Monika Runge über „Monas Augen“

Monika Runge über „Monas Augen“

Thomas Schlesser: Monas Augen

Monas Augen

Mona, 10 Jahre alt, wird während ihrer Hausaufgaben plötzlich blind. Sie kann für eine Stunde absolut nichts mehr sehen. Die Eltern fahren mit ihr in ein Hospital, um dort die Ursache der kurzeitigen Erblindung feststellen zu lassen. Eine organische Ursache wird nicht gefunden; aber es wird nicht ausgeschlossen, dass es wieder auftreten kann und im schlimmsten Fall dauerhaft werden könnte.

Mit dieser Angst und der Empfehlung, einen Psychiater aufzusuchen oder es eventuell mit Hypnose zu versuchen, werden sie erstmal wieder nach Hause geschickt. Der Großvater übernimmt die Aufgabe, sie einem Psychiater vorzustellen, den er kenne. Er würde sie jeden Mittwochnachmittag zu dem Psychiater bringen und bittet sich von den Eltern aus, dass er 52 Wochen die alleinige Verantwortung für diese Behandlung übernimmt. Die Eltern stimmen zu.

Diese Behandlung besteht aus dem Betrachten von Gemälden, was die Eltern nicht erfahren dürfen. Das Versprechen des Stillschweigens nimmt der Großvater Mona ab. Da der Roman in Frankreich spielt, werden 19 Bilder im Louvre, 15 Bilder im Musée d’Orsay und 18 Bilder im Centre Pompidou angeschaut; die Bilder, um die es geht, sind im Buch ganz am Anfang und am Ende abgedruckt.

Bis auf Prolog und Epilog ist jedes Kapitel einem Künstler gewidmet und beginnt immer mit einer Episode aus dem inzwischen weiterlaufenden Leben von Mona, ihren Eltern und dem Großvater, teilweise auch mit Rückblicken.

Eigentlich geht es in diesem Buch um Kunstbetrachtung. Ein bisschen auch darum, dass es etwas mit Menschen, besonders mit Kindern, macht, wenn Unausgesprochenes ständig eine Rolle spielt. Wie in diesem Fall der Tod der geliebten Großmutter, über den nicht gesprochen wird. Und ein Talisman, der offensichtlich für Mona mehr ist als nur ein Schmuckstück. Neben der „Behandlung“ durch den Großvater geht auch die Suche der Ursache in der Klinik weiter.

Mich hat dieses Buch sehr angesprochen und ich habe die „Museumsbesuche“ ausgiebig genossen.

Thomas Schlesser: „Monas Augen“, Piper Verlag GmbH, 496 Seiten, ISBN 9783492072960, Preis: 26,00 Euro.


Sonja Weber über „Wir finden Mörder

Sonja Weber über „Wir finden Mörder

Richard Osman: Wir finden Mörder

Äußerlich kommt das Buch wie ein Mix aus James Bond und einem späten Hitchcock daher, inhaltlich irgendwie zwischen Quentin Tarantino und Agatha Christie, aber das allein würde dem Buch nicht gerecht. Mit den Figuren Amy Wheeler, ihrem kauzigen Altrocker-Schwiegervater Steve und der etwas schrillen Starautorin Rosie D`Antonio hat Richard Osman ein besonderes Kriminal-Universum geschaffen.

Amy ist Personenschützerin bei Maximal Impact Solutions. Sie diskutiert nicht gern, Probleme regelt sie handgreiflich. Sie soll die ultrareiche, sehr berühmte und so ganz und gar nicht auf den Mund gefallene Schriftstellerin Rosie vor einem russischen Oligarchen beschützen. Der möchte die Lady wegen einer Äußerung über ihn zum Schweigen bringen. Während Amy ihr Bestes gibt, die flatterhafte Diva vor einem vorschnellen Tod zu bewahren, gerät sie selbst ins Fadenkreuz mindestens eines Killers.

Aber warum? Hängt das womöglich mit einem dubiosen Geldschmuggler zusammen, für den ihr Chef gearbeitet hatte? Wenn ja, kann sie niemandem mehr trauen außer ihrem Schwiegervater. Der ist zwar bis auf die Knochen provinziell, lebt aus Überzeugung in einem kleinen englischen Dorf mit zwei Pubs und einer Autowerkstatt und hasst Flugreisen, ist aber ein brillanter Ermittler – auf seine Art. Steve Wheelers Devise ist: Sei nett zu den Menschen, höre auf deine Katze, traue niemandem, der nicht auf Van Halen steht, mach dich nicht nackig und verpass nicht den Quiz-Abend im Pub.

