Sonja Weber über „Yoga Town“

Sonja Weber über „Yoga Town“

Daniel Speck: Yoga Town

Um der Enge und dem „Spießertum“ zu entfliehen, machen sich Marc, Lou und Marie bei Nacht, Nebel und Schneetreiben in einem gekaperten Daimler auf nach Indien. Pässe haben sie nur dabei, um von Berlin aus die damalige DDR zu durchqueren, dann winkt die Freiheit, hinter den Alpen der Frühling, spätestens ab Istanbul der Sommer und ab Peshawar die Erleuchtung.

Die Drei sind auf dem Weg dahin, wo sie ihre Idole vermuten, nach Rishikesh in den Ashram von Guru Maharishi am Ufer des Ganges. Sie folgen einem Traum und müssen lernen, das der beste Traum nur so viel taugt, wie die Realität es zulässt.

Sie wollen von Stars und Gurus lernen, sich selbst finden und die freie Liebe leben. Was das Leben sie lehrt ist, dass man lernen muss, die richtige Wahl zu treffen und man hat immer eine, die richtige kann die unbequemere sein.

Dass der Weg des geringsten Widerstands nicht ohne Folgen bleibt, dass Geheimnisse immer ans Licht kommen und Wunden nur heilen können, wenn man darüber redet, zeigt sich Jahrzehnte später, als Lous Tochter aus einer Sinnkriese heraus auf den Spuren ihrer Eltern reist.

Alle Fäden laufen an einem Ort zusammen und erneut scheint Indien das Land der Erleuchtung zu sein. Letztendlich müssen alle erkennen, dass der Ort nicht wichtig ist, nur die Wahrheit, Liebe und Verzeihen.

Daniel Speck: „Yoga Town“, Fischer Verlag, 480 Seiten, ISBN 978-3-596-71200-7, Preis: 18,00 Euro.


Markus Weber über „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“

Markus Weber über „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“

Sarah Lorenz: Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken

Das Buch bekam ich geschenkt, weil ich ein bekennender Fan der Gedichte von Mascha Kaléko bin – egal ob gedruckt, gelesen oder vertont und gesungen von Dota. In einem fiktiven Brief an die Dichterin schreibt Sarah Lorenz die Lebensgeschichte von Elisa in Ich-Form auf. Jedes Kapitel beginnt mit einem Gedicht von Mascha Kaléko, mit dem die Erfahrungen von Elisa verbunden werden.

Ehrlich gesagt war ich zu Beginn skeptisch, ob diese Frauengeschichte auch ein Buch für mich als Mann im fortgeschrittenen Alter sein könnte. Ich bin froh, dass ich weitergelesen habe, denn schon bald traf ich auf wunderbare und nachdenkliche Sätze, z.B.: „Trostlos ist der ultimative Superlativ von traurig“. Und Trost kann Elisa reichlich gebrauchen, die nach wenigen glücklichen Jahren von ihrer alleinerziehenden, sehr jungen und überforderten Mutter in Fürsorgeeinrichtungen abgegeben wurde.

So wird das gesamte spätere Leben von Elisa zur Suche und Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe, Sinnbild dafür ist das kleine reetgedeckte Haus ihrer Kindheit, das ihr Heimat war.

Stattdessen flieht sie aus dem kalten Erziehungsheim in eine vermeintliche Freiheit von Drogen und Punkerleben. Statt Erfüllung ihrer Sehnsucht erfährt sie schon bald sexuellen Missbrauch und immer wieder Enttäuschungen vermeintlicher Liebesbeziehungen. Als 15-Jährige bricht sie eine Schwangerschaft aus Verzweiflung, die lebenslang bleibt, ab.

Doch trotz allem und bei aller Härte, teils auch in der Sprache, ist das Buch voller Hoffnung und (letztlich auch) erfüllter Liebe. So ist das Buch auch ein poetisches. Der Lebensmut kommt aus den wenigen geglückten Beziehungen, die durch’s Leben tragen und – aus Büchern.

Am Ende schreibt Elisa einen Brief an ihr kindliches Selbst: „… ich bin’s, dein Ich von 39 Jahren. Hättest du das gedacht? So lange zu leben? Es lohnt sich, das kann ich dir sagen.“

Sarah Lorenz: Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken. Roman, Rowohlt 2025, ISBN 978-3498006990, 221 Seiten, 24,00 Euro.

