Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Saša Stanišićs: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn

Pascal Mercier, Der Fluss der Zeit

Literatur im Doppelpack bekommt man mit „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“ von Stanišić und „Der Fluss der Zeit“ von Pascal Mercier. Beides Bände mit Erzählungen, beide sind großartig, sehr gegensätzlich und passen trotzdem zusammen, ich erlebte sie als Ergänzung zueinander.

Stanišićs Figuren, seine burschikose Sprache und seine skurrilen Handlungsideen erstaunen und gehen unter die Haut. Heiter desillusioniert und naiv zielgenau nimmt der deutsch-bosnische Ausnahmeschriftsteller uns mit in seine Jugend und in die unbeleuchteten Ecken der Gesellschaft. Anhand unwahrscheinlicher Zufälle und vielleicht möglichen Glücks, konnte ich als Leserin in fremde Leben schlüpfen.

Pascal Merciers Geschichten sind sanft und hüllen ein. Auch er beleuchtet durchaus die schwachen Stellen unseres Seins, die Momente, in denen wir es gut meinen, aber nicht wissen, wie zu Handeln ist. Situationen, die uns fragend dastehen lassen und wir unverhofft in die eigene Seele blicken. Dabei bleibt der vor drei Jahren gestorbene Schweizer Autor seinen philosophischen Ideen, wie man sie aus „Nachtzug nach Lissabon“ kennt und seinem eleganten, weich dahinfließenden Stil treu.

Saša Stanišićs: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“, Btb Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-442-77541-5, Preis: 14,00 Euro.

Pascal Mercier, „Der Fluss der Zeit“, Hanser Verlag, 112 Seiten, ISBN 978-3-446-28577-4, Preis: 22,00 Euro.


Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Hermann Vinke: Entscheidet euch!

Der Journalist und Buchautor Hermann Vinke, Jahrgang 1940, beschäftigt sich seit langer Zeit mit Fragen der Demokratie und der deutschen Geschichte. Schon 1980 hat er eine Biografie zu Sophie Scholl geschrieben und früh hat er sich dafür eingesetzt, dass in seiner Heimat eine Auseinandersetzung mit den Emslandlagern in Gang kam, also die Erinnerung an die NS-Verbrechen und deren Opfer möglich wurde. Nun ist er im Jahr 2026, in dem in fünf Bundesländern Wahlen stattfinden, in großer Sorge um die Demokratie.

„Was passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen. Das ist der eigentliche Grund für meinen Appell ‚Entscheidet euch!‘ … Vielmehr ist es unsere Pflicht, für unser freiheitliches demokratisches System mit aller Kraft einzutreten.“ So ist das kleine Buch keine tiefschürfende politische Analyse eines Wissenschaftlers, sondern ein eindringlicher Aufruf an alle Bürgerinnen und Bürger. Zentrale Fragen der deutschen und internationalen Gegenwart werden schlagwortartig, aber sachkundig angesprochen und in ihrer Bedeutung für den Bestand der Demokratie beleuchtet.

Hermann Vinke bezieht dabei auch Begegnungen aus seiner eigenen Geschichte ein, die ihn geprägt haben. So zum Beispiel mit Stéphane Hessel, dem deutsch-französischen Kämpfer der Résistance, der in seinen Streitschriften wie „Empört euch!“ viele Menschen in Europa aufgerüttelt hat, sich für eine menschenwürdige Zukunft weltweit einzusetzen.

Einige herausfordernde und zum Nachdenken anregende Zitate unterschiedlicher Autor*innen sind ganzseitig eingestreut. Und auch konkrete Handlungsvorschläge für die Politik und für Bürgerinnen und Bürger fehlen nicht. Wer keine Zeit für lange politikwissenschaftliche Erörterungen hat, sich aber dennoch um die freiheitliche Demokratie Gedanken macht, liegt bei diesem Buch richtig.

Hermann Vinke: Entscheidet euch! Eine Flugschrift, Metropol 2. Aufl. 2026, ISBN 978-3863318215, 96 Seiten, 9,90 Euro

Lena Scholz über „Schattengrünes Tal“

Lena Scholz über „Schattengrünes Tal“

Kristina Hauff: Schattengrünes Tal

Kristina Hauff entführt uns in ihrem neuen psychologischen Spannungsroman in das familiengeführte Hotel „Zum alten Forsthaus“ im Schwarzwald.