Richard Osman: „Wir finden Mörder“, List Paul Verlag, 432 Seiten, ISBN 9783471360675, Preis: 22,99 Euro.

Zu dem Roman „Wir finden Mörder“ liegt auch eine Rezension von Petra Nietsch vor.


Lena Scholz über „Todesspur“

Lena Scholz über „Todesspur“

Andreas Gruber: Todesspur

Endlich geht es weiter mit der Reihe um Sabine Nemez und Maarten S. Sneijder! Der vorletzte Band dieser Reihe verspricht nicht zu viel, denn Nemez und Sneijder riskieren nicht nur ihr eigenes Leben. Terroranschläge in ganz Europa erschüttern die Welt, der Druck auf das BKA wächst und somit auch auf Sneijders Team. Zusammen fliegen sie in ein Luxusresort, in dem alle Fäden zusammenlaufen. Nichts ahnend, dass sie umgeben sind von Doppelidentitäten, Leichen und persönlichen Abgründen.

Mal wieder ein äußert gelungener Krimi von Andreas Gruber mit Witz, Spannung und einem nervenkitzelnden Cliffhanger am Ende!

Andreas Gruber: „Todesspur“, Goldmann TB, 620 Seiten, ISBN 9783442494484, Preis: 13,00 Euro.


Monika Runge über „Für Polonia“

Monika Runge über „Für Polonia“

Takis Würger:

Für Polina

Ich mag die Bücher von Takis Würger. Sein Schreibstil wird von einigen Rezensenten als amtemlos gerügt. Ich finde diese Atemlosigkeit hat etwas Emotionsloses, ein Aufzählen von Geschehnissen ohne große Wertung.

Es geht zu Beginn um Fritzi Prager, die Hannes nach eineinhalb Tagen auf die Welt bringt. Ein Kind, das nicht schreit. Sie kommt mit dem Kind in einer Villa im Moor bei Langenhagen/Hannover bei Heinrich Hildebrand unter, der Ersatzvater wird. Es kommt noch Günes mit ihrer Tochter Polina hinzu, die mit Fritzi zusammen im Krankenhaus entbunden hat. An dem gebrechlichen Klavier im Haus fängt Hannes an zu musizieren und zu komponieren.

Er kann keine Noten, es ist alles im Kopf, eine Sinfonie für Polina, die er ihr vor seinem Weggang vorspielt. Zwischen den Kindern, die erst wie Geschwister aufwachsen, entwickelt sich Liebe. Hannes muss die Villa mit 14 verlassen, er verliert Polina und hört auf zu komponieren. Dafür lässt er sich trotz seiner Schmächtigkeit bei einer Klaviertransportfirma in Hamburg einstellen. Dort wird er nach einer anfänglichen Schwierigkeit dem Mitarbeiter Bosch zugeteilt, der ihm ein Freund werden wird.

Bosch ist ein Bär in Menschengestalt und könnte ein Klavier allein tragen. Hannes kann über seine Gefühle nicht reden, auch Menschen gegenüber nicht, denen er nahesteht. Ein Unvermögen, seine Gefühle zu begreifen. Er will aber Polina zurückgewinnen, dazu fängt er wieder an, zu musizieren und zu komponieren.

Dieses Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite, mit seinem hoffnungsvollen Ende, gefangen gehalten.

Takis Würger: „Für Polina“, Diogenes Verlag AG, 293 Seiten, ISBN 9783257073355, Preis: 26,00 Euro.


Lena Scholz über „Freiheit“

Lena Scholz über „Freiheit“

Angela Merkel:

Freiheit

Für sechzehn Jahre Regierungschefin benötigt es viele Worte und Seiten. So war nicht jedes Kapitel gleichermaßen interessant, doch die Leser werden nicht enttäuscht.

Vor allem Frau Merkels Kindheit und Jugend, die das Aufwachsen in der DDR schildern, sind äußert spannend und erklären einige Entscheidungen, die sie in ihrer politischen Laufbahn treffen musste.

Genauso gibt es viel zu erfahren, über die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland, die Unterschiede zwischen den neuen und alten Bundesländern, die bis heute bestehen.

In gewisser Weise ist es eine Art Zeitreise, auf die man sich begibt. Eine Reise über Menschen, die die Welt bewegen, das Amt des Kanzlers oder der Kanzlerin an sich, Hintergründe, Beschlüsse, persönliche Beweggründe und Demokratie.

