Markus Weber über „Auf den Straßen Teherans“

Markus Weber über „Auf den Straßen Teherans“

Nila: Auf den Straßen Teherans

Der gegenwärtige Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die öffentliche Aufmerksamkeit nun noch einmal in besonderer Weise auf das Land gelenkt. Anfang Januar 2026 hatte die Ermordung von Zehntausenden Demonstranten die Brutalität des Mullah-Regimes in Teheran gezeigt. Unabhängig davon, wie man den Krieg und die Frage bewertet, ob er die demokratische Opposition im Lande stärkt oder ihr schadet, hilft das Büchlein, die Hintergründe des Aufbegehrens der Frauen zu verstehen.

Nila, Pseudonym einer mutigen iranischen Frau, gibt Zeugnis davon, unter welchen Verhältnissen besonders die Frauen im Iran leiden und was sie bewegt, dagegen unter erheblichen persönlichen Risiken auf die Straßen zu gehen. Das Buch war schon 2023 auf Französisch und Englisch veröffentlicht worden, Anfang 2026 ist es nun – endlich! – auch auf Deutsch erhältlich. Es wird sehr eindrücklich und glaubwürdig geschildert, wie die Unterdrückung ausgeübt wird. So müssen die Familien der Opfer in manchen Fällen die Kugeln bezahlen, mit denen ihre Töchter von den Milizen erschossen wurden, um die Leichen bestatten zu können – ein unglaublicher Zynismus. Und eine Herausforderung für solidarisches Handeln andererseits.

Eingeflochten in die Darstellung der heutigen Situation sind Geschichten über die religiös begründete patriarchale Gewaltherrschaft, die nicht erst 1979 mit der sogenannten islamischen Revolution begann. Und es gibt alte Geschichten der Gegenwehr von Frauen, auf die sich die heutige Opposition bezieht. So kann das Verständnis für die Entwicklungen vertieft werden.

Und im Buch finde ich Sätze, die mich länger beschäftigen, die hängen bleiben: „Ohne Ziel vor Augen steige ich in die U-Bahn. Ich schwebe durch die Stadt wie in einem Traum, dessen Träumerin gestorben ist. Zwischen den Stationen starren die Menschen nur auf ihr eigenes Spiegelbild im Fenster des Waggons. Kein Wort wird gewechselt. Vollkommene Stille. Wie die Reaktion Gottes auf ihr Leid.“

Das Vorwort der Journalistin Natalie Amiri erinnert daran, wie wichtig es ist, sich für die Freiheit zu engagieren – auch bei uns. Erläuterungen zu einzelnen Personen und Ereignissen und eine Zeittafel zu den Jahren 2022/23 ergänzen den Text.

Nila: Auf den Straßen Teherans. Ein eindringliches Zeugnis der Revolution mit einem Vorwort von Natalie Amiri. Pfaueninsel 2026, ISBN 978-3691310085, 144 Seiten, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Markus Weber über „Die Unzertrennlichen“

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

Simone de Beauvoir, eine der berühmtesten Frauenrechtlerinnen Europas, hat mit diesem Roman ein sehr persönliches – autofiktionales – Buch geschrieben. Für ihren langjährigen Lebensgefährten Jean-Paul Sartre war es zu persönlich. Deshalb war es zu ihren Lebzeiten nicht erschienen. Erst Simone de Beauvoirs Adoptivtochter, Sylvie Le Bon de Beauvoir, sorgte dafür, dass das Buch lange nach ihrem Tod 1986 erscheinen konnte. Eine gute Entscheidung, wie ich finde.

Simone de Beauvoir erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen zwei Freundinnen, die sich als 10-jährige am katholischen Mädcheninstitut kennenlernen. Es ist eine für mich fremde Welt, in der sich die Kinder Siezen müssen, wie es sich für das Bildungs- und Besitzbürgertum der damaligen französischen Gesellschaft so gehörte. Und trotz der herzlichen und langjährigen Freundschaft der beiden, die mit dem tragischen Tod der 22-jährigen Freundin Zaza (im Roman: Andrée) endet, bleibt das bis zum Schluss so. Für Simone (im Roman: Sylvie) ist es mehr als eine Mädchenfreundschaft.

