Andrea David ist als Filmtouristin unterwegs und bereist und fotografiert auf der ganzen Welt Landschaften, Städte und Gebäude, die in Filmen oder auch Musikvideos zu sehen sind. Vor Kurzem ist Teil zwei von „Szene für Szene die Welt entdecken“ erschienen und die Autorin nimmt uns mit nach Berlin, Paris, Notting Hill, Salzburg und Amsterdam, nach Neuseeland, Tunesien und Japan.
Und eben auch, jetzt wird es für Weihnachtsmärchenfreunde interessant, nach Moritzburg und auf das Schloss Moritzburg knappe zwanzig Kilometer nördlich von Dresden. Hier kann man auf der Schlosstreppe den Schuh von Aschenbrödel bestaunen und im Inneren wurden Szenen des Remakes von „Drei Engel für Charlie“ gedreht.
Die spannendste Entdeckung für mich ist der Strand von Freshwater West bei Pembrokeshire in Wales. Dort kann man das fiktive Grab des Haushelfen Dobby aus den Harry Potter Filmen besuchen. Der kleine Filmelf hat viele Fans und einige haben bunte Steine und tatsächlich Socken zu seinen Ehren dagelassen.
Da möchte ich ja spontan gleich hin, oder nach Tunesien. Indiana Jones und Krieg der Sterne schau ich gelegentlich auch gern und der Dghoumes National Park circa fünfhundert Kilometer südlich von Tunis war oft Kulisse für diese Reihen.
Dieser Roman hat seit seiner Veröffentlichung im April 2025 weltweit große Anerkennung erfahren. Im Juni dieses Jahres gewann Virginia Evans für ihr Erstlingswerk den Women’s Prize for Fiction, einer der renommiertesten Literaturpreise für Frauen.
Allein schon auf Grund des nur noch selten gewählten Formats ist „Die Briefeschreiberin“ ein außergewöhnliches Buch. Denn es besteht ausschließlich aus Briefen und gelegentlichen Emails, die die Ich-Erzählerin Sybil Van Antwerp an jeden schreibt, dem sie etwas mitzuteilen hat.
Dies sind neben Verwandten und Freunden u.a. auch bekannte Persönlichkeiten wie z.B. die Schriftstellerin Ann Patchett oder der Filmregisseur George Lucas. Wenn sie Antworten erhält, sind auch diese abgedruckt.
Mit Hilfe dieses Formats gelingt es Virginia Evans ein sehr genaues Charakterbild dieser Frau zu zeichnen. So habe ich als Leserin nicht nur wesentliche Daten und Ereignisse aus ihrem langen Leben erfahren, sondern sie als Mensch wirklich gut kennengelernt. Sie braucht feste Routinen, kann kratzbürstig, streitbar und auch belehrend sein, gleichzeitig ist sie aber hilfsbereit, warmherzig und großzügig.
Sybil ist 73 Jahre alt, als der Roman beginnt. Ihr Augenlicht wird immer schlechter und sie weiß, dass sie in einigen Jahren erblinden wird. Sie erkennt, dass sie bis dahin noch einiges, wie z.B. das schwierige Verhältnis zu ihren Kindern, klären muss.
Und dann ist da noch der eine Brief , an dem sie seit Jahrzehnten schreibt, aber den sie nie abgeschickt hat …
Ein wundervoller Roman, der nicht nur durch das ungewöhnliche Format besticht, sondern auch durch die gelungene Charakteristik eines ganz besonderen Menschen. Gleichzeitig ist er auch ein Plädoyer für die Kunst des Briefeschreibens, denn in einem Brief steckt so viel mehr als in einer Text- oder Sprachnachricht.
Heiner Wilmer: Herzschlag, Etty Hillesum – eine Begegnung
„Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein“
Die niederländische Jüdin Etty Hillesum (1914 – 1943) kannte ich bis vor einigen Wochen gar nicht. Als mir aber dann diese Frau vier Mal in kürzester Zeit „begegnete“, schien es mir wie ein unüberhörbares Zeichen, dass ETTY m i c h wohl kennen lernen wollte!? Es gibt die Tagebücher, es gibt eine Hörspielfassung zu den Tagebüchern, nun auch eine Filmserie und es gibt dieses Buch.
