Mit ihrem neuen Roman „Das Haus“ hat Monika Maron mittels der ihr eigenen eleganten Sprache und einer guten Portion Leichtigkeit einen klugen und emotional tiefgehenden Gesellschaftsroman geschaffen.
Ein Haus wird vererbt und die Erbin muss entscheiden, was damit geschieht, soweit die zunächst zweidimensionale Idee. Aber dann kommt Frau Maron und hinterfragt die Beweggründe, die Wünsche und vor allem die einzelnen Charakterzüge ihrer Figuren.
Plötzlich werden Katharina, die Tierärztin im Ruhestand, ihre Freundin und Icherzählerin des Buches Eva und alle anderen Personen, lebendig und das Haus bekommt eine so erlebbare Dreidimensionalität, dass ich beim Lesen immer genaue Bilder vor Augen und das Gefühl, selbst dort zu sein hatte.
Die Autorin lässt ihre Figuren nicht nur mal gepflegt, mal hitzig über die großen Themen unserer Zeit sprechen, sie lässt sie auch hoffen und zweifeln. So weiß Eva eigentlich, dass „kollektive Lebensmodelle“ sie überfordern, aber eine Notsituation bewirkt, dass sie eben doch einzieht und sich irgendwie zu Hause fühlt, während Katharina sich auf einmal fragt, ob das Konzept dieser WG für Menschen ab einem gewissen Alter wohl noch geeignet ist oder ob „sie alle zu sehr sie selbst“ seien.
Diese, fast befremdlich anmutende Novelle, die sich wie ein Kammerspiel liest und mich immer mal wieder an Dürrenmatt erinnert hat, lässt einem den Begriff Katharsis wieder ins Gedächtnis kommen. Ein älteres Ehepaar lebt zurückgezogen in einer alten Mühle am Ortsrand einer Kleinstadt. Er ein eher wenig bekannter Künstler, der sich komplett abschottet, um seine Version von sich selbst aufrecht erhalten zu können, sie, die von ihrem Leben mehr erwartet hat, versucht ihre Eitelkeiten durch „so tun als ob“ zu befriedigen.
Das Ganze eskaliert mit der Anfrage eines angeblichen Doktoranden, der gedenkt, seine Doktorarbeit über den Künstler zu schreiben. Große Erwartungen, Hoffnungen und Ideen keimen damit auf. Aber kann das gut gehen?
Bremer arbeitet in dieser grotesken, mal komischen und dann zutiefst tragischen Geschichte mit schlagfertigen und scharfen Wortwechseln. Ein Schachspiel, in dem sich Königin und König der gleichen Farbe bekämpfen und dabei ein Bauernopfer vor sich hertreiben, das die Situation retten soll, aber selbst verzweifelt zu entkommen versucht. Fast erschüttert beobachtete ich drei Menschen, die sich entweder verloren oder nie beziehungsweise noch nicht gefunden hatten.
Lust auf ein absolut großartiges und in cool-nerdiger Weise kluges, intelligentes und dabei auch noch mega witziges Buch? Dann empfehle ich Ihnen Dr. Jens Foell und sein Werk „Foellig nerdiges Wissen“.
Ich hatte so viel Spaß dabei, mir von Dr. Foell Quantenphysik, Schleimpilze, das Gehirn, Aliens, sekeuomorphe Symbole, Neotenie, den Nutzen eines Advocatus Diaboli und noch ganz viel rechts und links des Alltagswissens erklären zu lassen, dass ich meine nähere Umwelt womöglich sogar etwas genervt habe. Jeder und jedem Einzelnen, den ich erwischte, hielt ich „Foellig nerdiges Wissen“ mit der Beteuerung wie toll das ist, unter die Nase.
Auf dieses Buch und seine 42 höchst zufälligen und äußerst wissenswerten Tatsachen über unsere Welt, das Universum und den Nacktmull bin ich übrigens durch ein anderes Buch gestoßen. Wenn Sie nach Dr. Foell Lust auf mehr haben, kann ich Ihnen ebenfalls Simon Meier-Vieracker und den Titel „Sprache ist was Du draus machst“ ans Herz legen.
Ein fataler Fehler lässt Julia aus ihrem sicher geglaubten Job als Krankenschwester auffliegen. Der Boden unter ihren Füßen gibt nach, als sie auch noch erfährt, das ihre Mutter ihren Vater verlassen hat und ihre Familie scheinbar auseinanderbricht. Um ihrem Vater zu helfen und selbst Hilfe zu bekommen, geht sie zurück in das einsame Haus in den Bergen, in dem sie aufgewachsen ist. Sie versucht den Platz der Mutter zu füllen, doch schon bald merkt sie, das wenn sie rausfinden will, wohin ihr Weg noch führen kann, muss sie sich selbst neu erfinden und Talente verfolgen, die sie glaubte, verloren zu haben.
