Sonja Weber über „Das Jahr“

Sonja Weber über „Das Jahr“

Jonas Tjäder / Maja Knochenhauer: Das Jahr

Jonas Tjäders und Maja Knochenhauers neues Bilderbuch „Das Jahr“ ist für alle kleinen Menschen von vier bis sieben gedacht und alle Großen, die gerne mit Kindern Bücher anschauen.

Anhand einer Stadt, aufgeteilt in drei verschiedene Szenen und bevölkert von vielen Leuten, beschreiben die beiden jeden einzelnen Monat auf je einer Doppelseite. Ein Mehrfamilienhaus, eine Bücherei, die Bäckerei und das Sportgeschäft aus dem Januar trifft man im April, Juli und Oktober wieder. Was im Kindergarten und der Kirche los ist, entdeckt man Februar, Mai, August und November, die Schule, den Markt und ein Neubaugebiet bekommt man im März, Juni, September und Dezember zu sehen.

Die vielen, vielen kleinen Figuren, die jede Seite bevölkern, tummeln sich ebenfalls auf den Umschlaginnenseiten vorne und hinten. Einige von ihnen verstecken sich richtig gut im Buch und man hat lange zu suchen, andere haben ein paar Rätselaufgaben für alle Bilderbuchfans. Mit jeder Figur kann man das Jahr in einer individuellen Geschichte erleben.

Jonas Tjäder und Maja Knochenhauer haben ein kleines Universum erschaffen, in das man nach Lust und Laune eintauchen kann.

Jonas Tjäder / Maja Knochenhauer: „Das Jahr“, Oetinger Verlag, 32 Seiten, ISBN 978-3-7512-0785-0, Preis: 17,00 Euro.


Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

Simone de Beauvoir, eine der berühmtesten Frauenrechtlerinnen Europas, hat mit diesem Roman ein sehr persönliches – autofiktionales – Buch geschrieben. Für ihren langjährigen Lebensgefährten Jean-Paul Sartre war es zu persönlich. Deshalb war es zu ihren Lebzeiten nicht erschienen. Erst Simone de Beauvoirs Adoptivtochter, Sylvie Le Bon de Beauvoir, sorgte dafür, dass das Buch lange nach ihrem Tod 1986 erscheinen konnte. Eine gute Entscheidung, wie ich finde.

Simone de Beauvoir erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen zwei Freundinnen, die sich als 10-jährige am katholischen Mädcheninstitut kennenlernen. Es ist eine für mich fremde Welt, in der sich die Kinder Siezen müssen, wie es sich für das Bildungs- und Besitzbürgertum der damaligen französischen Gesellschaft so gehörte. Und trotz der herzlichen und langjährigen Freundschaft der beiden, die mit dem tragischen Tod der 22-jährigen Freundin Zaza (im Roman: Andrée) endet, bleibt das bis zum Schluss so. Für Simone (im Roman: Sylvie) ist es mehr als eine Mädchenfreundschaft.

Die Welt, in der die beiden Mädchen aufwachsen, ist geprägt von einem rigorosen Katholizismus, der Schuldgefühle einimpft, wann immer Regeln übertreten werden – und sei es in Gedanken. Und die Mädchen werden trotz ihrer hohen Bildung in Rollen gedrängt, was bei Sylvie früh eine Wut gegen die strengen Regeln und die Enge auslöst. Eine Wut, die Sylvies Tante sagen lässt, sie sei „vom Teufel besessen“. Und im Unterschied zu Andrée kommt Sylvie zu dem Schluss, einen solchen Gott, der sich gegen die Menschen stellt, könne und dürfe es nicht geben. Sylvie durchbricht die Erwartungen, während Andrée gegen ihre inneren Widerstände ankämpft und sich unterwirft, woran sie letztlich zerbricht.

Die Widmung des Romans an Zaza zeigt etwas, das den Roman durchzieht: Ein Verantwortungsgefühl für Zaza und ein Schuldgefühl, weil diese so früh sterben musste: „Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot ist oder weil ich lebe?“ Trotz dieser Schwere ist es ein schöner Roman über eine Freundschaft.