Mich hat es überrascht, wie persönlich Angela Merkel ihre Präferenzen und Entscheidungen erörtert. Wie viel nötig ist, um einen Kompromiss zu finden. Nicht nur mit sich selbst ins Gericht zu gehen, sondern auch mit der Partei, für die sie stand und das Volk, welches sie als Kanzlerin vertritt.

Eine umfangreiche Leseempfehlung mit einer entscheidenden Prise Humor an den richtigen Stellen!

Angela Merkel: „Freiheit“, Kiepenheuer & Witsch GmbH, 736 Seiten, ISBN 9783462005134, Preis: 42,00 Euro.


Petra Nietsch über „Ein mysteriöser Gast“

Petra Nietsch über „Ein mysteriöser Gast“

Nita Prose:

Ein mysteriöser Gast

Nita Prose erster Kriminalroman „The Maid – Ein Zimmermädchen ermittelt“ war ein Bestseller und wurde in mehr als 40 Ländern veröffentlicht. Auch dieser zweite Band hat gute Chancen, einen ähnlichen Weg zu gehen.

Molly Gray ist inzwischen zum Chef-Zimmermädchen aufgestiegen und nun umso mehr eine  der guten Seelen des Regency Grand Hotels. Aber erneut erschüttert ein Mord dieses ehrenwürdige Haus. Dieses Mal ist es ein berühmter Kriminal-Schriftsteller, der im Tee-Salon verstirbt.

Molly kennt den Toten aus ihrer Kindheit und in mehreren Rückblicken erfährt der Leser nun auch mehr über ihr Leben und unter welchen Bedingungen sie aufgewachsen ist. Parallel dazu laufen die Ermittlungen, wieder geleitet durch Detective Stark, die Molly weiterhin sehr ablehnend gegenübersteht. Aber irgendwann erkennt sie, dass Molly eine ganz besondere Gabe hat, Hinweise und Indizien zu erkennen und diese so zusammenzufügen, dass der Mörder enttarnt werden kann.

Da Molly aus ihrer Sicht die Geschichte erzählt, weiß der Leser meist nicht mehr als sie, so dass er immer ihren Gedanken folgen muss.

Ähnlich wie im ersten Band ist Mollys Art die Dinge zu beschreiben herzerfrischend, so dass man sie einfach nur lieben muss. Vor allem die immer wiederkehrenden Weisheiten ihrer Großmutter haben mich regelmäßig schmunzeln lassen.

Was mir besonders gefallen hat, ist die Tatsache, dass sich alle Charaktere aus dem ersten Band weiterentwickeln. Ich hatte beinahe das Gefühl, dass sie meine Freunde werden könnten, so liebenswert werden sie dargestellt.

Der dritte Band dieser humorvollen Krimi-Reihe ist in englischer Sprache bereits unter dem Titel „The Mistletoe Mystery“ erschienen, so dass wir uns sicherlich auch bald auf die deutsche Übersetzung freuen können.

Nita Prose: „Ein mysteriöser Gast“, Droemer HC, 320 Seiten, ISBN 9783426283851, Preis: 21,00 Euro.


Heike Zumbruch über „Kantika“

Heike Zumbruch über „Kantika“

Elizabeth Graver:

Kantika

„Obwohl Kantika ein Roman ist, habe ich mit der Grenze zwischen Fakt und Fiktion gespielt und mich auf die Erfahrungen realer Personen gestützt, vor allem meiner Großmutter mütterlicherseits, Rebecca Baruch Levy, geborene Cohen (1902 – 1991)…“ Elizabeth Graver

Rebeccas Vorfahren flohen mehr als 400 Jahre zuvor aus einem zunehmend antisemitischen Spanien in die Türkei und lebten lange in einer multikulturellen Gesellschaft in relativer Akzeptanz. Sie wird 1902 in Konstantinopel geboren und erlebt eine glückliche Kindheit, bis im November 1914 ihre katholisch-französische Schule geschlossen und das gesellschaftliche Klima für Juden zunehmend schwierig wird.

Deshalb und um die Brüder vor dem Militärdienst zu bewahren, flieht die Kernfamilie 1924 nach Spanien, eine von vielen Verlusterfahrungen der Protagonistin. Das Land ist ihnen seltsam fremd und sie leben dort ein eher bescheidenes Leben. Doch bald wird auch hier das Klima rauer.

Unter Frankos Herrschaft blüht der Antisemitismus wieder auf und so ergreift Rebecca 1934 die Gelegenheit, aus Spanien zu fliehen, zunächst allein, ohne ihre Familie. Über Kuba gelangt sie schließlich nach New York und beginnt dort noch einmal, sich ein neues Leben aufzubauen. Mit Zuversicht, Fleiß und ihrer Freude am Singen und Gärtnern.