Abgeschieden von der Außenwelt leben dort Lisa und ihr Mann Simon, der Förster ist, sowie Lisas Vater, der das Hotel leitet. Zu Beginn scheint alles nach der typischen Dorf- und Familientradition zu laufen. Es wird zusammengehalten und über Skandale nicht gesprochen.

Bis dann ein rätselhafter Gast auftaucht. Daniela quartiert sich in eines der Zimmer im Hotel ein, sie will überall dabei sein und sucht den Kontakt, doch über ihre Vergangenheit möchte sie nichts preisgeben. Doch Lisa spürt, dass sich unter der Oberfläche mehr befindet, als Daniela vorgibt.

So wühlt sich Lisa durch die Geschichte ihrer Familie und ihres Mannes. Sie stößt auf persönliche Abgründe und fällt mit ihrem Verhalten auch innerhalb der Dorfgemeinschaft auf. Wird das Geheimnis das Hotel je wieder verlassen?

Das war mein erstes Buch von Kristina Hauff, deren Schreibstil und Spannung mich sofort gefesselt hat. Realistisch beschreibt sie den Ort des Geschehens im Schwarzwald, sodass man sich wie im Urlaub fühlt und gleichzeitig ein Geheimnis mit aufdeckt.

Kristina Hauff: „Schattengrünes Tal“, hanserblau, 301 Seiten, ISBN 9783446284289, Preis: 24,00 Euro.

Zu diesem Roman liegt auch eine Rezension von Sonja Weber vor


Markus Weber über „Ein deutsches Mädchen“

Markus Weber über „Ein deutsches Mädchen“

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Auch wenn dieses autobiografische Buch schon 2017 in erster Auflage erschienen ist, hat es leider nichts an Bedeutung verloren. Heidi Benneckenstein beschreibt, wie sie von klein auf von ihrem Vater mit NS-Parolen gedrillt wurde und in den Ferien an Lagern der Heimattreuen Deutschen Jugend teilnehmen musste. Dort gab es nicht nur ideologische Schulungen, Verehrung der einstigen NS-Größen, sondern auch ein hartes körperliches Programm.

Auch wenn sie früh gegen ihren autoritären Vater rebellierte, so blieb sie doch im braunen Sumpf rechtsextremer Gruppen stecken. Die Autorin beschreibt das Milieu aus eigener Anschauung sehr genau. Auch benennt sie, zu welchen führenden Persönlichkeiten der rechten Szene sie dabei in Kontakt kam. Dabei lässt sie auch nicht aus, wie sie selbst in das Denken verstrickt und an Gewalttätigkeiten beteiligt war. Das wird anschaulich geschildert. Ihre Innensicht wird teilweise ergänzt durch die Beobachtungen Außenstehender, sodass sich eine klare Analyse von Denken, Menschenverachtung und Gewalt ergibt.

Im Laufe der Zeit kamen immer wieder Zweifel an der rechtsextremen Lebens- und Denkweise auf, dennoch gelingt erst sehr spät und in einem langen Prozess der Ausstieg. Geholfen hat dabei der Liedermacher Flex, mit dem sie befreundet war und der heute ihr Mann ist. Nur gemeinsam konnten sie es schaffen, ein neues Leben zu beginnen und später auch anderen jungen Menschen beim Ausstieg zu helfen. Heute arbeitet die Autorin als Erzieherin.

Die Aktualität besteht nicht zuletzt darin, dass die Autorin schon 2017, als sie das Buch verfasste, die Gefahren erkannte, die noch heute von Erdogan, Putin, Trump, der damals seine 1. Präsidentschaft antrat, oder der AfD ausgehen.