Zusammen mit ihrer alten Schulfreundin baut sie sich Schritt für Schritt ein Leben und erfährt, dass zwischen den Scherben eines zerbrochenen Traumes ein neuer Anfang wartet.
Die Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher versteht es, die Gedanken einer Leistungsgesellschaft auf den Punkt wiederzugeben und Raum zu lassen für Individualität.
Ich könnte hier stundenlang sitzen und auf den Rasen schauen
Ein Buch, das unglaublich unterhaltsam Lust auf Kicken macht und vor allem mitten aus dem Leben heraus davon erzählt, wie Leidenschaft funktioniert (in diesem Fall zum Fußball) ist Moritz Rinkes Geschichtenband „Ich könnte hier stundenlang sitzen und auf den Rasen schauen“.
In sechsunddreißig fußballerischen, literarischen und zeitgeschichtlichen Steilpässen auf die Fußballseele, so Peter Lohmeyer zum Buch, lässt der Autor die Leserschaft an kuriosen, aufregenden und schönen Erlebnissen teilhaben. Wenn Rinke, immerhin einer der aktuell wichtigsten Dramatiker in Deutschland, davon erzählt, wie sein Großvater 1978 nach der Niederlage Deutschlands gegen Österreich das Fernsehgerät aus dem Fenster schmiss, werden sich vielleicht einige in diesen Moment zurückversetzt fühlen. Mir ging es jedenfalls so.
Beim Lesen hatte ich das Gefühl, Beckenbauer persönlich getroffen, mit Uwe Seeler im Fahrstuhl gestanden und neben Klaus Fischer und seinem „Fallrückzieherschussbein“ gesessen zu haben. Aber auch die dunklen Seiten des Sports bleiben nicht unerwähnt.
Der Sommer 1990 ist es, der Marias Leben wahrscheinlich für immer verändert. Eigentlich ist sie zufrieden auf dem Hof, auf dem sie Unterschlupf finden konnte. Doch etwas fehlt. Vielleicht das Gefühl von Aufregung und Glücklichkeit, als sie sich in einen doppelt so alten Mann verliebt. Sie wird zur Geliebten, während sich ihr Freund immer weiter von ihr entfernt, entdeckt sie Seiten an sich, die sie nicht kannte und die sie auf den Weg führen eine Frau zu werden. Bald ist sie verloren in ihren Gefühlen und Gedanken zwischen Vernunft, Scham und der Unumgänglichkeit von Liebe, bis zu dem Tag, an dem ein Ereignis ihr Leben erschüttert.
Faszinierend zu lesen! Ich konnte eintauchen in eine andere Zeit.
Arnd Zeigler, Stadionsprecher im Bremer Weserstadion, ist bekannt durch die TV- und Radiosendung. Sein Buch „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ ist eigentlich ein Kinderbuch für alle ab acht Jahren, aber ebenfalls für alle, die die Sache mit dem Abseits immer noch nicht verstanden haben, wissen wollen woher der Begriff „Derby“ kommt, ihren Angstgegner noch nicht kennen, sich fragen, was ein Retortenverein ist, was ein Manndecker macht, wie eine Mannschaft zustande kommt, was Standards sind oder die einfach gerne kurzweilig zum Thema Fußball unterhalten werden möchten.
Dazu kommen die wirklich charmanten Zeichnungen von Philip Waechter. Gutes Zusammenspiel von Zeigler und Waechter, so perfekt wie die berüchtigten Flanken zwischen Manfred Kaltz und Horst Hrubesch, dabei ist ein herrliches Werk herausgekommen. Es macht beim Lesen eben so viel Spaß wie beim Vorlesen, was ich eindeutig besser kann, als Fußballspielen und hilft mir bei meiner ganz persönlichen Vorbereitung zur Europameisterschaft.
Bereits nach dem Lesen des ersten Kapitels wusste ich, dass mir dieses Buch gefallen würde, und das hat es bis zum Schluss. Es ist vielschichtig und tiefgründig. Zudem führt es uns in eine andere Welt.
