Markus Weber über „Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten“

Markus Weber über „Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten“

Ein Film von Gabriele Rose:

Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten

Cover DVD Bernhard Hoetger

Vielleicht ein Hinweis vorweg: In unserer BÜCHER-HEIMAT kann man nicht nur Bücher kaufen oder bestellen, sondern auch DVDs. Nun aber zur Sache:

Das Café Winuwuk und der Sonnenhof am Breitenberg sind in Bad Harzburg und weit darüber hinaus bekannt und ein beliebtes Ausflugsziel. Weniger bekannt ist wohl der Künstler und Architekt, der das1922/23 eröffnete Gebäudeensemble entworfen und geschaffen hat. In dieser Dokumentation bzw. Doku-Fiktion wird die Lebensgeschichte von Bernhard Hoetger gewürdigt, der neben dem Winuwuk zahlreiche bedeutende, teils auch umstrittene, Kunstwerke geschaffen hat.

Nach dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf verbrachte er vor dem Ersten Weltkrieg einige Jahre in Paris und wurde zu einem anerkannten expressionistischen Künstler. Später ließ er sich von verschiedenen Stilrichtungen inspirieren, auch von indischer und altägyptischer Kunst. Sein Denken war z.T. esoterisch, nach dem Weltkrieg vertrat er eine „nordische Weltauffassung“, fühlte sich den Nationalsozialisten nahe. Doch unter der NS-Diktatur wurde seine Kunst an „entartet“ eingestuft, viele seiner Kunstwerke beschlagnahmt.

All die interessanten Stationen im Leben Hoetgers – Paris, Darmstadt, Fischerhude, Worpswede, Bremen oder auch Bad Harzburg – und vielfältigen Begegnungen mit anderen Künstler*innen wie Paula Modersohn-Becker werden in Spielszenen nachgezeichnet. Experten ordnen den Lebensweg kundig ein.

Übrigens kommen auch Petra Kühn, heutige Inhaberin des Sonnenhofs, und Dietmar Kühn, der das Café heute betreibt, im Film zu Wort.

Für mich war es ein Gewinn, diesen Film anzuschauen. Es lohnt sich.

Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten. Ein Film von Gabriele Rose, Lighthouse Home Entertainment 2014, EAN 4250128447355, ca. 90 Minuten, 15,99 Euro.

Petra Nietsch über „Kaltblütig“

Petra Nietsch über „Kaltblütig“

Truman Capote: Kaltblütig

Gelegentlich nehmen wir uns in unserem Buch-Club vor, einen Klassiker zu lesen. Dieses Mal ist die Wahl auf „Kaltblütig“ von Truman Capote gefallen. Ein Buch, das 1966 erschienen ist, hat mich auch aufgrund seiner Komposition sehr beeindruckt.

Es wird in der Literatur-Welt als erster Tatsachenroman bezeichnet. Capote war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Journalist, was mit ein Grund dafür ist, dass dieses literarische Werk so außergewöhnlich ist. Denn bevor der Roman beginnt, wird der Leser über alle wesentlichen Fakten in Kenntnis gesetzt.

Im November 1959 wird eine vierköpfige Familie von zwei ehemaligen Häftlingen in einem kleinen Ort im Bundesstaat Kansas brutal ermordet. Als Capote durch eine kurze Pressenotiz von dieser Tat erfährt, entscheidet er sich dort hinzufahren. Aus journalistischer Sicht interessiert ihn zunächst, was so ein Ereignis für die Menschen bedeutet, die dort leben. Im weiteren Verlauf möchte er aber auch Näheres über die getötete Familie erfahren, aber auch über die Täter, die sechs Wochen später gefasst und einige Monate später zum Tode verurteilt werden.

All diese Erkenntnisse verarbeitet er in seinem Roman, der durch die sprachliche Kreativität des Schriftstellers auch eine sehr hohe literarische Qualität zeigt.

Ergänzend zu dem wirklich empfehlenswerten Buch lohnt es sich bei dem Fernsehsender ARTE die Dokumentation Truman Capote und „Kaltblütig – Eine mörderische Nacht“ anzuschauen, denn sie liefert nicht nur weitere Hintergrundinformationen, sondern beschäftigt sich auch mit der Frage, ob die Auseinandersetzung mit den Ereignissen den Autor und Menschen Truman Capote verändert hat (Verfügbar bis zum 28/07/2026).

Truman Capote: „Kaltblütig“, Verlag Kein + Aber, 544 Seiten, ISBN 9783036959030, Preis: 15,00 Euro.


