Die BÜCHER-HEIMAT in der Roswitha-Stadt

Die BÜCHER-HEIMAT in der Roswitha-Stadt
Zu drei Tagen Literatur, Begegnung und Inspiration in Bad Gandersheim trug für die BÜCHER-HEIMAT auch Petra Nietsch mit (werbenden) Informationen über die Mitmachbuchhandlung bei.

Die Leselust hat überall eine BÜCHER-HEIMAT

Die traditionsreiche Buch- handlung Pieper in Bad Gandersheim. Fotos: Lena Scholz

„Leselust in der Innenstadt: Drei Tage Literatur, Begegnung und Inspiration“, mit diesem Slogan warb Bad Gandersheim vom 19. bis 21. September für die Premiere von „Gandersheim liest…“ – und bei dem „Wochenende für Bücherfreunde“ in der Roswitha-Stadt galt das Interesse im Veranstaltungsreigen auch der BÜCHER-HEIMAT aus Bad Harzburg.

Einmal im Jahr soll sich in Bad Gandersheim, der Stadt der ersten deutschen Dichterin Roswitha, alles ums Lesen drehen. Dann wird die Innenstadt zur literarischen Bühne – mit Lesungen, Mitmachaktionen, Ausstellungen und vielen kleinen Entdeckungen rund ums Buch.

Auch der lokale Buchhandel spielt eine zentrale Rolle. Die Buchhandlung Pieper – als letzte unabhängige Buchhandlung der Region – ist mehr als nur ein Ort zum Bücherkaufen. Sie ist Treffpunkt für Lesende, Verweilort, persönlicher Anker für alle, die Geschichten lieben. Zum Lesefest feierte Inhaberin Gitta Wiese-Günther ihr 10-jähriges Jubiläum – ein guter Moment, um der Bedeutung des stationären Buchhandels besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Genau dazu trug bei der feierlichen Eröffnung des Lese-Wochenendes in der Stiftskirche auch Petra Nietsch bei, die im Festvortrag die BÜCHER-HEIMAT und die Idee der Mitmach-Buchhandlung in Form einer gemeinnützigen GmbH einem interessierten Publikum vorstellte: „Wie aus einer Idee eine Erfolgsgeschichte wurde“.

Vor allem auch das umfangreiche ehrenamtliche Engagement und die vielfältigen Aktivitäten bis hin zur Herausgabe des deutschsprachigen „Zaunkönigs“ in dem Bad Harzburger Vorzeige-Projekt ließen das Publikum aufhorchen – und haben damit vielleicht auch neue Gästekreise erschlossen. Schließlich ist Bad Gandersheim wahrlich nicht aus der Welt…

Sonja Weber über „Einfach Mensch sein – Von Tieren lernen“

Sonja Weber über „Einfach Mensch sein – Von Tieren lernen“

Sy Montgomery: Einfach Mensch sein – Von Tieren lernen

Die in Frankfurt am Main geborene und heute mit Ehemann in New Hampshire lebende Autorin liebt und schätzt Tiere, egal ob groß oder klein, ob zwei, vier, sechs, noch mehr oder keine Beine. Federn, Fell, Schuppen, Haut, Sy Montgomery hat keine Berührungsängste.

Sie sieht die wunderbare und beeindruckende Fauna unseres Planeten mit den Augen einer staunenden, wertschätzenden Schülerin, die von den Fähigkeiten unserer tierischen Erdenmitbewohnern lernen möchte, was möglich ist.

Ihr Buch „Einfach Mensch sein – Von Tieren Lernen“ bringt uns allen vielleicht Lebewesen näher, von denen wir es nicht gedacht hätten. Sie erzählt von den zahlreichen Tieren, die auf ihrem Grundstück und in ihrem Haus leben ebenso, wie von den Reisen als Naturjournalistin zu exotischen Orten und deren Bewohnern.

Sy Montgomery: „Einfach Mensch sein – Von Tieren lernen“, Diogenes Verlag, 208 Seiten, ISBN: 978-3-257-24558-5, Preis: 14,00 Euro.


