Der Zaunkönig zieht weite Kreise

Der Zaunkönig zieht weite Kreise
Vor dem Lesekreis des Landfrauenvereins Wolfenbüttel stellen Hartmut Frenk und Petra Nietsch das BÜCHER-HEIMAT-Projekt „Der Weg des Zaunkönigs“ vor. Fotos: Privat

Starke Nachfrage sorgt für zweite Auflage

Ein besonderes Kapitel in der Erfolgsgeschichte der BÜCHER-HEIMAT war dem kanadischen Roman „The Willow Wren“ von Philipp Schott schon mit dem Entschluss sicher, als die Mitmach-Buchhandlung die Rechte an der deutschen Ausgabe erwarb und mit 300 Exemplaren an den Start ging. Ein Projekt, das Ehrenamtliche umsetzten. Mit so großem Erfolg, dass „Der Weg des Zaunkönigs“ nun in einer zweiten Auflage mit wiederum 300 Exemplaren erscheint.

Auch in diesem Fall behält allerdings der Volksmund Recht, der seit jeher konstatiert: „Von Nichts kommt nichts“. Folgerichtig ist BÜCHER-HEIMAT-Teammitglied Petra Nietsch, die das Zaunkönig-Projekt initiierte und den Roman übersetzte, mittlerweile auch auf Lesereisen in der Region unterwegs. Gemeinsam mit Hartmut Frenk, der das Lektorat der deutschen Ausgabe übernommen hatte, machte sie jetzt beim Lesekreis des Landfrauenvereins Wolfenbüttel Station.

Der Roman basiert auf der wahren Geschichte eines neurodiversen Jungen, der im Nazi-Deutschland aufwächst, Bombenangriffe, die Hitlerjugend und die russische Besatzung überlebt, bevor er am Nordharz entlang in den Westen floh. Ein Thema, das offenkundig bei der Leserschaft in der Region gut ankommt, auch bei dem Lesekreis-Treffen in einer Gaststätte in Halchter hatten etliche Zuhörerinnen den Roman bereits gelesen.

Dies wiederum war auch deshalb von Vorteil, weil Petra Nietsch und Hartmut Frenk alles andere als eine „normale“ Lesung offerierten. Die Vorstellung des besonderen Konzepts der BÜCHER-HEIMAT sowie der außergewöhnliche Weg des kanadischen Romans auf den Verkaufstresen deutscher Buchhandlungen machten einen Großteil des Abends aus und sorgte für interessierte Nachfragen.

Damit war dann die Leselust auch bei jenen Besucherinnen geweckt, die den Roman „Der Weg des Zaunkönigs“ bislang nicht kannten. Weitere Exemplare wurden gleich vor Ort verkauft, besonders beliebt dabei die charakteristische Geschenk-Verpackung der Bücher-Heimat mit buntem Papier und schönen Papierschleifen.

So wurde zugleich auch Interesse an der Mitmach-Buchhandlung selbst geweckt, Handzettel zu kommenden Lesungen und Visitenkarten taten ein Übriges, um der BÜCHER-HEIMAT eventuell auch rund um Wolfenbüttel neue Kundinnen zu erschließen. Zumindest verkündeten etliche Mitglieder des Landfrauenverein-Lesekreises, sie würden der Buchhandlung beim nächsten Bad Harzburg-Besuch eine Stippvisite abstatten.

Ob angesichts der Nachfrage und der großartigen Reaktion auf den Roman „Der Weg des Zaunkönigs“ dann noch Exemplare der zweiten Auflage vorhanden sind, bleibt abzuwarten. Leserinnen und Leser jedenfalls werden im Einband der neuen Ausgabe schwärmend zitiert:

