zeigt sie ihre Beobachtungen und Einschätzungen an konkreten Menschen und Schicksalen. Deutschland galt den Eltern als Rettung aus „Willkür und Unwissenheit“, auch wenn eine Verbundenheit zu ihren Ursprüngen in der Türkei erhalten blieb, etwa durch die Reisen der Familie.

In der zweiten Hälfte des Buches steht im Mittelpunkt, wie die freiheitliche Welt der Kindheit und Jugend zunehmend in Bedrängnis geriet, nicht nur durch rechtsextreme Ausländerfeindlichkeit, sondern vor allem auch durch islamistische Hassprediger und zugewanderte arabische Clans. Auch diese Bedrohungen werden sehr konkret mit menschlichen Schicksalen verknüpft.

Mädchen werden gezwungen, sich zu verschleiern; Frauen, die aus Zwangsehen fliehen wollen, von der eigenen Familie mit dem Tode bedroht. Antisemitismus, Homophobie und Antiziganismus machen sich breit. Und die Zivilgesellschaft schaut aus falsch verstandener Toleranz zu, was nicht der Demokratie, sondern nur der antidemokratischen Rechten nützt.

Güner Yasemin Balci erfährt, wie sie für ihr Engagement gegen diese Tendenzen angefeindet wird, aber auch Unterstützung erhält. Mir scheint es wichtig zu sein, auch die im Buch beschriebenen demokratiefeindlichen Bestrebungen in unserer Gesellschaft ernst zu nehmen.

„Wir brauchen einen Patriotismus, der weder auf Herkunft noch Hautfarbe gebaut ist, sondern schlicht auf dem Fundament der Werte einer freien demokratischen Gesellschaft. Einen Patriotismus, der vielen einen Platz lässt, aber nicht alles akzeptiert, sondern unmissverständlich Grenzen zieht, wenn an seinen Grundfesten gerüttelt wird.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Güner Yasemin Balci: Heimatland, Berlin-Verlag 2025, 320 Seiten, ISBN 978-3827015259, 24,00 Euro

Sonja Weber über „Schattengrünes Tal“

Sonja Weber über „Schattengrünes Tal“

Kristina Hauff: „Schattengrünes Tal“

Sind Geheimnisse in Ordnung, die höchst eigene Privatsphäre? Hat die nicht Jeder und Jede? Womöglich, und doch können sie zerstörerisch sein, wenn sie ans Licht kommen. Das unangenehme Gegenteil von geheimnisvoll sozusagen. Also geheimniskrämerisch, berechnend, manipulativ und egoistisch oder ein Verheimlichen aus Angst vor einer Auseinandersetzung.

Genau durch so eine Nichterwähnung gerät in Kristina Hauffs neuestem Roman „Schattengrünes Tal“ die Beziehung zwischen Lisa und ihrem Mann Simon mehr als ins Wanken. Als Simon immer wieder verstörende Nachrichten über sein Smartphone erhält, beginnt ein Versteckspiel für ihn, dass einen Abgrund zwischen dem Paar schafft, den Lisa viel zu spät bemerkt.

Das marode Hotel ihrer Eltern, der tyrannische Vater und der nahende Winter in dem kleinen Ort im Schwarzwald beanspruchen ihre ganze Aufmerksamkeit. Dabei möchte Lisa doch noch so viel mehr vom Leben.

Als eine unbekannte und seltsam hilflose Frau ausgerechnet im Familienbetrieb Unterschlupf sucht, scheint das zunächst ein Segen zu sein. Als Lisa merkt, dass die angebotene Hilfe im Hotel und die Suche nach Freundschaft nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eine feindliche Übernahme ihres ganzen Lebens sind, scheint es fast zu spät zu sein. Lisas und Simons vermeintlich stabiler Alltag wird durch ein manipulatives Psycho-Erdbeben erschüttert, dass alle Beteiligten in den Abgrund zu reißen droht.

Kristina Hauff: „Schattengrünes Tal“, Hanser Verlag, 301 Seiten, ISBN 978-3-446-28428-9, Preis: 24,00 Euro.

Zu diesem Roman liegt auch eine Rezension von Lena Scholz vor


Die BÜCHER-HEIMAT im Radio

Die BÜCHER-HEIMAT im Radio
Lena Scholz, Petra Nietsch, Andrea Scholz und Dirk Junicke (sitzend v.li.) mit Moderator Wolfgang Altstädt vor der Sendung. Auf dem Foto fehlt Sonja Weber – aber irgendwer muss ja auch fotografieren… 🙂

Auf der Okerwelle gesurft

Wer am Donnerstag (13.11.12025) in der BÜCHER-HEIMAT Reinhard Sturm mit „Brönner und der Tote im Moor“ lauschte, sollte sich den kommenden Dienstag (18.11.2025) rot im Kalender markieren und um 14 Uhr „Okerwelle 104,6 – das Radio für die Region“ einschalten. Dann wird der Auftritt der BÜCHER-HEIMAT in der „Wunschkiste“ wiederholt – und es lohnt sich absolut.

Hochkonzentriert: Sonja Weber stellt das umfangreiche Angebot der BÜCHER-HEIMAT vor.

Eine starke Musikauswahl, aber fast noch stärkere Wortbeiträge, hatte das BÜCHER-HEIMAT-Team mit Lena Scholz, Petra Nietsch, Andrea Scholz, Sonja Weber und Dirk Junicke zu bieten. Wobei die Redebeiträge im Zusammenspiel mit Wunschkiste-Moderator Wolfgang Altstädt auch inhaltlich klug und interessant aufeinander abgestimmt waren.