Markus Weber über „Die verunsicherte Nation“

Markus Weber über „Die verunsicherte Nation“

Matthias von Hellfeld: Die verunsicherte Nation

Der Historiker und Journalist Matthias von Hellfeld, u.a. Redakteur des Formats „Eine Stunde History“ bei Deutschlandfunk Nova, hat aus aktuellem Anlass ein Buch zur deutschen Geschichte vorgelegt. Vielfach wird Geschichte politisch vereinnahmt, um damit nationalistisches und fremdenfeindliches Gedankengut zu verbreiten. Dagegen stellt von Hellfeld ein von Fakten gesättigtes und gut lesbares Buch.

In vier Kapiteln, die aus unterschiedlichen thematischen Perspektiven die deutsche Geschichte durchleuchten, arbeitet der Autor gegen die Verfälschung der Nationalgeschichte von der Römerzeit bis heute an. Dabei stehen die Frage der Migration, die Kleinstaaterei, das Streben nach nationaler Einheit auf demokratischer Basis sowie das Streben nach europäischer Einigkeit im Blickpunkt.

Bei den Durchgängen durch die Geschichte wird ersichtlich, dass weder „Hermann der Cherusker“ noch Karl der Große oder Kaiser Otto Begründer „Deutschlands“ waren oder sein wollten. Im engeren Sinne lässt sich von einem Nationalstaat ohnehin erst mit der Gründung des „von oben“ unter preußischer Vorherrschaft gegründeten Kaiserreiches 1870/71 sprechen. Und dieses war zwar ein wichtiger Schritt zu unserem heutigen Staat, aber doch auch gekennzeichnet durch Ausgrenzung – etwa gegen Polen, Katholiken oder Sozialdemokraten – und imperialistische Politik, die einem friedlichen Zusammenleben der Völker nicht zuträglich war.

Aus der – durchaus begründeten – Vorgehensweise ergeben sich inhaltliche Überschneidungen und Wiederholungen, die ich beim Lesen teilweise als störend empfunden habe. Ein Durchgang weniger hätte sicher auch gereicht.

In einem Schlusskapitel geht der Autor noch einmal auf die fatale Mythenbildung im Umgang mit der Geschichte ein. Er ermutigt dazu, die Vielfalt Deutschlands, die sich aus regionalen Unterschieden, aber auch durch Anwesenheit anderer Kulturen, Lebensgewohnheiten und Religionen ergeben hat, als Vorteil und Stärke zu sehen: „Deutschland ist schon immer von fremden Einflüssen geprägt worden, und es spricht vieles dafür, dass das auch in Zukunft so sein wird.“ Die Propaganda dagegen ist für ihn zutiefst unhistorisch und unpatriotisch, was er nachvollziehbar darlegt.

Trotz der Einwände: Das Buch kann ich gerne empfehlen; es kommt zur rechten Zeit und kann angesichts vielfältiger Verunsicherungen im Umgang mit der Geschichte zu einer Selbstvergewisserung im Sinne der Demokratie beitragen. So ist es ein im besten Sinne aufklärerisches Geschichtsbuch!

Matthias von Hellfeld: „Die verunsicherte Nation. Vielfalt und Migration – eine andere Geschichte Deutschlands“, wbg Theiss 2025, 240 Seiten, ISBN 978-3534610594, 22,00 Euro.

Wandern auf dem Weg des Zaunkönigs

Wandern auf dem Weg des Zaunkönigs
Eine froh gestimmte Gruppe macht sich in Osterwieck startklar. Fotos: Nowack, Weber

„Ein Tag, wie ein kleiner Urlaub“

„BÜCHER-HEIMAT on Tour“, das muss nicht immer auf den Spuren der großen deutschen Dichter und Denker vonstattengehen. Zwar lockte schon die Grimmwelt in Kassel, galt es Wilhelm Busch in Mechtshausen zu entdecken und wurde erst in diesem Sommer Lessings Wolfenbüttel ein Besuch abgestattet.