  • „In vier Tagen ausgelesen. Ich war tief beeindruckt.“
  • „Es ist wirklich interessant, die Ereignisse der damaligen Zeit durch die Augen eines Kindes zu sehen. Außerdem ist es spannend, etwas über politische Einstellungen und Propaganda zuerfahren, wovon ich nur wenig wusste.“
  • „Ein sehr besonderes und lesenswertes Buch mit faszinierenden Perspektivwechseln, die neue Facetten in dem vermeintlich bekannten Thema offenbaren.“
  • „Respekt für die gelungene Übersetzung.“
  • „Ein wichtiges generationsübergreifendes Buch, das jede Generation gelesen haben sollte.“
  • „Ein historisches Dokument.“
  • „Ich habe den ZAUNKÖNIG mit viel Interesse gelesen. Kein ‚Spaziergang‘ auf dem Weg des  Zaunkönigs, darum ein ergreifendes Buch, das ich unbedingt weiterempfehle.“
  • „Ein ergreifender Einblick in das Leben und Überleben in jenen Jahren.“
  • „Das Buch liest sich ganz wundervoll. Herrlich dargestellt ist die Welt in ihren Widersprüchlichkeiten aus der Sicht des Kindes.“
  • „Wunderbar geschrieben.“

Sonja Weber über „Im Schnee“

Sonja Weber über „Im Schnee“

Tommie Goerz:

Im Schnee

Der alte Max hat einen Verlust zu verarbeiten. Über der glitzernden Schneedecke läutet das Totenglöckchen für seinen Freund den Schorsch. Max macht sich auf zur Totenwacht, den ersten Teil der Nacht wachen die Männer, den zweiten die Frauen, so war es schon immer hier.

Dabei wird geredet und nachgedacht, über den Verstorbenen, über gute und schlechte Zeiten und über Dinge, die besser für immer unter dem Schnee bleiben. Neubürger sind nicht dabei bei so einer Totenwacht, die verstehen das nicht. Diese modernen Familien mit ihren modernen Berufen, was wissen die schon von harter Arbeit, von strengen zornigen Vätern und schweigenden Müttern, von verbotenen Kindern und nutzlosen Alten. Die erkennen ja nicht mal die Kamille am Wegesrand im Sommer, noch wissen sie, wie man welche Apfelsorte lagert.

Der Schorsch, der wusste von all dem. Der Max weiß es auch. Eine ganz besondere Freundschaft verband die beiden Männer. Auch darüber weiß außer den beiden niemand etwas und wird es auch nie, und der Schnee deckt nun alles zu. Er ist wie eine endgültige Stille. So ein Dorf ist idyllisch, aber da gibt es halt auch Misthaufen und je näher man denen kommt, umso mehr stinkt es.

Tommie Goerz ist ein Autor, der hinter das Schweigen schaut und die Misthaufen umgräbt bis er die Wunden auf der Seele der Idylle freigelegt.

Tommie Goerz: „Im Schnee“, Piper Verlag GmbH, 176 Seiten, ISBN 9783492073486, Preis: 22,00 Euro.


Bettina Luis über „Wackelkontakt“

Bettina Luis über „Wackelkontakt“

Wolf Haas:

Wackelkontakt

Vorab: Ich gehöre zu den Haas-Fans. Oft aber erlebe ich unverständliches Kopfschütteln bei Menschen, wenn ich nur seinen Namen nenne. Wolf Haas spaltet die Leserschaft in ein kompromissloses JA oder NEIN. Ein Dazwischen gibt es offensichtlich nicht. Doch der Österreicher hat längst die Kommissar Brenner-Spuren verlassen und bewiesen, dass er nicht nur des Hochdeutschen durchaus mächtig ist. Konsequent schräg und spannend bleibt er thematisch aber allemal: Schräg, kreativ und knallhart lächelnd. Voll Wunder eben – bis zum letzten Satz!

Sein neuester Roman „Wackelkontakt“: Er schafft „Synapsensalat“ im Kopf schon beim Betrachten des schrill gelben Covers und der elektrisierend flirrenden Buchstaben im Titel.