Für mich begann alles zufällig mit jenem Radiointerview mit Heiner Wilmer, langjähriger Bischof des Bistums Hildesheim. Anlass des Interviews war die kürzliche Ausstrahlung der sechsteiligen ARTE-Serie ETTY. Da ich H. Wilmer als klugen und achtenswerten Katholiken schätze, horchte ich auf, als er nicht nur die Serie als absolut sehenswertes Muss anpries, sondern von seiner ganz eigenen „Begegnung“ mit Etty Hillesum erzählte, deren Namen er selber auch erst 2018 zufällig auf einem Stolperstein im „Garten der Gerechten der Menschheit von Rom“ entdeckte.
Er forschte nach, stieß so auf ihre Tagebücher. Die „Tagebücher eines „Mädchens, das nicht knien konnte“. Ich hörte daraufhin zunächst die sehr einfühlsame Hörspielreihe, sah dann die tatsächlich unglaublich gute (verstörend aktuelle) ETTY- Serie, las daraufhin erste originale Auszüge aus ihren Tagebüchern und erst zum Schluss Wilmers Buch HERZSCHLAG. Diese Reihenfolge meiner Begegnung mit Etty war für mich genau passend.
So lernte ich Etty zuerst als Frau, ganz Menschin kennen. Anfangs sehr verletzbar, oft psychisch instabil, außergewöhnlich klug, aber intellektuell in sich gefangen, kämpft sie sich widerständlerisch durch einen sie zunehmend überfordernden Alltag. Aber Etty hat Humor, und kann in guten Phasen durchaus lustvoll genießen. Sie teilt Tisch und Bett mit einem sehr viel älteren Mann, studiert, diskutiert, ist „das Mädchen, das nicht knien will“!
Etty sucht therapeutische Hilfe und verliebt sich in den ebenfalls viel älteren jüdischen Analytiker und Chirologen (Handlesewissenschaftler) Julius Spier. Ihm verschreibt sie fortan ihr Leben, unter seinem Schutzschirm reift und wächst ihre Metamorphose zur Mystikerin. Die zunehmenden NS-Repressalien und Verbote im Alltag jüdischer Menschen erlebt Etty als Herausforderung, denen sie sich nur unter Zwang beugt. Yogaübungen, Literaturstudien und ihr innerer Weg zu Gott aber verschaffen ihr letztlich die innere Freiheit zum Niederknien. Etty ist geerdet, widersteht allen Angeboten, der Deportation zu entkommen. Solidarisch mit ihrem „Volk“ geht sie die Wege mit, zunächst ins Durchgangslager Westerbork, dann ins KZ Auschwitz und dort am 30. November 1943 in den erwarteten eigenen Tod.
Heiner Wilmers HERZ SCHLÄGT für das intensive Gespräch mit jener Etty, die sich ganz der kraftspendenden spirituellen Suchbewegung hingibt, der sich Wilmer anschließt. Corona und der Lockdown durchkreuzen Anfang 2001 Wilmers Plan, klösterliche Einkehrtage in einer Trapistengemeinschaft in Orval zu verbringen. Spontan entscheidet er sich für Einzelexerzitien im eigenen Haus.
Ein karger Raum wird für acht Tage zur Klosterzelle. Stille und nur die TAGEBÜCHER der Etty Hillesum (Das denkende Herz der Baracke) werden ihn – fernab jeglicher Ablenkung von außen – begleiten. Eintauchen möchte er, sich ganz tief in das Leben dieser Frau versenken um ihr, ihrem Leben, ihrem Glück und ihrem Leiden nachzuspüren. Er hofft, ihre Verwandlung hin zu jener so menschlichen Mystikerin ganz unmittelbar und nur durch das Durchdringen ihrer Texte in sich erfahrbar werden zu lassen.
Diese Etty, die sehenden Auges das tiefste Leid der deportierten jüdischen Männer, Frauen und Kinder im Durchgangslager Westerbork mit ertrug. Etty, die letztendlich durch ihre schier unantastbare Liebe zum Leben und ihren Humor tatsächlich „das Pflaster auf vielen Wunden sein“ durfte. Etty Hillesums Weg, der sie trotz allem zur „innersten Ruhe“, zum „Allertiefsten und Allerreichsten“, resp. zu Gott führte – dieser Weg ist es, dem H.Wilmer bis nach Auschwitz nachgeht.