Sonja Weber über „Harzwanderungen – Auf Heines Spuren durch den deutschen Wald“

Sonja Weber über „Harzwanderungen – Auf Heines Spuren durch den deutschen Wald“

Paul Scraton: Harzwanderungen – Auf Heines Spuren durch den deutschen Wald

Schon Goethe, Andersen, Heine und andere Dichter und Denker bewegten sich für den Schaffensprozess. Sie veränderten Standorte und damit manchmal Standpunkte, genossen Ausblicke und bekamen Einblicke. Mit seiner Wanderung auf Heinrich Heines Spuren durch den Harz hat mich der in Lancashire im Nordwesten Englands geborene und inzwischen in Berlin lebende Autor Paul Scraton beeindruckt.

Inspiriert durch das 1826 erschienen Buch „Die Harzreise“, machte sich Scraton fast 200 Jahre nach Heinrich Heine auf den Weg, diese nachzugehen. Nun ist das per se erst einmal keine neue Idee, das haben schon einige Menschen gemacht und auch darüber geschrieben. Als Engländer aber bereist der Autor nicht nur einen unbekannten Teil seiner Wahlheimat, sondern betrachtet sowohl die Orte, die Harzer und die Natur als auch Heinrich Heine selbst mit den Augen eines Menschen aus einem anderen Land.

Auf seiner Route von Göttingen über Northeim, Osterode, hinauf zum Brocken und ganz zum Ende bis nach Weimar nimmt uns der Autor immer wieder mit in die Geschichte, verdeutlicht uns Heines Weltsicht, seine Toleranz, seinen Individualismus und den tiefen Eindruck, den er bei Dichtern wie Alexandre Dumas hinterlassen hatte. Mit Genuss und angenehmen Staunen trifft Paul Scraton auf Geister der Vergangenheit und auf Spuren seiner Landsleute, die wie Samuel Taylor Coleridge ebenfalls einst den Harz besuchten.

Diesen leisen, tiefen Genuss, die der Seele angepasste Geschwindigkeit des Reisens und die Sehnsucht und Lust am Gehen auf alten Pfaden, hat sich beim Lesen auf mich übertragen.

Paul Scraton: „Harzwanderungen – Auf Heines Spuren durch den deutschen Wald“, 253 Seiten, Matthes & Seitz Verlag, Seiten, ISBN 978-3-7518-0921-4, Preis: 24,00 Euro.


Markus Weber über „Das Narrenschiff“

Markus Weber über „Das Narrenschiff“

Christoph Hein: Das Narrenschiff

Christoph Hein, bedeutender zeitgenössischer Schriftsteller und aufgewachsen in der DDR, hat einen großen und schwergewichtigen Roman über die Geschichte der DDR geschrieben. Die Geschichte beginnt schon in den letzten Kriegstagen in Berlin und führt bis hin zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Im Zentrum der Erzählung stehen fünf Personen, die an diesen Staat glaubten und ihn mittrugen – eine durchaus ungewöhnliche und umso spannendere Perspektive. Bei aller Unterschiedlichkeit sind sie durch ihre staatstragenden Stellungen und privaten Verbindungen miteinander verbunden.

Dabei sind die Motive ihrer Haltungen zur DDR durchaus unterschiedlich, zum Beispiel: Karsten Emser war als linker Professor für Ökonomie vom NS-Staat entlassen worden und in die Sowjetunion ausgewandert, um dann von Beginn an beim Aufbau des neuen Staates dabei zu sein. Heinrich Goretzka war als überzeugter Nazi in den Weltkrieg gezogen und in der Umerziehung in sowjetischer Kriegsgefangenschaft zum kommunistischen Gefolgsmann geworden, um dann umso dogmatischer die Staatsdoktrin zu vertreten. Seine Frau drängte er zum Eintritt in die Partei, damit sie Karriere machen konnte.

Alle Zweifel an den Entscheidungen im Staat werden nicht zuletzt im Sinne auch eigener Interessen letztlich der Partei untergeordnet: „Man darf sich irren, aber nie gegen die Partei. Und wenn die Partei sich irrt, machst du einen Fehler, wenn du diesen Irrtum nicht teilst. Man darf nie gegen die Partei recht haben, denn sie allein hat immer recht.“ Erst die nachfolgende Generation nimmt sich das Recht auf mehr Distanz, wenn auch mit Kompromissen.

Geschickt verbindet Hein das Schicksal und den Alltag der Personen mit der Entwicklung und den Wendepunkten der Geschichte der DDR, die quasi im Hintergrund und in den Gesprächen miterzählt wird. So wird deutlich, woran der Staat mit seiner Ideologie krankte und letztlich scheiterte oder scheitern musste. Doch auch der Ausblick in die Verhältnisse nach dem Mauerfall fällt durchaus kritisch aus.