Zum Inhalt: Hier lesen Menschen über Menschen, die lesen und sie lesen dieselbe Geschichte, sie lesen sie aufeinander zulesend. Gleichzeitig werden Identitäten an- und ausgeschaltet. Zwei Handlungsstränge flackern abwechselnd in immer unberechenbar kürzer werdenden Abständen auf. Ein „Stromschlag“ ist nur konsequent. OFF-ON … Und ich weiß nicht mehr, wo vorne und hinten ist, oben und unten, gestern und heute … So, wie der niederländische Künstler M.C. Escher in seinen Grafiken und Skulpturen seine Betrachter mit seinen perspektivischen Unmöglichkeiten (führen jene Treppen hinauf oder hinunter?) und optischen Täuschungen (wie viele Vögel zähle ich?) provoziert und schier verrückt werden lässt.

Franz Escher (Namensgleichheit nicht zufällig) ist Trauerredner. Wenn er nicht puzzelt, liest er – während er auf einen Elektriker wartet – ein Buch über einen Mafioso, der als Kronzeuge in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird und mit neuer Identität sein neues Leben, sein neues Glück lebt. Doch schon Lohengrin wusste ja, dass unerwünschtes Fragen nach der Herkunft Glück in Unglück verwandelt. Und niemand ist sicher, wenn erwach(s)ende Kinder nach ihren Wurzeln suchen… Elektrisierend wird „Wackelkontakt“ nun aber dadurch, dass der Mafioso – und später seine Tochter- ein Buch lesen, in dem ein Trauerredner auf einen Elektriker wartet und ein Buch liest, in dem ein Mafioso, der als Kronzeuge… u.s.w.

Und plötzlich liegt der endlich eingetroffene Elektriker tot am Boden: Stromschlag! Escher hat versehentlich die Sicherungen von OFF auf ON geschaltet…!? Und dann stehen da noch etliche andere „geladene Stromabnehmer“ in zunehmend ungesichert flackerndem Licht.

„Spannung ON“ bis zum letzten Satz!!!

Wolf Haas: „Wackelkontakt“, Verlag Hanser 2025, 238 Seiten, ISBN 9783446282728, Preis: 25,00 Euro.


Neujahrsempfang 2025

Neujahrsempfang 2025

Mit starkem Rückenwind ins neue Jahr

Der Blick zurück ins Jahr 2024 beschert der BÜCHER-HEIMAT bei ihrem Neujahrsempfang ordentlich Rückenwind fürs neue Jahr. Das Projekt der Mitmach-Buchhandlung als gemeinnützige GmbH fügt der eigenen Erfolgsgeschichte immer neue Kapitel an.

Eine Erfolgsgeschichte, von der einmal mehr auch die Bad Harzburg-Stiftung und somit letztendlich die ganze Stadt profitiert. Im Ergebnis spendet die BÜCHER-HEIMAT erneut 11.000 Euro an die Stiftung, die seit dem Start der Buchhandlung 2022 somit mehr als 30.000 Euro für ihre Arbeit zum Wohle der Bad Harzbürgerinnen und Bad Harzburger verbuchen konnte.

Die erneute 11.000-Euro-Spende ließ den Gesamtbetrag, den die BÜCHER-HEIMAT seit dem Start an die Bad Harzburg-Stiftung überwies, auf sagenhafte 32.000 Euro anwachsen (v.li.): Thomas Kregel, Hans-Jürgen Fleger, Andrea Scholz, Sonja Weber und Dirk Junicke.

Quasi folgerichtig nutzte der Vorstand der Stiftung den Neujahrsempfang in der BÜCHER-HEIMAT, um dem großen Ehrenamtlichen-Team Dank abzustatten. Die „Harzburger Blätter“ aus der Konditorei Liersch entpuppten sich als Volltreffer. Womit, so Hans-Jürgen Fleger und Thomas Kregel für den Stiftungs-Vorstand, wechselseitig ein aktuelles Projekt der Bürgerstiftung herausgestrichen werde: Würdigung und Stärkung des Ehrenamts sei ein Schwerpunkt der Stiftungsarbeit.