Markus Weber über „Die Himmelsscheibe von Nebra“

Markus Weber über „Die Himmelsscheibe von Nebra“

Harald Meller/Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra

Als Kind faszinierten mich Bücher wie „Götter, Gräber und Gelehrte“ des Journalisten C.W. Ceram, der nicht nur die frühen Hochkulturen darstellte, sondern auch die spannende Geschichte von deren Entdeckung erzählte. Das vorliegende Buch versteht sich durchaus als Nachfolger. Allerdings führt das Buch nicht nach Ägypten oder Vorderasien, sondern in unser geografisches Umfeld, nämlich die Region östlich des Harzes, wo die „wohl bedeutendste Kultur der mitteleuropäischen Vorzeit“ entstand, die am „Anbeginn unserer eigenen Geschichte steht“ und von der wir bisher nur wenig wussten und wissen.

Das Buch liest sich teilweise wie eine Kriminalgeschichte. Das liegt nicht nur daran, dass die Himmelsscheibe von Nebra, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, zunächst aus den Händen von Grabräubern befreit werden musste, um der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Forschung zugänglich gemacht werden zu können.

Das liegt auch daran, dass die Erforschung der Scheibe selbst und der Kultur, der sie entstammt, kriminalistisches Gespür verlangte. So führt uns das Buch auf interessante Weise in die Welt vor etwa 3600 Jahren.

An dem Forschungsprozess lassen uns die Autoren teilhaben. Hypothesen wurden aufgestellt und wieder verworfen. Neue Ideen entstanden. Dabei wurde auf die Hilfe zahlreicher Wissenschaften zurückgegriffen: Archäologie, Astronomie, Genetik, Metallurgie, Soziologie und manch anderer.

Und auch am Ende bleiben Fragen offen. Dennoch entsteht ein Bild des Reiches von Aunjetitz, das zwar am Harzrand gelegen war, aber doch Verflechtungen bis nach England, Griechenland und in den Nahen Osten hatte.

Zahlreiche Skizzen und Bilder illustrieren und veranschaulichen den Text, zeigen nicht nur die Himmelsscheibe, sondern auch andere Grabungsfunde und die für die Geschichte bedeutsamen Orte. Am Ende gibt es Hinweise, wo man heute das „Reich von Nebra“ erkunden kann, etwa im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Ob ich das Buch als Kind hätte lesen können wie damals das Buch von Ceram? Ich glaube kaum. Auch wenn die Autoren sich um nachvollziehbare Gedankengänge und nicht zu schwere Sprache bemühen, so sind es doch recht viele wissenschaftliche Erkenntnisse und Einzelheiten, die vor allem in der zweiten Hälfte einiges vom Leser verlangen.

Übrigens: Abschließend geben die Autoren den Leser*innen sieben Lehren aus der Geschichte für heute mit. Am besten hat mir gefallen: „Despotie ist nicht unser Schicksal.“

Harald Meller/Kai Michel: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“, Propyläen Verlag 2018 (8. Aufl. 2024), ISBN 978-3549076460, 384 Seiten, 27,00 Euro

Bettina Luis über „Die elfte Stunde“

Bettina Luis über „Die elfte Stunde“

Salman Rusdie: Die elfte Stunde

Vorab: Salman Rushdie ist mir vor allem als politisch verfolgter und hochdekorierter indisch/englischer Autor bekannt. Gegen ihn wurde 1989, kurz nach dem Erscheinen seiner SATANISCHEN VERSE vom iranischen Machthaber Ruhollah Chameini die Todesfatwa verhängt, die der Ajatollah immer wieder bekräftigte.

Rushdie war gezwungen, lange Zeit in der Anonymität zu leben…und schrieb weiter! Erzählte weiter seine Geschichten, blieb unbequem. 2022 entging er nur knapp einem Attentat, verlor dabei ein Auge. Er fand zurück ins Leben, als er auch jetzt wieder begann zu schreiben. DIE ELFTE STUNDE ist sein aktuelles Werk.

Die fünf Geschichten sind mein erstes Lesehighlight im Januar 2026! Ich gehe sogar soweit, dass ich sie als den verdichteten Abschluss eines in der elften Lebensstunde stehenden nobelpreisträchtigen Autors erlebe! Er hätte ihn m.E. tatsächlich verdient!

