Träume in Zeiten des Krieges

Träume in Zeiten des Krieges

Ngũgĩ wa Thiong’o:

Träume in Zeiten des Krieges: Eine Kindheit

Der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o hat ein zutiefst menschliches Buch über seine Kindheit vom Ende der 1930er bis in die 50er Jahre geschrieben. Ich habe allerdings ein wenig gebraucht, um mich im Buch zu orientieren; der Zugang zu der fremden Welt fiel mir zu Beginn nicht leicht. Aber dann erschließt der Autor die Welt seiner Kindheit bis zum traditionellen Ritual des Übergangs zum Mannsein.

Lebendig wird das Leben als Sohn der dritten von vier Frauen seines Vaters ebenso wie die Zerstörung des dörflichen Lebens durch ungerechte koloniale Strukturen, die Unterstützung seiner Mutter für sein Streben nach Bildung und das Hin- und Hergerissensein zwischen traditioneller und moderner Lebensweise. Die Anerkennung, die der Autor als Kind von seinem Großvater bekam, weil er schon als Kind für ihn die Briefe lesen und schreiben konnte, drückt dieser mit einem schönen Bild aus: „Er hat meinen Gedanken Kleider gegeben.“ Eingestreut sind vor allem zu Beginn kleine Lektionen in kenianischer und britischer Kolonialgeschichte.

Die großen Träume von Gerechtigkeit, Leben ohne Angst vor der ständig präsenten Gewalt und Befreiung von weißer Vorherrschaft sind ebenso anschaulich geschildert wie der kleine, doch große Traum des Jungen, einmal mit der Eisenbahn zu fahren. Und es ist beeindruckend, wie trotz aller negativer Erfahrungen humane Werte das Buch prägen: „Ich glaube wie Mutter daran, dass Zorn und Hass das Herz zerfressen.“

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Ngũgĩ wa Thiong’o: Träume in Zeiten des Krieges: Eine Kindheit, Fischer Taschenbuch 2012, 264 Seiten, ISBN 978-3596192335, Preis: 15,00 Euro.

Atlas Obscura

Atlas Obscura

Joshua Foer, Dylan Thuras, Ella Morton:

Atlas Obscura

Für alle, die gern unterwegs sind, egal ob physisch oder nur in Gedanken, empfehle ich den Atlas Obscura“. Joshua Foer und Dylan Thuras – Chefredakteur und Kreativdirektor und Gründer von AtlasObscura.com (Online-Magazin und Reiseunternehmen) – sowie Autorin Ella Morton sind Menschen, denen der eigene Garten auf jeden Fall nicht reicht, nicht einmal der eigene Kontinent.

Sie reisen zu den verborgenen Wundern dieser Welt und schreiben darüber. Wer sich also nicht physisch in den Giftgarten von Alnwick (erschaffen 2005 von der Herzogin von Northumberland) oder ins Schnarch-Museum im Niedersächsischen Alfeld traut, kann im Atlas Obscura darüber lesen. Wer wissen möchte, warum aus der Quiet Zone in West Virginia jegliche elektromagnetische Strahlung auf Radiofrequenz verbannt wurde oder warum die Sahara eine der wichtigsten Buchbestände Arabiens bedroht, findet in diesem großartigen Werk Antworten. Wem der Weg zum Bierflaschentempel von Khun Han oder zu den Steinkugeln in San José zu weit ist, der kann im Atlas Obscura mit den Augen auf den Zeilen Reisen, ohne sich großartig von seinem Lieblingsplatz zu entfernen.

Die wunderbare und erstaunliche Welt, die im Atlas Obscura steckt, nämlich unsere einzigartige und großartige Welt, lohnt es zu entdecken und damit zu bewahren. Inzwischen gibt es deshalb vom Atlas Obscura sowohl eine Ausgabe für Kinder als auch jährlich einen Abreißkalender für jeden Tag.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Joshua Foer, Dylan Thuras, Ella Morton: “Atlas Obscura”, Mosaik Verlag, 480 Seiten, ISBN 978-3-442-39318-3, Preis: 34,00 Euro.


