Markus Weber über „Hindenburg auf dem Kyffhäuser“

Markus Weber über „Hindenburg auf dem Kyffhäuser“

Matthias Steinbach:

Hindenburg auf dem Kyffhäuser

Wie wollen und können wir mit Hinterlassenschaften der deutschen Vergangenheit, die nicht ins demokratische Wertesystem zu passen scheinen, umgehen? Dieser Frage geht Matthias Steinbach, Professor für Geschichte in Braunschweig, am Beispiel des Kyffhäuser-Denkmals und speziell des dort 1939 von den Nazis aufgestellten Hindenburg-Denkmals nach. Zwischenzeitlich war das Denkmal von den Sowjets gestürzt und vergraben worden, heute liegt die wieder freigelegte Statue im Graben der Kyffhäuser-Anlage – quasi wie Schneewittchen im gläsernen Sarg.

Steinbach geht der Geschichte Hindenburgs intensiv und detailliert nach, behandelt seine wechselvollen Rollen im Ersten Weltkrieg als „Sieger von Tannenberg“, als schillernde Identifikationsfigur in der Weimarer Republik und zuletzt als „Steigbügelhalter Hitlers“. Immer waren Tatsachen mit Mythen verbunden. Steinbach verfolgt Tatsachen und Mythen kreuz und quer durch die Geschichte.

Selbstverständlich bezieht er Erkenntnisse und Kontroversen der Geschichtswissenschaften in seine Darstellung ein. Ungewöhnlich ist die Darstellung dagegen in anderer Hinsicht. So reflektiert er seine eigenen Erfahrungen als Schüler, Student und NVA-Soldat in der DDR und bezieht diese ebenso ein wie die Befragung unterschiedlichster Personen wie etwa des Kiosk-Betreibers auf der Kyffhäuser-Anlage, wobei auch Anekdotisches Bedeutung bekommt. Dabei zeigt sich, wie die Person Hindenburgs ebenso wie das Denkmal und deren Wahrnehmung von den unterschiedlichsten Interessen benutzt wurde.

Gerade das Sperrige dieser Vorgehensweise ist spannend. Nichts wird letztlich geglättet. Hinzu kommt immer wieder die Einbeziehung grundlegender Einsichten von Dichtern und Philosophen, die auf den konkreten Fall bezogen werden. Nicht allem muss man dabei zustimmen – etwa: Führen Utopien immer zu Gewalt? – aber immer sind die Aussagen anregend und nachdenkenswert, gerade weil unterschiedlichste und subjektive Perspektiven zur Sprache kommen.

Steinbach erinnert daran, „dass immer die jeweilige Gegenwart der Ort ist, wo die Irrtümer beginnen“. Wer zu solchen Gedankengängen und auch Wortspielen Lust hat und sich für Geschichte interessiert, dem sei das unterhaltsame Buch empfohlen.

Matthias Steinbach: Hindenburg auf dem Kyffhäuser oder Wie entsorgt man deutsche Geschichte?, Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 2024, 220 Seiten, ISBN 978-3963119224, Preis: 20,00 Euro.

Ein Nachsatz zu Bad Harzburg:

Vielleicht kann ja das Buch auch Anregung sein, über die Umbenennung des Westrings 1933 unmittelbar nach der „Machtergreifung“ in Hindenburgring nachzudenken. Der Verfasser der Stadtchronik, Kurt Neumann, hatte seit vielen Jahren immer wieder eine offene Debatte darüber gefordert und eine Umbenennung der Straße in den Raum gestellt. Bisher war das nie zustande gekommen.

Markus Weber über „Deutschlandtour“

Markus Weber über „Deutschlandtour“

Hasnain Kazim:

Deutschlandtour

Buchcover Deutschkandtour

Hasnain Kazim wurde in Oldenburg geboren und ist aufgewachsen in Hollern-Twielenfleth im Alten Land, ein Dorf, das er als seine Heimat bezeichnet, auch wenn er im Laufe seines Lebens an zahlreichen anderen Orten und in anderen Ländern gelebt hat.

Als leidenschaftlicher Radler hat er sich für ein Jahr aufgemacht, um entlang großer deutscher Flussläufe zu radeln, Land und Leute auf sich wirken zu lassen und mit unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch zu kommen. Er macht das nicht zuletzt, weil er – wie ich finde zurecht – die Gesprächssituation in unserem Land bedroht sieht und davon überzeugt ist, dass Menschen unterschiedlicher Meinungen sich weigern, einander zuzuhören.