Worum geht es thematisch in der ELFTEN STUNDE: Es ist „kurz vor Zwölf“ – in vielerlei Hinsicht. Bedroht sind FREIHEIT, WAHRHEIT, DEMOKRATIE, SPRACHE, ZIVILISATION und KULTUR in unserer Gegenwart. Auch der Tod wird als unausweichlich erkannt und RUSHDIE begegnet ihm in seiner ihm eigenen phantastischen Art und Sprache des Geschichten Erzählens:

Der Tod – mal trennt er zwei Schatten uralter Freunde, die sich nie einig waren und doch nur als zwei Schatten gemeinsam Lebenssinn erfuhren.

Oder: Ein schwuler Autor stirbt in einem englischen College. Er bekommt aber als Geist die Chance, seinen ehemaligen Peiniger unheilvoll zu „besetzen“ und ihm die Wahrheit seines Schuldigwerdens abzuringen.

Rache übt auch eine geniale Musikerin mit der verfluchenden Kraft ihrer indischen Musik, nachdem Ruhm, Geld und die Unmenschlichkeit und Oberflächlichkeit des Turbokapitalismus sie eigentlich das Leben kosten.

Auf der Suche nach sich selbst verliert sich ein Autor im surrealen Strudel von Geschichte und Geschichten einer amerikanischen Gegenwart, deren Wirklichkeit die boshaftesten Fiktionen noch übertrifft. Ein Abtauchen, Entkommen ist nicht möglich. Und was wird aus der personifizierten Sprache, wenn ihr die Worte zum notwendigen Widerstand fehlen? Sie geht, endgültig!

RUSHDIE ist sprachlich unglaublich erfrischend! Er erzählt, wie er denkt, philosophiert, phantasiert, mischt sich immer wieder biografisch selber ein. Er nutzt die gesamte Klaviatur der Prosa. Allein wie er die schweren Themen unserer Gegenwart ironisch humorvoll überzeichnet, ohne sie zu bagatellisieren…  „Grenzen des Lebens“ werden hier literarisch meisterhaft in Szene gesetzt.

Dieser RUSHDIE ist ein bittersüßes literarisches Muss!

Salman Rushdie: „Die elfte Stunde“, Verlag Penguin, 285 Seiten, ISBN 9783328604686, Preis: 26,00 Euro.


Johannes Jakob über „Bittere Brunnen“

Johannes Jakob über „Bittere Brunnen“

Regina Scheer: Bittere Brunnen

– Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution –

Herta Gordon-Walcher hat ein Jahrhundertleben der Revolution gewidmet oder besser gesagt geopfert. Sie stammt aus Königsberg, war Jüdin und immer bekennende Kommunistin Sie war davon überzeugt, dass es eine Alternative zum Kapitalismus geben muss. Dafür hat sie ihr Leben lang gekämpft.

Sie hat alle (linken) Größen des letzten Jahrhunderts persönlich gekannt, war persönliche Sekretärin von Clara Zetkin, hat fünf Sprachen gesprochen und hat viele Länder gesehen. Ihr Mann Jacob Walcher kam aus der Gewerkschaftsbewegung und hat versucht, die Partei und die Gewerkschaften anzunähern. Sie blieben immer Kommunisten.

Trotzdem, wenn sie zur falschen Zeit in Moskau gewesen wäre, wäre sie – wie viele andere – ermordet worden. Sie erlebte, wie die gute Sache immer wieder an persönlichen Animositäten, Konkurrenz und Neid scheiterte. Sie konnte vor den Nazis fliehen, ist in die DDR zurückgekehrt, war mit Berthold Brecht und Willy Brandt befreundet, die sie sehr unterstützten.

Auch dort wurde sie und ihr Mann zum Teil verfolgt, ausgegrenzt. Ein Angebot von Brandt, sie in den Westen zu holen und zu versorgen, hat sie abgelehnt.  Sie haben immer dafür gekämpft, in der Partei zu bleiben, was ihr und ihrem Mann Jacob Walcher dann letztendlich gelang, obwohl sie mehrfach ausgeschlossen wurden. 1990 ist sie gestorben.

Wie kann man einer Idee anhängen, wenn man so oft enttäuscht wird? Diese Frage bleibt bis zum Schluss offen. Die Autorin kannte Herta Gordon-Walcher über ihre Familien schon von Kindheit an.  Das Buch fußt auf persönlichen Gesprächen der Autorin mit ihr, die das Material durch umfangreiche Recherchen ergänzt und verifiziert hat. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat sie zu Recht bekommen. 

Eine umfangreiche Arbeit, allein das Personenverzeichnis ist über 100 Seiten lang. Es liest sich spannend, wie ein Krimi.

Regina Scheer: „Bittere Brunnen“, Penguin TB Verlag, 704 Seiten, ISBN Penguin TB Verlag, Preis 18,00 Euro.