Christoph Hein gelingt ein gut erzählter Roman, bei dem man immer erwartungsvoll den nächsten Ereignissen und Verwicklungen entgegensieht und nicht aufhören möchte zu lesen. Dass man doch Lesepausen machen kann, wird durch die Einteilung in kleine Kapitel erleichtert, die in sich thematische Einheiten bilden. Tatsächlich ist der Roman auch für mich ein „eindrucksvolles historisches Panorama“, wie Steffen Mau urteilt.

Christoph Hein: Das Narrenschiff. Roman, Suhrkamp Verlag 2025, 750 Seiten, ISBN 978-3518432266, 28,00 Euro.

Bettina Luis über „Das Märchen von der Vernunft“

Bettina Luis über „Das Märchen von der Vernunft“

Kästner, Erich: Das Märchen von der Vernunft

mit Bildern von Ulrike Möltgen

Mit Erich KÄSTNER bin ich aufgewachsen. Je nach Altersstufe gab es ihn irgendwie immer und immer passend.

Kästner schrieb als Seher und Mahner und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte er die Gefährdung der demokratischen Weimarer Republik besonders im Blick. Seine kritischen Gedanken lassen heute wieder aufhorchen: Wohin steuert die Welt diesmal in ihrer Unvernunft und der Gier nach Macht und Profit?

Geld ist sicher nicht alles, aber es erleichtert das Alltägliche und – sofern vernünftig eingesetzt – schenkt es Menschen ein gewisses Maß an Zufriedenheit und in Folge ein friedlicheres Miteinander.

So zumindest denkt Kästners „netter alter Herr“ im vorliegenden kleinen Märchen, der sich überhaupt sehr gerne vernünftige Sachen ausdenkt. Die stellt er regelmäßig den vielen Staatshäuptern und Staatsoberhäuptern der Welt vor.

Für diese ist sein Wort der Vernunft natürlich Blödsinn und Zeitverschwendung im eigenen Ringen um Geld und Macht. Aber um des ‚lieben Friedens willen‘ gewähren sie ihm die lästige Anhörung.

Eine einfache logische Berechnung des alten Herrn – dieses Mal zum Thema Frieden – zeigt: Krieg kostet viel Geld, Frieden genau so viel! Geht es euch Herrschenden wirklich um eure Völker und das Glück der einzelnen Menschen? Dann nehmt alle tatsächlich „richtig Geld in die Hand“! Und … also erläutert der kleine Herr den großen Herren seinen vernünftigen Plan.  

Werden sie diesmal richtig zuhören?…

Ulrike Möltgen hat die kleine Geschichte verstörend gut illustriert. Ihre Bilder/Zeichnungen katapultieren Kästners Inhalte punktgenau auf die aktuell hochbrisante Politebene.

Wem ich dieses wunderbare Büchlein schenke, dem muss ich nicht mehr erklären, wo ich stehe 😉

Kästner, Erich: „Das Märchen von der Vernunft“ mit Bildern von Ulrike Möltgen,  Verlag ATRIUM, Zürich 2024, 48 Seiten, ISBN 9783855350704, Preis: 14,00 Euro.


Lena Scholz über „Das Leben fing im Sommer an“

Lena Scholz über „Das Leben fing im Sommer an“

Christoph Kramer: Das Leben fing im Sommer an

Sommer 2006, Hitzerekord und mittendrin der 15-jährige Chris, der spürt, dass diesen Sommer alles anders wird.

Zum ersten Mal verliebt, rauchen, trinken, Auto fahren und das Leben spüren. Noch nie hat er sich so lebendig gefühlt wie jetzt. Umgeben von seiner größten Leidenschaft – dem Fußball, der ihm plötzlich den Laufpass gibt, muss er sich entscheiden, welchen Weg er in Zukunft gehen möchte.

Doch diesen Sommer interessiert ihn nichts mehr, außer cool zu sein und Debbie zu treffen. Das schönste Mädchen der Schule zeigt plötzlich Interesse.

So beginnt eine Achterbahn der Gefühle, zwischen jung, frei und wild sein und dem Erwachsen werden. Zwischen Liebe und Freundschaft.

Ex-Fußball-Nationalspieler und Weltmeister (2014) Christoph Kramer erzählt angenehm mit Charme über einen Sommer, der niemals endet.

Angenehm überrascht!