Es entsteht ein „tägliches Gespräch“ zwischen einem katholischen Bischof und einer jüdischen Frau – Ettys Tagebuch erzählt ihm ihre und die Geschichte ihrer Zeit. Wilmer liest, hört zu, lässt alles in sich wirken, fragt nach, fragt tiefer nach, versucht in Briefform wort- und bildreich zu ergründen, was er von Etty lernen darf. Genau dies wollte Etty, dass sie gehört werde und sie hoffte, dass einige Juden überleben mögen und erzählen und fragen und nachfragen … wie H. Wilmer.
Die lebendige Geschichte der Jüdin Etty Hillsum steht für mich stellvertretend für alle Entrechteten und Entwürdigten, nicht nur für die niederländischen Juden in der NS-Diktatur.
H. Wilmer: „Unter anderem habe ich von dir gelernt, wie die Macht des Humors wirkt, wie ich mit Hass umgehe, wie komplex Versöhnung ist, wie ich Halt finde in schwerer Zeit und mit meinen Ängsten umgehe, welcher Reichtum in meinem Inneren lebt, wie ich mich abhärte ohne mich zu verhärten, mich auf eine mögliche schwere Zeit vorbereite, wie ich aus mir herausgehe, wie ich mich selbst überschreite, wie wichtig es ist, ein Ohr für den Seufzer in der Nacht zu haben, einen Blick auf die aufgerissenen Herzen und für die Frage: Wie geht Gott? Wie geht Gebet?“
Ich bin keine Bischöfin und die – wenn auch zart gedachte – Sprachgewalt, in der H. Wilmer seine Begegnung mit Etty Hillesum niederschreibt, beeindruckt. In kleinen Sequenzen öffnet er sich unerwartet persönlich. Insgesamt: Hinter all seinen persönlichen „tausend Fragen“ zu Glauben, Theologie und eine daraus entstehende Identität stiftende mögliche Heilkraft, sehe ich jene Etty weniger ganzheitlich beschrieben, wie sie wirklich lebte, zweifelte, kämpfte und vor allem liebte.
Alles, was sich im Kopf staut, sagt S. ihr sinngemäß, muss in dein Herz wandern. Dass Ettys Weg zu GOTT nicht zuletzt erst aus Sehnsucht und konkret erlebter Begegnung zu diesem realen Menschen sinne-voll entdeckt und dann möglich wird, beschreibt m i r Wilmer dann aber doch zu sehr kopfbetont, er wird so zum Prediger. Ettys Verliebtsein und Begehren, ihre bedingungslos authentische und eben auch erotische Liebe zu e i n e m Menschen, zu „S.“ ist es doch, die ihren Herzschlag zunehmend auf GOTT hin einstellt. Sie weiß, dass sie S. letztlich wieder loslassen muss, um v i e l e n zusagen zu können: „Ich will das denkende Herz eines ganzen Konzentrationslagers sein.“
ETTYs Credo für mich: Wenn mensch bedingungslos liebt und sich lieben lassen kann: So geht Gott! So geht Gebet!
Meine Empfehlung:
HERZSCHLAG JA! Aber erst n a c h anderen „Begegnungen“ – wobei die ARTE-Serie ETTY ein MUSS ist!
Dies ist der erste Roman, den ich in diesem Jahr gelesen habe, der mich wirklich gefesselt hat, und den ich nicht aus der Hand legen wollte. Aber als ich mich gefragt habe, warum er mir so gut gefällt, musste ich tatsächlich erst einmal ein wenig überlegen.
Ein Grund ist sicherlich die Tatsache, dass Lily King eine gute Schriftstellerin ist. Das wird u.a. daran deutlich, dass sie ihren Schreibstil dem Inhalt und den Gegebenheiten anpasst. Im ersten Teil, als die drei Protagonisten noch Studenten sind, ist die Sprache eine andere als später, wenn wir sie als Mitvierziger erleben. Zudem nimmt sie in der Mitte des Romans eine Art Perspektivwechsel vor, der in meinen Augen die besondere Gefühlslage unterstreicht, in der sich die Ich-Erzählerin befindet.