Man merkt, dass der Autor sich für die Menschen interessiert, für deren Sorgen und Einstellungen. Er hört zu und diskutiert, streitet gelegentlich, wo es ihm nötig erscheint. Nicht immer gelingt das Gespräch. Aber es gelingt ihm sehr viele Perspektiven auf Deutschland zu sammeln und ein Mosaik deutscher Befindlichkeiten in den verschiedenen Regionen zusammenzustellen.

Zahlreiche Fotos in der Buchmitte illustrieren seine Eindrücke. So ist gerade die Unterschiedlichkeit kennzeichnend und wertvoll für Deutschland, die nicht auf die Gegensätze Ost-West reduziert werden darf, wie das gerade derzeit geschieht. Nach jeder Route zieht er Bilanz und überlegt, was er gelernt hat und welche Fragen aufgeworfen wurden.

Immer wieder kommt auch seine Identität als Deutscher mit migrantischen Wurzeln ins Spiel, die von verschiedenen Seiten infrage gestellt wird. Auch da hört er genau hin: Die Frage „Woher kommst du?“ kann ausgrenzend gestellt sein mit dem Unterton: „Du gehörst hier nicht hin!“, aber auch interessiert an der Familiengeschichte und am Gespräch.

Viele der Themen, die aktuell in der deutschen Politik und Gesellschaft debattiert werden, kommen zur Sprache, wobei Kazim zuhört, aber auch mit seiner Meinung, die er häufig abwägend und sachlich einbringt, nicht hinterm Berg hält. Eine klare Grenze zieht er immer da, wo demokratische Spielregeln verletzt werden, rechtsextremistische und rassistische Positionen bezogen werden und Gewalt ins Spiel kommt.

Auch wenn ich nicht allem zustimme, finde ich diese Art des Umgangs mit Meinungsverschiedenheiten vorbildlich. Und ich würde mir wünschen, dass sein Buch zu einer besseren Gesprächsatmosphäre beitragen kann und viele Leser*innen findet.

So ganz nebenbei gibt es Tipps, welche – vor allem weniger bekannten – Städtchen einen Besuch lohnen und welche Abschnitte entlang der Flüsse für Rad-Touren besonders schön sind. Auch das ist ein nicht zu verachtender Gewinn. Nur schade, dass er nicht entlang der Oker, Aller und Weser geradelt ist. Da hätte ich gerne etwas über seine Entdeckungen und Gespräche erfahren.

Hasnain Kazim: Deutschlandtour. Auf der Suche nach dem, was unser Land zusammenhält. Ein politischer Reisebericht, Penguin Verlag 2024, 352 Seiten, ISBN 978-3328601777, Preis: 25,00 Euro.

Sonja Weber – lernen bei den Besten

Sonja Weber – lernen bei den Besten
Ein Platz, der nach Arbeit aussieht. Und ein Dozenteam (Harald Martenstein, Dr. Olaf Kutzmutz), das entspannt scheint, die gnadenlose Stoppuhr aber im Blick hat… Fotos: Privat

„Frontfrau“ der BÜCHER-HEIMAT absolviert Kolumnen-Workshop

Ihre Buchbesprechungen in der Goslarschen Zeitung sollen zum Lesen (und zum Besuch der BÜCHER-HEIMAT) anregen. Für viele Leserinnen und Leser jedoch sind Sonja Webers kleine Kolumnen in der GZ selbst der beste Lesestoff. Und diese Texte sollen nun – sofern das möglich ist – noch besser werden. Dafür ging die „Frontfrau“ der BÜCHER-HEIMAT in einem Workshop beim Besten ihres Fachs in die Lehre: Harald Martenstein, ZEIT-Kolumnist und Schriftsteller.

Im Grunde würde in der Literatur zugeneigten Kreisen der Name Martenstein genügen. Er ist ein Meister des Wortes, ob geschrieben oder in Video oder Podcast gesprochen. Und dabei natürlich nicht allein für Fans der Großmeister der Kolumnen. Mehr als einmal löste er mit seinen Texten kontroverse Debatten aus.

Mit von der Partie war bei dem Workshop in Wolfenbüttel zudem Dr. Olaf Kutzmutz, der „seit dem letzten Jahrtausend den Programmbereich Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung“ leitet. Er schrieb unter anderem über Christian Dietrich Grabbe, Max Frisch und Jurek Becker.

Geburtstagsgeschenk und harte Arbeit

Auch ein skeptischer Kamerablick des Lehrmeisters Harald Martenstein kann Sonja Weber nach dem Seminar offenkundig nicht um ihre gute Laune bringen.

