Monika Runge über „Unschuld“

Monika Runge über „Unschuld“

Takis Würger: Unschuld

In 35 Tagen soll ihr Vater hingerichtet werden. Er hat einen Mord gestanden; an Caspar, dem Sohn seines Arbeitgebers Rosendale. Molly, die Tochter des Verurteilten, glaubt nicht an die Schuld. Sie verdingt sich mit falschen Papieren als Putzkraft bei den Rosendales, eine steinreiche Familie in – nach ihr benannt – Rosendale, um mehr über die Familie zu erfahren. Sie wird fast sofort beim Eintreffen enttarnt, aber nicht rausgeschmissen. Warum nicht? Sie kommt dem weiteren Sohn der Familie, Joel, näher.

Die Beschreibung der sozialen Unterschiede (Molly – Unterschicht, Rosendale – einflussreiche Oberschicht) und der emotionalen Leere in der Familie Rosendale ist beklemmend, Mollys
Wettlauf gegen die verrinnende Zeit ist ein Krimi, von Takis Würger spannend zu Papier gebracht.

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Takis Würger: „Unschuld“, Penguin Verlag, 296 Seiten, ISBN 9783328601685, Preis: 22,00 Euro.


Monika Runge über „Der Zirkel“

Monika Runge über „Der Zirkel“

Leon Sachs: Der Zirkel

Eine junge Frau hat sich aus ihrer rechtsradikalen Familie gelöst und will eine Ausbildung bei der Polizei machen. Ihr Vater hat eine Partei gegründet, die die Chance hat, in Deutschland die Macht zu übernehmen. Will er die Wahl, die auch mit digitaler Stimmabgabe stattfinden soll, manipulieren? Hat er mit dem Tod einiger enger Weggefährten in verschiedenen europäischen Ländern zu tun? Will er seine Tochter im Polizeidienst für seine Zwecke benutzen? Ein wirklich spannender, hochaktueller Thriller.

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Leon Sachs: „Der Zirkel“, Penguin TB Verlag, 460 Seiten, ISBN 9783328107552, Preis: 16,00 Euro.


Monika Runge über „Ein Lied vom Ende der Welt“

Monika Runge über „Ein Lied vom Ende der Welt“

Erika Ferencik:

Ein Lied vom Ende der Welt

Ein Kind wird auf einer Forschungsstation in der Arktis aus dem Eis geschnitten und kann wiederbelebt werden. Eine Linguistin für ausgestorbene Sprachen (u.a. altdänisch, altnordisch) lebt und lehrt in Amerika; ihr Zwillingsbruder, der an der Forschungsstation arbeitete, kam dort unter ungeklärten Umständen ums Leben. Sein Professor, der noch dort ist, fordert die Schwester nun auf, sie solle auf die Station kommen, um zu entschlüsseln, welche Sprache das Kind spricht. Man will
erfahren, wie ein Mensch im Eis eingefroren, überleben kann. Auf der Station hält sich noch ein weibliches Faktotum auf. Mit der Linguistin kommt noch ein Forscherehepaar auf der Station an.

Welches „Überlebensgeheimnis“ dieses Kind hat, wie es versucht, sich mitzuteilen, wie sich Vertrauen zu Val (der Linguistin) entwickelt, warum Val instinktiv Misstrauen gegenüber dem Professor und Jeanne (Faktotum) verspürt, ist spannend erzählt. Und immer wieder die Natur,
vielseitig auch in der Eiswüste und unter dem Eis. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

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Erika Ferencik: „Ein Lied vom Ende der Welt“, Goldmann Verlag, 379 Seiten, ISBN 9783442316786, Preis: 24,00 Euro.


Monika Runge über „Willemsens Jahreszeiten“

Monika Runge über „Willemsens Jahreszeiten“

Roger Willemsen:

„Willemsens Jahreszeiten“

Ich könnte immer noch heulen, wenn ich daran denke, was für eine intellektuelle Kraft da 2016 verloren gegangen ist, denn Willemsen starb in dem Jahr. Der Buchtitel ist abgeleitet von seiner ebenso benannten Kolumne aus den Jahren 2010 bis 2015 in der „Zeit“, die nun gesammelt in dem Buch erschienen. Er spießt gnadenlos das auf, was durch Medien verbreitet wurde. Es ist interessant, noch mal in die Jahre ab 2010 mit seinem Blick einzutauchen und Namen wie Westerwelle, Rösler oder Guttenberg zu lesen.