Ein Aspekt, den BÜCHER-HEIMAT-Initiator Dirk Junicke und Sonja Weber von anderer Seite beleuchten und herausstellen konnten: Mit gleich zwei bedeutenden Preisen wurde die Idee der Mitmach-Buchhandlung und das Team insgesamt gewürdigt. Unter dem Motto „Gemeinsam Zukunft gestalten“ konnte zunächst der Sonderpreis „Soziales und Integration“ des Innovationspreises der Region Göttingen-Northeim „eingesackt“ werden, ehe es nur einen Tag später in Braunschweig den Sozialtransfer-Preis der Industrie- und Handelskammer gab.

Das Dankeschön der Bad Harzburg-Stiftung, das Andrea Scholz überreicht, ist im Fall von Annette Wiegmann (li.) zugleich ein „Farewell“. Mit ihr verlässt eine der prägenden Persönlichkeiten die BÜCHER-HEIMAT für eine berufliche Neuorientierung.

In beiden Fällen demonstrierte das Team der BÜCHER-HEIMAT mit einem dicken Tau, an dem alle zur Preisverleihung (ein-)zogen, wie stark eine Idee werden kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Und diese Idee des „Einer für alle, alle für einen“ prägte wie seit dem Start im April 2022 auch das gesamte Jahr 2024. Sei es bei der Arbeit, wenn alle beispielsweise bei den Lesungen mit anpacken, oder auch bei gemeinsamen Unternehmungen wie einer Floßfahrt auf der Oker.

Fast schon „nebenbei“ wurde im vergangenen Jahr auch noch das Angebots- und Aktionsspektrum der BÜCHER-HEIMAT wesentlich erweitert: Auf dem Gestüt wurde mit einem begeisterten Publikum ein literarisch-musikalischer Sommerabend gefeiert, ein gemeinsam mit der Öffentlichen Versicherung angebotenen Schreibwettbewerb stieß auf ungemeine Resonanz und mündete in ein Buch mit 30 Beiträgen. Und zu guter Letzt avancierte die BÜCHER-HEIMAT mit dem „Weg des Zaunkönigs“ auch noch zur Herausgeberin.

Neben einem wirtschaftlich starken Jahr (höchster Umsatz überhaupt) konnte so auf dem Neujahrsempfang auf zwölf ereignisreiche Monate zurückgeblickt werden. Und auch dabei feierte die Idee der Mitmach-Buchhandlung fröhliche Urstände: Für das ebenso opulente wie abwechslungsreiche Büffet sorgten die Ehrenamtlichen selbstverständlich selbst…

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BÜCHER-HEIMAT trotzt Schnee-Chaos

BÜCHER-HEIMAT trotzt Schnee-Chaos
Dietmar Schultke (re.) stellte sein Buch „Keiner kommt durch – Die Geschichte der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer“ vor, Mario Dittrich las aus „Feindwärts war hinter mir“ und berichtete von seinen anderthalb Jahren bei den Grenztruppen der DDR. Foto: Sonja Weber

Eiserner Vorhang und schneeweiße Grenze

Der „eiserne Vorhang“ lag am Donnerstagabend hinter einer „weißen Grenze“ – und die war nur schwerlich zu durchdringen: Der massive Wintereinbruch bremste eine Vielzahl von Besuchern aus, die sich an diesem Abend in der BÜCHER-HEIMAT zu einer Lesung rund um die innerdeutsche Grenze angemeldet hatten. Da die Autoren Dietmar Schultke und Mario Dittrich zuvor aber für einen starken Run auf die Plätze gesorgt hatten, gab es dann doch noch ausreichend mutiges Publikum, dass sich durch das Schneechaos kämpfte.