Elizabeth Graver erzählt die Geschichte dieser außergewöhnlichen, starken und mutigen Frau und ihrer Familie sehr einfühlsam, detailreich und voller Liebe zu den Figuren. Wie selbstverständlich erzählt sie auch von deren Glauben und Ritualen, von Anfeindungen und Zurückweisungen, ohne Wertung oder gar Bitterkeit.

Ihre Worte und Sätze zeugen von einer großen und verständnisvollen Menschenkenntnis. Gravers kenntnisreiche Einbettung der Familiengeschichte in historische Geschehnisse und Entwicklungen machen das Buch auch zu einem interessanten historischen Roman, der aber immer ganz nah an seinen Figuren bleibt.

Alle Höhen und Tiefen menschlichen Lebens, alle Facetten von Charakteren und Empfindlichkeiten, alle Folgen beängstigender, enttäuschender oder gar traumatischer Erlebnisse fasst die Autorin in dieser Familiengeschichte zusammen und schafft so einen wunderbaren Roman, den ich immer schwerer aus der Hand legen konnte.

Elizabeth Graver: „Kantika“, mareverlag GmbH, 386 Seiten, ISBN 9783866487109, Preis: 25,00 Euro.


Sonja Weber über „Monascella“

Sonja Weber über „Monascella“

Kerstin Holzer:

Monascella

„Herzzerreißend schön zu lesen.“ Hat Elke Heidenreich über Kerstin Holzers Buch „Monascella“ gesagt. Mir fällt keine Besser Beschreibung dazu ein.

Anhand unveröffentlichter Briefe und Gespräche ist diese gleichzeitig spannende, kluge und wunderbar erzählte Biografie über eine Frau entstanden, die zeitlebens versuchte, sich unabhängig von ihrer Familie zu betrachten und diese doch schmerzlich vermisste. Selbst dem Tod durch Ertrinken nur knapp entronnen, verliert Monika ihren Ehemann beim Bombardement des Dampfers, der die beiden ins Exil nach Amerika bringen soll.

Als sie dann endlich doch bei den Ihren, der „amazing Mann Familie“, ankommt, findet sie keinen Halt. Die emotionale Heimatlosigkeit und das Trauma des Krieges, will sie nicht wie ihre Geschwister mit Drogen dämpfen und der Familiendevise „wer kann, der tut“ ist sie nicht gewachsen. Versuche, eine eigenständige künstlerische Existenz aufzubauen und vom berühmten Vater akzeptiert zu werden, führen „Moni“, „das Mönle“, ungeliebtes Kind der Familie Mann, schließlich im Winter 1955 auf die Insel Capri.

Dort, in der Ruhe und Abgeschiedenheit findet sie endlich ihren eigenen Weg. In der Villa Monacone lebt sie mit Antonio Spadaro, „nur“ ein Fischersohn, aber er wird ihre große Liebe, sie seine „Monascella“. Die beiden sind ein Paar, aber meiden die Öffentlichkeit. Auch, als die Insel in den sechziger Jahren zum „in-Place“ von Malern, Musikern und Hollywoodstars wird, schafft Monika Mann es, sich Ihre Privatsphäre zu bewahren.

„Ich lebe auf einer Insel. Es ist still da und die Menschen machen sich Gedanken.“ Schreibt sie zu ihrem neuen Domizil, in dem jeder Straßenjunge ihre Adresse kennt, sie aber trotzdem für sich bleiben kann. Jeden Tag geht sie spazieren und ihr Geist scheint zu heilen. Und während sich die großen der Kulturszene weiter fragen, wie sie da auf dieser schrecklich kleinen Insel „immer nur sein kann“, entsteht Monika Manns erfolgreichstes Werk „Vergangenes und Gegenwärtiges“. 1956 erscheint es und ist ein Befreiungsschlag. Trotzdem bleibt sie auf Capri. Sie verlässt die Insel erst 1986 nach dem Tod ihres geliebten Antonio.

Kerstin Holzer: „Monascella“, dtv Verlagsgesellschaft, 208 Seiten, ISBN 9783423290425, Preis: 22,00 Euro.


Sonja Weber über „Im Schnee“

Sonja Weber über „Im Schnee“

Tommie Goerz:

Im Schnee

Der alte Max hat einen Verlust zu verarbeiten. Über der glitzernden Schneedecke läutet das Totenglöckchen für seinen Freund den Schorsch. Max macht sich auf zur Totenwacht, den ersten Teil der Nacht wachen die Männer, den zweiten die Frauen, so war es schon immer hier.