Inhaltlich geht es um Liebe, genau genommen um eine erste große Liebe, die nicht hält, die die Erzählerin in ihrem späteren Leben aber wieder einholt, zu einer Zeit als sie ihr Glück mit Mann, zwei Kindern und einem erfolgreichen Beruf gefunden hat. Es geht aber auch um die Erkenntnis , dass ein kurzer Moment, eine einzige Entscheidung, den weiteren Lebensweg unwiderruflich beeinflussen kann. Eine Thematik, die bekanntermaßen in Matt Haigs „Die Mitternachtsbibliothek“ eine zentrale Rolle spielt
Es wird aber nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, das würde für einen besonderen Roman nicht reichen. Es geht auch um die Frage, in wie weit Bücher uns in bestimmten Phasen unseres Lebens leiten. Sinngemäß sagt die Erzählerin, deren Namen übrigens erst ganz am Ende der Geschichte genannt wird, dass ein großartiger Roman nicht nur ein besonderes literarische Erlebnis vermittelt, sondern er auch die Art und Weise, wie man auf das eigene Leben blickt, verändert und verstärkt.
Im englischen Original liest sich das so:
“A great novel, a truly good one not only captures a particular literary experience, it alters and intensifies the way you experience your own life while reading it.”
Und genau dies ist der Autorin meines Erachtens ebenfalls gelungen: ihr Roman regt zum Nachdenken an.
Mir persönlich gefällt auch das Cover sehr gut. Es ist ausdrucksstark und stellt Bezüge zum Inhalt her.
Lily King ist in den USA eine anerkannte Schriftstellerin, die es verdient hat auch bei uns von einer größeren Leserschaft wahrgenommen zu werden.
Der Roman ist für den Women’s Prize for Fiction 2026 nominiert, einer der bedeutendsten Literaturpreise Großbritanniens.
Der englische Historiker, Autor und Landwirt ist immer für ein besonderes Reiseerlebnis gut und in seinem Werk „Insel am Rand der Welt“ nimmt er uns mit auf eine kleine Insel am Polarkreis. Drei Monate lebt Rebanks zwar spartanisch, aber doch privilegiert, denn eigentlich haben Männer dort nichts zu suchen.
Die Inseln des Vega-Archipels vor der Küste Norwegens im hohen Norden sind traditionell Orte, an denen die Entenfrauen sich um das Wohlergehen der Eiderenten kümmern, um dann nach dem Schlüpfen der Jungen die Eiderdaunen aus den verlassenen Nestern zu „ernten“. Anna ist eine dieser Frauen, die dafür sorgen, dass eine Tradition nicht ausstirbt.
Ende Mai, wenn noch die Frühjahrsstürme wüten, bezieht sie ihr kleines Haus auf einem Stück Fels mitten im Meer und James Rebanks darf eine Saison dabei sein. Er lernt die Einsamkeit und Abgeschiedenheit schätzen, lernt aber auch, dass eine Insel nicht Freiheit bedeutet, sondern eingeschränkt sein im hier und jetzt.
Er erlebt die liebevolle Leidenschaft, mit der sich Anna um die Enten kümmert, was es mit dieser Tradition auf sich hat, warum Eiderdaunen so rar und wertvoll sind und weshalb der zweite Weltkrieg fast das Ende einer Lebensart bedeutet hat.
Dank Frauen wie Anna werden heute die seltenen Tiere wieder behütet, während sie brüten und finden in jedem Jahr ihr „zu Hause“ frisch für sie vorbereitet vor. Für die Entenfrauen ist dieses Leben etwas, dass sie mit ganzer Kraft bewahren, es ist ihre Art mit der Natur eins zu sein und für etwas wertvolles Sorge zu tragen.
Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary
Nicht nur der Großschriftsteller Thomas Mann, Bruder Heinrich Mann, die Söhne Klaus und Golo Mann, Frau Katia Mann, Monika, Michael – alle aus der Familie Mann haben sie Bücher geschrieben und wurden berühmt. Die wissenschaftliche und literarische Ausschlachtung dieser Familie mit Genius-Gen hält an.
Jetzt also auch Florian Illies, der selber bekannt wurde durch seine „atmosphärischen Epochenerzählungen“. Eigentlich wollte ich das geschenkte Buch sofort weglegen und habe es dann doch zügig gelesen.
