Heiner Wilmer: Herzschlag, Etty Hillesum – eine Begegnung

„Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein“
Die niederländische Jüdin Etty Hillesum (1914 – 1943) kannte ich bis vor einigen Wochen gar nicht. Als mir aber dann diese Frau vier Mal in kürzester Zeit „begegnete“, schien es mir wie ein unüberhörbares Zeichen, dass ETTY m i c h wohl kennen lernen wollte!? Es gibt die Tagebücher, es gibt eine Hörspielfassung zu den Tagebüchern, nun auch eine Filmserie und es gibt dieses Buch.
Für mich begann alles zufällig mit jenem Radiointerview mit Heiner Wilmer, langjähriger Bischof des Bistums Hildesheim. Anlass des Interviews war die kürzliche Ausstrahlung der sechsteiligen ARTE-Serie ETTY. Da ich H. Wilmer als klugen und achtenswerten Katholiken schätze, horchte ich auf, als er nicht nur die Serie als absolut sehenswertes Muss anpries, sondern von seiner ganz eigenen „Begegnung“ mit Etty Hillesum erzählte, deren Namen er selber auch erst 2018 zufällig auf einem Stolperstein im „Garten der Gerechten der Menschheit von Rom“ entdeckte.
Er forschte nach, stieß so auf ihre Tagebücher. Die „Tagebücher eines „Mädchens, das nicht knien konnte“. Ich hörte daraufhin zunächst die sehr einfühlsame Hörspielreihe, sah dann die tatsächlich unglaublich gute (verstörend aktuelle) ETTY- Serie, las daraufhin erste originale Auszüge aus ihren Tagebüchern und erst zum Schluss Wilmers Buch HERZSCHLAG. Diese Reihenfolge meiner Begegnung mit Etty war für mich genau passend.
So lernte ich Etty zuerst als Frau, ganz Menschin kennen. Anfangs sehr verletzbar, oft psychisch instabil, außergewöhnlich klug, aber intellektuell in sich gefangen, kämpft sie sich widerständlerisch durch einen sie zunehmend überfordernden Alltag. Aber Etty hat Humor, und kann in guten Phasen durchaus lustvoll genießen. Sie teilt Tisch und Bett mit einem sehr viel älteren Mann, studiert, diskutiert, ist „das Mädchen, das nicht knien will“!
Etty sucht therapeutische Hilfe und verliebt sich in den ebenfalls viel älteren jüdischen Analytiker und Chirologen (Handlesewissenschaftler) Julius Spier. Ihm verschreibt sie fortan ihr Leben, unter seinem Schutzschirm reift und wächst ihre Metamorphose zur Mystikerin. Die zunehmenden NS-Repressalien und Verbote im Alltag jüdischer Menschen erlebt Etty als Herausforderung, denen sie sich nur unter Zwang beugt. Yogaübungen, Literaturstudien und ihr innerer Weg zu Gott aber verschaffen ihr letztlich die innere Freiheit zum Niederknien. Etty ist geerdet, widersteht allen Angeboten, der Deportation zu entkommen. Solidarisch mit ihrem „Volk“ geht sie die Wege mit, zunächst ins Durchgangslager Westerbork, dann ins KZ Auschwitz und dort am 30. November 1943 in den erwarteten eigenen Tod.
Heiner Wilmers HERZ SCHLÄGT für das intensive Gespräch mit jener Etty, die sich ganz der kraftspendenden spirituellen Suchbewegung hingibt, der sich Wilmer anschließt. Corona und der Lockdown durchkreuzen Anfang 2001 Wilmers Plan, klösterliche Einkehrtage in einer Trapistengemeinschaft in Orval zu verbringen. Spontan entscheidet er sich für Einzelexerzitien im eigenen Haus.
Ein karger Raum wird für acht Tage zur Klosterzelle. Stille und nur die TAGEBÜCHER der Etty Hillesum (Das denkende Herz der Baracke) werden ihn – fernab jeglicher Ablenkung von außen – begleiten. Eintauchen möchte er, sich ganz tief in das Leben dieser Frau versenken um ihr, ihrem Leben, ihrem Glück und ihrem Leiden nachzuspüren. Er hofft, ihre Verwandlung hin zu jener so menschlichen Mystikerin ganz unmittelbar und nur durch das Durchdringen ihrer Texte in sich erfahrbar werden zu lassen.