Dirk Junicke berichtete von der Grundidee der BÜCHER-HEIMAT und dem wirtschaftlichen Aufbau der gemeinnützigen GmbH, die ihre Gewinne über die Bad Harzburg-Stiftung wohltätigen Zwecken zuführt. Andrea Scholz als Mitstreiterin der ersten Stunde erläuterte das Konzept der Mitmach-Buchhandlung, Lena Scholz schilderte die BÜCHER-HEIMAT aus der Sicht der ersten Auszubildenden, Petra Nietsch warb für das „Zaunkönig“-Buch und Sonja Weber stellte das umfassende Angebot dar, wobei sie vor allem auch die vielen kostenfreien Lesungen hervorhob.

Absolut hörenswert waren aber auch die Musiktitel, die nach intensiven Diskussionen in der WhatsApp-Gruppe der Ehrenamtlichen ausgewählt worden waren. Tagelang prasselte es im Chat  Lieblings-Musiktitel, aus der überreichen Flut filterten Petra Nietsch und Auszubildende Thea Dravenau die zehn Titel, die jetzt über den Äther gingen.

Selbstverständlich kam bei der Musikauswahl auch der regionale und lokale Aspekt nicht zu kurz. Ganz oben in der Wunschliste zur Wunschkiste stand „First day at school“ von The Dippers – die ja ohnehin sozusagen die Haus- und Hof-Band der BÜCHER-HEIMAT sind.

Ansonsten waren die Klänge internationaler: „Imagine“ von John Lennon, „Zukunft Pink“ von Peter Fox, „Englishman in New York“ von Sting, „Music“ von John Miles, „Simply the Best“ von Tina Turner, „Sozusagen grundlos vergnügt“ von Dota K., „Schuhe“ von Ina Müller, „Love on the backseat“ von ClockClock und „Didn’t know it was love“ von Lena trugen dazu bei, die BÜCHER-HEIMAT-Wunschkiste zum Hörvergnügen zu machen.

— Klick auf ein Bild öffnet die Galerie —

Markus Weber über „Erinnern heißt handeln“

Markus Weber über „Erinnern heißt handeln“

Ruth Weiss: Erinnern heißt handeln

Mit 100 Jahren legte Ruth Weiss in diesem Jahr ihr letztes Buch, das sie gemeinsam mit dem Lektor und Übersetzer Lutz Kliche verfasst hat, vor. 1924 wurde sie in Fürth geboren, mit 101 Jahren starb sie dann im September 2025 in Ålborg. So ist es das letzte von zahlreichen Büchern, so etwas wie ein Vermächtnis.

Darin teilt sie ihre Erfahrung: „Zivilcourage – Mut, dem Unrecht zu widerstehen – kann man lernen. Auch ich selbst bin ja nicht mutig auf die Welt gekommen.“ Und sie möchte andere ermutigen, einzustehen für „Respekt vor jedem und jeder anderen, Verständnis und Toleranz“.

Das Buch ist keine Autobiografie im klassischen Sinn. In einigen Kapiteln schildert sie ihre sehr persönlichen Erlebnisse, etwa das Aufwachsen als jüdisches Kind in Fürth, das 1933 mit der NS-Herrschaft und dem Antisemitismus konfrontiert wird. Oder sie berichtet, wie sie nach der Auswanderung nach Südafrika seit 1936 lernen musste, sich als Kind neu zu orientieren. Und wieder war sie mit einem System der Ungleichheit konfrontiert.

Andere Kapitel gleichen einem Sachbuch, wenn sie das System der Apartheid in Südafrika beschreibt. Aber auch in diesen Kapiteln macht sie die Darstellung durch eigene Erlebnisse anschaulich. Und sie zeigt ihre Haltung gegen jegliche Ungleichbehandlung, was ihr in Südafrika später ein Einreiseverbot einbrachte.

Sie führt die Leser*innen in die Länder, in denen sie gelebt und gearbeitet hat: Israel, Sambia, Simbabwe, Angola, England. Und sie lernte viele Politiker kennen, die sich für die Befreiung Afrikas von europäischer Kolonialherrschaft einsetzten. So arbeitete sie als engagierte Journalistin, die sich immer verpflichtet fühlte, „mit allen Seiten zu sprechen, um mir ein möglichst umfassendes und objektives Urteil zu bilden, um möglichst ‚faktenbasiert‘ und objektiv berichten zu können“. Angesichts von fake-news in heutigen Zeiten ein beeindruckendes Ethos!

Ihr Verhältnis zu Deutschland blieb gebrochen, trotz zahlreicher Aufenthalte, Gesprächen mit Schüler*innen und Bewunderung für die Erinnerungskultur. Doch es gab auch verstörende Erfahrungen mit der Bürokratie, als sie in Deutschland für die Deutsche Welle arbeitete und der Beamte abweisend auf ihre Fragen reagierte. Erst als anhand ihrer Papiere die Flucht aus Deutschland im NS deutlich wurde, stammelte er, er sei auch Widerstandskämpfer gewesen und habe ihr nicht „angesehen“, dass sie Jüdin sei. Und auch bei der Wohnungssuche stieß sie auf feste antisemitische Denkmuster.

Bei aller Rückschau auf vergangene Zeiten ist das Buch auch eine Einmischung in die heutige Zeit: für ein friedliches Miteinander und den Abbau von Vorurteilen, für ein Leben in Freiheit und Demokratie, für Verständnis und Toleranz, die aber Grenzen hat, wo Ungerechtigkeit herrscht. So schreibt sie zum Schluss: „Die Demokratie ist immer wieder der Gefahr ausgesetzt, von ihren Feinden ausgehöhlt zu werden. Das sollten wir niemals zulassen.“

Ruth Weiss: Erinnern heißt handeln. Mein Jahrhundertleben für Demokratie und Menschlichkeit, Herder 2025, 176 Seiten, ISBN  978-3451036217, 20,00 Euro