Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Auch wenn dieses autobiografische Buch schon 2017 in erster Auflage erschienen ist, hat es leider nichts an Bedeutung verloren. Heidi Benneckenstein beschreibt, wie sie von klein auf von ihrem Vater mit NS-Parolen gedrillt wurde und in den Ferien an Lagern der Heimattreuen Deutschen Jugend teilnehmen musste. Dort gab es nicht nur ideologische Schulungen, Verehrung der einstigen NS-Größen, sondern auch ein hartes körperliches Programm.
Auch wenn sie früh gegen ihren autoritären Vater rebellierte, so blieb sie doch im braunen Sumpf rechtsextremer Gruppen stecken. Die Autorin beschreibt das Milieu aus eigener Anschauung sehr genau. Auch benennt sie, zu welchen führenden Persönlichkeiten der rechten Szene sie dabei in Kontakt kam. Dabei lässt sie auch nicht aus, wie sie selbst in das Denken verstrickt und an Gewalttätigkeiten beteiligt war. Das wird anschaulich geschildert. Ihre Innensicht wird teilweise ergänzt durch die Beobachtungen Außenstehender, sodass sich eine klare Analyse von Denken, Menschenverachtung und Gewalt ergibt.
Im Laufe der Zeit kamen immer wieder Zweifel an der rechtsextremen Lebens- und Denkweise auf, dennoch gelingt erst sehr spät und in einem langen Prozess der Ausstieg. Geholfen hat dabei der Liedermacher Flex, mit dem sie befreundet war und der heute ihr Mann ist. Nur gemeinsam konnten sie es schaffen, ein neues Leben zu beginnen und später auch anderen jungen Menschen beim Ausstieg zu helfen. Heute arbeitet die Autorin als Erzieherin.
Die Aktualität besteht nicht zuletzt darin, dass die Autorin schon 2017, als sie das Buch verfasste, die Gefahren erkannte, die noch heute von Erdogan, Putin, Trump, der damals seine 1. Präsidentschaft antrat, oder der AfD ausgehen.
Für sich selbst zieht sie folgendes Fazit: „Mein Leben ist freier geworden. Für mich spielt es keine Rolle mehr, woher jemand kommt. Ich genieße es, dass ich reden kann, mit wem ich möchte, und mögen kann, wen ich will. Ich weiß jetzt, was Glück ist, und dass man immer seinen Teil beitragen muss …“