Bevor Sonja Weber das Geburtstagsgeschenk ihres Mannes Hartmut Weber so richtig genießen und auskosten konnte, war allerdings Arbeit angesagt. Denn das Literatur-Seminar mit dem schönen Titel „Ganz einfach, wenn man’s kann“ bot lediglich zwölf „Lehrlingen“ Platz. Und so mussten die Bewerber vorab schon einmal einen Text einreichen, um ihre Qualifikation nachzuweisen.

Was Sonja Weber mit ihrer Erfahrung aus den GZ-Kolumnen natürlich gelang. Und so machte sie sich ein September-Wochenende lang daran, in der „Werkstatt Kolumne“ eine Kunst zu verfeinern, die si einfach klingt und doch so schwierig ist: „Schlicht die besten Wörter wählen“. Was in Wolfenbüttel intensiv schreibpraktisch geübt und an eigenen und fremden Texten erläutert wurde.

Die Suche nach dem originellen Blick, durch den die Kolumnistin selbst zu einer „mehr oder weniger autobiographischen Figur, der die Leserinnen und Leser vertrauen“ wird, hat Sonja Weber begeistert. Und sie brennt darauf, die neuen Ideen und Erfahrungen umzusetzen. Was den Leserinnen und Lesern der GZ dann sicher noch mehr Vergnügen bereiten wird.

Sonja Weber über „Ohne Dich, das geht doch nicht!“

Sonja Weber über „Ohne Dich, das geht doch nicht!“

Smriti Halls/Steve Small:

Ohne Dich, das geht doch nicht!

In diesem Bilderbuch für Kinder ab zwei Jahren geht es um Hörnchen und Bär, im ersten Moment zwei ziemlich gegensätzlichen Charaktere, die aber bei allen Unterschieden nicht ohne einander sein können, jedenfalls nicht lange.

Klar, man geht sich schon auch mal auf den Geist, streitet, missversteht sich und ab und an nimmt Bär vielleicht ein bisschen viel Platz ein und Hörnchen ist womöglich nicht immer ganz feinfühlig. Trotzdem halten sie zusammen und „tun, was zu tun ist, (…) stopfen das Loch. Erst ist es schwierig, aber dann geht es doch. (…) gehören zusammen wie Bade und Wanne, wie Hosen und Träger, wie Kaffee und Kanne.“

Nun ist die Idee des Zusammengehörens keine neue Erkenntnis und in Büchern eh ein geläufiges Thema. Aber selten habe ich die Bedeutung von der Stärke des Wir-Gefühls so simpel, klar, witzig und, ja einfach reizend dargestellt gesehen wie in den Illustrationen von Steve Small. Die gereimten kurzen Texte von Smriti Halls hat übrigens Paul Maar (einer der Helden meiner Kindheit) ins Deutsche übersetzt.

Mir persönlich gefällt dabei, das neben all der Zweisamkeit klar wird, dass ein „Wir“ aus mindestens zwei „Ichs“ besteht, die Ecken und Kanten haben, manchmal blöd sind, durchaus persönlichen Freiraum benötigen und, dass sich entschuldigen, sowie nicht nachtragend sein dazu gehört, damit „Wo immer du hingehst, ich lass dich nicht los. Was immer du machst, zu zweit sind wir groß“ auch klappen kann.

Smriti Halls/Steve Small: „Ohne Dich, das geht doch nicht!“, Oetinger Verlag, ISBN 978-3-7512-0528-3, Preis: 10,00 € (Pappe, 30 Seiten) oder 15,00 € (gebunden, 40 Seiten, ISBN 978-3-7512-0000-4).


Markus Weber über „Das Wunder von Florenz“

Markus Weber über „Das Wunder von Florenz“


Ross King:

Das Wunder von Florenz

Es ist ein wunderbares Erlebnis, in Florenz die Kuppel des Doms innen hinaufzusteigen und dann von oben auf die Stadt hinabzuschauen. Mein Erlebnis liegt schon einige Jahre zurück. Aber mit dem Buch von Ross King steigen die Erinnerungen wieder hoch.

