„Reisen ist tödlich für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit, und viele unserer Leute brauchen sie dringend aus diesen Gründen. Breite, gesunde, wohltätige Ansichten über Menschen und Dinge können nicht erworben werden, indem man sein ganzes Leben lang in einer kleinen Ecke der Erde vegetiert.“
Der große US-Schriftsteller Mark Twain, aus dessen Feder das Zitat stammt, begab sich mehrfach auf Europareise und fasste seine Eindrücke humorvoll, bisweilen auch satirisch-bissig in mehreren Büchern wie „Die Arglosen im Ausland“ oder „Bummel durch Europa“. Nicht zu vergessen der grandiose Aufsatz „The Awful German Language“ („Die schreckliche deutsche Sprache“).
Auf eine amüsante LeseReise mit Mark Twain lädt Reiseleiter Axel Gottschick am Freitag, 28. August 2026, um 19 Uhr in der BÜCHER-HEIMAT ein. Das romantische Heidelberg, das famose Studentenleben, Betrachtungen über die deutsche Sprache aus Sicht eines Amerikaners, eine abenteuerliche Exkursion in den Alpen, ein Ausflug nach Turin sind einige Stationen, die an diesem Abend literarisch angesteuert werden.
Die Reisebeschreibungen Twains, mögen vielleicht nicht so bekannt wie „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ sein, werden aber ebenso wie der Schlüsselroman amerikanischer Literatur um Tom Sawyer und Huckleberry Finn bis heute gern gelesen und von der Kritik gefeiert. Und dies sehr zu Recht. Die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Die unnachahmliche Mischung aus sprachlicher Finesse, witziger Analyse und historischer Weitsicht regt zu eigenen Entdeckungen an.“
Eine amüsante LeseReise mit Mark Twain, Reiseleitung: Axel Gottschick. Freitag, 28. August 2026, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT, Telefon (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de
Christine Mann, die Tochter von Werner Heisenberg und Ehefrau von Frido Mann, schreibt in dem Büchlein über ihre schwere Herzerkrankung, die Operation am offenen Herzen, den mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und die anschließende Zeit in einer Reha-Klinik. Es sind die Aufzeichnungen einer Frau, die trotz aller Schwäche und Krisen selbstbestimmt bleiben will. Die schweren Erkrankungen führten schließlich 2024 zu ihrem Tod.
Teilweise sehr nüchtern beschreibt Christine Mann die Erfahrungen und Krisen im Krankenhaus während der Corona-Zeit; es geht um mangelnde Betreuung durch Pflegepersonal und Ärzte, aber ebenso berichtet sie über liebevolle und professionelle Zuwendung auf anderen Stationen. Immer – und dann sehr emotional – ist präsent, dass es um Leben und Tod geht. Und Christine Mann erlebt Panik und Gottverlassenheit, die in kurzen, aber eindrücklichen Sequenzen zum Thema werden. Im Hintergrund steht immer auch die Frage, ob es angesichts der Schmerzen und des nahen Todes Hoffnung geben kann.
In der gesamten Zeit in Krankenhaus und Reha begleitet ihr Ehemann Frido sie liebevoll. Während Christines Bericht mit der Reha-Maßnahme endet, schreibt Frido auch über die anschließende Zeit bis zu ihrem Tod. Dabei stellt er seinem Nachwort ein Zitat seines Schwiegervaters Werner Heisenberg voran: „Man kann mit der Seele eines anderen Menschen mitschwingen wie mit der zentralen Ordnung.“
Mein Eindruck: Dieses Mitschwingen löst er in Handeln und Schreiben ein. Letzte Gespräche haben etwas von einer „Todesmeditation“. Trotz allem Zweifel und Erleben von Gottesferne bleibt dennoch ein Gottvertrauen.