Sylvie Le Bon de Beauvoir hat dem Roman ein Vorwort vorangestellt. Und im Anhang geben bisher unveröffentlichte Bilder und Briefauszüge Einblicke in die Freundschaft von Simone und Zaza.

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen. Roman, Rowohlt Taschenbuch 2023, ISBN 978-3499005497, 144 Seiten, 14,00 Euro.

Infos über Soforthilfe für den Darm

Die 1-Minuten-Strategie Reizdarm

In einer Mischung aus Lesung und Vortrag stellt die Autorin und Ernährungswissenschaftlerin Lara von Gadenstedt (vormals Opfermann) ihr neues Buch „1-Minuten-Strategie Reizdarm“ am Donnerstag, 17. September 2026, in der BÜCHER-HEIMAT vor. Mit alltagstauglichen Impulsen, verständlichen Erklärungen und echten Patientenfällen aus der Praxis zeigt sie, was Betroffenen wirklich helfen kann – schnell, konkret und umsetzbar.

Reizdarm betrifft weltweit Millionen Menschen. Trotzdem fühlen sich viele Betroffene allein gelassen mit ihren Symptomen: Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung bestimmen den Alltag. In der Veranstaltung stellt die Autorin ihr neues Buch „1-Minuten-Strategie Reizdarm“ vor und zeigt auf, warum Reizdarm nicht „nur Kopfsache“ ist und welche kleinen 1-Minute-Strategien dem Darm in kurzer Zeit Entlastung verschaffen können.

Ergänzt wird die Lesung durch echte Patientenfälle aus der Praxis, die zeigen, wie individuell Reizdarm ist und wie unterschiedlich erfolgreiche Lösungswege aussehen können. Die Veranstaltung richtet sich an Betroffene, Angehörige und alle, die ihren Darm besser verstehen möchten. Wenig Theorie, viel Praxis und Strategien, die sich schnell umsetzen lassen.

Über die Autorin

Lara von Gadenstedt (geb. Opfermann), selbst ehemalige Reizdarmpatientin, hat Ernährungswissenschaften und Psychologie studiert. In ihrer ernährungstherapeutischen Praxis in Braunschweig mit dem Schwerpunkt Magen-Darm-Erkrankungen und Essstörungen begleitet sie täglich Menschen auf dem Weg zurück zu einem entspannten Umgang mit ihrem Darm und einer gesunden Beziehung zum Essen. Ihr Ansatz verbindet wissenschaftlich fundierte Ernährungstherapie mit psychologischen Strategien und berücksichtigt die enge Verbindung zwischen Darm und Psyche (Darm-Hirn-Achse).

Donnerstag, 17. September 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon  (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Der Blick bereits in 2027: „Mala Visión“

Pfad der Erkenntnis

Auf der Suche nach seinem Ex-Partner, der von einem Tag auf den nächsten nach Mexiko durchgebrannt ist, reist Rafa ans andere Ende der Welt. Die Spurensuche endet im dichten Wald vor Texcaltitla: mit Knochenbrüchen und dem Verlust seiner Brille, ohne die er aufgrund einer starken Sehschwäche so gut wie blind ist. Ein lebensgefährlicher Irrweg zurück in die Zivilisation beginnt.

Anhand des Phänomens Ghosting verhandelt Armin Wühle in „Mala Visión“ grundlegende Fragen über Beziehungen und Identität: Was bedeutet Treue? Wie gut kennen wir die Menschen, die uns nahestehen, wirklich? Und wie gut kennen wir uns selbst? Die Odyssee in der Wildnis wird zum Pfad der Erkenntnis – poetisch, abgründig, fesselnd.

Armin Wühle, geboren 1991, studierte am Hildesheimer Literaturinstitut und verfasst Prosa, Essays und Theaterstücke. Sein Debütroman „Getriebene“ erschien 2021, für sein Theaterstück „Rue d’Armenie“ gewann er 2025 den Dramatikpreis für Politik und Menschenrechte. „Mala Visión“ erscheint im März 2026 im Albino Verlag. Er lebt in Hannover.