Für sich selbst zieht sie folgendes Fazit: „Mein Leben ist freier geworden. Für mich spielt es keine Rolle mehr, woher jemand kommt. Ich genieße es, dass ich reden kann, mit wem ich möchte, und mögen kann, wen ich will. Ich weiß jetzt, was Glück ist, und dass man immer seinen Teil beitragen muss …“

Heidi Benneckenstein, Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie, Tropen Verlag 4. Aufl. 2025, ISBN 978-3608504200, 256 Seiten, 12,00 Euro

Bettina Luis über „Lichtspiel“

Bettina Luis über „Lichtspiel“

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

GEORG WILHELM PABST (1885-1967), großer österreichischer Filmregisseur (vor allem in der Weimarer Republik), ist KEHLMANNs „fiktionale“ Hauptfigur im Roman LICHTSPIEL, der 2023 erschien. Es gab ihn aber tatsächlich, diesen G.W.Pabst! Als ROTER PABST drehte er in jungen Jahren wichtige sozialkritische Filme, die bis heute für jeden Cineasten ein Muss sind: DIE FREUDLOSE GASSE (1925), DIE BÜCHSE DER PANDORA (1929), Die DREIGROSCHENOPER (1931). Filmgrößen wie GRETA GARBO, ASTA NIELSEN, u.a. … standen bei ihm vor der Kamera, die er zu gerne auch mal selber kreativ „schwenkte“.

Sein Ruf als „der Beste“ und seine absolute Leidenschaft für das Filmemachen mutierten aber letztlich vom Segen zum Fluch. Die Zeiten änderten sich. Nicht nur mit dem Aufkommen der NS-Diktatur in Deutschland, auch Amerika war vorrangig an seinem Ruf und seinem Können interessiert. Denn als seine kreative Freiheit auch dort beschnitten wurde, kehrte er als einer der wenigen Emigranten tatsächlich ins Deutsche Reich zurück- und ließ sich nach Kriegsbeginn letztlich „unbewusst bewusst“ für die Heimat funktionalisieren. (Leni Riefenstahl hatte da allerdings weit weniger Skrupel!)

Und auf eben diesen zermürbenden moralischen „Spagat“ zwischen unbedingt frei arbeiten zu wollen und dennoch überleben zu müssen, fokussiert sich KEHLMANN in seinem Roman, der mich als Leserin 480 Seiten lang wie Kopfkino fesselte. Drei große Kapitel (DRAUSSEN, DRINNEN, DANACH) zeichnen die Pabst‘ Stationen nach. Vieles ist tatsächlich biografisch belegt, die privaten, inneren „Welten“ der Figuren aber werden durch den Autor in künstlerischer Freiheit erschaffen.

Nach der Lektüre war mir nicht nur der zwischen Selbstanspruch und Wirklichkeit „zerriebene“ Regisseur menschlich nahe. Ich habe auch viel über das Filmemachen in der damaligen Zeit gelernt und über die Weisheit, mit Geduld kapriziösen SchauspielerInnen Höchstleistungen zu entlocken.

Nachhaltig vor allem aber werden mir die sprachlich treffsicheren Szenen und Dialoge in Erinnerung bleiben, die in ihrem perfiden Zynismus und ihrem diktatorischen Machtmissbrauch Menschen willkürlich in die Ohnmacht drängten und entwürdigten. KEHLMANN beschreibt dabei eigentlich „nur“ sehr detailliert, wie rechtspopulistisch ermunterte Kräfte ihre langsam würgende Demontage kultureller Zivilisation damals betrieben. Die furchtbaren Folgen sind bekannt. Aber auch der Turbokapitalismus bedient sich im Roman ähnlicher Unterdrückungsinstrumente.

„ANGST ist der Schlüssel zur Macht“, bestätigt erneut ein aktueller Machthaber. Und der Blick in aktuelle Programme von Parteien mit undemokratischer und extremistischer Gesinnung liest sich wie ein Drehbuch, das hoffentlich und BITTE! keinen Regisseur finden möge!  Da sind KEHLMANN und ich sicher einer Meinung!

Daniel Kehlmann: Lichtspiel, rororo 2023, 480 Seiten, ISBN 9783499013454, Preis: 16,00 Euro.


Markus Weber über „Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten“

Markus Weber über „Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten“

Ein Film von Gabriele Rose:

Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten

Cover DVD Bernhard Hoetger

Vielleicht ein Hinweis vorweg: In unserer BÜCHER-HEIMAT kann man nicht nur Bücher kaufen oder bestellen, sondern auch DVDs. Nun aber zur Sache:

Das Café Winuwuk und der Sonnenhof am Breitenberg sind in Bad Harzburg und weit darüber hinaus bekannt und ein beliebtes Ausflugsziel. Weniger bekannt ist wohl der Künstler und Architekt, der das1922/23 eröffnete Gebäudeensemble entworfen und geschaffen hat. In dieser Dokumentation bzw. Doku-Fiktion wird die Lebensgeschichte von Bernhard Hoetger gewürdigt, der neben dem Winuwuk zahlreiche bedeutende, teils auch umstrittene, Kunstwerke geschaffen hat.