Die Welt, in der die beiden Mädchen aufwachsen, ist geprägt von einem rigorosen Katholizismus, der Schuldgefühle einimpft, wann immer Regeln übertreten werden – und sei es in Gedanken. Und die Mädchen werden trotz ihrer hohen Bildung in Rollen gedrängt, was bei Sylvie früh eine Wut gegen die strengen Regeln und die Enge auslöst. Eine Wut, die Sylvies Tante sagen lässt, sie sei „vom Teufel besessen“. Und im Unterschied zu Andrée kommt Sylvie zu dem Schluss, einen solchen Gott, der sich gegen die Menschen stellt, könne und dürfe es nicht geben. Sylvie durchbricht die Erwartungen, während Andrée gegen ihre inneren Widerstände ankämpft und sich unterwirft, woran sie letztlich zerbricht.

Die Widmung des Romans an Zaza zeigt etwas, das den Roman durchzieht: Ein Verantwortungsgefühl für Zaza und ein Schuldgefühl, weil diese so früh sterben musste: „Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot ist oder weil ich lebe?“ Trotz dieser Schwere ist es ein schöner Roman über eine Freundschaft.

Sylvie Le Bon de Beauvoir hat dem Roman ein Vorwort vorangestellt. Und im Anhang geben bisher unveröffentlichte Bilder und Briefauszüge Einblicke in die Freundschaft von Simone und Zaza.

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen. Roman, Rowohlt Taschenbuch 2023, ISBN 978-3499005497, 144 Seiten, 14,00 Euro.

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit

Drei Generationen in einem Tal der Abruzzen sind mit einer Gewalttat verwoben, die 30 Jahre zurückliegt, auch die Nachgeborenen tragen daran. Niemand geht offen damit um. Dennoch, oder gerade deshalb, lastet die Gewalt auf allen in unterschiedlicher Weise: auf der jungen Studentin Amanda, auf ihrer Mutter und dem Großvater sowie den anderen Bewohnern des Tals.

Erst nach und nach stellt sich heraus, was geschehen ist und welche Rolle die Beteiligten spielen. Obwohl es untergründig immer um die erlittene Gewalt geht, wird diese nicht sensationsheischend dargestellt. So verschlossen wie die Menschen, aber auch sensibel und intensiv, habe ich die Sprache erlebt. Es geht langsam voran. In die Auseinandersetzungen mischen sich aktuelle Pläne eines Investors zum Grundstück der Familie am Dentro del Lupo, dem „Wolfszahn“. Die Interessen der Generationen treffen aufeinander.

Für mich war besonders die Darstellung der Beziehung zwischen Amanda und ihrer Mutter interessant. Wie wird mit den traditionellen Erwartungen umgegangen? Wie können die Frauen ihren eigenen Weg finden? Wie weit darf die Mutter sich in das Leben ihrer Tochter einmischen – gerade in der Sorge um deren Zukunft einerseits und deren Recht auf freie Entfaltung andererseits? Und bei aller Gewalterfahrung: Es bleibt letztlich die Frage, ob die Wunden heilen können.

Donatella di Pietrantonio wurde 2024 für ihren Roman mit dem Premio Strega, einem der höchsten italienischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit. Roman, Verlag Antje Kunstmann 2024, 237 Seiten, ISBN 978-3956146213, 22,00 Euro.

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Markus Weber über „Nach der Nacht“

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht

Im Mittelpunkt des Buches stehen Interviews mit sieben Überlebenden des Holocaust. Zwar erfährt man über ihr Schicksal auch, wie sie den Holocaust erlitten haben und überleben konnten. Vor allem aber werden sie befragt, wie sie unsere heutige Welt sehen und die weltweiten Gefährdungen von Demokratie und Menschenwürde einschätzen. Und was zu tun ist, damit die Welt lebenswert für alle Menschen bleibt.

Allen Zeitzeug*innen ist gemeinsam, dass sie erst sehr spät begonnen haben, über ihr Schicksal zu erzählen, dass sie dann aber – wie die inzwischen verstorbene Margot Friedländer – unermüdlich Zeugnis abgelegt haben, gerade im Gespräch mit jungen Menschen. Und sie warnen vor Gefahren zunehmenden Rassismus und Antisemitismus angesichts aktueller Entwicklungen: Was geschehen ist, kann wieder geschehen.

Die Herausgeber, der Regisseur Joachim A. Lang und der Historiker Thomas Weber, haben die Zeitzeug*innen für ein Filmprojekt über die Wirksamkeit der NS-Propaganda kennengelernt. Und sie waren zurecht der Meinung, dass deren Stimmen nicht verloren gehen dürfen.