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Roger Willemsen: „Willemsens Jahreszeiten“, Fischer Taschenbuch, 188 Seiten, ISBN 9783596700981, Preis: 10,00 Euro.


Monika Runge über „Der Wald, vier Fragen, das Leben und ich“

Monika Runge über „Der Wald, vier Fragen, das Leben und ich“

Tessa Randau: „Der Wald, vier Fragen, das Leben und ich“

Ein scheinbar perfektes Leben, aber das Gefühl – es ist nicht alles gut? Die Protagonistin erfährt auf sonderbare Weise von vier Fragen, die alles verändern können. Ein sehr leises, nachdenkliches Buch. Und die Fragen?

Ich habe sie mir aufgeschrieben und sichtbar hingelegt.

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Tessa Randau: „Der Wald, vier Fragen, das Leben und ich“, dtv Verlagsgesellschaft, 128 Seiten, ISBN 9783423349765, Preis: 9,90 Euro.


Monika Runge über „Leuchtende Tage“

Monika Runge über „Leuchtende Tage“

Astrid Ruppert:

„Leuchtende Tage“

Der erste Band einer Trilogie. Lisette Winter, aus sehr reichem Elternhaus in Wiesbaden; immer im Widerstand gegen die Konventionen der Jahre um 1900, besonders gegen Modevorschriften, wie das Tragen von Korsetts. Sie hat Ideen für Kleider im Kopf, bringt sie unbeholfen zu Papier. Im Elternhaus trifft sie beim Anmessen ihrer Garderobe durch den Schneider Emile auf die Liebe ihres Lebens. Sie verlässt das Haus mit 18 Jahren heimlich, um mit ihm letztlich im Rheingau bei Eltville ein erfolgreiches Modeatelier zu betreiben.

Parallel wird das Leben der Urenkelin Maya 100 Jahre später erzählt, die sich immer mehr von Lisettes Leben angezogen fühlt und mehr erfahren will.  Ich habe dieses Buch verschlungen. Der zweite Teil „Wilde Jahre“ ist bereits erschienen.

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Astrid Ruppert: „Leuchtende Tage“, dtv Verlagsgesellschaft, 493 Seiten, ISBN 9783423218429, Preis: 10,95 Euro.


Fuchs 8

Fuchs 8

George Saunders:

Fuchs 8

Noch ein Saunders. Nicht zum schallenden Lachen, wie Frau Thea Dorn es geschah, aber immer wieder zum Schmunzeln. Aber auch zum Heulen, wie in einer Rezension der GZ 2020 beschrieben.

Das Büchlein „Fuchs 8“ von George Saunders ist dünn.  Es handelt von einem Fuchs, der „mänschisch“ reden und lesen kann, weil er unter einem Fenster zugehört hat, wie eine Mutter ihren Kinder Geschichten vorlas. Er konnte auch oft in die Bücher linsen vom Fenster aus. Und fast immer handelten die Geschichten von Liebe.

Die schlimme Zeit für den Fuchs beginnt, als ein riesiges Einkaufszentrum im Fuchsrevier gebaut und der Lebensraum vernichtet wird. Er will sich arrangieren, weil er ja mänschisch kann. Aber das geht schief. Er macht sich dann notgedrungen auf die Suche nach einem neuen Revier, was ihm mehr tot als lebendig gelingt.

Das Besondere an dem kleinen Buch ist, dass der Fuchs uns nun diese Geschichte als Brief übermittelt, in phonetischer Sprache. Es endet mit seinem Rat: „Wenn ir wollt, das oire Geschichten eine Heppi Ent haben, seit einfach mal ein bisschen netter. Ich wate auf oire Antwort. Fuks 8“.

Was können wir ihm den jetzt antworten?

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George Saunders: „Fuchs 8“, Luchterhand Literaturverlag, 56 Seiten, ISBN 9783630876207, Preis: 12,00 Euro.