Nach dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf verbrachte er vor dem Ersten Weltkrieg einige Jahre in Paris und wurde zu einem anerkannten expressionistischen Künstler. Später ließ er sich von verschiedenen Stilrichtungen inspirieren, auch von indischer und altägyptischer Kunst. Sein Denken war z.T. esoterisch, nach dem Weltkrieg vertrat er eine „nordische Weltauffassung“, fühlte sich den Nationalsozialisten nahe. Doch unter der NS-Diktatur wurde seine Kunst an „entartet“ eingestuft, viele seiner Kunstwerke beschlagnahmt.

All die interessanten Stationen im Leben Hoetgers – Paris, Darmstadt, Fischerhude, Worpswede, Bremen oder auch Bad Harzburg – und vielfältigen Begegnungen mit anderen Künstler*innen wie Paula Modersohn-Becker werden in Spielszenen nachgezeichnet. Experten ordnen den Lebensweg kundig ein.

Übrigens kommen auch Petra Kühn, heutige Inhaberin des Sonnenhofs, und Dietmar Kühn, der das Café heute betreibt, im Film zu Wort.

Für mich war es ein Gewinn, diesen Film anzuschauen. Es lohnt sich.

Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten. Ein Film von Gabriele Rose, Lighthouse Home Entertainment 2014, EAN 4250128447355, ca. 90 Minuten, 15,99 Euro.

Petra Nietsch über „Kaltblütig“

Petra Nietsch über „Kaltblütig“

Truman Capote: Kaltblütig

Gelegentlich nehmen wir uns in unserem Buch-Club vor, einen Klassiker zu lesen. Dieses Mal ist die Wahl auf „Kaltblütig“ von Truman Capote gefallen. Ein Buch, das 1966 erschienen ist, hat mich auch aufgrund seiner Komposition sehr beeindruckt.

Es wird in der Literatur-Welt als erster Tatsachenroman bezeichnet. Capote war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Journalist, was mit ein Grund dafür ist, dass dieses literarische Werk so außergewöhnlich ist. Denn bevor der Roman beginnt, wird der Leser über alle wesentlichen Fakten in Kenntnis gesetzt.

Im November 1959 wird eine vierköpfige Familie von zwei ehemaligen Häftlingen in einem kleinen Ort im Bundesstaat Kansas brutal ermordet. Als Capote durch eine kurze Pressenotiz von dieser Tat erfährt, entscheidet er sich dort hinzufahren. Aus journalistischer Sicht interessiert ihn zunächst, was so ein Ereignis für die Menschen bedeutet, die dort leben. Im weiteren Verlauf möchte er aber auch Näheres über die getötete Familie erfahren, aber auch über die Täter, die sechs Wochen später gefasst und einige Monate später zum Tode verurteilt werden.

All diese Erkenntnisse verarbeitet er in seinem Roman, der durch die sprachliche Kreativität des Schriftstellers auch eine sehr hohe literarische Qualität zeigt.

Ergänzend zu dem wirklich empfehlenswerten Buch lohnt es sich bei dem Fernsehsender ARTE die Dokumentation Truman Capote und „Kaltblütig – Eine mörderische Nacht“ anzuschauen, denn sie liefert nicht nur weitere Hintergrundinformationen, sondern beschäftigt sich auch mit der Frage, ob die Auseinandersetzung mit den Ereignissen den Autor und Menschen Truman Capote verändert hat (Verfügbar bis zum 28/07/2026).

Truman Capote: „Kaltblütig“, Verlag Kein + Aber, 544 Seiten, ISBN 9783036959030, Preis: 15,00 Euro.


Markus Weber über „Die Himmelsscheibe von Nebra“

Markus Weber über „Die Himmelsscheibe von Nebra“

Harald Meller/Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra

Als Kind faszinierten mich Bücher wie „Götter, Gräber und Gelehrte“ des Journalisten C.W. Ceram, der nicht nur die frühen Hochkulturen darstellte, sondern auch die spannende Geschichte von deren Entdeckung erzählte. Das vorliegende Buch versteht sich durchaus als Nachfolger. Allerdings führt das Buch nicht nach Ägypten oder Vorderasien, sondern in unser geografisches Umfeld, nämlich die Region östlich des Harzes, wo die „wohl bedeutendste Kultur der mitteleuropäischen Vorzeit“ entstand, die am „Anbeginn unserer eigenen Geschichte steht“ und von der wir bisher nur wenig wussten und wissen.