Auf der Suche nach seinem Ex-Partner, der von einem Tag auf den nächsten nach Mexiko durchgebrannt ist, reist Rafa ans andere Ende der Welt. Die Spurensuche endet im dichten Wald vor Texcaltitla: mit Knochenbrüchen und dem Verlust seiner Brille, ohne die er aufgrund einer starken Sehschwäche so gut wie blind ist. Ein lebensgefährlicher Irrweg zurück in die Zivilisation beginnt.
Anhand des Phänomens Ghosting verhandelt Armin Wühle in „Mala Visión“grundlegende Fragen über Beziehungen und Identität: Was bedeutet Treue? Wie gut kennen wir die Menschen, die uns nahestehen, wirklich? Und wie gut kennen wir uns selbst? Die Odyssee in der Wildnis wird zum Pfad der Erkenntnis – poetisch, abgründig, fesselnd.
Armin Wühle, geboren 1991, studierte am Hildesheimer Literaturinstitut und verfasst Prosa, Essays und Theaterstücke. Sein Debütroman „Getriebene“ erschien 2021, für sein Theaterstück „Rue d’Armenie“ gewann er 2025 den Dramatikpreis für Politik und Menschenrechte. „Mala Visión“ erscheint im März 2026 im Albino Verlag. Er lebt in Hannover.
Stimmen zum Roman:
„In der Mitte seines Lebens kommt ein Mann im Wald vom Weg ab und gerät für einige Tage in die Hölle. Klingt irgendwie nach Dante, ist aber Wühle. (…) Dieser Text ist mit so viel Tempo und Witz und Klugheit erzählt, er macht so traurig und so glücklich und so nachdenklich, dass ich ihm sehr viele Leser*innen wünsche.“ Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin
„Armin Wühle zeigt uns eine Gegenwart, in der der Fortschritt nur noch technisch ist, in der die emotionale und zwischenmenschliche Kommunikation ausstirbt.“ Volha Hapeyeva, Autorin
Donnerstag, 28. Januar 2027, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT, Telefon (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de
Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht
Im Mittelpunkt des Buches stehen Interviews mit sieben Überlebenden des Holocaust. Zwar erfährt man über ihr Schicksal auch, wie sie den Holocaust erlitten haben und überleben konnten. Vor allem aber werden sie befragt, wie sie unsere heutige Welt sehen und die weltweiten Gefährdungen von Demokratie und Menschenwürde einschätzen. Und was zu tun ist, damit die Welt lebenswert für alle Menschen bleibt.
Allen Zeitzeug*innen ist gemeinsam, dass sie erst sehr spät begonnen haben, über ihr Schicksal zu erzählen, dass sie dann aber – wie die inzwischen verstorbene Margot Friedländer – unermüdlich Zeugnis abgelegt haben, gerade im Gespräch mit jungen Menschen. Und sie warnen vor Gefahren zunehmenden Rassismus und Antisemitismus angesichts aktueller Entwicklungen: Was geschehen ist, kann wieder geschehen.
Die Herausgeber, der Regisseur Joachim A. Lang und der Historiker Thomas Weber, haben die Zeitzeug*innen für ein Filmprojekt über die Wirksamkeit der NS-Propaganda kennengelernt. Und sie waren zurecht der Meinung, dass deren Stimmen nicht verloren gehen dürfen.
Die Interviews werden durch einen längeren Text eingeleitet, in dem sie ihre Grundfrage erläutern, nämlich wie die Schrecken des NS möglich wurden, oder anders und grundsätzlicher ausgedrückt: „Wie kommt die Finsternis in die Welt? Aber auch: Wie kommt das Licht in die Welt zurück?“ Dabei unterstreichen sie die Bedeutung und Wirksamkeit von Erinnerung, nicht zuletzt aus der jüdisch-christlichen Tradition heraus. Abschließend fassen die beiden Autoren zusammen, welche Bedeutung die „Vision der Holocaustüberlebenden für die Zukunft der Demokratie“ hat.
Letztlich ist deren Zeugnis eine Botschaft an jede*n Einzelne*n – und: Erinnerung dient unserer Gegenwart und einer menschenwürdigen Zukunft.