Illies hat ein Buch geschrieben, dass Zeitgeschichte geschickt mit Familiengeschichte verknüpft. Er beschränkt sich auf drei Monate in dem Riviera-Ort Sanary, der ersten Station des gemeinsamen Familien-Exils. Illies zeigt, wie schnell die Nationalsozialisten auch in den intellektuellen Kreisen zugeschlagen haben und die Manns im März 1933 nur mit Geschick Deutschland verlassen konnten. Thomas Mann war tief gekränkt, hielt er sich offenbar doch für die Inkarnation der deutschen Hochkultur.
Er, der Gottvater der Familie, wird gezeigt als verklemmter Egomane, Zauderer, als großbürgerlicher Patriarch und Hypochonder. Katia Mann steht bedingungslos zu ihrem „Thommy“. Gemeinsam sind sie stilvoll Elternpaar: schräg, verquer, selbstbewusst und befremdend ungerecht. Und die (erwachsenen) Kinder leiden, sie bewundern ihren „Zauberer“.
Das Leben spielt sich an einem Traumort ab: Wenn in Sanary die Sonne untergeht, geht mit ihr auch die großbürgerliche Epoche zugrunde – nur wissen es noch nicht alle.
Florian Illies schreibt mit sanftem Spott. Er schreibt informativ, unterhaltsam und erzählt vom aufkommenden Grauen im Plauderton.
Als Leser beginnt man in der Abendsonne zu frösteln.
THOMAS MANN (1875-1955) starb vor fast 81 Jahren. Nur wenige Schriftsteller blieben bis heute weltweit so berühmt wie er. Und nur wenigen war es vergönnt, bereits zu Lebzeiten größten Ruhm, Glanz und Ehre erfahren zu dürfen. Aber auch politische, gesellschaftliche und persönliche Tiefschläge erlebte dieser eigentlich tiefsinnige und sensible Mann.
Gesellschaftliche Zuweisung von Rollen und Zwängen waren in seiner Zeit tragischerweise schier unüberwindbar eng, geschweige denn verhandelbar. Thomas Mann lebte nach außen durchaus konform als Patriarch, bisweilen starrköpfig, wenig kritikfähig bis autoritär. Gerade aber im sich innerlich im Anderssein treu zu bleiben, nicht in den Strömungen der „Zeitgeister“ zu ertrinken, sondern scharfsinnig reflektierend und erschreckend präzise die ihn umgebenden Bedingungen zu beobachten, zu analysieren, um sie dann meisterhaft eloquent in seine Geschichten und Romane einzubetten – dies brachte ihm bereits 1929 verdientermaßen den Literaturnobelpreis ein.
Sein persönliches Sein in den turbulenten Geschehnissen seiner Jahre bot oft die Kulisse für seine Protagonisten. Durch sie hindurch sprach er zur Welt, durch ihre Lebensgeschichten und -ereignisse schimmerte seine Kritik und Mahnung an die herrschenden Irrungen und Wirrungen seiner Zeitgenossen. Seine Botschaften erzählen von schier falsch gelebtem Leben, von nicht gelebten Leben, vom Menschen verachtenden Miteinander und ihren Sehnsüchten, … und all den leidvollen Konsequenzen. Aber da ist auch Hoffnung durch heilsame Begegnungen und schützende Auszeiten.
Volker WEIDERMANN – ein m.E. kluger und vertrauenswürdiger Autor und Journalist – schrieb 2023 dieses gründlich recherchierte Buch über Thomas Mann, das sich nicht einfach unauffällig in die unzähligen Meter Bibliografien einreiht! Nein! MANN VOM MEER- ist wirklich ein Thomas Mann Panorama- zum Horizont und zurück!
Ich teile diese Liebe zum Wasser, zum Meer zutiefst. Weidermann nennt das Meer „den stillen Held all seiner (Th.M.) Bücher“. Mann selber habe es einmal so beschrieben: „Das Meer, sein Rhythmus, seine musikalische Transzendenz ist auf irgendeine Weise überall in meinen Büchern gegenwärtig, auch dann, wenn nicht, was oft genug der Fall, ausdrücklich davon die Rede ist.“
Am Ende meiner Lektüre durfte ich feststellen: Ich habe viel biografisch Neues über Thomas Mann erfahren! Ich war mit ihm und seiner Familie sozusagen auf einer wunderbaren „Seereise“ durch sein Leben, seine Leidenschaften und Sehnsüchte. Als bisexueller Mann hat er gelebt, aber oft waren es gerade seine homoerotischen Sehnsüchte, die ihn vor allem junge Männer leidenschaftlich beobachten ließen und die letztlich etliche seiner literarischen Charaktere formten. Und immer wieder durfte ich längere Zitate aus seinen Werken lesen, die ich bisher noch nicht oder vor langer Zeit gelesen hatte. Es war also ein vollkommen neues, vielfältiges Eintauchen -auch sprachlich -in sein Meer des Erzählens.