Das Buch liest sich teilweise wie eine Kriminalgeschichte. Das liegt nicht nur daran, dass die Himmelsscheibe von Nebra, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, zunächst aus den Händen von Grabräubern befreit werden musste, um der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Forschung zugänglich gemacht werden zu können.

Das liegt auch daran, dass die Erforschung der Scheibe selbst und der Kultur, der sie entstammt, kriminalistisches Gespür verlangte. So führt uns das Buch auf interessante Weise in die Welt vor etwa 3600 Jahren.

An dem Forschungsprozess lassen uns die Autoren teilhaben. Hypothesen wurden aufgestellt und wieder verworfen. Neue Ideen entstanden. Dabei wurde auf die Hilfe zahlreicher Wissenschaften zurückgegriffen: Archäologie, Astronomie, Genetik, Metallurgie, Soziologie und manch anderer.

Und auch am Ende bleiben Fragen offen. Dennoch entsteht ein Bild des Reiches von Aunjetitz, das zwar am Harzrand gelegen war, aber doch Verflechtungen bis nach England, Griechenland und in den Nahen Osten hatte.

Zahlreiche Skizzen und Bilder illustrieren und veranschaulichen den Text, zeigen nicht nur die Himmelsscheibe, sondern auch andere Grabungsfunde und die für die Geschichte bedeutsamen Orte. Am Ende gibt es Hinweise, wo man heute das „Reich von Nebra“ erkunden kann, etwa im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Ob ich das Buch als Kind hätte lesen können wie damals das Buch von Ceram? Ich glaube kaum. Auch wenn die Autoren sich um nachvollziehbare Gedankengänge und nicht zu schwere Sprache bemühen, so sind es doch recht viele wissenschaftliche Erkenntnisse und Einzelheiten, die vor allem in der zweiten Hälfte einiges vom Leser verlangen.

Übrigens: Abschließend geben die Autoren den Leser*innen sieben Lehren aus der Geschichte für heute mit. Am besten hat mir gefallen: „Despotie ist nicht unser Schicksal.“

Harald Meller/Kai Michel: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“, Propyläen Verlag 2018 (8. Aufl. 2024), ISBN 978-3549076460, 384 Seiten, 27,00 Euro

Bettina Luis über „Die elfte Stunde“

Bettina Luis über „Die elfte Stunde“

Salman Rusdie: Die elfte Stunde

Vorab: Salman Rushdie ist mir vor allem als politisch verfolgter und hochdekorierter indisch/englischer Autor bekannt. Gegen ihn wurde 1989, kurz nach dem Erscheinen seiner SATANISCHEN VERSE vom iranischen Machthaber Ruhollah Chameini die Todesfatwa verhängt, die der Ajatollah immer wieder bekräftigte.

Rushdie war gezwungen, lange Zeit in der Anonymität zu leben…und schrieb weiter! Erzählte weiter seine Geschichten, blieb unbequem. 2022 entging er nur knapp einem Attentat, verlor dabei ein Auge. Er fand zurück ins Leben, als er auch jetzt wieder begann zu schreiben. DIE ELFTE STUNDE ist sein aktuelles Werk.

Die fünf Geschichten sind mein erstes Lesehighlight im Januar 2026! Ich gehe sogar soweit, dass ich sie als den verdichteten Abschluss eines in der elften Lebensstunde stehenden nobelpreisträchtigen Autors erlebe! Er hätte ihn m.E. tatsächlich verdient!

Worum geht es thematisch in der ELFTEN STUNDE: Es ist „kurz vor Zwölf“ – in vielerlei Hinsicht. Bedroht sind FREIHEIT, WAHRHEIT, DEMOKRATIE, SPRACHE, ZIVILISATION und KULTUR in unserer Gegenwart. Auch der Tod wird als unausweichlich erkannt und RUSHDIE begegnet ihm in seiner ihm eigenen phantastischen Art und Sprache des Geschichten Erzählens:

Der Tod – mal trennt er zwei Schatten uralter Freunde, die sich nie einig waren und doch nur als zwei Schatten gemeinsam Lebenssinn erfuhren.