Dabei wird geredet und nachgedacht, über den Verstorbenen, über gute und schlechte Zeiten und über Dinge, die besser für immer unter dem Schnee bleiben. Neubürger sind nicht dabei bei so einer Totenwacht, die verstehen das nicht. Diese modernen Familien mit ihren modernen Berufen, was wissen die schon von harter Arbeit, von strengen zornigen Vätern und schweigenden Müttern, von verbotenen Kindern und nutzlosen Alten. Die erkennen ja nicht mal die Kamille am Wegesrand im Sommer, noch wissen sie, wie man welche Apfelsorte lagert.

Der Schorsch, der wusste von all dem. Der Max weiß es auch. Eine ganz besondere Freundschaft verband die beiden Männer. Auch darüber weiß außer den beiden niemand etwas und wird es auch nie, und der Schnee deckt nun alles zu. Er ist wie eine endgültige Stille. So ein Dorf ist idyllisch, aber da gibt es halt auch Misthaufen und je näher man denen kommt, umso mehr stinkt es.

Tommie Goerz ist ein Autor, der hinter das Schweigen schaut und die Misthaufen umgräbt bis er die Wunden auf der Seele der Idylle freigelegt.

Tommie Goerz: „Im Schnee“, Piper Verlag GmbH, 176 Seiten, ISBN 9783492073486, Preis: 22,00 Euro.


Bettina Luis über „Wackelkontakt“

Bettina Luis über „Wackelkontakt“

Wolf Haas:

Wackelkontakt

Vorab: Ich gehöre zu den Haas-Fans. Oft aber erlebe ich unverständliches Kopfschütteln bei Menschen, wenn ich nur seinen Namen nenne. Wolf Haas spaltet die Leserschaft in ein kompromissloses JA oder NEIN. Ein Dazwischen gibt es offensichtlich nicht. Doch der Österreicher hat längst die Kommissar Brenner-Spuren verlassen und bewiesen, dass er nicht nur des Hochdeutschen durchaus mächtig ist. Konsequent schräg und spannend bleibt er thematisch aber allemal: Schräg, kreativ und knallhart lächelnd. Voll Wunder eben – bis zum letzten Satz!

Sein neuester Roman „Wackelkontakt“: Er schafft „Synapsensalat“ im Kopf schon beim Betrachten des schrill gelben Covers und der elektrisierend flirrenden Buchstaben im Titel.

Zum Inhalt: Hier lesen Menschen über Menschen, die lesen und sie lesen dieselbe Geschichte, sie lesen sie aufeinander zulesend. Gleichzeitig werden Identitäten an- und ausgeschaltet. Zwei Handlungsstränge flackern abwechselnd in immer unberechenbar kürzer werdenden Abständen auf. Ein „Stromschlag“ ist nur konsequent. OFF-ON … Und ich weiß nicht mehr, wo vorne und hinten ist, oben und unten, gestern und heute … So, wie der niederländische Künstler M.C. Escher in seinen Grafiken und Skulpturen seine Betrachter mit seinen perspektivischen Unmöglichkeiten (führen jene Treppen hinauf oder hinunter?) und optischen Täuschungen (wie viele Vögel zähle ich?) provoziert und schier verrückt werden lässt.

Franz Escher (Namensgleichheit nicht zufällig) ist Trauerredner. Wenn er nicht puzzelt, liest er – während er auf einen Elektriker wartet – ein Buch über einen Mafioso, der als Kronzeuge in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird und mit neuer Identität sein neues Leben, sein neues Glück lebt. Doch schon Lohengrin wusste ja, dass unerwünschtes Fragen nach der Herkunft Glück in Unglück verwandelt. Und niemand ist sicher, wenn erwach(s)ende Kinder nach ihren Wurzeln suchen… Elektrisierend wird „Wackelkontakt“ nun aber dadurch, dass der Mafioso – und später seine Tochter- ein Buch lesen, in dem ein Trauerredner auf einen Elektriker wartet und ein Buch liest, in dem ein Mafioso, der als Kronzeuge… u.s.w.

Und plötzlich liegt der endlich eingetroffene Elektriker tot am Boden: Stromschlag! Escher hat versehentlich die Sicherungen von OFF auf ON geschaltet…!? Und dann stehen da noch etliche andere „geladene Stromabnehmer“ in zunehmend ungesichert flackerndem Licht.

„Spannung ON“ bis zum letzten Satz!!!

Wolf Haas: „Wackelkontakt“, Verlag Hanser 2025, 238 Seiten, ISBN 9783446282728, Preis: 25,00 Euro.