Stimmen zum Roman:

„In der Mitte seines Lebens kommt ein Mann im Wald vom Weg ab und gerät für einige Tage in die Hölle. Klingt irgendwie nach Dante, ist aber Wühle. (…) Dieser Text ist mit so viel Tempo und Witz und Klugheit erzählt, er macht so traurig und so glücklich und so nachdenklich, dass ich ihm sehr viele Leser*innen wünsche.“
Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin

„Armin Wühle zeigt uns eine Gegenwart, in der der Fortschritt nur noch technisch ist, in der die emotionale und zwischenmenschliche Kommunikation ausstirbt.“
Volha Hapeyeva, Autorin

Donnerstag, 28. Januar 2027, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon  (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Lesung mit Harzer Kurzgeschichten

Autorenabend rund um „Ahnen-Klee“

Jens F. K. Vinnen liest am Donnerstag, 25. Juni 2026, um 19.00 Uhr in der BÜCHER-HEIMAT aus seinem Buch „Ahnen-Klee“. Den Autorenabend mit Harzer Kurzgeschichten der 1940er bis 1960er Jahre moderiert Boris Kositzke.

Zum Inhalt:

Auf dem Friedhof des Ortes Hahnenklee im Oberharz (dessen sogenanntes „re dendes Wappen“ von 1935 einen schwarzen Auerhahn zwischen grünen Kleeblättern zeigt), liegt das Grab der Urgroßeltern von Jens F. K. Vinnen. Vom Ort namens „Hahnenklee“ hat der Autor in einem Wortspiel den Titel seiner kleinen Sammlung von Kurzgeschichten abgeleitet: In „Ahnen-Klee“ hält er reiche Ernte unter den Erlebnissen, Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen nicht nur seiner eigenen Vorfahren.

In den Mittelpunkt seiner Geschichten stellt der Autor in diesem Band ganz unterschiedliche Menschen, die ihr Leben so oder so ähnlich gelebt haben. Alle Geschichten spielen im Harz. Die Landschaft mit ihren Tannen und Teichen, mit Schnee und Eis, Füchsen und Karpfen, liefert eine eigenwillige und unverwechselbare Umgebung, in denen die Protagonisten der Geschichten sich zurechtfinden müssen, in der sie zu Hause sind oder in der sie auf unterschiedliche Weise fremd werden.

Denn dieser Harz ist kein abgelegener Landstrich: Er ist über seine Menschen verwoben mit der Welt – ob Göttingen, Berlin, Kreta, Russland oder Neuseeland. Vinnens Geschichten stammen zwar aus der Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit, aber das, was er zu erzählen hat, geht darüber hinaus, reicht tiefer und weist auf Grundsätzliches.

Geschildert werden Erfahrungen, die Menschen in ihrem Menschsein auf die Probe stellen. Und obwohl es dem Autor gelingt, Zeit und Lokalkolorit der erzählten Ereignisse kenntnisreich und einfühlsam einzufangen, sind die Geschichten zeitlos und bleiben in ihrer Bedeutung keineswegs auf die Region beschränkt: Sie handeln von Liebe und Krieg, von der Jagd und von Mitleid, von Technik und Musik, von Begegnungen, von Erinnerung und Hoffnung, von Not und Dankbarkeit, von Leid und Heilung, Streit und Versöhnung.

Es geht um Menschen, die ihr Leben leben, so gut sie es eben vermögen und die darin bestätigt oder überrascht werden. Eindrucksvolle Geschichten, die nachdenklich machen, aber zugleich versöhnlich sind und deshalb ihren Leser niemals bedrückt zurücklassen. Vinnens manchmal augenzwinkernde Art zu schreiben ist unterhaltend, was sein Buch nicht nur zu einer kostbaren Leseerfahrung, sondern auch zur wahren Lesefreude werden lässt.

Weitere „Ahnen-Klee“-Informationen auf der Website: www.vinnenschreibt.de

Zum Autor:

Geboren ist Jens Fritz Klaus Vinnen 1960 in einem kleinen Ort zwischen Hannover und Bremen; zuletzt war er beruflich langjährig in Göttingen tätig; 2021 zog er dann in den Harz nach Hohegeiß. Vinnen schreibt seit Beginn der 2010er Jahre. „Ahnen-Klee“ ist die erste Sammlung von Kurzgeschichten, mit der er an die Öffentlichkeit tritt.