Lincoln im Bardo

Lincoln im Bardo

George Saunders:

Lincoln im Bardo

Da mein Lebensalter seit neuestem mit einer Ziffer beginnt, die mich immer wieder daran erinnert, dass alles Erdenleben endlich ist, habe ich mir nochmals das Buch von George Saunders „Lincoln im Bardo“ vorgenommen. Ich finde die Vorstellung, sich nach dem Ableben in einem Zwischenreich (in tibetischer Tradition Bardo genannt) aufhalten, kommunizieren und beobachten zu können, tröstlich.  Auf die Aufenthaltsdauer hat man einigen Einfluss, um sich dann in relativer Selbstbestimmung mit einem Feuerknall und dem Phänomen der Materienlichtblüte in Jenseits zu begeben.

Es handelt sich um die Geschichte des Lieblingssohnes von Präsident Lincoln, der, während eines Staatsbanketts, in den Privaträumen mit 11 Jahren verstirbt. Der untröstliche Vater sucht allein das Grabmal auf, um seinen Sohn nochmal in den Armen halten zu können. Dies wird nicht als fortlaufender Bericht erzählt, sondern setzt sich aus Zeitungs- und Zeitzeugenberichten zusammen. Und überwiegend aus den Berichten der „Anwesenden“ im Bardo, die die Ankunft des Sohnes im Bardo erleben und sich um dieses Kind kümmern, weil es fest daran glaubt, dass der Vater es „zurückholen“ wird.

Diese einzelnen Stimmen im Bardo „hört“ und deren Geschichte erfährt man; auch, dass es eine Grenze gibt. Nämlich ein Zaun, hinter dem sich die Schwarzen aufhalten müssen. Es geht um Liebe und erlebtes Leid, aber auch um schwarzen Humor. Eine lesenswerte Lektüre.

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George Saunders: „Lincoln im Bardo“, btb-Taschenbuch, 534 Seiten, ISBN 9783442770533, Preis: 12,00 Euro.


Erschütterung

Erschütterungen

Erschütterungen

Percival Everett:

Erschütterung

Zach Wells, zynisch, Haut dunkel, Professor für Geologie/Paläobiologie an einer Universität in Kalifornien, ist in seinen Grundfesten erschüttert, als er erfährt, dass seine Tochter als Teenager an Demenz sterben wird. Ursache: Ein Gendefekt. Wie er und seine Frau mit dem körperlichen und geistigen Verfall ihrer Tochter umgehen, wird auf der einen Seite in dem Buch beschrieben.  Daneben noch ein Kriminalfall: Zacharias Wells erhält bei Lieferung bestellter Kleidung – darin eingenäht – Hilferufe. Die beschäftigen ihn und er geht ihnen nach. Sehr eindringliche Lektüre.

Percival Everett: „Erschütterung“, Carl Hanser Verlag, 288 Seiten, ISBN 978-3446272668, Preis: 23,00 Euro.


Dschinns

Dschinns

Fatma Aydemir:

Dschinns

Sehr berührt hat mich das gerade erst im Februar 2022 erschienen Buch „Dschinns“ von Fatma Aydemir. Es ist die Innenansicht einer türkischen Familie. Der Vater kam in den 70-igern nach Deutschland, als Gastarbeiter, wie viele. Nach und nach holte er seine Familie ebenfalls nach. Kinder wurden in Deutschland geboren. Eines von mehreren Geheimnissen in der Familie, der Vater und die Mutter sind Kurden, gehörten also in der Türkei zur ausgegrenzten, verfolgten Bevölkerung.

Sie bauen sich ein bescheidenes Leben in Deutschland auf. Der Vater kauft eine Wohnung in der Türkei, um als Rentner mit seiner Ehefrau (eventuell auch den Kindern?) zurück in die Türkei zu gehen. Als es soweit ist und er die Wohnung bezieht, stirbt er am gleichen Tag. Die Ehefrau und die Kinder sowie andere Verwandte aus der Türkei treffen sich in der Wohnung, um die Beerdigung zu vollziehen. In dem Buch werden nun die einzelnen Familienmitglieder mit ihrer (Lebens)-Geschichte dargestellt; beginnend mit dem Toten.  Als letztes kommt die Ehefrau „zu Wort“, die dann ihrer Tochter ein weiteres Geheimnis der Familie preisgibt…

Fatma Aydemir: „Dschinns“, Hanser-Literaturverlag, 368 Seiten, ISBN 978-3-446-26914-9, Preis: 24,00 Euro.