Die Interviews werden durch einen längeren Text eingeleitet, in dem sie ihre Grundfrage erläutern, nämlich wie die Schrecken des NS möglich wurden, oder anders und grundsätzlicher ausgedrückt: „Wie kommt die Finsternis in die Welt? Aber auch: Wie kommt das Licht in die Welt zurück?“ Dabei unterstreichen sie die Bedeutung und Wirksamkeit von Erinnerung, nicht zuletzt aus der jüdisch-christlichen Tradition heraus. Abschließend fassen die beiden Autoren zusammen, welche Bedeutung die „Vision der Holocaustüberlebenden für die Zukunft der Demokratie“ hat.

Letztlich ist deren Zeugnis eine Botschaft an jede*n Einzelne*n – und: Erinnerung dient unserer Gegenwart und einer menschenwürdigen Zukunft.

Joachim A. Lang/Thomas Weber (Hrsg.): Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie, Herder-Verlag 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3451396670, 20,00 Euro.

Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Markus Weber über „Entscheidet euch!“

Hermann Vinke: Entscheidet euch!

Der Journalist und Buchautor Hermann Vinke, Jahrgang 1940, beschäftigt sich seit langer Zeit mit Fragen der Demokratie und der deutschen Geschichte. Schon 1980 hat er eine Biografie zu Sophie Scholl geschrieben und früh hat er sich dafür eingesetzt, dass in seiner Heimat eine Auseinandersetzung mit den Emslandlagern in Gang kam, also die Erinnerung an die NS-Verbrechen und deren Opfer möglich wurde. Nun ist er im Jahr 2026, in dem in fünf Bundesländern Wahlen stattfinden, in großer Sorge um die Demokratie.

„Was passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen. Das ist der eigentliche Grund für meinen Appell ‚Entscheidet euch!‘ … Vielmehr ist es unsere Pflicht, für unser freiheitliches demokratisches System mit aller Kraft einzutreten.“ So ist das kleine Buch keine tiefschürfende politische Analyse eines Wissenschaftlers, sondern ein eindringlicher Aufruf an alle Bürgerinnen und Bürger. Zentrale Fragen der deutschen und internationalen Gegenwart werden schlagwortartig, aber sachkundig angesprochen und in ihrer Bedeutung für den Bestand der Demokratie beleuchtet.

Hermann Vinke bezieht dabei auch Begegnungen aus seiner eigenen Geschichte ein, die ihn geprägt haben. So zum Beispiel mit Stéphane Hessel, dem deutsch-französischen Kämpfer der Résistance, der in seinen Streitschriften wie „Empört euch!“ viele Menschen in Europa aufgerüttelt hat, sich für eine menschenwürdige Zukunft weltweit einzusetzen.

Einige herausfordernde und zum Nachdenken anregende Zitate unterschiedlicher Autor*innen sind ganzseitig eingestreut. Und auch konkrete Handlungsvorschläge für die Politik und für Bürgerinnen und Bürger fehlen nicht. Wer keine Zeit für lange politikwissenschaftliche Erörterungen hat, sich aber dennoch um die freiheitliche Demokratie Gedanken macht, liegt bei diesem Buch richtig.

Hermann Vinke: Entscheidet euch! Eine Flugschrift, Metropol 2. Aufl. 2026, ISBN 978-3863318215, 96 Seiten, 9,90 Euro

Markus Weber über „Ein deutsches Mädchen“

Markus Weber über „Ein deutsches Mädchen“

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Auch wenn dieses autobiografische Buch schon 2017 in erster Auflage erschienen ist, hat es leider nichts an Bedeutung verloren. Heidi Benneckenstein beschreibt, wie sie von klein auf von ihrem Vater mit NS-Parolen gedrillt wurde und in den Ferien an Lagern der Heimattreuen Deutschen Jugend teilnehmen musste. Dort gab es nicht nur ideologische Schulungen, Verehrung der einstigen NS-Größen, sondern auch ein hartes körperliches Programm.