Donnerstag, 25. Juni 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon  (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit

Drei Generationen in einem Tal der Abruzzen sind mit einer Gewalttat verwoben, die 30 Jahre zurückliegt, auch die Nachgeborenen tragen daran. Niemand geht offen damit um. Dennoch, oder gerade deshalb, lastet die Gewalt auf allen in unterschiedlicher Weise: auf der jungen Studentin Amanda, auf ihrer Mutter und dem Großvater sowie den anderen Bewohnern des Tals.

Erst nach und nach stellt sich heraus, was geschehen ist und welche Rolle die Beteiligten spielen. Obwohl es untergründig immer um die erlittene Gewalt geht, wird diese nicht sensationsheischend dargestellt. So verschlossen wie die Menschen, aber auch sensibel und intensiv, habe ich die Sprache erlebt. Es geht langsam voran. In die Auseinandersetzungen mischen sich aktuelle Pläne eines Investors zum Grundstück der Familie am Dentro del Lupo, dem „Wolfszahn“. Die Interessen der Generationen treffen aufeinander.

Für mich war besonders die Darstellung der Beziehung zwischen Amanda und ihrer Mutter interessant. Wie wird mit den traditionellen Erwartungen umgegangen? Wie können die Frauen ihren eigenen Weg finden? Wie weit darf die Mutter sich in das Leben ihrer Tochter einmischen – gerade in der Sorge um deren Zukunft einerseits und deren Recht auf freie Entfaltung andererseits? Und bei aller Gewalterfahrung: Es bleibt letztlich die Frage, ob die Wunden heilen können.

Donatella di Pietrantonio wurde 2024 für ihren Roman mit dem Premio Strega, einem der höchsten italienischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit. Roman, Verlag Antje Kunstmann 2024, 237 Seiten, ISBN 978-3956146213, 22,00 Euro.

Sonja Weber über „Der Chor“

Sonja Weber über „Der Chor“

Anna Kathrin Hahn: Der Chor

Die Cantarinen proben einmal die Woche im Gemeindesaal, treten zweimal im Jahr auf und im Sommer gibt es regelmäßig Chortreffen. Die unterschiedlichen Frauen spiegeln das Sozialgefüge der Stadt wider, jedes Alter, jede Schicht ist dabei. Bei Ihren Proben sind sie alle Chorschwestern, egal ob Rentnerin, Managerin, Hausfrau oder Reinigungskraft.

Sie genießen es, nach der Pandemie endlich wieder zusammen singen zu können. Obwohl zwischen den Freundinnen Alice und Marie seit Corona irgendwie Funkstille herrscht, die ältere Lena mit gesundheitlichen Problemen kämpft und Cora in finanziellen Nöten steckt, scheint im Chor alles zu funktionieren.

Dann taucht die schüchterne und leicht verwahrloste Sophie auf. Sie und die Tatsache, dass es Lena immer schlechter geht, wirbeln nach und nach Staub auf, der eigentlich unter dem Teppich hätte bleiben sollen. Nach einer unüberlegten Spontanreise nach Paris sieht Alice auf einmal vieles in einem neuen Licht.

Wie konnte sie Tatsachen einfach ausblenden? Sie, die jede nichtpassende Kleidung, jedes Staubkorn und jede Parfummarke sofort wahrnimmt, hatte doch nie den Mut in die Tiefe zu schauen. Nun muss sie hinsehen und dann weitersehen.

Anna Kathrin Hahn: „Der Chor“, Suhrkamp Verlag, 282 Seiten, ISBN 978-3-518-47514-0, Preis: 13,00 Euro.


Markus Weber über „Nach der Nacht“

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht

Im Mittelpunkt des Buches stehen Interviews mit sieben Überlebenden des Holocaust. Zwar erfährt man über ihr Schicksal auch, wie sie den Holocaust erlitten haben und überleben konnten. Vor allem aber werden sie befragt, wie sie unsere heutige Welt sehen und die weltweiten Gefährdungen von Demokratie und Menschenwürde einschätzen. Und was zu tun ist, damit die Welt lebenswert für alle Menschen bleibt.

