Sonja Weber über „Der Chor“

Sonja Weber über „Der Chor“

Anna Kathrin Hahn: Der Chor

Die Cantarinen proben einmal die Woche im Gemeindesaal, treten zweimal im Jahr auf und im Sommer gibt es regelmäßig Chortreffen. Die unterschiedlichen Frauen spiegeln das Sozialgefüge der Stadt wider, jedes Alter, jede Schicht ist dabei. Bei Ihren Proben sind sie alle Chorschwestern, egal ob Rentnerin, Managerin, Hausfrau oder Reinigungskraft.

Sie genießen es, nach der Pandemie endlich wieder zusammen singen zu können. Obwohl zwischen den Freundinnen Alice und Marie seit Corona irgendwie Funkstille herrscht, die ältere Lena mit gesundheitlichen Problemen kämpft und Cora in finanziellen Nöten steckt, scheint im Chor alles zu funktionieren.

Dann taucht die schüchterne und leicht verwahrloste Sophie auf. Sie und die Tatsache, dass es Lena immer schlechter geht, wirbeln nach und nach Staub auf, der eigentlich unter dem Teppich hätte bleiben sollen. Nach einer unüberlegten Spontanreise nach Paris sieht Alice auf einmal vieles in einem neuen Licht.

Wie konnte sie Tatsachen einfach ausblenden? Sie, die jede nichtpassende Kleidung, jedes Staubkorn und jede Parfummarke sofort wahrnimmt, hatte doch nie den Mut in die Tiefe zu schauen. Nun muss sie hinsehen und dann weitersehen.

Anna Kathrin Hahn: „Der Chor“, Suhrkamp Verlag, 282 Seiten, ISBN 978-3-518-47514-0, Preis: 13,00 Euro.


Markus Weber über „Nach der Nacht“

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht

Im Mittelpunkt des Buches stehen Interviews mit sieben Überlebenden des Holocaust. Zwar erfährt man über ihr Schicksal auch, wie sie den Holocaust erlitten haben und überleben konnten. Vor allem aber werden sie befragt, wie sie unsere heutige Welt sehen und die weltweiten Gefährdungen von Demokratie und Menschenwürde einschätzen. Und was zu tun ist, damit die Welt lebenswert für alle Menschen bleibt.

Allen Zeitzeug*innen ist gemeinsam, dass sie erst sehr spät begonnen haben, über ihr Schicksal zu erzählen, dass sie dann aber – wie die inzwischen verstorbene Margot Friedländer – unermüdlich Zeugnis abgelegt haben, gerade im Gespräch mit jungen Menschen. Und sie warnen vor Gefahren zunehmenden Rassismus und Antisemitismus angesichts aktueller Entwicklungen: Was geschehen ist, kann wieder geschehen.

Die Herausgeber, der Regisseur Joachim A. Lang und der Historiker Thomas Weber, haben die Zeitzeug*innen für ein Filmprojekt über die Wirksamkeit der NS-Propaganda kennengelernt. Und sie waren zurecht der Meinung, dass deren Stimmen nicht verloren gehen dürfen.

Die Interviews werden durch einen längeren Text eingeleitet, in dem sie ihre Grundfrage erläutern, nämlich wie die Schrecken des NS möglich wurden, oder anders und grundsätzlicher ausgedrückt: „Wie kommt die Finsternis in die Welt? Aber auch: Wie kommt das Licht in die Welt zurück?“ Dabei unterstreichen sie die Bedeutung und Wirksamkeit von Erinnerung, nicht zuletzt aus der jüdisch-christlichen Tradition heraus. Abschließend fassen die beiden Autoren zusammen, welche Bedeutung die „Vision der Holocaustüberlebenden für die Zukunft der Demokratie“ hat.

Letztlich ist deren Zeugnis eine Botschaft an jede*n Einzelne*n – und: Erinnerung dient unserer Gegenwart und einer menschenwürdigen Zukunft.

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie, Herder-Verlag 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3451396670, 20,00 Euro.