Literarische Zwischenstopps…

Auf großes Interesse stößt im Freundeskreis der Mitmach-Buchhandlung stets alles, was mit dem von der BÜCHER-HEIMAT in deutscher Sprache veröffentlichten Roman „Der Weg des Zaunkönigs“ des Kanadiers Philipp Schott zu tun hat. Schloss Colditz, wo die Flucht der Familie startete, stand schon auf der Reiseliste, aber wie so oft liegt das Gute auch in diesem Fall so nah: Auf den Spuren des Zaunkönigs erkundeten jetzt 16 wanderfreudige Fans den Weg, auf dem die Familie Schott in den Wirren zum Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Nordharzregion gen Westen floh.

Start war am Vormittag mit einer Stärkung in der alten Druckerei in Osterwieck, in der Dirk Junicke eigens einen Raum zur Verfügung stellte. Zu Texten aus dem Zaunkönig wurden Butterbrote und Radieschen gereicht, ehe es auf Schusters Rappen 15 Kilometer auf den Spuren von Familie Schott und deren Fluchtroute durch die Felder über Wiedelah bis Vienenburg ging.

Nach anfänglichem Regen hatte der Wettergott später ein Einsehen, sodass der Großteil der Strecke in Sonnenschein zurückgelegt werden konnte. Zwischendurch gab es auf der Strecke immer wieder Lese-Pausen, in denen Petra Nietsch und Sonja Weber passende Stellen aus dem Zaunkönig vorlasen.

Derweil sorgte Heidi Hülle aus dem Ehrenamts-Team gemeinsam mit ihrem Mann für das Catering. Nach dem Start mit Butterbroten und Radieschen wurde am Ziel in Vienenburg eine Brotsuppe serviert, wie sie in der Art auch die Schotts nach der Flucht bekamen.

Die Zaunkönig-Route zum Nachwandern.

Der Dank der ganzen Wandergruppe galt Simone Lindemann und Claudia Dittrich, die die Bücherei im Vienenburger Bahnhof eigens für die BÜCHER-HEIMAT on Tour geöffnet hatten. Als Willkommensgruß steuerten die Vienenburgerinnen auch noch eine Geschichte passend zu den Fluchterlebnis bei, die den Zaunkönig-Roman prägen.

Das einhellige Urteil der 16 Teilnehmenden fasst ein Mitwanderer in einem Satz zusammen: „Es war ein Tag, wie ein kleiner Urlaub“. Und da man davon ja nie genug bekommen kann, werden sicher weitere Literaturwanderungen folgen.

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Petra Nietsch über „Der Tote in der Crown Row“

Petra Nietsch über „Der Tote in der Crown Row“

Sally Smith: Der Tote in der Crown Row

Lieben Sie Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder Lord Peter Wimpsey? Dann wird Ihnen auch „Der Tote in der Crown Row“ von Sally Smith gefallen, denn dieses Buch enthält alle Elemente des klassischen englischen Kriminalromans.

Sir Gabriel Ward, ein etwas kauziger Junggeselle und Einzelgänger, lebt und arbeitet  im Londoner Stadtbezirk Temple, welcher seit Jahrhunderten Zentrum des englischen Rechtswesens ist und in dem es eigene Regeln und Gesetze gibt.

Am 21. Mai 1901 stolpert Sir Gabriel am frühen Morgen auf den Treppenstufen zu seinen Büroräumen über eine Leiche im Abendanzug aber mit nackten Füßen. Es handelt sich um den obersten Richter Lord Dunning, der mit einem silbernen Fleischmesser erstochen worden ist.

Da die Londoner Polizei nur nach Aufforderung im Temple ermitteln darf, wird Sir Gabriel beauftragt, erste Untersuchungen und Befragungen vorzunehmen. Nur widerwillig übernimmt er diese Aufgabe, denn er ist gerade dabei, sich auf die Verteidigung eines Mandaten vorzubereiten, der in einen Streit um die Rechte an einem sehr beliebten Kinderbuch verwickelt ist.

Schnell stellt sich heraus, dass viele verschiedene Personen als Verdächtige infrage kommen, denn sie haben alle ein Motiv. Mit seiner guten Beobachtungsgabe, seiner Fähigkeit Spuren richtig zu deuten und logische Zusammenhänge zu erkennen, gelingt es Sir Gabriel, die richtigen Schlüsse zu ziehen und den Mord schließlich aufzuklären.