Allen Zeitzeug*innen ist gemeinsam, dass sie erst sehr spät begonnen haben, über ihr Schicksal zu erzählen, dass sie dann aber – wie die inzwischen verstorbene Margot Friedländer – unermüdlich Zeugnis abgelegt haben, gerade im Gespräch mit jungen Menschen. Und sie warnen vor Gefahren zunehmenden Rassismus und Antisemitismus angesichts aktueller Entwicklungen: Was geschehen ist, kann wieder geschehen.

Die Herausgeber, der Regisseur Joachim A. Lang und der Historiker Thomas Weber, haben die Zeitzeug*innen für ein Filmprojekt über die Wirksamkeit der NS-Propaganda kennengelernt. Und sie waren zurecht der Meinung, dass deren Stimmen nicht verloren gehen dürfen.

Die Interviews werden durch einen längeren Text eingeleitet, in dem sie ihre Grundfrage erläutern, nämlich wie die Schrecken des NS möglich wurden, oder anders und grundsätzlicher ausgedrückt: „Wie kommt die Finsternis in die Welt? Aber auch: Wie kommt das Licht in die Welt zurück?“ Dabei unterstreichen sie die Bedeutung und Wirksamkeit von Erinnerung, nicht zuletzt aus der jüdisch-christlichen Tradition heraus. Abschließend fassen die beiden Autoren zusammen, welche Bedeutung die „Vision der Holocaustüberlebenden für die Zukunft der Demokratie“ hat.

Letztlich ist deren Zeugnis eine Botschaft an jede*n Einzelne*n – und: Erinnerung dient unserer Gegenwart und einer menschenwürdigen Zukunft.

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie, Herder-Verlag 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3451396670, 20,00 Euro.

Leonard Cohen in Wort und Musik

Lutz Debus und Holger Jenrich warten in der BÜCHER-HEIMAT mit Liedern von und Geschichten über Leonard Cohen auf. Foto: Ulrich Pietsch

Hallelujah & Schalom

Zu einem Abend mit Liedern von und Geschichten über Leonard Cohen wird am Donnerstag, 8. Oktober 2026 in die BÜCHER-HEIMAT eingeladen. In Wort und Musik bringen an diesem Abend Lutz Debus und Holger Jenrich ihrem Publikum den kanadischen Singer-Songwriter, Schriftsteller, Dichter und Maler näher.

Zu ihrem Programm schreiben Debus und Jenrich: Leonard Cohen (1934 – 2016) war vieles: Jude und Buddhist, Musiker und Schriftsteller, introvertierter Frauenschwarm und intellektueller Poet. Er schrieb und sang über Freiheit und Liebe, Tod und Religion. Und er schuf Songs, die man eigentlich zum Weltkulturerbe erklären müsste: „Bird on the Wire“, „Suzanne“, „Hallelujah“.

Lutz Debus (Gitarre, Bass, Gesang) und Holger Jenrich (Texte) bewegen sich über zwei Stunden musizierend und erzählend durch das Leben des kanadischen Sängers und Dichters.“

Zu den Personen:

Lutz Debus, Sozialpädagoge und Musiker, lebt in Dortmund.

Holger Jenrich, gelernter Tageszeitungsredakteur, Buchautor und Publizist, lebt in Hannover und Lüchow-Dannenberg.

Bettina Luis über „Vaim“

Bettina Luis über „Vaim“

Jon Fosse: Vaim

Warum mag ich Jon FOSSE so gerne lesen? Für mich gibt es mindestens vier Gründe: Zum einen sind da seine wie Musik dahinfließenden Endlossätze ohne Punkte, aber immerhin mit Kommata. Sie schwanken wie ein Boot bei allen Wettern auf dem tiefen Meer menschlicher Sprache. Als Leserin muss ich mich diesen Satzwellen überlassen, mich tragen lassen im wechselnden Takt der Wortfolgen, darf Rhythmus und Klang hinter der Sprache erfühlen.