Warum mag ich Jon FOSSE so gerne lesen? Für mich gibt es mindestens vier Gründe: Zum einen sind da seine wie Musik dahinfließenden Endlossätze ohne Punkte, aber immerhin mit Kommata. Sie schwanken wie ein Boot bei allen Wettern auf dem tiefen Meer menschlicher Sprache. Als Leserin muss ich mich diesen Satzwellen überlassen, mich tragen lassen im wechselnden Takt der Wortfolgen, darf Rhythmus und Klang hinter der Sprache erfühlen.
Ja, das muss man mögen, diesen ganz besonderen Fosse-Schreibstil! 😉
Zum anderen, die Handlung kommt inhaltlich zwar immer voran, aber sehr, sehr langsam. So, wie die Wellen auf das Ufer treffen um gleich wieder in Unterströmung zurückgesogen zu werden und einen erneuten Anlauf nehmen, so lässt Fosse Gedanken und Ideen seiner Protagonisten plätschern: vorwärts, zurück, verwirbelt, wiederholend…:
“ … aber so konnten wir jedenfalls nicht stehen bleiben, denn jetzt standen wir schon länger dort, oder es fühlte sich an, als hätten wir schon sehr lang so gestanden, und da sie, Eline, zuerst etwas gesagt hatte, meinen Namen gesagt hatte, war ich jetzt wohl an der Reihe, und da Eline meinen Namen klar und deutlich gesagt hatte, war ich jetzt wohl damit dran, klar und deutlich ihren Namen zu sagen und ich nahm irgendwie meinen Mut zusammen und dann sagte ich klar und deutlich Eline und …“
Ja, das muss man mögen, derart auf dem Meer von Sprache inhaltlich zu schaukeln! 😉
Eingebunden in diese Szenarien sind immer passend Fosses nordische Charaktere – und das ist ein dritter Grund meiner Bewunderung. Deren tatsächliche Weisheit und Klugheit lebt gerne gut versteckt hinter einem Schleier aus Einfalt. Vor allem seine männlichen Protagonisten sind gerne wortkarge Einzelgänger, tüchtig in ihrer Arbeit, aber auch unbeholfen, schräg und tragisch-komisch. Fosses Frauenfiguren dagegen wirken wacher, zielstrebiger, offener und gerne auch schlauer. Trotz alter gelebter Rollenbilder, beherrschen sie das Leben und die Männer.
Ja, die Menschen muss man mögen, um Fosses zeitloses Theater gerne zu besuchen!
Auch Jon FOSSEs drei Männer in VAIM sind – und so erwarten wir es ja nun auch – wieder scheinbar gänzlich aus der Zeit geschossen: JATGEIR und OLAV, alias Frank, leben wenig spektakulär als Fischer an zwei Fjorden in Norwegen, lieben das Meer und vor allem ihre Boote. JatGeir hoffte dereinst auf seine einzige Jugendliebe ELINE. Sie heiratete aber Frank und zog fort, bevor die Sehnsucht ihr offenbart werden konnte. Seit dem Tag heißt sein Boot ELINE, ist seine Ersatzbraut. JatGeir hat einen Freund, ELIAS. Elias ist kein Fischer, irgendwie anders, schweigsam düster, sehr sensibel. Er wohnt in der Nähe, aber viel mehr verbindet beide scheinbar nicht, denn die Besuche sind extrem selten, doch sie brauchen nicht mehr, um sich Freunde zu nennen.
Eines Tages überrascht eine sehr bestimmende Eline JatGeir auf seinem Boot, überrumpelt und drängt ihn, sie aufzunehmen. JatGeir lässt es geschehen. Sie leben zusammen bis zu seinem Tod. In dieser Zeit gibt es noch weniger Kontakt zu Elias, der aber letztlich – im Tod vereint – neben JatGeir beerdigt wird. Eline „holt sich“ ganz schnell ihren ExMann Frank , eigentlich Olav, zurück, lebt mit ihm in JatGeiers Haus, stirbt, wird neben Elias begraben und lässt ihren eigentlichen Namen auf den Grabstein setzen. Frank kehrt letztlich als Olav in sein eigenes Haus an seinem Fjord zurück.