Volker Weidermann schafft es darüber hinaus sehr einfühlsam, Manns Zweifel, die Scham, die Wut und das Entsetzen über die damalige politische Weltlage deutlich werden zu lassen: „Er will nicht ins Exil. Er ist Deutschland, nicht diese Leute an der Macht, die sich mit dem Land verwechseln. Mann selber schreibt 1933 im französischen Badeort Bandol: „Wunderliches Erlebnis, daß einem, während man gerade draußen ist, sein Land irgendwohin davonläuft, sodaß man es nicht wiedergewinnen kann.“
Sehr eindrücklich wird von Weidermann in 24 Strandwanderungen (Kapiteln) Manns „Wandel“ vom zunächst klassischen, treu konservativ Denkendem hin zum lauten Rufer und Streiter für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie aus dem späteren Exil heraus nachvollzogen.
Auf dieser literarischen Seereise sind mir der Mensch Thomas Mann und seine Familienbeziehungen sehr nahe gekommen und mit ihnen ein anderes, tieferes und leider auch aktuelles (Wieder)Erkennen in einigen seiner Werke. Weidermann beschreibt es so: „Er ist zusammen mit Katia über Brüssel, Paris weiter in die Schweiz gefahren. Den Sommer verbringen sie gemeinsam mit anderen Schriftstellern, die über Nacht ihr Vaterland verloren haben, am Mittelmeer. Thomas Mann beobachtet die Entwicklungen zu Hause mit Staunen. Vor allem dieses widerstandslose Sichergeben, das sich Dreinfügen in die Ungeheuerlichkeiten der neuen Zeit überrascht ihn doch. Wie genau auch immer er es am italienischen Mittelmeer im MARIO auch schon beschrieben hatte: „Wie seltsam, daß man in Deutschland gegen die wahrhaft schweinischen Mittel, mit denen diese <Volksbewegung> gesiegt hat, offenbar nicht die Empörung, den Ekel aufbringt, den ich empfinde!“ Thomas Mann erkennt eine „Verfälschung der Gehirne“ im Land und staunt, wie schnell das alles geht.“
Und noch etwas hat mir Weidermanns Buch verraten: Die Lieblingstochter ELISABETH MANN BORGESE, hat mit ihrem Vater das Meer als Ort der Sehnsucht geteilt und es mit ihm als Kind oft besucht. Sie setzte sich später engagiert als Aktivistin für die Bewahrung der Meere ein. Ihre Expertisen als Wissenschaftlerin und Visionärin waren gefragt. 1970 war sie das einzige weibliche Gründungsmitglied des CLUB OF ROME. Ihr Engagement nannte sie BLAUE REVOLUTION und propagierte die OZEANISCHE POLITIK zur „Bekämpfung der Armut und die Bewahrung der Welt. Denn mit den Meeren fängt es an“. Über ihren Vater sagte sie einmal:
„Ich halte seine Analyse des Verhältnisses der Menschen zur Natur und besonders zum Meer für die tiefgründigste, die mir je begegnet ist. Er erkannte die Ehrfurcht des Menschen vor der Unendlichkeit und Wildheit der Meere.“
In Spanien wurde 2026 erstmalig der sehr hochdotierte AENA-Literaturpreis vergeben. Die Auszeichnung erhielt die 1978 in Buenos Aires/Argentinien geborene Autorin SAMANTHA SCHWEBLIN. Das mit dem Preis verbundene Preisgeld von 1 MIO Euro ist nicht unumstritten. Stammt das Geld doch von der gleichnamigen Fluggesellschaft…
Die im Suhrkamp Verlag erschienene Erzählsammlung DAS GUTE ÜBEL (El BUEN MAL) wurde 2025 immerhin zum besten spanischsprachigen Buch erklärt.