Christoph Kramer: „Das Leben fing im Sommer an“, Kiepenheuer & Witsch GmbH, 256 Seiten, ISBN 9783462007985, Preis: 23,00 Euro.


Hans Georg Ruhe über „Kaltes Krematorium“

Hans Georg Ruhe über „Kaltes Krematorium“

Jozsef Debreczeni: Kaltes Krematorium

Wer Primo Levi, jüdischer Partisan und Häftling in Auschwitz, „Ist das ein Mensch“ gelesen hat, wird bei Jozsef Debreczeni „Kaltes Krematorium“ eine Vertiefung des geschilderten Schreckens erleben: noch genauer, noch klarer, noch bildhafter – ohne Schonung der Geknechteten, die Opfer und häufig Täter in einem sind.

Debreczeni entfaltet präzise das ganze Spektrum der Alltagshölle. Man legt zwischendurch das Buch weg, weil man all den Dreck, den Ekel, die rohe Gewalt, nicht aushält.

Der Autor, vor dem Krieg ein angesehener Journalist in Ungarn, wird 1944 in das Zwangsarbeiterlager Dörnhau, einer Außenstelle des KZ Groß-Rosen, deportiert, entgeht knapp Fleckfieber- und Hungertod und überlebt das Gewirr der brutalen Selbstverwaltung.

In ihrem Nachwort schreibt Carolin Emcke: „Einmal ins Land der entgrenzten Gewalt verbracht, … (ist der ganze Mensch) aufs blanke, nackte Überleben ausgerichtet. Debreczeni beschreibt diese Zerstörung der Menschlichkeit ohne Hoffnung oder Trost.“

Jozsef Debreczeni: „Kaltes Krematorium“, S. Fischer, 272 Seiten, ISBN 978-3-110-397544-4, Preis: 25,00 Euro.


Markus Weber über „Die Lichter von Budapest“

Markus Weber über „Die Lichter von Budapest“

Oliver Diggelmann: Die Lichter von Budapest

Anatol kommt im Gefolge seiner Freundin Sophie, die als Juristin im Auftrag einer international agierenden Kanzlei tätig ist, nach Budapest. Während Sophie ehrgeizig ist, ist Anatol wenig ambitioniert, bekommt aber als guter Kenner der englischen Sprache eine Stelle an einer „Akademie für Diplomatie der Republik Ungarn“ – quasi als „Zugabe“ für Sophie.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Mit dem Blick von außen wird die Vergangenheit erzählt, vor allem, wie verschiedene Protagonisten sich in England kennenlernen und anfreunden. Vor allem der aus Ungarn stammende, nur Castro genannte Freund, spielt eine zunächst undurchschaubare Rolle. Die Gegenwart wird aus der Perspektive von Anatol erzählt, der erst gleichgültig erscheint, aber zunehmend mit undurchsichtigen Machenschaften bekannt wird und sich darin verstrickt.

Dabei verweben sich private Beziehungen, Freundschaften, Liebesbeziehungen und -verrat mit dunklen Geschäften und Korruption. Anatol erfährt von politischen Manipulationen mit EU-Geldern; auf Nachfragen wird ihm aber immer wieder gesagt, er wisse eben nicht, wie das Leben in Ungarn funktioniert. Irgendwann muss er sich entscheiden, wie er mit seinem Wissen umgehen will, und gerät in Konflikte – mit sich, seiner Fteundin Sophie und auch seinem Freund Castro.

Über die Stadt Budapest erfährt man nicht viel, obwohl der Titel das ja nahelegen könnte. Dafür erfährt man aber einiges über die Mechanismen der Politik in der Zeit, bevor Viktor Orban an die Macht gekommen ist – und darüber, auf welche Weise Orban an die Macht kommen konnte.

Oliver Diggelmann: Die Lichter von Budapest. Roman, Alfred Kröner Verlag 2023, 180 Seiten, ISBN 978-3520769015, Preis: 22,00 Euro.

Markus Weber über „Die Holz- und Pappenindustrie im Harzburger Radautal“

Markus Weber über „Die Holz- und Pappenindustrie im Harzburger Radautal“

Edgar Isermann: Die Holz- und Pappenindustrie im Harzburger Radautal 1865 – 1961

Schon im vergangenen Jahr hat der Bad Harzburger Geschichtsverein das Buch herausgegeben, das leider bisher zu wenig Beachtung gefunden hat. Immerhin erzählt der Autor, Edgar Isermann, ein bedeutendes Kapitel der Harzburger Wirtschaftsgeschichte, deren Spuren zum Teil heute noch zu sehen sind.