Der Historiker King erzählt auf spannende Weise die Entstehung der Kuppel. Dabei wird nicht nur das 15. Jahrhundert in Italien anschaulich geschildert, auch die beteiligten Personen – Architekten, Handwerker, Politiker, Kirchenfürsten – werden lebendig. Im Mittelpunkt des historisch fundierten Buches, das sich über weite Strecken wie ein spannender Roman liest, steht der Baumeister Filippo Brunelleschi. Ihm gelingt es letztlich, schier unüberwindbar scheinende technische Herausforderungen zu meistern und immer wieder Lösungen – trotz kräftigen Gegenwinds und einiger Irrwege – zu finden.

All das findet in einer Zeit politischer Verstrickungen statt. Die konkurrierenden oberitalienischen Städte führen immer wieder Krieg gegeneinander. Zeitweise muss der Papst aus Rom nach Florenz fliehen. Zwischen den beteiligten Baumeistern des Doms gibt es heftige Auseinandersetzungen und auch die in Florenz herrschenden reichen Familien wie die Medici mischen kräftig mit.

Egal, ob man die Domkuppel schon bestiegen hat, das für die Zukunft plant oder die Kuppel einfach nur aus der Ferne und auf Bildern anschauen möchte – das Buch lohnt auf jeden Fall, um in eine andere Welt einzutauchen.

Ross King: Das Wunder von Florenz. Architektur und Intrige: Wie die schönste Kuppel der Welt entstand, Pantheon Verlag 3. Aufl. 2019, 256 Seiten, ISBN 978-3570552490, Preis: 15,00 Euro.

Markus Weber über „Italien“

Markus Weber über „Italien“



Thomas Steinfeld:

Italien

Das Buch bekam ich genau zur rechten Zeit geschenkt, kurz vor dem Urlaub. Es ist kein Reiseführer, sondern eine interessante Erkundung Italiens, die aber sowohl als Urlaubslektüre geeignet ist als auch Hinweise auf mögliche Entdeckungen gibt. Steinfeld ist als ehemaliger Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen und Italien-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung nicht nur Kenner Italiens, sondern er schreibt auch mit sicherem Stil.

Steinfeld spricht nicht allgemein über Italien. Er reist in seinem Buch über den Brenner und taucht in die einzelnen Regionen ein, zunächst von Nord nach Süd entlang der Westküste. Ist Sizilien erreicht, geht es im Osten wieder nach Norden, um schließlich westwärts nach Mailand abzubiegen. Zu allen Regionen bietet das Buch aufschlussreiche Erkenntnisse. Kultur, Geschichte, Gesellschaft und Politik oder Wirtschaft werden einbezogen.

Vieles von dem, was mich als Deutschen an Italien und der „dolce vita“ fasziniert, wird geschildert – die Bar, der Espresso am Tresen, das Glas Wein am Nachmittag als soziale Ereignisse, ebenso wie die Kunst der „bella figura“ oder das Radfahren, Don Camillo und Peppone oder Padre Pio.

Immer wird Hintergründiges sichtbar. Manches desillusioniert auch: Ich wusste nicht, dass an der Piazza del Campo in Siena, einem der schönsten Plätze der Welt, viele Häuser ausländischen Investoren gehören – ebenso wie die Markenrechte am Familienbetrieb der „Pasticceria Nannini“. All das tut der Faszination keinen Abbruch, wirkt aber aufklärend.

Das Buch hat mich auch an Orte gelockt, die nicht überlaufen sind und die ich bisher nicht kannte. So in Rom zum von Donato Bramante entworfenen „Tempietto“, der dort erbaut wurde, wo Petrus gekreuzigt worden sein soll. Steinfeld nennt ihn „in seinen bescheidenen, überaus menschlichen Maßen eine perfekte Illusion dessen, was Schönheit ist“, ein „Versprechen des Glücks“ – und ich finde, er hat recht damit.

Auch wenn ich das Buch nicht von vorne bis hinten gelesen habe, ich kann es nur empfehlen. Und ich werde es sicher wieder zur Hand nehmen: wenn ich mal wieder Sehnsucht nach Italien habe oder bei der nächsten Reise.

Thomas Steinfeld: Italien. Porträt eines fremden Landes, Rowohlt 2022 (Neuausgabe), 480 Seiten, ISBN  978-3737101462, 18,00 Euro

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Markus Weber über „Gegen die Gleichgültigkeit“

Markus Weber über „Gegen die Gleichgültigkeit“

Rafik Schami:

Gegen die Gleichgültigkeit

Von dem wunderbaren Erzähler Rafik Schami, der 1971 aus Syrien nach Deutschland kam, kannte ich bisher nur literarische Werke. Doch auch der Essay-Band „Gegen die Gleichgültigkeit“ ist ein lohnendes kleines Büchlein, in dem Schami über seine genauen Beobachtungen der gegenwärtigen politisch-gesellschaftlichen Situation in Deutschland schreibt. Er drückt darin seine Besorgnis über die Zerbrechlichkeit der Demokratie aus. So ist das Buch eine wichtige Einmischung in unserer Zeit.