Ich habe angesichts der immensen Summe allerdings auch gestutzt und wollte dem „Besonderen“ in dem Buch unbedingt nachspüren, ohne natürlich letztlich ein Urteil über dessen „Preiswürdigkeit“ zu fällen. „Kunst liegt bekanntlich im Auge des Betrachters“, heißt es. Gleiches gilt m.E. auch für Literatur und jede Rezension bleibt subjektiv. So las ich DAS GUTE ÜBEL unter genau dieser Fragestellung: Möchte ich es anderen Lesern empfehlen und wenn ja, warum?
Soviel vorab: Ich mag skurrile und befremdliche Literatur und lasse mich gerne ein auf Texte, die durchaus auch surreal und/oder sprachlich irritierend sein dürfen. Diese Vorlieben bedient SCHWEBLIN in den sechs Erzählungen durchaus. Es gibt verbindende Themen, allerdings steht jede Geschichte für sich. „Bilder“ erscheinen, sind düster gefärbt, morbide, z.T. auch abstoßend:
Eine Frau beschreibt detailliert ihr freiwilliges Ertrinken und erkennt dann neue Nähe, („Willkommen im Club“).
Eine andere Mutter ertrinkt in ihrer langjährigen Trauer um den kleinen Sohn, den nun ein geschundenes Pferd der Freundin ersetzen soll, („Ein fabelhaftes Tier“).
Eine ungewöhnliche Geburtstagsparty in einem Studentenzimmer wird durch einen vergifteten Kater in ziemlich unheimlicher Art aufgelöst. Wie fühlt es sich an, verrückt zu werden? („William am Fenster“).
In „Das Auge in der Kehle“ verunfallt ein Kleinkind, weil für den Bruchteil einer Sekunde der Vater abwesend war. Das Kind wird durch eine Tracheotomie („Das Auge in der Kehle“) zwar gerettet, bleibt aber seitdem stumm. Seine Eltern versinken in seltsam „schützende“ Schuldgefühle.
„Die Frau aus Atlántida“ verwahrlost zunehmend – heimlich nehmen sich einzig zwei Mädchen immer nachts ihrer pflegend an.
In der letzten Geschichte wird eine verwirrte Greisin aufgegriffen. Ihr höflicher Sohn entpuppt sich allerdings letztlich als Psychopath. („Der Allmächtige macht einen Besuch“).
Die Zumutung dieser Lektüre liegt zum einen sicher darin, sich dem Horror im Chaos menschlicher Urgründe auszusetzen. Besonders schwer zu ertragen ist dabei das gesellschaftliche „Ausblenden“ psychosozialer Nöte, das SCHWEBLIN in ihren Texten exemplarisch sehr bildhaft vorstellt und offensichtlich anprangert. Dem „Übel“ gegenüber stellt sie jedoch auch das unscheinbare „kleine Gute“, das in Form von menschlicher Nähe, Fürsorge, Freundschaft, … durchschimmert. Das „Gute“ liegt versunken im „Übel“, es scheint ertrunken, untergegangen im überschwemmt Werden von erstickenden Ereignissen.
Sprachlich erlebe ich die Erzählungen als ausgesprochen lebendig – also gewollt konträr zur inhaltlich düsteren Atmosphäre. Innere Monologe und kurzweilige äußere Dialoge passen sich dem wiederkehrenden Thema WASSER mal fließend, mal stürmisch an. Bildreiche Formulierungen garantieren: Viel Raum für Phantasien und damit: Keine Langeweile auf 190 Seiten!
Möchte ich also DAS GUTE ÜBEL anderen LeserInnen empfehlen? JA, wenn folgende Vorlieben geteilt werden: Die Liebe zur Kurzgeschichte, die Spannung eines Krimis, kunstvolle psychopathisch detaillierte Phantasiebeschreibungen, surreale (Traum)Welten, offene Enden… u.a.m. Dann findet man sich als LeserIn ungeschützt wieder inmitten eigener aktueller Sozialdramen und lässt sich bestenfalls ein auf das Finden von jenem Not-wendigem GUTEN im ÜBEL der eigenen Gegenwart. Oder denkt zumindest mal darüber nach!
Sit back, Relax and Enjoy – Lehne dich zurück, Entspanne dich und Genieße!!!
Wenn Sie einen Roman suchen, um genau dies zu tun, dann sind Sie bei Michael Connelly genau richtig. Ich habe diesen vielschreibenden Krimi-Autor erst kürzlich entdeckt, und ich mag seine Art zu schreiben. Bekannt ist er durch Reihen wie „Der Lincoln-Lawyer“ und „Harry Bosch“ geworden, die beide auch als Fernseh-Serien verfilmt worden sind.