Es sollte sich lohnen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer gingen mit Dietmar Schultke und seinem Buch „Keiner kommt durch – Die Geschichte der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer“ sowie mit Mario Dittrich, der in „Feindwärts war hinter mir“ von seinen anderthalb Jahren bei den Grenztruppen der DDR berichtet, auf eine Zeitreise. Sie führte sie mehr als 35 Jahre zurück hinein in die Jahre der deutsch-deutschen Geschichte an eine unmenschliche Grenze, die in Bad Harzburg allein durch die Nähe allgegenwärtig war.

So konnte das Team der BÜCHER-HEIMAT nach der Lesung trotz aller Winterkapriolen noch eine positive Bilanz des Abends ziehen. Wenngleich die aktiven Mitstreiterinnen vor Ort durchaus etwas erschöpft waren, denn auch aus Reihen der sonst stets mit anpackenden Helfer und Helferinnen hatten es einige nicht mehr in die Innenstadt geschafft. Fotos von unbefahrbaren Straßen dienten auf WhatsApp als nachvollziehbare Entschuldigung.

Angesichts der Wetterlage dürfte aber zumindest ein weiteres „Event“ in der BÜCHER-HEIMAT perfekt gelegt worden sein: Am heutigen Freitag, 10. Januar 2025, sowie am morgigen Samstag, 11. Januar 2025, bleibt die Mitmach-Buchhandlung wegen Inventur geschlossen.

Alle, die es ohne Bücher bis zur Wiedereröffnung am Montag nicht aushalten, bleibt so nur, die BÜCHER-HEIMAT online zu durchstöbern. Ein „Treffpunkt“ ist die BÜCHER-HEIMAT auch im virtuellen Raum. Im vergangenen Jahr tummelten sich 28.640 Besucher auf der Website die-buecherheimat.de!

Heike Zumbruch über „Jahr der Wunder“

Heike Zumbruch über „Jahr der Wunder“

Louise Erdrich:

Jahr der Wunder

Zu Beginn des Jahres 2025 möchte ich Ihnen meine erstaunlichste Entdeckung des Jahres 2024 vorstellen. Ein „Indianerbuch“, aber nicht aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, diese Geschichte spielt in Minneapolis im 21. Jahrhundert. Die Ich-Erzählerin Tookie erlebt ihr Jahr der Wunder 2020, nicht trotz, sondern gerade auch wegen der Einschränkungen durch die Pandemie.

Die Autorin betreibt in Minneapolis eine Buchhandlung mit dem Schwerpunkt auf „Indigenen Autoren“, denen sie mehr Aufmerksamkeit wünscht, ist sie doch selbst Ojibwe Native. In so einer Buchhandlung arbeitet auch Tookie, ebenfalls mit indigenen Wurzeln, und erlebt dort wundersames, erschreckendes und doch auch wunderbares. Als ihre große und Halt gebende Liebe Pollux lebensgefährlich an Covid-19 erkrankt, muss sie sich ihrer Vergangenheit stellen, ihrer eigenen Wurzellosigkeit und ihrer Abstammung.

Dieses Buch ist nur schwer einzuordnen. Es ist ein Buch über das Lesen, über Buchhandlungen, über Familie und Traditionen, über Aktuelles und Wurzeln. Die klugen Gedanken fasst Louise Erdrich in einer beinahe leichten Sprache. Der Text liest sich flüssig und beinahe nüchtern. Die Geschichte ist erschreckend, herzzerreißend, traurig, heiter, aktuell und bezaubernd.

Ich habe viel gelernt über „native americans“ in der heutigen Gesellschaft der USA. Wie sie heute leben, wie sie noch immer ihre Stammeszugehörigkeit pflegen, ihre Rituale abhalten und die Unsichtbarkeit in der weißen Bevölkerung ertragen.

Das Ende bleibt offen, fragile Gleichgewichte, ungelöste Fragen lassen den Leser weiterdenken. Die Bücherliste im Anhang zeigt, wie lebenswichtig Lesen sein kann.

„The Sentence“ – „Das Urteil“ ist der Originaltitel und bezieht sich auf Tookies Gerichtsurteil: 60 Jahre Haft!