Petra Nietsch über „Sonnenaufgang mit Giraffen“

Petra Nietsch über „Sonnenaufgang mit Giraffen“

Lynda Rutledge: Sonnenaufgang mit Giraffen

Basierend auf einer wahren Geschichte verknüpft die Autorin Lynda Rutledge geschickt historische Fakten mit fiktiven Elementen und spinnt daraus eine Handlung, die fesselt und zugleich berührt.

Es ist das Jahr 1938. Die USA leiden noch immer unter der schweren Wirtschaftskrise und in Europa braut sich ein Krieg zusammen. In dieser Zeit sehnen sich die Menschen nach einem Wunder und dieses begegnet ihnen, als die Zeitungen beginnen, über eine 12-tägige Reise zu berichten, die zwei junge Giraffen quer über den Kontinent führt.

Bereits ihre Ankunft im Hafen von New York grenzt an ein Wunder, denn sie haben auf dem Atlantik einen der schwersten Wirbelstürme überlebt, der die Ostküste jemals getroffen hat. Von dort werden sie auf einen umgebauten Laster verladen. Ziel ist der Zoo in San Diego an der Westküste. Ein ungewöhnliches Unterfangen, das es so noch nie gegeben hat.

Gemeinsam mit einem kauzigen Tierpfleger, einer ambitionierten Fotografin und dem armen 17-jährigen Waisenjungen Woody Wilson Nickel am Steuer beginnt für sie eine Fahrt voller Abenteuer.

Der Roman ist herzerwärmend und gibt gleichzeitig tiefe Einblicke in die damalige Lebenssituation vieler Menschen in den USA und deren Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ein Roadmovie in Textform!

Lynda Rutledge: „Sonnenaufgang mit Giraffen“, Piper Verlag, 432 Seiten, ISBN 9783492070959, Preis: 22,00 Euro.


Lena Scholz über „Der Lehrer“

Lena Scholz über „Der Lehrer“

Freida McFadden: Der Lehrer

Eve Bennett hat ein gutes Leben als Lehrerin an der örtlichen Schule. Sie ist glücklich mit ihrem Mann und in ihrem Beruf. Bis ihr Leben auf den Kopf gestellt werden soll. Addie ist eigentlich eine ganz normale Schülerin, bis auf das Geheimnis, das sie zerstören könnte, nur Mister Bennett könnte ihr helfen…

Doch auch er verschweigt seiner Frau etwas. Wer wird am Ende gewinnen und wessen Leben wird sich für immer verändern?

Freida McFadden ist Meisterin, wenn es darum geht, den Leser zu täuschen. Jedes ihrer Bücher war bisher ein Garant für Spannung und Fassungslosigkeit. Sollte jeder mal gelesen haben!

Freida McFadden: „Der Lehrer“, Heyne Taschenbuch, 400 Seiten, ISBN 9783453429499, Preis: 17,00 Euro.


Markus Weber über „Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe“

Markus Weber über „Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe“

Walter Heinemann: Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe

Es ist ein großes Verdienst der Herausgeber*innen des Buches, die Lebenserinnerungen des Braunschweiger jüdischen Arztes Walter Heinemann einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Erinnerungen sind hilfreich eingeleitet und der Text selbst ist mit Fußnoten versehen, die Fachbegriffe erklären, Namen einordnen oder gelegentlich auch kleinere Korrekturen einfügen, wo es nötig ist.

Walter Heinemann wurde 1883 als Sohn einer Braunschweiger Kaufmannsfamilie geboren, besuchte dort die Schule und studierte in Berlin Medizin. Anschließend ließ er sich in Braunschweig als Facharzt nieder, leistete im Ersten Weltkrieg seinen Wehrdienst als Sanitätsoffizier. 1935 floh er schließlich vor der Verfolgung durch die Nazis zunächst nach Palästina, dann über England in die USA, wo er wieder als anerkannter Arzt arbeitete und sich wie schon in Deutschland vielfältig gesellschaftlich engagierte. 1968 starb er dort im Exil.

Walter Heinemann hatte seine Erinnerungen eigentlich für die Familie geschrieben. So gibt er in einem kurzen ersten Kapitel einen Überblick über die unterschiedlichen verwandtschaftlichen Beziehungen. Für mich beginnt es erst danach richtig spannend zu werden, wenn er über seine Kindheit, Jugend und Schulzeit schreibt. Hier gibt es interessante Einblicke in das bürgerliche Familienleben und die Schule im Kaiserreich. Schon früh wird Walter Heinemann – wie auch in allen späteren Phasen seines Lebens – mit Antisemitismus konfrontiert.