Bettina Luis über „Vaim“

Bettina Luis über „Vaim“

Jon Fosse: Vaim

Warum mag ich Jon FOSSE so gerne lesen? Für mich gibt es mindestens vier Gründe: Zum einen sind da seine wie Musik dahinfließenden Endlossätze ohne Punkte, aber immerhin mit Kommata. Sie schwanken wie ein Boot bei allen Wettern auf dem tiefen Meer menschlicher Sprache. Als Leserin muss ich mich diesen Satzwellen überlassen, mich tragen lassen im wechselnden Takt der Wortfolgen, darf Rhythmus und Klang hinter der Sprache erfühlen.

Ja, das muss man mögen, diesen ganz besonderen Fosse-Schreibstil! 😉

Zum anderen, die Handlung kommt inhaltlich zwar immer voran, aber sehr, sehr langsam. So, wie die Wellen auf das Ufer treffen um gleich wieder in Unterströmung zurückgesogen zu werden und einen erneuten Anlauf nehmen, so lässt Fosse Gedanken und Ideen seiner Protagonisten plätschern: vorwärts, zurück, verwirbelt, wiederholend…:

“ … aber so konnten wir jedenfalls nicht stehen bleiben, denn jetzt standen wir schon länger dort, oder es fühlte sich an, als hätten wir schon sehr lang so gestanden, und da sie, Eline, zuerst etwas gesagt hatte, meinen Namen gesagt hatte, war ich jetzt wohl an der Reihe, und da Eline meinen Namen klar und deutlich gesagt hatte, war ich jetzt wohl damit dran, klar und deutlich ihren Namen zu sagen und ich nahm irgendwie meinen Mut zusammen und dann sagte ich klar und deutlich Eline und …“

Ja, das muss man mögen, derart auf dem Meer von Sprache inhaltlich zu schaukeln! 😉

Eingebunden in diese Szenarien sind immer passend Fosses nordische Charaktere – und das ist ein dritter Grund meiner Bewunderung. Deren tatsächliche Weisheit und Klugheit lebt gerne gut versteckt hinter einem Schleier aus Einfalt. Vor allem seine männlichen Protagonisten sind gerne wortkarge Einzelgänger, tüchtig in ihrer Arbeit, aber auch unbeholfen, schräg und tragisch-komisch. Fosses Frauenfiguren dagegen wirken wacher, zielstrebiger, offener und gerne auch schlauer. Trotz alter gelebter Rollenbilder, beherrschen sie das Leben und die Männer.

Ja, die Menschen muss man mögen, um Fosses zeitloses Theater gerne zu besuchen!

Auch Jon FOSSEs drei Männer in VAIM sind – und so erwarten wir es ja nun auch – wieder scheinbar gänzlich aus der Zeit geschossen: JATGEIR und OLAV, alias Frank, leben wenig spektakulär als Fischer an zwei Fjorden in Norwegen, lieben das Meer und vor allem ihre Boote. JatGeir hoffte dereinst auf seine einzige Jugendliebe ELINE. Sie heiratete aber Frank und zog fort, bevor die Sehnsucht ihr offenbart werden konnte. Seit dem Tag heißt sein Boot ELINE, ist seine Ersatzbraut. JatGeir hat einen Freund, ELIAS. Elias ist kein Fischer, irgendwie anders, schweigsam düster, sehr sensibel. Er wohnt in der Nähe, aber viel mehr verbindet beide scheinbar nicht, denn die Besuche sind extrem selten, doch sie brauchen nicht mehr, um sich Freunde zu nennen.

Eines Tages überrascht eine sehr bestimmende Eline JatGeir auf seinem Boot, überrumpelt und drängt ihn, sie aufzunehmen. JatGeir lässt es geschehen. Sie leben zusammen bis zu seinem Tod. In dieser Zeit gibt es noch weniger Kontakt zu Elias, der aber letztlich – im Tod vereint – neben JatGeir beerdigt wird. Eline „holt sich“ ganz schnell ihren ExMann Frank , eigentlich Olav, zurück, lebt mit ihm in JatGeiers Haus, stirbt, wird neben Elias begraben und lässt ihren eigentlichen Namen auf den Grabstein setzen. Frank kehrt letztlich als Olav in sein eigenes Haus an seinem Fjord zurück.