Louise Erdrich: „Jahr der Wunder“, Aufbau Verlage GmbH, 464 Seiten, ISBN 9783351039806, Preis: 26,00 Euro.


Petra Nietsch über „In der Kälte Alaskas“

Petra Nietsch über „In der Kälte Alaskas“

Dana Stabenow:

In der Kälte Alaskas

Dieser Kriminalroman erschien im Original bereits 1992 und wurde erstmals 1996 ins Deutsche übersetzt. Nun hat ihn der Kampa-Verlag in diesem Jahr neu aufgelegt. Der zweite Teil dieser Reihe erscheint im Februar 2025.

Wer auf Schießereien, blutige Morde und wilde Verfolgungsfahrten hofft, wird enttäuscht werden. Vielmehr dient die Handlung dazu, dem Leser die Landschaft und die Kultur Alaskas näher zu bringen.

Es ist tiefster Winter und in der Wildnis Alaskas wird ein Ranger seit sechs Wochen vermisst, ebenso verschwindet der FBI-Agent, der ihn suchen soll. Kate Shugak, ehemalige Ermittlerin für die Staatsanwaltschaft in Anchorage, kennt den Nationalpark besser als jeder andere und wird gebeten, den Fall zu übernehmen.

Aber sie kennt auch ihr Volk, die Aleuten, und weiß, dass insbesondere die Älteren wie ihre Großmutter die „Outsider“, die Touristen und Geschäftsleute, ablehnen. Sie wehren sich gegen die Erschließung von Ressourcen und wollen die Natur schützen. Somit liegt diesem Kriminalfall der immer wiederkehrende Konflikt der indigenen Kulturen zugrunde, den Spagat zwischen Tradition und Moderne zu schaffen.

Der Autorin gelingt es die Natur, die Atmosphäre und die Stimmung so zu beschreiben, dass der Leser das Gefühl hat, hinter Kate Shugak auf dem Motorschlitten zu sitzen und mit ihr durch die verschneite Landschaft zu fahren.

Dana Stabenow: „In der Kälte Alaskas“, Kampa Verlag, 206 Seiten, ISBN 9783311120919, Preis: 17,90 Euro.


Werner Beckmann über „Die rätselhaften Honjin-Morde“

Werner Beckmann über „Die rätselhaften Honjin-Morde“

Seishi Yokomizo:

Die rätselhaften Honjin-Morde

Kritiken zu Kriminalromanen sind stets heikel, die „Spoiler“-Gefahr ist immens. Was ich gefahrlos sagen kann: Seishi Yokomizo hat mir mit seiner Variante des „locked room murder mystery“ trotz eines von innen verschlossenen Tatorts eine neue Welt eröffnet – die des japanischen Kriminalromans.

Insbesondere was Krimis angeht, habe ich meinen Lesehunger bislang überwiegend in Großbritannien und USA gestillt. Der ferne Osten war mir sehr fern. Da ist es dann durchaus hilfreich, dass sowohl Seishi Yokomizo wie auch sein brillanter Privatdetektiv Kosuke Kindaichi ebenfalls mit Vorliebe die großen Krimi-Klassiker verschlingen und gern darauf anspielen.

Was unter anderem dazu führt, dass der „Guardian“ Yokomizo als „Japans Antwort auf Agatha Christie“ bezeichnet. Wobei ich den 1981 verstorbenen Japaner vom Erzählstil her eher auf den Spuren Arthur Conan Doyles sehe. Lesefutter tischt er satt auf, allein seine Serie um Kosuke Kindaichi besteht aus 77 Romanen, von denen drei weitere in deutscher Übersetzung vorliegen.

Der Honjin-Doppelmord in der Hochzeitsnacht sorgt für Spannung. Wobei ich, der ich so ganz und gar nicht „japanophil“ bin, zunächst mit fremden Geisteswelten sowie schwer zu merkenden Namen und Begriffen zu kämpfen hatte. Offenkundig aber geht es nicht allein mir so: Der Verlag hat dem Krimi am Ende ein sehr hilfreiches Personenregister plus Glossar spendiert.