Auch bei der Schilderung aller weiteren Lebensstationen – Studium, Arbeit als Arzt in Braunschweig, Verfolgung in der NS-Diktatur, Flucht nach Palästina und dem Leben in den USA – neigt Walter Heinemann dazu, Anekdoten zu erzählen. Das bleibt aber keineswegs oberflächlich, sondern hat den Grund, „damit manche Erscheinungen und Symptome viel schärfer“ fassen zu können „als mit langatmigen Erzählungen“, wie er selbst am Schluss bemerkt. Dem kann ich durchaus zustimmen.

Für mich war es eine lohnende und trotz der oft schwierigen Verhältnisse und Zeiten, um die es geht, auch eine unterhaltsame Lektüre. Zahlreiche Bilder und andere Abbildungen lassen die Erinnerungen noch anschaulicher werden.

Walter Heinemann, Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe. Lebenserinnerungen eines jüdischen Arztes, hrsg. Meike Buck/Harro Jens/Benjamin Kuntz, Wallstein-Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3835358881, 20,00 €

Heike Zumbruch über „Mein Bruder heißt Jessica“

Heike Zumbruch über „Mein Bruder heißt Jessica“

John Boyne: Mein Bruder heißt Jessica

Schon der Titel des Buches verrät nicht nur das Thema, sondern auch die Perspektive, aus der John Boyne die Geschichte erzählt.

Sam Wavers ist 13 Jahre alt, als sein älterer Bruder Jason der Familie eröffnet, dass er schon lange als Mädchen leben möchte – als Jessica. Aus Sams Perspektive erzählt der Autor die Folgen dieses Coming-Outs. Die Eltern wollen nichts davon wissen. Gemeinsam sucht die Familie einen Psychologen auf, der Jason hoffentlich „reparieren“ kann. Sam versteht seinen Bruder nicht und will einfach nur, dass alles wieder so wird wie früher.

Wie Sam diese Zerreißprobe der Familie erlebt, wie er verzweifelt versucht, seinen Bruder zurückzubekommen, erzählt Boyne auf seine einfühlsame und bewegende Art. Gleichzeitig verschärft er das „Problem“ für die Eltern noch. Ist doch die Mutter eine Ministerin mit Ambitionen auf ein noch höheres Amt.

Als Sam seinen Bruder zu verstehen versucht, mit ihm redet und auch streitet, beginnt die Erkenntnis in ihm zu reifen, die dem Buch den Titel gibt.

Vielleicht ist das Ende ein bisschen zu gut geraten, wie manche Kritiker meinen. Mir gefällt allerdings die Hoffnung, dass Familie mehr sein kann als Vater-Mutter-Kind, dass es möglich ist, über alle Sorgen und Unterschiedlichkeiten hinweg eine echte Gemeinschaft zu sein. 

Im Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag erschienen ist dieses Buch für Jugendliche ab 12 empfohlen, aber auch für Erwachsene gut zu lesen. Mir jedenfalls hat es viel Freude gemacht!

John Boyne: „Mein Bruder heißt Jessica“, FISCHER Sauerländer, 253 Seiten, ISBN 9783737342193, Preis: 14,00 Euro.


Sonja Weber über „Ein Bild von einer Frau“

Sonja Weber über „Ein Bild von einer Frau“

Natascha Bub: Ein Bild von einer Frau

Die Protagonistin Insa Schönberg, eine junge noch unerfahrene, aber in höchstem Maße abenteuerlustige Fotografin der Nachkriegszeit, geht mit dem bekannten Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt eine Wette ein. Sie wird ihm ein Foto seines Stars Ernest Hemingway beschaffen, das den exzentrischen Autor nicht nur als Person abbilden, sondern ihn nahbar und sehr persönlich zeigen soll. So reist sie also mit nichts als Mut, Entschlossenheit und ihrer Kamera im Gepäck nach New York und dann notgedrungen weiter nach Kuba.

Die Autorin, die selbst sehr jung nach New York „durchbrannte“, lebt heute in Berlin. Der Roman sei als Hommage an die Fotografin und Verlegerin Inge Schönthal, später Inge Feltrinelli, endstanden, schreibt sie im Nachwort. Mit einem guten Gespür für die Ära und natürlich für ihre Protagonistin lässt Natascha Bub uns ein wenig vom Flair des Kuba in den frühen fünfziger Jahren und einen polarisierenden Starautor erleben.

Natascha Bub: „Ein Bild von einer Frau“, Ullstein Verlag, 288 Seiten, ISBN 978-3-548-06847-3, Preis: 12,99 Euro.