Ja, das muss man mögen, diese Einfachheit im Plot! Allerdings wurden hier bewusst einige (zuweilen wirklich komische) Überraschungen nicht vorab verraten: Was hat es mit dem schwarzen Garn und der einen Nadel auf sich? Was ist das Besondere an Elines Werdegang? 😉
Drei Kapitel, Drei Männer, drei Erzählperspektiven – eine ganz große FOSSE-WELT auf nur 156 Seiten!
Irgendwann im Leben treffen wir die erste eigene wichtige Entscheidung und irgendwann die letzte, machen irgendwann den ersten eigenen Schritt und dann irgendwann den letzten. Dazwischen liegt mit Glück ein gutes Leben, dass vielleicht sogar lang ist. Dazu muss man allerdings alt werden und es dann auch noch schaffen alt zu sein.
Lisa Ridzén erzählt in ihrem wunderbaren soeben erschienenen Debutroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ genau davon. Anhand von Notizen des Pflegeteams ihres Großvaters hat die Autorin eine feine, alle Beteiligten beleuchtende Geschichte erschaffen, in der es auf die erdenklich beste Art menschelt.
Aus der Sicht des alten Bo blicken wir als Leserinnen und Leser auf einen Alltag, in dem alles was Jahrzehnte leicht war, immer schwieriger wird. Egal ob Kochen, in die Stadt fahren, Putzen, den Kamin anfeuern oder mit dem Hund rausgehen, Bo benötigt Hilfe. Deshalb kommt ein Pflegedienst und deshalb möchte Bos Sohn Hans den Hund weggeben.
Aber darf er das? Ist es nicht immer noch Bos Leben? Ist es nicht seine Entscheidung, ob er beim Spaziergang mit dem Hund oder auf der Küchenbank stirbt? In den einzelnen Kapiteln verweben sich Vergangenheit und Gegenwart, erleben wir Bos gefühlte Realität und das „so ist es“ aus der Sicht von Hans, der Pflegekräfte und Bos Enkelin und wir begleiten Bo das letzte halbe Jahr seines langen und aus seiner Sicht sicher auch guten Lebens.
„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“!? Nun ist es nicht ganz so, als spräche ISTVÀN in Szalays Roman gar nicht. Aber ich kenne keinen Roman, in dem der Protagonist sein Leben derart einsilbig lebt. Wenn ich allerdings ganz tief in meinen Erinnerungen „grabe“, höre ich die Dialoge von Estragon und Wladimir aus dem absurden Theaterstück WARTEN AUF GODOT (1952) von Samuel BECKETT. „Es muss etwas geschehen…!“)
Dort wie auch für István gilt: Es geht symbolisch auch um das Warten. Das Warten auf Leben, um die vergebliche Suche nach individueller Sprache und damit um den möglichen Verlust urmenschlicher Beziehungsfähigkeit.
Als Konsequenz zeigt sich auch für István ein „unausweichlicher, existentieller Zwang zu vergeblichem Warten“ (Wikipedia, Warten auf Godot) und damit einhergehend ein grundsätzlicher Verlust an Initiative. Er lebt sein Leben ohne großes eigenes Dazutun. Aber wie konnte d a s geschehen? Was ist passiert?
István lebt prekär in einer ungarischen Plattenhaussiedlung mit seiner alleinerziehenden Mutter. Hilfsbereitschaft, gute Nachbarschaft und Harmonie sind der Mutter wichtig. István ist einsam, scheu, und wenig aufgeklärt. Pubertierend sucht er interessiert sexuelle Reize und Antworten auf entsprechend unbekannte Emotionen.
Mit 15 Jahren wird er dann von einer sehr viel älteren verheirateten Nachbarin scheinbar „liebevoll“ verführt. Der nur äußerlich freiwillige Missbrauch eröffnet dem Jungen zunächst die spannende fremde Welt des anderen Geschlechts.