Die Geschichte mag auf den ersten Blick etwas simpel wirken, aber die vielen Verwicklungen lassen den Leser bis zum Schluss rätseln, wer von den vielen Verdächtigen wohl den Mord begangen hat.

Die Autorin Sally Smith hat jahrelang als Rechtsanwältin im Temple gearbeitet und vermittelt dem Leser dementsprechend einen guten Einblick in das englische Rechtssystem. Ihr Roman zeigt aber auch, wie sehr es damals davon abhing, in welche soziale Klasse man geboren wurde, um eine gerechte Gerichtsverhandlung zu bekommen.

Ein „Whodunit“, wie es ihn nur in der englischen Literatur gibt, unterhaltsam und witzig geschrieben.

Sally Smith: „Der Tote in der Crown Row“, Goldmann Verlag, 400 Seiten, ISBN 9783442317929, Preis: 22,00 Euro.


Eine Tour auf Lessings Spuren

Eine Tour auf Lessings Spuren

Das Schatzkästlein Wolfenbüttel erkundet

Nach einem schwierigen Anlauf wurde es am Ende vielleicht ein „Vorauskommando“ der BÜCHER-HEIMAT, das unter Führung von Hans Kolmsee Wolfenbüttel erkundete. Ursprünglich war einmal eine größere literarische Reise in die Lessingstadt geplant, der plötzliche Tod des bereits gebuchten Stadtführers ließ die Realisierung scheitern.

Mit Hans Kolmsee fand Monika Runge jetzt einen kompetenten Kenner Wolfenbüttels, denn der heutige Bad Harzburger ging dort einst zu Schule. Spontan wurde für den 8. August 2025 eine Tour angesetzt, an der alles in allem sechs Freunde und Freundinnen der BÜCHER-HEIMAT teilnahmen.

Das Wetter hat mitgespielt und es war, so Monika Runge, ein interessanter Gang durch die Stadt, mit vielen geschichtlichen Daten und Anekdoten von „Volkes Stimme“. Mit Texten von Raabe und Lessing, zweier literarischer Größen, die sich in Wolfenbüttel aufgehalten und dort gewirkt haben, wurde der Rundgang angereichert.

Damit wurde auch die Literatur abgedeckt, die mit dem Besuch des Zeughauses, das ja Teil der Bibliothek ist, außerdem präsent war. Die Hauptkirche Wolfenbüttels, Beatae Mariae Virginis am Kornmarkt, war ein besonderes Erlebnis, die Innenausstattung mit dem Orgelprospekt eine wahre Pracht.

Der Rundgang durch die malerische Altstadt begeisterte die kleine Reisegesellschaft der BÜCHER-HEIMAT. Sollten sich – auch nach Ansicht der kleinen Bildergalerie – Interessenten finden, könnte der Ausflug in die Lessingstadt ein weiteres Mal angeboten werden. Wer mit der „BÜCHER-HEIMAT on Tour“ und unter Führung von Hans Kolmsee Wolfenbüttel genauer neu entdecken möchte, kann sein Interesse per Mail an Monika Runge (monika.runge@die-buecherheimat.de) bekunden.

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Sonja Weber über „Nincshof“

Sonja Weber über „Nincshof“

Johanna Sebauer: Nincshof

Vergessen werden, das wollen einige Bewohner des Dorfes Nincshof im gleichnamigen Roman von Johanna Sebauer, denn sie wollen ihre Ruhe. Das fiktive Örtchen im Burgenland an der Österreichisch-Ungarischen Grenze soll einst gänzlich unbekannt gewesen sein, lag verborgen im Schilf in einem Sumpf und niemand verirrte sich je dorthin. Die Bewohner konnten tun und lassen, was sie wollten.

So jedenfalls lautet die Legende, die sich um den Flecken rankt. Sollte es je so gewesen sein, ist das lange her. Inzwischen ist Nincshof beliebt bei Radtouristen und Stadtmenschen, die es aufs Land zieht. Sogar einen eigenen Bürgermeister, eine Partnergemeinde in den Niederlanden und einen Züchter für seltene Irrziegen hat man inzwischen.