Rassismus und allgemeine Vorurteile über die sog. „Orientalen“ hat Schami auch am eigenen Leib erfahren müssen. Er schreibt nicht nur gegen die Gleichgültigkeit an, er analysiert auch gegenwärtigen Rassismus, Antisemitismus, Feindschaft gegen Muslime und Stimmungen unter Intellektuellen, die sich mit ihren öffentlichen Äußerungen zur Abkehr vom sicher geglaubten demokratischen Konsens abwenden und so zum Rechtsruck der Republik beitragen. Einigen bescheinigt er – gut belegt – eine „Demenz des Gewissens“.

Am Ende des Buches gibt der Autor Hinweise, wie die Gesellschaft und jede/r Einzelne zum „Aufstehen gegen die Gleichgültigkeit“ beitragen kann. Deutlich wird auch Rafik Schamis Dankbarkeit, dass er aus Syrien in ein demokratisches Land, in dem die Würde aller Menschen geachtet wird, kommen konnte: „Mein Prinzip ist sehr klar: Solange Geflüchtete, welcher Religion oder Ethnie sie auch angehören, angegriffen werden, werde ich sie und ihr Recht auf Schutz verteidigen und ihre Angreifer entlarven. Und das tue ich, um der Freiheit würdig zu sein, die ich in diesem Land genieße.“

Rafik Schami: „Gegen die Gleichgültigkeit“, Essay, Schiller & Mücke 2. Aufl. 2023, 96 Seiten, ISBN 978-3899304435, Preis: 10,00 Euro.

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Markus Weber über „Übertretung“

Markus Weber über „Übertretung“

Louise Kennedy:

Übertretung

Belfast 1975. Der Roman führt uns mitten hinein in den brutalen Bürgerkrieg in Nordirland. Terroranschläge, Polizeigewalt und -übergriffe sind an der Tagesordnung: „Ein Hund kommt für mich nicht in Frage“, sagt Gina, die Mutter der Hauptfigur des Romans. „Die Wahrscheinlichkeit, dass du eine Leiche findest, ist viel zu hoch.“

Und mitten in dieser Geschichte steckt die 24jährige Lehrerin Cushla Lavery, die an einer katholischen Grundschule arbeitet. Sie kümmert sich um ihre Klasse, besonders um Davy und seine Familie, dessen Vater bei einem Anschlag schwer verletzt wurde. Vor der Arbeit kümmert sie sich um ihre alkoholkranke Mutter, am Abend hilft sie ihrem Bruder in der Kneipe, die mitten im protestantischen Viertel liegt.

So begegnen wir zahlreichen unterschiedlichen Charakteren, die das Spannungsfeld der Gesellschaft ausmachen – beispielsweise dem Priester, der Gewaltfantasien vor den Schülern ausbreitet und von dem Cushla angewidert ist; ihrem Kollegen, der sie unterstützt; Protestanten, die die irische Sprache von ihr lernen wollen, sie aber auch argwöhnisch betrachten.

Gegen alle Vernunft beginnt Cushla ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem protestantischen Anwalt Michael, der wesentlich älter und verheiratet ist. Ihre Liebe müssen die beiden verstecken – immer wieder ist Cushla hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu Michael und ihrer Eifersucht, ihn teilen zu müssen. Schon bald kommt die Vorahnung, dass diese Geschichte böse enden wird.

Der Roman zeigt auf beeindruckende Weise den Alltag inmitten der Gewalt und die Suche der Menschen nach einem Stück Normalität in dieser erschreckenden Situation. Die zwischenmenschlichen Hoffnungszeichen sind klein, aber es gibt sie.

Louise Kennedy: „Übertretung“, Roman, Steidl Verlag 2023, ISBN 978-3969992593, 306 Seiten, 25,00 Euro.

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Markus Weber über „Das späte Leben“

Markus Weber über „Das späte Leben“

Bernhard Schlink:

Das späte Leben

„Sein erster Gedanke war, dass er statt der Treppe den Aufzug hätte nehmen sollen, jetzt, wo ihm nicht mehr viel Zeit blieb.“ Martin kommt gerade vom Arzt, der ihm mitgeteilt hatte, dass ihm nur noch eine kurze Frist bis zum Tod bliebe. Er fragt sich, ob er sich „von jetzt an beeilen müsse“. Das ist die Ausgangssituation von Bernhard Schlinks neuem Roman.