Diese Etty, die sehenden Auges das tiefste Leid der deportierten jüdischen Männer, Frauen und Kinder im Durchgangslager Westerbork mit ertrug. Etty, die letztendlich durch ihre schier unantastbare Liebe zum Leben und ihren Humor tatsächlich „das Pflaster auf vielen Wunden sein“ durfte. Etty Hillesums Weg, der sie trotz allem zur „innersten Ruhe“, zum „Allertiefsten und Allerreichsten“, resp. zu Gott führte – dieser Weg ist es, dem H.Wilmer bis nach Auschwitz nachgeht.
Es entsteht ein „tägliches Gespräch“ zwischen einem katholischen Bischof und einer jüdischen Frau – Ettys Tagebuch erzählt ihm ihre und die Geschichte ihrer Zeit. Wilmer liest, hört zu, lässt alles in sich wirken, fragt nach, fragt tiefer nach, versucht in Briefform wort- und bildreich zu ergründen, was er von Etty lernen darf. Genau dies wollte Etty, dass sie gehört werde und sie hoffte, dass einige Juden überleben mögen und erzählen und fragen und nachfragen … wie H. Wilmer.
Die lebendige Geschichte der Jüdin Etty Hillsum steht für mich stellvertretend für alle Entrechteten und Entwürdigten, nicht nur für die niederländischen Juden in der NS-Diktatur.
H. Wilmer: „Unter anderem habe ich von dir gelernt, wie die Macht des Humors wirkt, wie ich mit Hass umgehe, wie komplex Versöhnung ist, wie ich Halt finde in schwerer Zeit und mit meinen Ängsten umgehe, welcher Reichtum in meinem Inneren lebt, wie ich mich abhärte ohne mich zu verhärten, mich auf eine mögliche schwere Zeit vorbereite, wie ich aus mir herausgehe, wie ich mich selbst überschreite, wie wichtig es ist, ein Ohr für den Seufzer in der Nacht zu haben, einen Blick auf die aufgerissenen Herzen und für die Frage: Wie geht Gott? Wie geht Gebet?“
Ich bin keine Bischöfin und die – wenn auch zart gedachte – Sprachgewalt, in der H. Wilmer seine Begegnung mit Etty Hillesum niederschreibt, beeindruckt. In kleinen Sequenzen öffnet er sich unerwartet persönlich. Insgesamt: Hinter all seinen persönlichen „tausend Fragen“ zu Glauben, Theologie und eine daraus entstehende Identität stiftende mögliche Heilkraft, sehe ich jene Etty weniger ganzheitlich beschrieben, wie sie wirklich lebte, zweifelte, kämpfte und vor allem liebte.
Alles, was sich im Kopf staut, sagt S. ihr sinngemäß, muss in dein Herz wandern. Dass Ettys Weg zu GOTT nicht zuletzt erst aus Sehnsucht und konkret erlebter Begegnung zu diesem realen Menschen sinne-voll entdeckt und dann möglich wird, beschreibt m i r Wilmer dann aber doch zu sehr kopfbetont, er wird so zum Prediger. Ettys Verliebtsein und Begehren, ihre bedingungslos authentische und eben auch erotische Liebe zu e i n e m Menschen, zu „S.“ ist es doch, die ihren Herzschlag zunehmend auf GOTT hin einstellt. Sie weiß, dass sie S. letztlich wieder loslassen muss, um v i e l e n zusagen zu können: „Ich will das denkende Herz eines ganzen Konzentrationslagers sein.“
ETTYs Credo für mich: Wenn mensch bedingungslos liebt und sich lieben lassen kann: So geht Gott! So geht Gebet!
Meine Empfehlung:
HERZSCHLAG JA! Aber erst n a c h anderen „Begegnungen“ – wobei die ARTE-Serie ETTY ein MUSS ist!