Oder: Ein schwuler Autor stirbt in einem englischen College. Er bekommt aber als Geist die Chance, seinen ehemaligen Peiniger unheilvoll zu „besetzen“ und ihm die Wahrheit seines Schuldigwerdens abzuringen.

Rache übt auch eine geniale Musikerin mit der verfluchenden Kraft ihrer indischen Musik, nachdem Ruhm, Geld und die Unmenschlichkeit und Oberflächlichkeit des Turbokapitalismus sie eigentlich das Leben kosten.

Auf der Suche nach sich selbst verliert sich ein Autor im surrealen Strudel von Geschichte und Geschichten einer amerikanischen Gegenwart, deren Wirklichkeit die boshaftesten Fiktionen noch übertrifft. Ein Abtauchen, Entkommen ist nicht möglich. Und was wird aus der personifizierten Sprache, wenn ihr die Worte zum notwendigen Widerstand fehlen? Sie geht, endgültig!

RUSHDIE ist sprachlich unglaublich erfrischend! Er erzählt, wie er denkt, philosophiert, phantasiert, mischt sich immer wieder biografisch selber ein. Er nutzt die gesamte Klaviatur der Prosa. Allein wie er die schweren Themen unserer Gegenwart ironisch humorvoll überzeichnet, ohne sie zu bagatellisieren…  „Grenzen des Lebens“ werden hier literarisch meisterhaft in Szene gesetzt.

Dieser RUSHDIE ist ein bittersüßes literarisches Muss!

Salman Rushdie: „Die elfte Stunde“, Verlag Penguin, 285 Seiten, ISBN 9783328604686, Preis: 26,00 Euro.


Johannes Jakob über „Bittere Brunnen“

Johannes Jakob über „Bittere Brunnen“

Regina Scheer: Bittere Brunnen

– Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution –

Herta Gordon-Walcher hat ein Jahrhundertleben der Revolution gewidmet oder besser gesagt geopfert. Sie stammt aus Königsberg, war Jüdin und immer bekennende Kommunistin Sie war davon überzeugt, dass es eine Alternative zum Kapitalismus geben muss. Dafür hat sie ihr Leben lang gekämpft.

Sie hat alle (linken) Größen des letzten Jahrhunderts persönlich gekannt, war persönliche Sekretärin von Clara Zetkin, hat fünf Sprachen gesprochen und hat viele Länder gesehen. Ihr Mann Jacob Walcher kam aus der Gewerkschaftsbewegung und hat versucht, die Partei und die Gewerkschaften anzunähern. Sie blieben immer Kommunisten.

Trotzdem, wenn sie zur falschen Zeit in Moskau gewesen wäre, wäre sie – wie viele andere – ermordet worden. Sie erlebte, wie die gute Sache immer wieder an persönlichen Animositäten, Konkurrenz und Neid scheiterte. Sie konnte vor den Nazis fliehen, ist in die DDR zurückgekehrt, war mit Berthold Brecht und Willy Brandt befreundet, die sie sehr unterstützten.

Auch dort wurde sie und ihr Mann zum Teil verfolgt, ausgegrenzt. Ein Angebot von Brandt, sie in den Westen zu holen und zu versorgen, hat sie abgelehnt.  Sie haben immer dafür gekämpft, in der Partei zu bleiben, was ihr und ihrem Mann Jacob Walcher dann letztendlich gelang, obwohl sie mehrfach ausgeschlossen wurden. 1990 ist sie gestorben.

Wie kann man einer Idee anhängen, wenn man so oft enttäuscht wird? Diese Frage bleibt bis zum Schluss offen. Die Autorin kannte Herta Gordon-Walcher über ihre Familien schon von Kindheit an.  Das Buch fußt auf persönlichen Gesprächen der Autorin mit ihr, die das Material durch umfangreiche Recherchen ergänzt und verifiziert hat. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat sie zu Recht bekommen. 

Eine umfangreiche Arbeit, allein das Personenverzeichnis ist über 100 Seiten lang. Es liest sich spannend, wie ein Krimi.

Regina Scheer: „Bittere Brunnen“, Penguin TB Verlag, 704 Seiten, ISBN Penguin TB Verlag, Preis 18,00 Euro.