Der Autor war zum Schreiben motiviert, weil seine Familiengeschichte mit der Holzindustrie im Radautal verbunden ist: Sein Großvater und sein Onkel haben eine der ehemaligen Fabriken lange Zeit geleitet. So kann Edgar Isermann nicht nur auf amtliche Dokumente zurückgreifen, sondern auch auf die Überlieferung der Familie. Und er hebt einen Teil der Harzer Industriegeschichte hervor, der nicht vergessen werden sollte und der im Buch anschaulich dargestellt wird. Dabei beschränkt der Autor sich nicht auf die eigene Familie, sondern blickt darüber hinaus auf andere Firmen.

Die Geschichte beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufstieg der Holzindustrie – Holz und Wasser waren ja durch die Natur reichlich vorhanden. Gleichzeitig war zunehmender Bedarf in der Papierindustrie vorhanden, für den die Unternehmen im Radautal die Vorprodukte lieferten.

Am bekanntesten ist sicher die Zusammenarbeit mit dem Henkel-Konzern, für deren Ata-Dosen Material geliefert wurde. Angesichts der Eingriffe in die Natur und den Wasserbedarf der Stadt blieben Konflikte nicht aus, die ebenso geschildert werden wie die Erfolge.

Das Buch ist großformatig aufgemacht, sodass die Gestaltung viel Raum für zahlreiche Abbildungen – Fotos, alte Ansichtskarten, Dokumente – hatte. Dadurch lädt es auch ein zum Blättern und Verweilen an der ein oder anderen Stelle. Man kann es selbstverständlich wie jedes Buch von vorne bis hinten lesen, aber man kann sich auch von Bildern oder Überschriften verleiten lassen und herausgreifen, was gerade attraktiv erscheint. Ich wünsche dem Buch, dass es in vielen Bad Harzburger Haushalten – und darüber hinaus – vorhanden ist.

Markus Weber über „Martin Luther King. Ein Leben“

Markus Weber über „Martin Luther King. Ein Leben“

Jonathan Eig: Martin Luther King. Ein Leben.

„… indem wir King quasi zum Heiligen machten, haben wir ihn ausgehöhlt.“ Jonathan Eig gelingt es in seiner Biografie, die 2024 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, Martin Luther King nicht zum unangreifbaren Heiligen und Helden zu stilisieren, sondern einen Menschen mit seinen Träumen, aber auch mit Zweifeln und Sorgen, mit Ecken und Kanten zu beschreiben. Er verschweigt auch nicht die Affären mit verschiedenen Frauen, die seine Gegner gegen King verwenden wollten.

So entsteht ein lebendiges Bild von Martin Luther King, der mich seit meiner Jugend mit seinem Kampf gegen Rassismus und für Gewaltfreiheit beeindruckt, auch mit seiner Orientierung an biblisch-prophetischer Tradition. Und ich habe mir Zeit gelassen beim Lesen der umfangreichen Lebensbeschreibung. Da sind Kapitel, die mich persönlich berührt haben, weil sie nicht nur die Reden Kings wiedergeben, sondern sie einbetten in die zeitlichen Zusammenhänge und die Wirkung auf die konkreten Menschen seiner Zeit sehr anschaulich beschreiben.

Da sind aber auch Kapitel, die sehr detailliert verdeutlichen, wie seine Gegner versuchten ihm zu schaden, wie das FBI seine Hotelzimmer und private Wohnräume verwanzt und abgehört hat. Immer wieder wurde er kommunistischer Umtriebe verdächtigt. Und auch die US-Präsidenten, die ihn nach außen hin unterstützten, bekämpften ihn bei verschiedenen Vorhaben.

Eigs Buch zeigt ebenso die Brutalität der amerikanischen Gesellschaft, unter der vor allem die Schwarzen und andere Unterprivilegierte zu leiden hatten. Deutlich wird, wie weiße Rassisten mit offener Gewalt gegen die Bestrebungen der Bürgerrechtsbewegung, immer wieder auch gegen King und seine Familie vorgingen und staatliche Organe teilweise den Schutz verweigerten, sich sogar offen auf die Seite der Rassisten stellten.

Jonathan Eig ist ein beeindruckendes Werk gelungen, das zeigt, wie Martin Luther Kings Prinzipien gerade heute vor dem Hintergrund der amerikanischen Politik und der Weltlage nichts an Bedeutung verloren haben.

Jonathan Eig: Martin Luther King. Ein Leben, Deutsche Verlags-Anstalt 2024, 752 Seiten ISBN 978-3421048455, 34,00 Euro.