Martin, emeritierter Jura-Professor, verheiratet mit einer deutlich jüngeren Frau und Vater eines sechsjährigen Sohnes, wird mit einer unheilbaren Krankheit konfrontiert und fragt sich, was ihm vom Leben und was danach von ihm selbst bleibt. Ausweichen geht nicht. Intensive Gespräche mit seiner Frau und der Alltag fordern ihn heraus. Auch der Sohn merkt, dass sein Vater „müdekrank“, zum Tode krank ist.

Ein langer Brief an seinen Sohn, den er ihm hinterlassen will, gerät hölzern und kopflastig, seltsam theoretisch und lebensfern. Die Erkenntnis, dass „nichts, was man schreibt, einen überdauert“, öffnet ihm Perspektiven: Bewusst die Zeit zu gestalten, den Sohn zum Kindergarten zu begleiten, ihm beim Zubettgehen vorzulesen, gemeinsam im Garten zu arbeiten. Sich am Schönen zu freuen und die gemeinsam verbleibende Zeit mit seiner Frau intensiv zu leben.

So ist die eigentliche Herausforderung das Loslassen: Vieles, was ihm zunächst wichtig erschien – alles noch in Ordnung zu bringen, seinem Sohn mehr mitgeben und hinterlassen – verliert sich schließlich. Der Roman führt vor Augen, was irgendwann jeden von uns trifft, und reizt zur Auseinandersetzung.

Bernhard Schlink: Das späte Leben. Roman, Diogenes 2023, ISBN 978-3257072716, 240 Seiten, 26,00 Euro.

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Markus Weber über „Überlebensglück“

Markus Weber über „Überlebensglück“

Oskar Negt:

Überlebensglück

Als ich jetzt vom Tod des bedeutenden Soziologen und Sozialphilosophen Oskar Negt hörte, fiel mir ein, dass ich vor einigen Jahren seine Kindheits- und Jugenderinnerungen geschenkt bekam. Negts theoretische Schriften habe ich nie gelesen, aber das Buch „Überlebensglück“ habe ich mit Begeisterung und Gewinn gelesen.

1934 geboren, musste er 1945 am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ostpreußen fliehen – allein mit zwei Schwestern und getrennt von seinen Eltern: „Es war der 25. Januar 1945. An diesem Tag endete meine Kindheit. Die Fluchtwege hatten sich getrennt. Meine Eltern und vier meiner Geschwister sah ich erst zweieinhalb Jahre später wieder.“ Anschaulich beschreibt er seine Flucht über Königsberg und die Ostsee nach Dänemark, von wo er sich abermals aus den Internierungslagern auf den Weg nach Niedersachsen machte. Erst 1955 fühlte er sich angekommen, schließlich in Oldenburg.

Aber Negt schildert nicht nur anschaulich diese Kindheitserinnerungen. Er reflektiert auch ausführlich und in Auseinandersetzung mit Philosophen über deren Bedeutung und die soziologisch oder pädagogisch interessanten Erkenntnisse. So stand für mich im Zentrum des Buchs dieser Satz: „Irgendwann im Leben muss der Mensch einmal Glück erlebt haben.“ Und ein Kind muss erfahren haben, dass es willkommen ist in der Welt.

Die Überlegungen könnten heute, im Jahr 2024, nicht aktueller sein, wenn Negt etwa über Flüchtlinge, Fremde und die Bedeutung des Grundgesetzes schreibt. Über den Hass auf Fremde schreibt er, dieser lebte von der Täuschung, „dass die Gesellschaft gesund und krisenfrei gemacht sei, wenn der letzte Ausländer das Land verlassen hat.“ Stattdessen gilt: „Hätte man alle Ausländer aus Deutschland vertrieben, so würden nicht Frieden und Solidarität in die Gesellschaft einkehren, sondern es käme zu immer neuen, anderen Feinderklärungen.“

So kann das Buch gerade in diesen Tagen wichtige Anregungen geben und Negts Tod könnte ein Anlass sein, seine Spurensuche wieder zur Hand zu nehmen. Das Buch ist Ende letzten Jahres auch als Taschenbuchausgabe erschienen.

Oskar Negt: Überlebensglück. Eine autobiografische Spurensuche, Steidl-Verlag 2023, ISBN 978-3969992692, 320 Seiten, 16,00 Euro.

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