Das wiederholte Durchleben verschiedenster Sexualpraktiken schaffen aber bald größte Abhängigkeit und Fixierung auf eine rein sexualisierte Körperlichkeit. Für ihn ist dies nun gleichbedeutend mit Liebe. Als er der Frau seine „Liebe“ gesteht, weist sie ihn schroff zurück und beendet die Beziehung.
István ist zutiefst gekränkt, seine Gefühlswelt ist traumatisiert. Eifersüchtig kommt es während eines impulsiven Streites mit dem Ehemann zu einem tödlichen Treppensturz.
István verbringt daraufhin drei Jahre in einer Jugendstrafanstalt. Danach wird er zum unkontrollierten Spielball seines zukünftigen Lebens. In einem freiwilligen Kriegseinsatz erlebt er die Verletzbarkeit menschlicher Körper, aber als „guter Soldat“ zeigt er diese Retraumatisierung nicht. Eine spätere autoaggressive Verletzung lässt er zwar psychotherapieren – die eigentliche Ursache seiner emotionalen „Verstümmelung“ aber bleibt unbenannt.
Etliche Frauen sind von ihm als Mann fasziniert, nutzen ihn als Projektionsfläche ihrer eigenen ungelebten sexuellen Sehnsüchte. Und István, er lässt es ohne großen Widerstand geschehen. Das führt ihn tatsächlich in einem märchenhaft sozialen Aufstieg in die Welt der Reichen und Schönen. Sex und Körper sind sein „Kapital“, sein „Einsatz“ auf dem Weg in das doch so ersehnte normale Beziehungsleben. Wie und ob dies gelingt, sei hier nicht vorweggenommen. Also Stopp!
István ist Mann, ist Mensch, er ist nicht auffällig, kein Sexmonster. Moralische Werte sind immer auch wieder Impuls für mitmenschliches Handeln – leider ohne, dass er dies selbstwirksam bewusst wahrnehmen könnte. Er kämpft ohne viele Worte um sein Leben, für das er keine Sprache mehr hat, außer „fleischlicher“ Ausdrucksformen – WAS (also) NICHT GESAGT WERDEN KANN… (Der Originaltitel des Romans lautet übrigens: FLESH=Fleisch).
Dass Szalay es dennoch schafft, diesem Unaussprechlichen Ausdruck zu verleihen, ist das geniale an diesem Roman! Minimalistische Dialoge schaffen es tatsächlich, István und seine (Beziehungs)Welten so offenzulegen, dass ich als Leserin staunend auch hier konstatieren darf: Weniger ist tatsächlich Mehr! Oder, um es weiser mit dem Philosophen SENECA auszudrücken:
„Bleibe auf deinem Posten und hilf durch deinen Zuruf! Und wenn man dir die Kehle zudrückt: Bleibe auf deinem Posten – und hilf durch dein Schweigen!“
Saša Stanišićs: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn
Pascal Mercier, Der Fluss der Zeit
Literatur im Doppelpack bekommt man mit „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“ von Stanišić und „Der Fluss der Zeit“ von Pascal Mercier. Beides Bände mit Erzählungen, beide sind großartig, sehr gegensätzlich und passen trotzdem zusammen, ich erlebte sie als Ergänzung zueinander.
Stanišićs Figuren, seine burschikose Sprache und seine skurrilen Handlungsideen erstaunen und gehen unter die Haut. Heiter desillusioniert und naiv zielgenau nimmt der deutsch-bosnische Ausnahmeschriftsteller uns mit in seine Jugend und in die unbeleuchteten Ecken der Gesellschaft. Anhand unwahrscheinlicher Zufälle und vielleicht möglichen Glücks, konnte ich als Leserin in fremde Leben schlüpfen.