Zu Weihnachten Bücher zu verschenken, ist immer risikobehaftet: Je fesselnder das Geschenk, desto weniger hat man vom Beschenkten. Seishi Yokomizos Honjin-Morde machten einen Festtag lang aus mir einen familiären Totalausfall…

Seishi Yokomizo: „Die rätselhaften Honjin-Morde“, Aufbau Taschenbuch Verlag, 206 Seiten, ISBN 9783746638232, Preis: 12,00 Euro.


BÜCHER-HEIMAT als Konzertsaal

BÜCHER-HEIMAT als Konzertsaal

Die Party zum Fest mit den Skinny Dippers

Eine rappelvolle BÜCHER-HEIMAT ist in der Vorweihnachtszeit (zum Glück) kein so seltener Anblick. Am letzten Adventssamstag jedoch mischten sich die Bücher-Fans einmal mehr und nur zu gern unter das Party-Volk, das in der Mitmach-Buchhandlung mit Christmas-Rock von den Skinny Dippers auf die Weihnachts-Zielgerade einbog.

Zum zweiten Mal lieferten die Skinny Dippers mit Mr. Honey (aka Leif Honig / Drums & Vocals), Mr. Harzrock (aka Luca Weber / Guitar & Lead Vocals), The Doctor (aka Julius Rettberg / Keys & Vocals) und Sir Dibo (aka David Bauer / Bass Guitar) in der BÜCHER-HEIMAT einen Nachmittag mit rockig-poppiger Weihnachtsmusik ab. Und zum zweiten Mal sorgten Rock- und Punk-Klassiker, Weihnachtslieder und originale Dippers-Songs in halbakustischen Versionen für ein volles Haus, das begeistert mitging.

Das Team der BÜCHER-HEIMAT sorgt derweil mit Keksen und Glühwein für das leibliche Wohl. Und auch die Bücher gerieten nicht gänzlich aus dem Blickfeld, gleichwohl es nicht ganz einfach war, ein ruhiges Fleckchen zu finden.

Am Montag von 10.00 bis 18.00 Uhr sowie an Heiligabend von 10.00 bis 13.00 Uhr steht die Mitstreiterinnen und Mitstreiter der BÜCHER-HEIMAT nun noch bereit, um mit Rat und Tat bei Auswahl (und Verpackung) schöner Buchgeschenke zu sorgen. Eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte – auch wenn das Buch vielleicht „nur“ für den „Eigenbedarf“ ist…

Hans Georg Ruhe über „Das dritte Licht“

Hans Georg Ruhe über „Das dritte Licht“

Claire Keegan:

Das dritte Licht

Ein schmaler Band mit 95 Seiten, großzügigem Satzspiegel, in edler Ausstattung: Claire Keegans „Das dritte Licht“.

Die Handlung der Erzählung ist einfach und überschaubar. Ein kleines Mädchen wird von ihren ärmlichen, irischen Eltern bei Verwandten untergebracht. Es wird mit offenen Armen aufgenommen und erlebt – zunächst verschlossen, dann immer offener werdend – einen glücklichen Sommer. Nichts kann das Idyll trüben, das dem namenlose Mädchen fremd ist. Karge Sprache begleitet die weichende Vorsicht. „Du brauchst nichts zu sagen, nie. So mancher Mann hat viel verloren, nur weil er eine perfekte Gelegenheit verpasst hat, nichts zu sagen.“

Das Leben wird leicht, auch bei spürbarer Verschattung.

Claire Keegan hat aus der Perspektive des Mädchens ein poetisches Buch geschrieben. Die „Times“ zählt es den 50 wichtigsten Romanen des 21. Jahrhunderts. Auch wenn dieses Urteil überzogen scheint – große Kunst ist es allemal.

Claire Keegan: „Das dritte Licht“, Steidl, 95 Seiten, ISBN 978-3-96999-199-2, Preis: 20,00 €