Auch wenn sie früh gegen ihren autoritären Vater rebellierte, so blieb sie doch im braunen Sumpf rechtsextremer Gruppen stecken. Die Autorin beschreibt das Milieu aus eigener Anschauung sehr genau. Auch benennt sie, zu welchen führenden Persönlichkeiten der rechten Szene sie dabei in Kontakt kam. Dabei lässt sie auch nicht aus, wie sie selbst in das Denken verstrickt und an Gewalttätigkeiten beteiligt war. Das wird anschaulich geschildert. Ihre Innensicht wird teilweise ergänzt durch die Beobachtungen Außenstehender, sodass sich eine klare Analyse von Denken, Menschenverachtung und Gewalt ergibt.

Im Laufe der Zeit kamen immer wieder Zweifel an der rechtsextremen Lebens- und Denkweise auf, dennoch gelingt erst sehr spät und in einem langen Prozess der Ausstieg. Geholfen hat dabei der Liedermacher Flex, mit dem sie befreundet war und der heute ihr Mann ist. Nur gemeinsam konnten sie es schaffen, ein neues Leben zu beginnen und später auch anderen jungen Menschen beim Ausstieg zu helfen. Heute arbeitet die Autorin als Erzieherin.

Die Aktualität besteht nicht zuletzt darin, dass die Autorin schon 2017, als sie das Buch verfasste, die Gefahren erkannte, die noch heute von Erdogan, Putin, Trump, der damals seine 1. Präsidentschaft antrat, oder der AfD ausgehen.

Für sich selbst zieht sie folgendes Fazit: „Mein Leben ist freier geworden. Für mich spielt es keine Rolle mehr, woher jemand kommt. Ich genieße es, dass ich reden kann, mit wem ich möchte, und mögen kann, wen ich will. Ich weiß jetzt, was Glück ist, und dass man immer seinen Teil beitragen muss …“

Heidi Benneckenstein, Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie, Tropen Verlag 4. Aufl. 2025, ISBN 978-3608504200, 256 Seiten, 12,00 Euro

Markus Weber über „Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten“

Markus Weber über „Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten“

Ein Film von Gabriele Rose:

Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten

Cover DVD Bernhard Hoetger

Vielleicht ein Hinweis vorweg: In unserer BÜCHER-HEIMAT kann man nicht nur Bücher kaufen oder bestellen, sondern auch DVDs. Nun aber zur Sache:

Das Café Winuwuk und der Sonnenhof am Breitenberg sind in Bad Harzburg und weit darüber hinaus bekannt und ein beliebtes Ausflugsziel. Weniger bekannt ist wohl der Künstler und Architekt, der das1922/23 eröffnete Gebäudeensemble entworfen und geschaffen hat. In dieser Dokumentation bzw. Doku-Fiktion wird die Lebensgeschichte von Bernhard Hoetger gewürdigt, der neben dem Winuwuk zahlreiche bedeutende, teils auch umstrittene, Kunstwerke geschaffen hat.

Nach dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf verbrachte er vor dem Ersten Weltkrieg einige Jahre in Paris und wurde zu einem anerkannten expressionistischen Künstler. Später ließ er sich von verschiedenen Stilrichtungen inspirieren, auch von indischer und altägyptischer Kunst. Sein Denken war z.T. esoterisch, nach dem Weltkrieg vertrat er eine „nordische Weltauffassung“, fühlte sich den Nationalsozialisten nahe. Doch unter der NS-Diktatur wurde seine Kunst an „entartet“ eingestuft, viele seiner Kunstwerke beschlagnahmt.

All die interessanten Stationen im Leben Hoetgers – Paris, Darmstadt, Fischerhude, Worpswede, Bremen oder auch Bad Harzburg – und vielfältigen Begegnungen mit anderen Künstler*innen wie Paula Modersohn-Becker werden in Spielszenen nachgezeichnet. Experten ordnen den Lebensweg kundig ein.

Übrigens kommen auch Petra Kühn, heutige Inhaberin des Sonnenhofs, und Dietmar Kühn, der das Café heute betreibt, im Film zu Wort.

Für mich war es ein Gewinn, diesen Film anzuschauen. Es lohnt sich.

Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten. Ein Film von Gabriele Rose, Lighthouse Home Entertainment 2014, EAN 4250128447355, ca. 90 Minuten, 15,99 Euro.