Pascal Merciers Geschichten sind sanft und hüllen ein. Auch er beleuchtet durchaus die schwachen Stellen unseres Seins, die Momente, in denen wir es gut meinen, aber nicht wissen, wie zu Handeln ist. Situationen, die uns fragend dastehen lassen und wir unverhofft in die eigene Seele blicken. Dabei bleibt der vor drei Jahren gestorbene Schweizer Autor seinen philosophischen Ideen, wie man sie aus „Nachtzug nach Lissabon“ kennt und seinem eleganten, weich dahinfließenden Stil treu.
Der Journalist und Buchautor Hermann Vinke, Jahrgang 1940, beschäftigt sich seit langer Zeit mit Fragen der Demokratie und der deutschen Geschichte. Schon 1980 hat er eine Biografie zu Sophie Scholl geschrieben und früh hat er sich dafür eingesetzt, dass in seiner Heimat eine Auseinandersetzung mit den Emslandlagern in Gang kam, also die Erinnerung an die NS-Verbrechen und deren Opfer möglich wurde. Nun ist er im Jahr 2026, in dem in fünf Bundesländern Wahlen stattfinden, in großer Sorge um die Demokratie.
„Was passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen. Das ist der eigentliche Grund für meinen Appell ‚Entscheidet euch!‘ … Vielmehr ist es unsere Pflicht, für unser freiheitliches demokratisches System mit aller Kraft einzutreten.“ So ist das kleine Buch keine tiefschürfende politische Analyse eines Wissenschaftlers, sondern ein eindringlicher Aufruf an alle Bürgerinnen und Bürger. Zentrale Fragen der deutschen und internationalen Gegenwart werden schlagwortartig, aber sachkundig angesprochen und in ihrer Bedeutung für den Bestand der Demokratie beleuchtet.
Hermann Vinke bezieht dabei auch Begegnungen aus seiner eigenen Geschichte ein, die ihn geprägt haben. So zum Beispiel mit Stéphane Hessel, dem deutsch-französischen Kämpfer der Résistance, der in seinen Streitschriften wie „Empört euch!“ viele Menschen in Europa aufgerüttelt hat, sich für eine menschenwürdige Zukunft weltweit einzusetzen.
Einige herausfordernde und zum Nachdenken anregende Zitate unterschiedlicher Autor*innen sind ganzseitig eingestreut. Und auch konkrete Handlungsvorschläge für die Politik und für Bürgerinnen und Bürger fehlen nicht. Wer keine Zeit für lange politikwissenschaftliche Erörterungen hat, sich aber dennoch um die freiheitliche Demokratie Gedanken macht, liegt bei diesem Buch richtig.
Kristina Hauff entführt uns in ihrem neuen psychologischen Spannungsroman in das familiengeführte Hotel „Zum alten Forsthaus“ im Schwarzwald.
Abgeschieden von der Außenwelt leben dort Lisa und ihr Mann Simon, der Förster ist, sowie Lisas Vater, der das Hotel leitet. Zu Beginn scheint alles nach der typischen Dorf- und Familientradition zu laufen. Es wird zusammengehalten und über Skandale nicht gesprochen.
Bis dann ein rätselhafter Gast auftaucht. Daniela quartiert sich in eines der Zimmer im Hotel ein, sie will überall dabei sein und sucht den Kontakt, doch über ihre Vergangenheit möchte sie nichts preisgeben. Doch Lisa spürt, dass sich unter der Oberfläche mehr befindet, als Daniela vorgibt.
So wühlt sich Lisa durch die Geschichte ihrer Familie und ihres Mannes. Sie stößt auf persönliche Abgründe und fällt mit ihrem Verhalten auch innerhalb der Dorfgemeinschaft auf. Wird das Geheimnis das Hotel je wieder verlassen?
Das war mein erstes Buch von Kristina Hauff, deren Schreibstil und Spannung mich sofort gefesselt hat. Realistisch beschreibt sie den Ort des Geschehens im Schwarzwald, sodass man sich wie im Urlaub fühlt und gleichzeitig ein Geheimnis mit aufdeckt.