Ja, das muss man mögen, diese Einfachheit im Plot! Allerdings wurden hier bewusst einige (zuweilen wirklich komische) Überraschungen nicht vorab verraten: Was hat es mit dem schwarzen Garn und der einen Nadel auf sich? Was ist das Besondere an Elines Werdegang? 😉

Drei Kapitel, Drei Männer, drei Erzählperspektiven – eine ganz große FOSSE-WELT auf nur 156 Seiten!

Die Wesenheit, resp. Essenz großer Romankunst!

Jon Fosse: „Vaim“, Rowohlt Verlag, 160 Seiten, ISBN 9783498007812, Preis: 24,00 Euro.


Sonja Weber über „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“

Sonja Weber über „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“

Lisa Ridzén: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

Irgendwann im Leben treffen wir die erste eigene wichtige Entscheidung und irgendwann die letzte, machen irgendwann den ersten eigenen Schritt und dann irgendwann den letzten. Dazwischen liegt mit Glück ein gutes Leben, dass vielleicht sogar lang ist. Dazu muss man allerdings alt werden und es dann auch noch schaffen alt zu sein.

Lisa Ridzén erzählt in ihrem wunderbaren soeben erschienenen Debutroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ genau davon. Anhand von Notizen des Pflegeteams ihres Großvaters hat die Autorin eine feine, alle Beteiligten beleuchtende Geschichte erschaffen, in der es auf die erdenklich beste Art menschelt.

Aus der Sicht des alten Bo blicken wir als Leserinnen und Leser auf einen Alltag, in dem alles was Jahrzehnte leicht war, immer schwieriger wird. Egal ob Kochen, in die Stadt fahren, Putzen, den Kamin anfeuern oder mit dem Hund rausgehen, Bo benötigt Hilfe. Deshalb kommt ein Pflegedienst und deshalb möchte Bos Sohn Hans den Hund weggeben.

Aber darf er das? Ist es nicht immer noch Bos Leben? Ist es nicht seine Entscheidung, ob er beim Spaziergang mit dem Hund oder auf der Küchenbank stirbt? In den einzelnen Kapiteln verweben sich Vergangenheit und Gegenwart, erleben wir Bos gefühlte Realität und das „so ist es“ aus der Sicht von Hans, der Pflegekräfte und Bos Enkelin und wir begleiten Bo das letzte halbe Jahr seines langen und aus seiner Sicht sicher auch guten Lebens.

Lisa Ridzén: „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“, btb Verlag, 384 Seiten, ISBN 978-3-442-76296-5, Preis: 24,00 Euro.


Bettina Luis über „Was nicht gesagt werden kann“

Bettina Luis über „Was nicht gesagt werden kann“

David Szalay: Was nicht gesagt werden kann

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“!? Nun ist es nicht ganz so, als spräche ISTVÀN in Szalays Roman gar nicht. Aber ich kenne keinen Roman, in dem der Protagonist sein Leben derart einsilbig lebt. Wenn ich allerdings ganz tief in meinen Erinnerungen „grabe“, höre ich die Dialoge von Estragon und Wladimir aus dem absurden Theaterstück WARTEN AUF GODOT (1952) von Samuel BECKETT. „Es muss etwas geschehen…!“)

Dort wie auch für István gilt: Es geht symbolisch auch um das Warten. Das Warten auf Leben, um die vergebliche Suche nach individueller Sprache und damit um den möglichen Verlust urmenschlicher Beziehungsfähigkeit.

Als Konsequenz zeigt sich auch für István ein „unausweichlicher, existentieller Zwang zu vergeblichem Warten“ (Wikipedia, Warten auf Godot) und damit einhergehend ein grundsätzlicher Verlust an Initiative. Er lebt sein Leben ohne großes eigenes Dazutun. Aber wie konnte d a s geschehen? Was ist passiert?