Lincoln im Bardo

Lincoln im Bardo

George Saunders:

Lincoln im Bardo

Da mein Lebensalter seit neuestem mit einer Ziffer beginnt, die mich immer wieder daran erinnert, dass alles Erdenleben endlich ist, habe ich mir nochmals das Buch von George Saunders „Lincoln im Bardo“ vorgenommen. Ich finde die Vorstellung, sich nach dem Ableben in einem Zwischenreich (in tibetischer Tradition Bardo genannt) aufhalten, kommunizieren und beobachten zu können, tröstlich.  Auf die Aufenthaltsdauer hat man einigen Einfluss, um sich dann in relativer Selbstbestimmung mit einem Feuerknall und dem Phänomen der Materienlichtblüte in Jenseits zu begeben.

Es handelt sich um die Geschichte des Lieblingssohnes von Präsident Lincoln, der, während eines Staatsbanketts, in den Privaträumen mit 11 Jahren verstirbt. Der untröstliche Vater sucht allein das Grabmal auf, um seinen Sohn nochmal in den Armen halten zu können. Dies wird nicht als fortlaufender Bericht erzählt, sondern setzt sich aus Zeitungs- und Zeitzeugenberichten zusammen. Und überwiegend aus den Berichten der „Anwesenden“ im Bardo, die die Ankunft des Sohnes im Bardo erleben und sich um dieses Kind kümmern, weil es fest daran glaubt, dass der Vater es „zurückholen“ wird.

Diese einzelnen Stimmen im Bardo „hört“ und deren Geschichte erfährt man; auch, dass es eine Grenze gibt. Nämlich ein Zaun, hinter dem sich die Schwarzen aufhalten müssen. Es geht um Liebe und erlebtes Leid, aber auch um schwarzen Humor. Eine lesenswerte Lektüre.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

George Saunders: „Lincoln im Bardo“, btb-Taschenbuch, 534 Seiten, ISBN 9783442770533, Preis: 12,00 Euro.


Warum Einstein niemals Socken trug

Warum Einstein niemals Socken trug

Warum Einstein niemals Socken trug

Christian Ankowitsch:

Warum Einstein niemals Socken trug

Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, was für gute Gespräche beim Gehen zustande kommen. Warum ist das so? Denken wir anders, wenn wir uns bewegen? Erklärungen dazu gibt es in vielen Büchern, ich empfehle Christian Ankowitsch “Warum Einstein niemals Socken trug”.

Neben vielen anderen Aspekten des Alltags hat der Journalist und Autor auch den Einfluss von körperlicher Aktivität auf unser Gehirn ins Visier genommen und sich auf eine spannende Suche nach Antworten begeben. Ausgesprochen kurzweilig und sehr humorvoll erfahren wir, warum Zappeln, Joggen, Hüpfen und Tanzen uns glücklicher und klüger machen, warum Zeichnen unsere Aufmerksamkeit während einer wichtigen Besprechung steigert und man uns besser versteht, wenn wir Gestikulieren. Außerdem, wie wir mit einem Lächeln die Welt verändern können, dass der Buchstabe “e” gut für die Stimmung ist und überhaupt alles mit allem zusammenhängt.

Fazit, aktive Tätigkeiten fördern die Konzentration und bringen uns auf gute Gedanken. Schon kleine Änderungen im Verhalten können viel bewirken.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Christian Ankowitsch: „Warum Einstein niemals Socken trug“, Rowohlt Taschenbuch, 304 Seiten, ISBN: 978-3-499-62914-3, Preis: 10,00 Euro.


Wir konnten auch anders

Wir konnten auch anders

Wir konnten auch anders

Annette Kehnel:

Wir konnten auch anders

Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit  

Warum Dinge wegwerfen, wenn man sie reparieren kann? Warum Gelder anhäufen, statt sie gewinnbringend zu teilen? Warum vereinzelt wohnen, wenn Gemeinschaft so viel zufriedener macht? Diese und andere Fragen beantwortet Annette Kehnel, indem sie weit in die Vergangenheit schaut und aufzeigt, dass nachhaltiges Leben keine Erfindung unserer Jahre ist, sondern schon im Mittelalter bedeutsam war. Erst der überbordende Kapitalismus hat die vielversprechenden Ansätze zunichte und vergessen gemacht.