Markus Weber über „Die Himmelsscheibe von Nebra“

Markus Weber über „Die Himmelsscheibe von Nebra“

Harald Meller/Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra

Als Kind faszinierten mich Bücher wie „Götter, Gräber und Gelehrte“ des Journalisten C.W. Ceram, der nicht nur die frühen Hochkulturen darstellte, sondern auch die spannende Geschichte von deren Entdeckung erzählte. Das vorliegende Buch versteht sich durchaus als Nachfolger. Allerdings führt das Buch nicht nach Ägypten oder Vorderasien, sondern in unser geografisches Umfeld, nämlich die Region östlich des Harzes, wo die „wohl bedeutendste Kultur der mitteleuropäischen Vorzeit“ entstand, die am „Anbeginn unserer eigenen Geschichte steht“ und von der wir bisher nur wenig wussten und wissen.

Das Buch liest sich teilweise wie eine Kriminalgeschichte. Das liegt nicht nur daran, dass die Himmelsscheibe von Nebra, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, zunächst aus den Händen von Grabräubern befreit werden musste, um der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Forschung zugänglich gemacht werden zu können.

Das liegt auch daran, dass die Erforschung der Scheibe selbst und der Kultur, der sie entstammt, kriminalistisches Gespür verlangte. So führt uns das Buch auf interessante Weise in die Welt vor etwa 3600 Jahren.

An dem Forschungsprozess lassen uns die Autoren teilhaben. Hypothesen wurden aufgestellt und wieder verworfen. Neue Ideen entstanden. Dabei wurde auf die Hilfe zahlreicher Wissenschaften zurückgegriffen: Archäologie, Astronomie, Genetik, Metallurgie, Soziologie und manch anderer.

Und auch am Ende bleiben Fragen offen. Dennoch entsteht ein Bild des Reiches von Aunjetitz, das zwar am Harzrand gelegen war, aber doch Verflechtungen bis nach England, Griechenland und in den Nahen Osten hatte.

Zahlreiche Skizzen und Bilder illustrieren und veranschaulichen den Text, zeigen nicht nur die Himmelsscheibe, sondern auch andere Grabungsfunde und die für die Geschichte bedeutsamen Orte. Am Ende gibt es Hinweise, wo man heute das „Reich von Nebra“ erkunden kann, etwa im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Ob ich das Buch als Kind hätte lesen können wie damals das Buch von Ceram? Ich glaube kaum. Auch wenn die Autoren sich um nachvollziehbare Gedankengänge und nicht zu schwere Sprache bemühen, so sind es doch recht viele wissenschaftliche Erkenntnisse und Einzelheiten, die vor allem in der zweiten Hälfte einiges vom Leser verlangen.

Übrigens: Abschließend geben die Autoren den Leser*innen sieben Lehren aus der Geschichte für heute mit. Am besten hat mir gefallen: „Despotie ist nicht unser Schicksal.“

Harald Meller/Kai Michel: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“, Propyläen Verlag 2018 (8. Aufl. 2024), ISBN 978-3549076460, 384 Seiten, 27,00 Euro

Markus Weber über „Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe“

Markus Weber über „Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe“

Walter Heinemann: Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe

Es ist ein großes Verdienst der Herausgeber*innen des Buches, die Lebenserinnerungen des Braunschweiger jüdischen Arztes Walter Heinemann einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Erinnerungen sind hilfreich eingeleitet und der Text selbst ist mit Fußnoten versehen, die Fachbegriffe erklären, Namen einordnen oder gelegentlich auch kleinere Korrekturen einfügen, wo es nötig ist.

Walter Heinemann wurde 1883 als Sohn einer Braunschweiger Kaufmannsfamilie geboren, besuchte dort die Schule und studierte in Berlin Medizin. Anschließend ließ er sich in Braunschweig als Facharzt nieder, leistete im Ersten Weltkrieg seinen Wehrdienst als Sanitätsoffizier. 1935 floh er schließlich vor der Verfolgung durch die Nazis zunächst nach Palästina, dann über England in die USA, wo er wieder als anerkannter Arzt arbeitete und sich wie schon in Deutschland vielfältig gesellschaftlich engagierte. 1968 starb er dort im Exil.

Walter Heinemann hatte seine Erinnerungen eigentlich für die Familie geschrieben. So gibt er in einem kurzen ersten Kapitel einen Überblick über die unterschiedlichen verwandtschaftlichen Beziehungen. Für mich beginnt es erst danach richtig spannend zu werden, wenn er über seine Kindheit, Jugend und Schulzeit schreibt. Hier gibt es interessante Einblicke in das bürgerliche Familienleben und die Schule im Kaiserreich. Schon früh wird Walter Heinemann – wie auch in allen späteren Phasen seines Lebens – mit Antisemitismus konfrontiert.