István lebt prekär in einer ungarischen Plattenhaussiedlung mit seiner alleinerziehenden Mutter. Hilfsbereitschaft, gute Nachbarschaft und Harmonie sind der Mutter wichtig. István ist einsam, scheu, und wenig aufgeklärt. Pubertierend sucht er interessiert sexuelle Reize und Antworten auf entsprechend unbekannte Emotionen.

Mit 15 Jahren wird er dann von einer sehr viel älteren verheirateten Nachbarin scheinbar „liebevoll“ verführt. Der nur äußerlich freiwillige Missbrauch eröffnet dem Jungen zunächst die spannende fremde Welt des anderen Geschlechts.

Das wiederholte Durchleben verschiedenster Sexualpraktiken schaffen aber bald größte Abhängigkeit und Fixierung auf eine rein sexualisierte Körperlichkeit. Für ihn ist dies nun gleichbedeutend mit Liebe. Als er der Frau seine „Liebe“ gesteht, weist sie ihn schroff zurück und beendet die Beziehung.

István ist zutiefst gekränkt, seine Gefühlswelt ist traumatisiert. Eifersüchtig kommt es während eines impulsiven Streites mit dem Ehemann zu einem tödlichen Treppensturz.

István verbringt daraufhin drei Jahre in einer Jugendstrafanstalt. Danach wird er zum unkontrollierten Spielball seines zukünftigen Lebens. In einem freiwilligen Kriegseinsatz erlebt er die Verletzbarkeit menschlicher Körper, aber als „guter Soldat“ zeigt er diese Retraumatisierung nicht.  Eine spätere autoaggressive Verletzung lässt er zwar psychotherapieren – die eigentliche Ursache seiner emotionalen „Verstümmelung“ aber bleibt unbenannt.

Etliche Frauen sind von ihm als Mann fasziniert, nutzen ihn als Projektionsfläche ihrer eigenen ungelebten sexuellen Sehnsüchte. Und István, er lässt es ohne großen Widerstand geschehen. Das führt ihn tatsächlich in einem märchenhaft sozialen Aufstieg in die Welt der Reichen und Schönen. Sex und Körper sind sein „Kapital“, sein „Einsatz“ auf dem Weg in das doch so ersehnte normale Beziehungsleben. Wie und ob dies gelingt, sei hier nicht vorweggenommen. Also Stopp!

István ist Mann, ist Mensch, er ist nicht auffällig, kein Sexmonster. Moralische Werte sind immer auch wieder Impuls für mitmenschliches Handeln – leider ohne, dass er dies selbstwirksam bewusst wahrnehmen könnte. Er kämpft ohne viele Worte um sein Leben, für das er keine Sprache mehr hat, außer „fleischlicher“ Ausdrucksformen – WAS (also) NICHT GESAGT WERDEN KANN… (Der Originaltitel des Romans lautet übrigens: FLESH=Fleisch).

Dass Szalay es dennoch schafft, diesem Unaussprechlichen Ausdruck zu verleihen, ist das geniale an diesem Roman! Minimalistische Dialoge schaffen es tatsächlich, István und seine (Beziehungs)Welten so offenzulegen, dass ich als Leserin staunend auch hier konstatieren darf: Weniger ist tatsächlich Mehr! Oder, um es weiser mit dem Philosophen SENECA auszudrücken:

Bleibe auf deinem Posten und hilf durch deinen Zuruf! Und wenn man dir die Kehle zudrückt: Bleibe auf deinem Posten – und hilf durch dein Schweigen!

David Szalay: „Was nicht gesagt werden kann“, Claassen-Verlag, 384 Seiten, ISBN 9783546101509, Preis: 25,00 Euro.