Doch es gibt einige Nincshofer, die gerne wieder in Vergessenheit geraten würden. Nur wie stellt man das an? Wie schafft man es, dass die Welt denkt, es gäbe einen nicht, hätte einen nie gegeben, wo man doch heute alles im Internet recherchieren kann? So finden sich also im Geheimen drei Herren zusammen, nennen sich Oblivisten, was einfach professioneller klingt als „Vergesser“, und tun ihr Möglichstes, dass niemand mehr nach Nincshof findet.

Ganz gegen dieses Bestreben und wie zum Trotz hat sich gerade eine Filmemacherin im Dorf angesiedelt und interessiert sich nun ausgerechnet für die alten Geschichten von Erna Rohdiebl, eine alte Dame, deren Vorfahrinnen und Vorfahren schon immer hier gelebt haben. Die gerät damit, ohne es zunächst zu wissen und somit unfreiwillig, in eine Verschwörung und dann zwischen die Fronten. Dabei wollte sie doch nur nachts heimlich im neuen Pool der Nachbarin baden.

Johanna Sebauer: „Nincshof“, Dumont Verlag, 366 Seiten, ISBN 978-3-7558-0509-0, Preis: 14,00 Euro.


Petra Nietsch über „James“

Petra Nietsch über „James“

Percival Everett: James

„Die gesamte moderne amerikanische Literatur geht auf ein einziges Buch von Mark Twain mit dem Titel Huck Finn zurück.“ Dieses Zitat, das von niemand anderem als Ernest Hemingway stammt, unterstreicht die Bedeutung dieses Romans, der weit mehr ist als eine Abenteuergeschichte.

Percival Everett hat diesen Literaturklassiker als Grundlage genommen, um eine eigene und in großen Teilen andere Geschichte zu schreiben.

Er nimmt einen Perspektivwechsel vor, so dass nicht Huck Finn, sondern den Sklave Jim  zum Ich-Erzähler wird. Sehr bald stellt sich heraus, dass James, wie er sich selbst nennt, nicht nur klug ist, sondern auch sehr viel weiß. Er durchschaut die weiße Gesellschaft, erkennt ihre Schwächen und nutzt sie zu seinem Vorteil. „Es zahlt sich immer aus, den weißen Menschen das zu geben, was sie wollen …“ sagt Jim zu Beginn des ersten Kapitels.

Als Jim nach New Orleans verkauft werden soll, läuft er davon und gemeinsam mit Huck, der vor seinem trunksüchtigen Vater geflohen ist, fährt er auf einem selbstgebauten Floss den Mississippi hinunter. Das Entkommen und die Flucht stellen für ihn einen ständigen Kampf ums Überleben dar. Er ist niemals sicher, wem er trauen kann und wem nicht. Hier wird der Unterschied zum kindlichen Erzähler Huck deutlich. Es ist eben kein Abenteuer.

Jim hat sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht und untereinander unterhalten sich die Sklaven in fehlerfreiem Englisch. Nur in der Gegenwart von Weißen sprechen sie so, wie es von ihnen erwartet wird – fehlerhaft und nicht immer verständlich.

Die Geschichte ist natürlich vollständig erfunden und erscheint an manchen Stellen unlogisch und konstruiert. Aber das ist genau so gewollt, denn sie ist gleichzeitig auch als Satire zu verstehen, ebenso wie „Die Abenteuer des Huck Finn“ satirische Elemente enthält.

„James“ gibt allen Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen, eine Stimme. Somit ist es ein Roman, der zwar in der Vergangenheit spielt, aber große Bedeutung für unsere Gegenwart und Zukunft hat.

Das Buch ist ein literarisches Meisterwerk, denn es ist vielschichtig, mal lustig, mal klug, mal beängstigend und mal zum Nachdenken anregend. Es ist zu Recht mit dem Pulitzer Preis 2025 ausgezeichnet worden.

Percival Everett: „James“, Blessing Karl Verlag, 336 Seiten, ISBN 9783446279483, Preis: 26,00 Euro.