Die Autorin schreibt über Recycling, Mikrokredite, Bauen, Spenden und Stiftungen, über Minimalismus und Sharing. Ihre Kenntnisse zieht sie aus einem Forschungsprojekt der Universität Mannheim. Kehnel schreibt nicht professoral, sondern sehr unterhaltsam und humorvoll – am Ende etwas pädagogisch, aber es ist auszuhalten. Das Buch ist spannend, öffnet den Blick und ändert Perspektiven jenseits des kulturellen Pessimismus. Allein ihre verblüffende Interpretation des unseligen Ablasswesens der Kirche macht das Buch sehr lesenswert: Plötzlich erhält „Crowdfunding“ einen historischen Background.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Annette Kehnel: „Wir konnten auch anders – Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit“, Blessing Verlag, 488 Seiten, ISBN 9783896676795, Preis: 24,00 Euro


Der Zauberer

Der Zauberer

Der Zauberer

Colm Tóibín:

Der Zauberer

The Magician

Ein irischer Schriftsteller schreibt eine Romanbiografie über Thomas Mann. Diese Tatsache alleine macht schon neugierig. Aus Sicht des Nobelpreisträgers erzählt Tóibín das bewegte Leben Thomas Manns und seiner Familie. Vieles ist bekannt, aber vieles auch neu, so z.B. Manns politische Positionen während der beiden Weltkriege oder sein oftmals ambivalentes Verhältnis zu seinen Kindern und seinem Bruder Heinrich.

Beeindruckt haben mich die Beschreibungen, auf welcher Grundlage bzw. aus welchen Ideen seine vielen Erzählungen und Romane entstanden sind. Die Literaturkritiker sind zwar geteilter Meinung, mir hat das Buch jedoch sehr gut gefallen, und es hat mir Lust gemacht, Manns Erzählungen aus dem Bücherschrank zu holen und darin mal wieder zu stöbern.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Colm Tóibín: The Magician/Der Zauberer, Hanser-Verlag, 556 Seiten, ISBN 9783446270893, Preis: 28,00 Euro.


Die Badende von Moritzburg

Die Badende von Moritzburg

Die Badende von Moritzburg

Ralf Günther:

Die Badende von Moritzburg

Die Novelle „Die Badende von Moritzburg“ versetzt einen mit leichter Feder ins Jahr 1910. Die junge Clara Schimmelpfenninck befindet sich im Dresdner Lahmann-Sanatorium. Hysterische Atemnot hatte man gemutmaßt, nur scheint diese doch eher schlagfertige Dame wohl mehr an ihrem Alltag zu zweifeln und ein Leben in Frage zu stellen, das ihr gleich einem Korsett im wahrsten Sinne des Wortes den Atem nimmt.

Den Geschmack der Freiheit und eines völlig unkonventionellen Lebens lernt sie kennen, als sie während eines Ausfluges auf den Maler Ernst Ludwig Kirchner trifft. Den nackten Maler wohlgemerkt, der mit – ebenfalls unbekleideten – befreundeten Künstlerinnen und Künstlern in einem See badet. Ohne es anfangs zu ahnen, wird Clara jedenfalls für eine kurze, intensive und leidenschaftliche Zeit Teil der von Kirchner mitbegründeten Künstlerkolonie „Die Brücke“. Eine Begegnung, die das Leben der jungen Frau ändern und ihrem Denken Flügel verleihen wird.

Ralf Günther schafft es, dass man als Leserin und Leser atmosphärisch ebenso in diesen flirrend heißen Sommertag gesogen wird, wie seine Protagonistin.

Den Umschlag des Buches ziert das Gemälde Kirchners (1880-1938) „Drei badende Frauen“, das 1911/12 entstand. 1937 erklärten die Nationalsozialisten seine Bilder für entartet und ließen viele davon vernichten.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Ralf Günther: „Die Badende von Moritzburg“, Kindler Verlag, 104 Seiten, ISBN 978-3-463-40686-2, Preis: 15,00 Euro.