Bettina Luis über „Man kann auch in die Höhe fallen“

Bettina Luis über „Man kann auch in die Höhe fallen“

Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen

Joachim MEYERHOFF ist derzeit in aller Munde angesichts des neuesten Films von Simon Verhoeven: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke….  Meyerhoff umgibt tatsächlich ein Marketing-Hype, der ihn für einige „gute Literatur“ Suchende angeblich a priori disqualifiziert. Aber den 6. Teil der Reihe ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH voreilig zu ignorieren, möge ernsthaft überdacht werden, denn: MAN KANN (doch!) IN DIE HÖHE FALLEN! 😊

Schon die ersten fünf Romane ließen rückblickend in erfrischender Erzählbegabung akribisch Leben, Familie und Gedanken des Autors „streng öffentlich“ werden. Durch Höhen und Tiefen begleiten Lesende ihn dort – ein wirklich interessanter, ganz echter Mensch, mag man am Ende resümieren. Aber auch ziemlich mutig, mag man kritisch bemerken, seine private Vergangenheit „zu Markte zu tragen“… Was, wenn alles erzählt ist?

Im vorliegenden Roman wechselt der Autor nun in die Gegenwart. Mit vertrautem Witz und Charme beobachtet er hier seine sehr aktionistische, durchaus schräge 86-jährige Mutter, die allein und eigenwillig ein idyllisches Landgut der Familie in Schleswig-Holstein bewirtschaftet. Dorthin flieht der 56-jährige Meyerhoff, Ruhe suchend, aus Berlin.

Es gab zuvor einen beschämenden Nervenzusammenbruch, eine Schreibblockade, eine existentiell tiefe Sinnkrise. Zehn Wochen wird er bei seiner Mutter bleiben. Er könne ja über sie und ihren Alltag schreiben („…wenn dir nichts anderes einfällt…“). Hauptsache, er schreibt überhaupt wieder!

Auf diesen mütterlichen Rat hin beginnt Meyerhoff – da sich ihm keine Geschichten aufdrängen – das Hier und Jetzt zu akzeptieren und nutzt seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe. Er öffnet die Sinne, nimmt ohne jegliche Bewertung minutiös lediglich wahr: Landschaften, Haus und Garten, Menschen, das Meer und – allem voran – sie, die Mutter, seine so authentisch geerdete Mutter, hier und jetzt und damals, als er noch Kind war.

All dies (be)schreibt er: Mutter isst, Mutter heilt, Mutter hackt Holz, …mäht, …verliebt sich. Mutter ist weg… Mutter braucht Geschichten… Die Mutter hört abends interessiert zu, auch sie bewertet nicht.  Es sind Geschichten und tragisch-komische Anekdoten, die in mütterlicher Anwesenheit, diesem sicheren Freiraum entstehen.

Wie aneinandergereihte Filmsequenzen flackern sie über die „Leinwand“ und als Leserin darf ich mit schauen. Behutsam führen sie Meyerhoff zurück in seine eigenen Geschichten und zunehmend heilend zu sich.

In wunderbar humorvollen und pointierten Beschreibungen – das kann Meyerhoff wirklich 😊 – blitzen Menschen und situationskomische Erinnerungen auch aus seiner langjährigen Theaterwelt auf. Amüsanteste Pleiten, Pech und Pannen werden lebendig. Gerade diese beruflichen und familiären ANEKDOTEN überdauern nicht nur mündlich, sondern dürfen es lt. Meyerhoff eben auch schriftlich, denn sie sind „…eine winzige Quelle (in der Geografie der literarischen Formen), aus der ununterbrochen, seit Anbeginn der Zeit, das klarste Wasser sprudelt. Müde und ausgelaugt vom Besteigen literarischer Achttausender kann man sich hier erfrischen und kurz verweilen.“

Man kann diese Definition vielleicht anders formulieren, aber m.E. nicht schöner!

Ein literarischer Hochgenuss d i e s e r Meyerhoff – trotz Hype!

Joachim Meyerhoff: „Man kann auch in die Höhe fallen“, Kiepenheuer & Witsch, 357 Seiten, ISBN 9783462006995, Preis: 26,00 Euro.


Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Saša Stanišićs: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn

Pascal Mercier, Der Fluss der Zeit

Literatur im Doppelpack bekommt man mit „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“ von Stanišić und „Der Fluss der Zeit“ von Pascal Mercier. Beides Bände mit Erzählungen, beide sind großartig, sehr gegensätzlich und passen trotzdem zusammen, ich erlebte sie als Ergänzung zueinander.

