Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Markus Weber über „Mit Gott gegen die Demokratie“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie

Der Fernsehjournalist Arnd Henze hat mit diesem Buch ein im besten Sinne aufklärerisches Werk über die aktuelle Situation in den USA und die Rolle der religiösen Rechten vorgelegt. Dass das Thema nicht nur die USA angeht, sondern auch Europa und die ganze Welt lässt sich täglich an den Nachrichten ablesen.

Die Analyse des Denkens der unterschiedlichen Protagonisten des „Sadopopulismus“ (T. Snyder) von Pete Hegseth über Charlie Kirk bis zu J. D. Vance und deren Bedeutung für die Regierung von Präsident Donald Trump und dessen Erfolge wird anschaulich und gut lesbar beschrieben. Dabei wird die jüngste Entwicklung in das grundlegende Verhältnis von Religion und Politik in den USA eingeordnet. Und auch ein Vergleich – keine Gleichsetzung, sondern eine differenzierte Betrachtung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden – mit den Deutschen Christen im Nationalsozialismus hilft zum Verständnis.

In seinem Religionsverständnis orientiert Henze sich an Dietrich Bonhoeffer und seinem Diktum, in Notsituationen müsse die Kirche nicht nur den Bedrängten helfen, sondern auch dem „Rad in die Speichen fallen“, also dem Unrechtssystem widerstehen. Für die Situation in den USA zeigt Henze, wie wichtig gerade die Rolle der liberalen Kirchen etwa im Blick auf die Menschen ist, die von der Trumpschen Politik bedroht sind – aber auch wie heikel und schwierig. Er macht aber deutlich, dass deren Handeln zu den Hoffnungszeichen gehört.

Nebenbei: Persönlich fand ich es bei aller Zustimmung zu Henzes Standpunkt schade, dass er aus der in Anlehnung an Bonhoeffer geforderten strikten Trennung von Religion und Staat die Position des Soziologen Hartmut Rosa rundweg ablehnt. Ich hätte gerade die Debatte mit dessen These, dass die Demokratie Religion braucht und von ihr lernen könnte, spannend gefunden.

Basierend auf den eingehenden Analysen entwickelt Henze sowohl ein „Worst Case“ als auch ein „Best Case-Szenario“. Das nimmt einerseits die Gefahren für die US-amerikanische Demokratie und die Weltlage ernst, macht aber ebenso Hoffnung, dass noch nicht entschieden ist, wie die Entwicklung nach Trump weitergehen wird.

Es kommt auf die Menschen an – nicht nur in verantwortlichen Positionen, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger. Schon zu Beginn des Buches führt Henze in diesem Sinne ein älteres Zitat eines US-Bürgerrechtsaktivisten an: „Du findest die großartigsten Menschen genau dort, wo sich diese Gesellschaft von ihrer dunkelsten Seite zeigt.“

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloher Verlagshaus 2026, ISBN 978-3579062020, 228 Seiten, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Demokratie braucht Religion“

Markus Weber über „Demokratie braucht Religion“

Hartmut Rosa:

Demokratie braucht Religion

Religion scheint im Nachdenken über unsere Gesellschaft momentan wieder von Interesse zu sein – auch außerhalb von Theologie und Kirche. Das belegt auch das neueste Buch des Soziologen Hartmut Rosa, das aus einem Vortrag hervorgegangen und insofern auch für Nichtfachleute gut lesbar ist.

Dem Text liegen Rosas bekannte Überlegungen zur Entwicklung der westlichen Gesellschaft und Wirtschaft zugrunde. Rosa geht davon aus, dass die lange erfolgreiche Eroberungs- und Wachstumsmentalität der Moderne in die Krise geraten ist und in dieser Weise keine Zukunft mehr hat. Das zeigt er hier an konkreten und nachvollziehbaren Beispielen. Im Aggressionsmodus – wie Rosa diese Mentalität nennt – könnten weder Gesellschaft noch Demokratie funktionieren; es fehle das Moment des Hörens und die Bereitschaft, sich ansprechen zu lassen vom Anderen. Für echte Gespräche ist das nach Rosa wesentliche Voraussetzung, auch für die nötigen und ergebnisoffenen Veränderungen.

Die Religionen könnten in dieser Situation ein Reservoir an Riten, Praktiken und Räumen bieten, um das Hören mit Ohren und Herz und die Offenheit für das unerwartet Neue zu lernen. Das zu vergessen, wäre für Rosa ein schwerwiegender Verlust.

Auch Gregor Gysi betont in seinem Vorwort – ausdrücklich als jemand, der nicht an Gott glaubt – , der „befreiende Gehalt religiöser Ideen“ dürfe nicht verloren gehen.

Bleibt für mich die Frage, ob die Kirchen oder anderen Religionen angesichts eigener Krisen in der Lage sind, diesen Schatz glaubhaft zu aktivieren und für die Menschen und die Gesellschaft fruchtbar zu machen.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Hartmut Rosa: Demokratie braucht Religion. Über ein eigentümliches Resonanzverhältnis, Kösel 2022, 80 Seiten, ISBN 978-3466373031, Preis: 12,00 Euro.