In diesem Kriminalroman wird eine neue Figur eingeführt: Detective Stilwell, der auf die idyllische Ferieninsel Santa Catalina Island, die vor der Küste von Los Angeles liegt, strafversetzt wurde. (Kleiner Fun Fact am Rande: die Insel gehörte von 1919 – 1975 der Familie Wrigley, deren Firma als weltweit größter Kaugummi-Produzent gilt.)
Zurück zum Roman: während Detective Stilwell zunächst nur kleinere Vergehen aufklären muss, wird eines Tages eine weibliche Unterwasserleiche im Hafen gefunden. Stilwell nimmt die Untersuchungen auf und erkennt sehr schnell Zusammenhänge mit anderen Straftaten auf der Insel. Er scheut sich nicht, Kompetenzen zu überschreiten und riskiert dadurch, noch mehr in Schwierigkeiten zu geraten.
Wie viele andere Autoren auch erfindet Connelly das Rad nicht neu. Aber gelegentlich ist es auch schön, sich von Büchern einfach nur unterhalten zu lassen, und deshalb hat mir dieser Krimi gefallen.
Was mir wie schon so oft nicht gefallen hat, ist der Titel der deutschen Übersetzung Der Inselcop von L.A. Der englische Titel Nightshade bedeutet Nachtschatten und bezieht sich auf die giftigen Nachtschattengewächse. Aus meiner Sicht steckt darin viel mehr Symbolik.
Der Fernsehjournalist Arnd Henze hat mit diesem Buch ein im besten Sinne aufklärerisches Werk über die aktuelle Situation in den USA und die Rolle der religiösen Rechten vorgelegt. Dass das Thema nicht nur die USA angeht, sondern auch Europa und die ganze Welt lässt sich täglich an den Nachrichten ablesen.
Die Analyse des Denkens der unterschiedlichen Protagonisten des „Sadopopulismus“ (T. Snyder) von Pete Hegseth über Charlie Kirk bis zu J. D. Vance und deren Bedeutung für die Regierung von Präsident Donald Trump und dessen Erfolge wird anschaulich und gut lesbar beschrieben. Dabei wird die jüngste Entwicklung in das grundlegende Verhältnis von Religion und Politik in den USA eingeordnet. Und auch ein Vergleich – keine Gleichsetzung, sondern eine differenzierte Betrachtung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden – mit den Deutschen Christen im Nationalsozialismus hilft zum Verständnis.
In seinem Religionsverständnis orientiert Henze sich an Dietrich Bonhoeffer und seinem Diktum, in Notsituationen müsse die Kirche nicht nur den Bedrängten helfen, sondern auch dem „Rad in die Speichen fallen“, also dem Unrechtssystem widerstehen. Für die Situation in den USA zeigt Henze, wie wichtig gerade die Rolle der liberalen Kirchen etwa im Blick auf die Menschen ist, die von der Trumpschen Politik bedroht sind – aber auch wie heikel und schwierig. Er macht aber deutlich, dass deren Handeln zu den Hoffnungszeichen gehört.
Nebenbei: Persönlich fand ich es bei aller Zustimmung zu Henzes Standpunkt schade, dass er aus der in Anlehnung an Bonhoeffer geforderten strikten Trennung von Religion und Staat die Position des Soziologen Hartmut Rosa rundweg ablehnt. Ich hätte gerade die Debatte mit dessen These, dass die Demokratie Religion braucht und von ihr lernen könnte, spannend gefunden.
Basierend auf den eingehenden Analysen entwickelt Henze sowohl ein „Worst Case“ als auch ein „Best Case-Szenario“. Das nimmt einerseits die Gefahren für die US-amerikanische Demokratie und die Weltlage ernst, macht aber ebenso Hoffnung, dass noch nicht entschieden ist, wie die Entwicklung nach Trump weitergehen wird.
Es kommt auf die Menschen an – nicht nur in verantwortlichen Positionen, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger. Schon zu Beginn des Buches führt Henze in diesem Sinne ein älteres Zitat eines US-Bürgerrechtsaktivisten an: „Du findest die großartigsten Menschen genau dort, wo sich diese Gesellschaft von ihrer dunkelsten Seite zeigt.“