Stanišićs Figuren, seine burschikose Sprache und seine skurrilen Handlungsideen erstaunen und gehen unter die Haut. Heiter desillusioniert und naiv zielgenau nimmt der deutsch-bosnische Ausnahmeschriftsteller uns mit in seine Jugend und in die unbeleuchteten Ecken der Gesellschaft. Anhand unwahrscheinlicher Zufälle und vielleicht möglichen Glücks, konnte ich als Leserin in fremde Leben schlüpfen.

Pascal Merciers Geschichten sind sanft und hüllen ein. Auch er beleuchtet durchaus die schwachen Stellen unseres Seins, die Momente, in denen wir es gut meinen, aber nicht wissen, wie zu Handeln ist. Situationen, die uns fragend dastehen lassen und wir unverhofft in die eigene Seele blicken. Dabei bleibt der vor drei Jahren gestorbene Schweizer Autor seinen philosophischen Ideen, wie man sie aus „Nachtzug nach Lissabon“ kennt und seinem eleganten, weich dahinfließenden Stil treu.

Saša Stanišićs: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“, Btb Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-442-77541-5, Preis: 14,00 Euro.

Pascal Mercier, „Der Fluss der Zeit“, Hanser Verlag, 112 Seiten, ISBN 978-3-446-28577-4, Preis: 22,00 Euro.


Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Hermann Vinke: Entscheidet euch!

Der Journalist und Buchautor Hermann Vinke, Jahrgang 1940, beschäftigt sich seit langer Zeit mit Fragen der Demokratie und der deutschen Geschichte. Schon 1980 hat er eine Biografie zu Sophie Scholl geschrieben und früh hat er sich dafür eingesetzt, dass in seiner Heimat eine Auseinandersetzung mit den Emslandlagern in Gang kam, also die Erinnerung an die NS-Verbrechen und deren Opfer möglich wurde. Nun ist er im Jahr 2026, in dem in fünf Bundesländern Wahlen stattfinden, in großer Sorge um die Demokratie.

„Was passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen. Das ist der eigentliche Grund für meinen Appell ‚Entscheidet euch!‘ … Vielmehr ist es unsere Pflicht, für unser freiheitliches demokratisches System mit aller Kraft einzutreten.“ So ist das kleine Buch keine tiefschürfende politische Analyse eines Wissenschaftlers, sondern ein eindringlicher Aufruf an alle Bürgerinnen und Bürger. Zentrale Fragen der deutschen und internationalen Gegenwart werden schlagwortartig, aber sachkundig angesprochen und in ihrer Bedeutung für den Bestand der Demokratie beleuchtet.

Hermann Vinke bezieht dabei auch Begegnungen aus seiner eigenen Geschichte ein, die ihn geprägt haben. So zum Beispiel mit Stéphane Hessel, dem deutsch-französischen Kämpfer der Résistance, der in seinen Streitschriften wie „Empört euch!“ viele Menschen in Europa aufgerüttelt hat, sich für eine menschenwürdige Zukunft weltweit einzusetzen.

Einige herausfordernde und zum Nachdenken anregende Zitate unterschiedlicher Autor*innen sind ganzseitig eingestreut. Und auch konkrete Handlungsvorschläge für die Politik und für Bürgerinnen und Bürger fehlen nicht. Wer keine Zeit für lange politikwissenschaftliche Erörterungen hat, sich aber dennoch um die freiheitliche Demokratie Gedanken macht, liegt bei diesem Buch richtig.

Hermann Vinke: Entscheidet euch! Eine Flugschrift, Metropol 2. Aufl. 2026, ISBN 978-3863318215, 96 Seiten, 9,90 Euro

Lena Scholz über „Schattengrünes Tal“

Lena Scholz über „Schattengrünes Tal“

Kristina Hauff: Schattengrünes Tal

Kristina Hauff entführt uns in ihrem neuen psychologischen Spannungsroman in das familiengeführte Hotel „Zum alten Forsthaus“ im Schwarzwald.