Die Taschenbuchausgabe (ISBN 9783896677730) für 14,00 Euro wird vom Verlag für den 10. September 2025 angekündigt.


Bilderbogen: Der Sommerabend im Gestüt

Bilderbogen: Der Sommerabend im Gestüt

Außergewöhnliches Konzept beschert tollen Abend

Ein außergewöhnliches Veranstaltungskonzept, eine außergewöhnliche „Location“ – was manch einem einst als Risiko erschien, wurde zu einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte: Der literarisch-musikalische Sommerabend der BÜCHER-HEIMAT im Gestüt Bad Harzburg wurde auch in der zweiten Auflage zu einem großen Erfolg. Und für den dritten Sommerabend im Jahr 2026 laufen damit die Planungen quasi schon an.

Die Begeisterung um den BÜCHER-HEIMAT-Sommerabend konnte in diesem Jahr auch das Wetter nicht abkühlen. Trotz Nieselregen und so gar nicht sommerlich frischem Wind kamen rund 200 Besucher. Sie profitierten ebenso wie die Künstler vom Veranstaltungsort, denn das Gestüt Bad Harzburg hat neben den malerischen Hofanlagen auch noch eine große Scheune als Unterschlupf bei schlechtem Wetter anzubieten.

Das Publikum nutzte dies, um dem „singING TUC Rock-, Pop- und Jazz-Chor der TU Clausthal“ unter der Leitung von André Wenauer und dem Duo Olaf Honig und Olaf Serbent, aka „The Beautifools“, im Trockenen begeistert zu lauschen. Aber auch, um in literarische Welten entführt zu werden, was Monika Runge und Sonja Weber vom Bücher-Heimat-Team sowie Ex-Praktikantin Eliana McArthur als Überraschungsgast aus Kanada übernahmen.

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Fotos: Privat/Weber

Sonja Weber über „Hier draußen“

Sonja Weber über „Hier draußen“

Martina Behm: Hier draußen

Rituale, Traditionen und das Wissen darum, was man darf und was nicht (warum auch immer), geben Sicherheit und zeigen, wo man steht. So ist das auch im schleswig-holsteinischen Fehrdorf und den Menschen dort. Natürlich hat Autorin Martina Behm den Ort ihres Buches „Hier draußen“ erfunden, aber es könnte ihn genauso geben.

Ein Örtchen ohne Supermarkt oder eine Kirche, nur ein Dörpshus. Ich hab es vor mir gesehen, bin beim Lesen selbst Teil der Gemeinschaft gewesen, denn auch die Protagonisten sind wie aus dem Leben gegriffen. Es gibt glückliche und weniger glückliche Bauerslüt, es gibt die Alten in den Altenteilen und ein paar Zugezogene aus der Stadt in einem Resthof.

Es gibt die Vorzeigelandfrau, die sich irgendwie auch noch selbst verwirklicht und es gibt die Bauerstochter, die ihre Aussteuer in Form von Tischwäsche bekam, während der Bruder Haus und Hof erbte. Es gibt ein paar Althippies und den ewigen Junggesellen.

Natürlich gibt es irgendwie eine „Hackordnung“ an die man sich zu halten hat, Stühle, auf die sich nur bestimmte Leute setzen sozusagen und dazu ein bisschen Aberglaube, der das Dorfgefüge zusammenhält. Alles ist gut, bis Ingo ein weißes Stück Rehwild überfährt.

Unglück hängt nun in der Luft, nur noch ein Jahr zu leben hätte er, sagt man in Fehrdorf. Diese Aussicht verändert auf einmal alles, nicht nur bei Ingo, der sich fragt, ob sein Leben wirklich nur aus Arbeit bestehen soll, sondern auch bei Tove, die sich eingestehen muss, dass sie schon lange unglücklich ist. Plötzlich scheinen alle die Plätze zu tauschen und neue Sichtweisen ergeben sich.

Ein dichter atmosphärischer Dorfroman mit Realidylle.

Martina Behm: „Hier draußen“, dtv Verlag, 496 Seiten, ISBN 978-3-423-28478-3, Preis: 24,00 Euro.