Strafe

Strafe

Hakan Nesser/Paula Polanski:
Strafe

Normalerweise schreibt der “Philosoph unter den Krimiautoren Skandinaviens“ (FAZ) allein. „Strafe“ hat er gemeinsam mit Paula Polanski geschrieben – und damit beginnt die Verwirrung. Die Autoren entwickeln eine verschachtelte, merkwürdige Geschichte:

Der lange ignorierte und sterbende Schulfreund des Protagonisten bittet um einen letzten Dienst: Beide verbindet Abneigung und die frühe Zuneigung zu einer Mitschülerin. Der Sterbende nötigt den Protagonisten, er möge sie ausfindig machen. Es entwickelt sich eine Geschichte in der Geschichte und am Ende steht ein starker Plot, den der ahnungslose Leser kaum vorausahnen kann. Dieser Plot hievt die Lektüre plötzlich auf eine andere Ebene. Das Drama mit den vielen Facetten endet, bevor der Protagonist im nahen Teich ertränkt werden könnte.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Hakan Nesser/Paula Polanski: Strafe, btb-Verlag, 238 Seiten, ISBN 9783442714520, Preis: 9,99 Euro.

Alte Sorten  

Alte Sorten  

Ewald Arenz:

Alte Sorten  

Ein Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft. Sally ist 17 Jahre alt, als sie aus einer Klinik abhaut, in der ihr mit vorgespielter Betroffenheit die immer gleichen Fragen gestellt werden., in der man sie in ein Krankheitsbild einmauert und ihr genau das verweigert, was sie bräuchte; Abstand und Zeit.

Da trifft sie auf Liss, über 40 Jahre alt, die allein auf einem Hof lebt.  Auch sie ist von inneren Vernarbungen gezeichnet, verbittert und an einen Hof gefesselt, der sie an eine Vergangenheit kettet. Der Kontrast zwischen den beiden Frauen könnte nicht größer sein. Liss will Sally für eine Nacht aufnehmen, doch aus der einen Nacht werden Wochen….

Ein Buch, sehr einfühlsam und berührend geschrieben, absolut zu empfehlen!

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Ewald Arenz: „Alte Sorten“, Dumont-Buchverlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-8321-8381-3, Preis: 20,00 Euro.


Also sprach Sarah Tustra

Also sprach Sarah Tustra

Matthias Steinbach:

Also sprach Sarah Tustra

Nietzsches sozialistische Irrfahrten

Friedrich Nietzsche war sicher einer der umstrittensten Philosophen des 19. Jahrhunderts mit einer langen und breiten Wirkungsgeschichte. Was geschieht aber, wenn nicht das freie Argument in der Auseinandersetzung um seine Positionen wirken darf, sondern der Staat im vermeintlichen Besitz der Wahrheit entscheidet, was gesagt und geschrieben werden darf? Darum geht es im Buch von Matthias Steinbach, Professor für Geschichte an der TU Braunschweig, der den Konflikten um Nietzsche in der DDR nachgeht.

So ist es nicht nur ein Buch über die dogmatische Festlegung der DDR-Führung, Nietzsche habe mit seiner Philosophie dem Faschismus vorgearbeitet. Vielmehr führt es auch „mitten hinein in den intellektuellen und kulturellen Alltag des real existierenden Sozialismus“ mit all seiner Engstirnigkeit, mit Denunziationen und Überwachung. Und es zeigt die Versuche, starre Haltungen aufzubrechen. Die Gedankengänge verlangen durchaus eine gedankliche Konzentration, die jedoch immer wieder anekdotisch und unterhaltsam aufgelockert werden. Auch führt das Buch an die Orte, an denen Nietzsche Spuren hinterlassen hat. Zudem lässt Steinbach den Leser an seinen persönlichen Erfahrungen im Studium in der DDR Ende der 1980er Jahre teilhaben.

Der merkwürdige Titel des Buch verweist übrigens darauf, dass die Stasi-Offiziere, die Protokolle der Überwachung von Verdächtigen anfertigten, weder Nietzsches Namen noch die Titel seiner Werke richtig schreiben konnten.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Matthias Steinbach: »Also sprach Sarah Tustra«. Nietzsches sozialistische Irrfahrten, Mitteldeutscher Verlag 2020, ISBN 978-3963114243, 288 Seiten, 20,00 Euro

Ein besonderer Leckerbissen zum Buch: Matthias Steinbach wird am 17. Juni 2022 in der Bücherheimat aus seinem Werk lesen und es vorstellen. Man darf sich nicht nur auf einen lehrreichen, sondern auch unterhaltsamen Abend freuen. Näheres wird rechtzeitig bekannt gegeben.