Abgeschieden von der Außenwelt leben dort Lisa und ihr Mann Simon, der Förster ist, sowie Lisas Vater, der das Hotel leitet. Zu Beginn scheint alles nach der typischen Dorf- und Familientradition zu laufen. Es wird zusammengehalten und über Skandale nicht gesprochen.

Bis dann ein rätselhafter Gast auftaucht. Daniela quartiert sich in eines der Zimmer im Hotel ein, sie will überall dabei sein und sucht den Kontakt, doch über ihre Vergangenheit möchte sie nichts preisgeben. Doch Lisa spürt, dass sich unter der Oberfläche mehr befindet, als Daniela vorgibt.

So wühlt sich Lisa durch die Geschichte ihrer Familie und ihres Mannes. Sie stößt auf persönliche Abgründe und fällt mit ihrem Verhalten auch innerhalb der Dorfgemeinschaft auf. Wird das Geheimnis das Hotel je wieder verlassen?

Das war mein erstes Buch von Kristina Hauff, deren Schreibstil und Spannung mich sofort gefesselt hat. Realistisch beschreibt sie den Ort des Geschehens im Schwarzwald, sodass man sich wie im Urlaub fühlt und gleichzeitig ein Geheimnis mit aufdeckt.

Kristina Hauff: „Schattengrünes Tal“, hanserblau, 301 Seiten, ISBN 9783446284289, Preis: 24,00 Euro.

Zu diesem Roman liegt auch eine Rezension von Sonja Weber vor


Markus Weber über „Ein deutsches Mädchen“

Markus Weber über „Ein deutsches Mädchen“

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Auch wenn dieses autobiografische Buch schon 2017 in erster Auflage erschienen ist, hat es leider nichts an Bedeutung verloren. Heidi Benneckenstein beschreibt, wie sie von klein auf von ihrem Vater mit NS-Parolen gedrillt wurde und in den Ferien an Lagern der Heimattreuen Deutschen Jugend teilnehmen musste. Dort gab es nicht nur ideologische Schulungen, Verehrung der einstigen NS-Größen, sondern auch ein hartes körperliches Programm.

Auch wenn sie früh gegen ihren autoritären Vater rebellierte, so blieb sie doch im braunen Sumpf rechtsextremer Gruppen stecken. Die Autorin beschreibt das Milieu aus eigener Anschauung sehr genau. Auch benennt sie, zu welchen führenden Persönlichkeiten der rechten Szene sie dabei in Kontakt kam. Dabei lässt sie auch nicht aus, wie sie selbst in das Denken verstrickt und an Gewalttätigkeiten beteiligt war. Das wird anschaulich geschildert. Ihre Innensicht wird teilweise ergänzt durch die Beobachtungen Außenstehender, sodass sich eine klare Analyse von Denken, Menschenverachtung und Gewalt ergibt.

Im Laufe der Zeit kamen immer wieder Zweifel an der rechtsextremen Lebens- und Denkweise auf, dennoch gelingt erst sehr spät und in einem langen Prozess der Ausstieg. Geholfen hat dabei der Liedermacher Flex, mit dem sie befreundet war und der heute ihr Mann ist. Nur gemeinsam konnten sie es schaffen, ein neues Leben zu beginnen und später auch anderen jungen Menschen beim Ausstieg zu helfen. Heute arbeitet die Autorin als Erzieherin.

Die Aktualität besteht nicht zuletzt darin, dass die Autorin schon 2017, als sie das Buch verfasste, die Gefahren erkannte, die noch heute von Erdogan, Putin, Trump, der damals seine 1. Präsidentschaft antrat, oder der AfD ausgehen.

Für sich selbst zieht sie folgendes Fazit: „Mein Leben ist freier geworden. Für mich spielt es keine Rolle mehr, woher jemand kommt. Ich genieße es, dass ich reden kann, mit wem ich möchte, und mögen kann, wen ich will. Ich weiß jetzt, was Glück ist, und dass man immer seinen Teil beitragen muss …“

Heidi Benneckenstein, Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie, Tropen Verlag 4. Aufl. 2025, ISBN 978-3608504200, 256 Seiten, 12,00 Euro