Auch bei der Schilderung aller weiteren Lebensstationen – Studium, Arbeit als Arzt in Braunschweig, Verfolgung in der NS-Diktatur, Flucht nach Palästina und dem Leben in den USA – neigt Walter Heinemann dazu, Anekdoten zu erzählen. Das bleibt aber keineswegs oberflächlich, sondern hat den Grund, „damit manche Erscheinungen und Symptome viel schärfer“ fassen zu können „als mit langatmigen Erzählungen“, wie er selbst am Schluss bemerkt. Dem kann ich durchaus zustimmen.

Für mich war es eine lohnende und trotz der oft schwierigen Verhältnisse und Zeiten, um die es geht, auch eine unterhaltsame Lektüre. Zahlreiche Bilder und andere Abbildungen lassen die Erinnerungen noch anschaulicher werden.

Walter Heinemann, Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe. Lebenserinnerungen eines jüdischen Arztes, hrsg. Meike Buck/Harro Jens/Benjamin Kuntz, Wallstein-Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3835358881, 20,00 €

Markus Weber über „Heimatland“

Markus Weber über „Heimatland“

Güner Yasemin Balci: Heimatland

Liebevoll schreibt Güner Yasemin Balci über ihre Heimat Berlin-Neukölln: Schneeflocken im Winter, Fernsehabende mit Hans Rosenthal, die rauen Hände des Vaters, die Currybude auf der Karl-Marx-Straße, laute Musik von Django Reinhardt aus Autoradios, Wettspringen im Freibad, die Sprache und vieles mehr – vor allem aber die Werte des Grundgesetzes, Menschenwürde und Gleichberechtigung.

In der ersten Hälfte ihres Buches beschreibt die Journalistin und heutige Integrationsbeauftragte in Neukölln sehr anschaulich und packend die Geschichte ihrer Familie. Die Eltern kamen als türkische „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Güner wurde 1975 inmitten der Großstadtsiedlung, einem sozialen Brennpunkt, geboren und wuchs dort in einem freiheitlichen Umfeld auf. Die Eltern erzogen sie in Liebe zur Freiheit und zu Bildung, gerade auch für sie als Mädchen.

Dabei verklärt die Autorin nichts, sondern schildert auch, wie enge Verwandte teilweise in Armut abrutschten oder ihr Bruder kriminell wurde. Immer zeigt sie ihre Beobachtungen und Einschätzungen an konkreten Menschen und Schicksalen. Deutschland galt den Eltern als Rettung aus „Willkür und Unwissenheit“, auch wenn eine Verbundenheit zu ihren Ursprüngen in der Türkei erhalten blieb, etwa durch die Reisen der Familie.

In der zweiten Hälfte des Buches steht im Mittelpunkt, wie die freiheitliche Welt der Kindheit und Jugend zunehmend in Bedrängnis geriet, nicht nur durch rechtsextreme Ausländerfeindlichkeit, sondern vor allem auch durch islamistische Hassprediger und zugewanderte arabische Clans. Auch diese Bedrohungen werden sehr konkret mit menschlichen Schicksalen verknüpft.

Mädchen werden gezwungen, sich zu verschleiern; Frauen, die aus Zwangsehen fliehen wollen, von der eigenen Familie mit dem Tode bedroht. Antisemitismus, Homophobie und Antiziganismus machen sich breit. Und die Zivilgesellschaft schaut aus falsch verstandener Toleranz zu, was nicht der Demokratie, sondern nur der antidemokratischen Rechten nützt.

Güner Yasemin Balci erfährt, wie sie für ihr Engagement gegen diese Tendenzen angefeindet wird, aber auch Unterstützung erhält. Mir scheint es wichtig zu sein, auch die im Buch beschriebenen demokratiefeindlichen Bestrebungen in unserer Gesellschaft ernst zu nehmen.

„Wir brauchen einen Patriotismus, der weder auf Herkunft noch Hautfarbe gebaut ist, sondern schlicht auf dem Fundament der Werte einer freien demokratischen Gesellschaft. Einen Patriotismus, der vielen einen Platz lässt, aber nicht alles akzeptiert, sondern unmissverständlich Grenzen zieht, wenn an seinen Grundfesten gerüttelt wird.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Güner Yasemin Balci: Heimatland, Berlin-Verlag 2025, 320 Seiten, ISBN 978-3827015259, 24,00 Euro