Ja, das muss man mögen, diesen ganz besonderen Fosse-Schreibstil! 😉

Zum anderen, die Handlung kommt inhaltlich zwar immer voran, aber sehr, sehr langsam. So, wie die Wellen auf das Ufer treffen um gleich wieder in Unterströmung zurückgesogen zu werden und einen erneuten Anlauf nehmen, so lässt Fosse Gedanken und Ideen seiner Protagonisten plätschern: vorwärts, zurück, verwirbelt, wiederholend…:

“ … aber so konnten wir jedenfalls nicht stehen bleiben, denn jetzt standen wir schon länger dort, oder es fühlte sich an, als hätten wir schon sehr lang so gestanden, und da sie, Eline, zuerst etwas gesagt hatte, meinen Namen gesagt hatte, war ich jetzt wohl an der Reihe, und da Eline meinen Namen klar und deutlich gesagt hatte, war ich jetzt wohl damit dran, klar und deutlich ihren Namen zu sagen und ich nahm irgendwie meinen Mut zusammen und dann sagte ich klar und deutlich Eline und …“

Ja, das muss man mögen, derart auf dem Meer von Sprache inhaltlich zu schaukeln! 😉

Eingebunden in diese Szenarien sind immer passend Fosses nordische Charaktere – und das ist ein dritter Grund meiner Bewunderung. Deren tatsächliche Weisheit und Klugheit lebt gerne gut versteckt hinter einem Schleier aus Einfalt. Vor allem seine männlichen Protagonisten sind gerne wortkarge Einzelgänger, tüchtig in ihrer Arbeit, aber auch unbeholfen, schräg und tragisch-komisch. Fosses Frauenfiguren dagegen wirken wacher, zielstrebiger, offener und gerne auch schlauer. Trotz alter gelebter Rollenbilder, beherrschen sie das Leben und die Männer.

Ja, die Menschen muss man mögen, um Fosses zeitloses Theater gerne zu besuchen!

Auch Jon FOSSEs drei Männer in VAIM sind – und so erwarten wir es ja nun auch – wieder scheinbar gänzlich aus der Zeit geschossen: JATGEIR und OLAV, alias Frank, leben wenig spektakulär als Fischer an zwei Fjorden in Norwegen, lieben das Meer und vor allem ihre Boote. JatGeir hoffte dereinst auf seine einzige Jugendliebe ELINE. Sie heiratete aber Frank und zog fort, bevor die Sehnsucht ihr offenbart werden konnte. Seit dem Tag heißt sein Boot ELINE, ist seine Ersatzbraut. JatGeir hat einen Freund, ELIAS. Elias ist kein Fischer, irgendwie anders, schweigsam düster, sehr sensibel. Er wohnt in der Nähe, aber viel mehr verbindet beide scheinbar nicht, denn die Besuche sind extrem selten, doch sie brauchen nicht mehr, um sich Freunde zu nennen.

Eines Tages überrascht eine sehr bestimmende Eline JatGeir auf seinem Boot, überrumpelt und drängt ihn, sie aufzunehmen. JatGeir lässt es geschehen. Sie leben zusammen bis zu seinem Tod. In dieser Zeit gibt es noch weniger Kontakt zu Elias, der aber letztlich – im Tod vereint – neben JatGeir beerdigt wird. Eline „holt sich“ ganz schnell ihren ExMann Frank , eigentlich Olav, zurück, lebt mit ihm in JatGeiers Haus, stirbt, wird neben Elias begraben und lässt ihren eigentlichen Namen auf den Grabstein setzen. Frank kehrt letztlich als Olav in sein eigenes Haus an seinem Fjord zurück.

Ja, das muss man mögen, diese Einfachheit im Plot! Allerdings wurden hier bewusst einige (zuweilen wirklich komische) Überraschungen nicht vorab verraten: Was hat es mit dem schwarzen Garn und der einen Nadel auf sich? Was ist das Besondere an Elines Werdegang? 😉

Drei Kapitel, Drei Männer, drei Erzählperspektiven – eine ganz große FOSSE-WELT auf nur 156 Seiten!

Die Wesenheit, resp. Essenz großer Romankunst!

Jon Fosse: „Vaim“, Rowohlt Verlag, 160 Seiten, ISBN 9783498007812, Preis: 24,00 Euro.