Parvin, eine junge amerikanische Studentin mit afghanischen Wurzeln beschließt, für ein paar Monate in ihr Heimatland zu gehen. Auslöser ist ein Buch, dass in den USA als Bestseller gilt, und in dem der Autor Gideon Crane erzählt, aus welchen Beweggründen er in einem abgelegenen Dorf in den Bergen eine Geburtsklinik hat bauen lassen.
Voller Enthusiasmus und mit großen Erwartungen vor allem den Frauen zeigen zu können, wie sie ein besseres und gesünderes Leben führen können, reist Parvin in dieses Dorf. Mit dabei hat sie ihre Yoga-Matte, Energieriegel und Nagellack. Dort angekommen folgt sehr schnell die Ernüchterung, denn sie muss feststellen, dass Vorstellung und Wirklichkeit sehr weit auseinanderliegen.
Vieles, was in dem Buch erzählt wird, wurde geschönt und entspricht nicht den Tatsachen. Die hochmoderne Geburtsklinik wird kaum genutzt, denn lediglich einmal pro Woche kommt eine afghanische Ärztin über eine schlecht zu befahrende Straße in den Ort, um Frauen zu beraten und zu behandeln.
Obwohl Parvin Dari, eine der Landessprachen, spricht, fühlt sie sich von den Dorfbewohnern abgelehnt und nicht dazugehörig. Im Laufe der Handlung wird zunehmend deutlich, wie monoperspektivisch jegliche Form der Hilfe ist, die Parvin oder die amerikanischen Soldaten anbieten. Einwände der Dorfbewohner werden nicht ernst genommen, denn man ist überzeugt, ihnen etwas Gutes zu tun. Diese Ignoranz führt zu einer tragischen Entwicklung.
Für mich thematisiert dieser Roman die jahrhundertalte arrogante und zugleich auch naive Vorstellung der westlichen Welt, fremden Völkern und Kulturen zu einem „besseren Leben“ verhelfen zu wollen. Dabei werden kulturelle Eigenarten ebenso missachtet wie mögliche Konsequenzen des eigenen Tuns und Handelns.
Als Parvin im Dorf ankommt, wirkt auch sie naiv und ein wenig überheblich, aber in den langen Monaten ihres Aufenthaltes lernt sie, Zusammenhänge zu verstehen, und erkennt, dass sie ihren Blick auf die Dinge ändern muss. Am Schluss stellt sie die Frage „Was wollen die?“ und meint dabei die Bevölkerung, in erster Linie aber die afghanischen Frauen.
Mir hat dieser Roman besonders deshalb gefallen, weil er Fragen aufwirft, Argumente für die Positionen beider Seiten liefert, aber mir als Leserin auch die Möglichkeit lässt, eine eigene Meinung zu bilden. Dadurch liefert er viele Diskussionsansätze, so dass er sich auch für Lesekreise anbietet.
Viel Zeit ist vergangen seit Maria das letzte Mal zu Hause war. Ein alter Bauernhof mit einer Mühle und vielen Tieren empfängt sie, als sie wegen eines Schicksalsschlags zurückkommt. Mit diesen Eindrücken kommen vergessen geglaubte Erinnerungen zurück und Maria wird bewusst, was für sie das Wort Heimat bedeutet.
Ein einfühlsamer Roman über das Loslassen und Zurückkommen. Über Veränderung und Konstanz. Was bleibt und was muss sich ändern? Können wir so bleiben, wie wir sind, wenn sich die Zeiten verändern? Eine angenehme Sommerlektüre mit der Martina Bogdahn der Spagat zwischen Leichtigkeit und Tiefgründigkeit wundervoll gelungen ist.
Das Buch bekam ich genau zur rechten Zeit geschenkt, kurz vor dem Urlaub. Es ist kein Reiseführer, sondern eine interessante Erkundung Italiens, die aber sowohl als Urlaubslektüre geeignet ist als auch Hinweise auf mögliche Entdeckungen gibt. Steinfeld ist als ehemaliger Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen und Italien-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung nicht nur Kenner Italiens, sondern er schreibt auch mit sicherem Stil.
Steinfeld spricht nicht allgemein über Italien. Er reist in seinem Buch über den Brenner und taucht in die einzelnen Regionen ein, zunächst von Nord nach Süd entlang der Westküste. Ist Sizilien erreicht, geht es im Osten wieder nach Norden, um schließlich westwärts nach Mailand abzubiegen. Zu allen Regionen bietet das Buch aufschlussreiche Erkenntnisse. Kultur, Geschichte, Gesellschaft und Politik oder Wirtschaft werden einbezogen.
Vieles von dem, was mich als Deutschen an Italien und der „dolce vita“ fasziniert, wird geschildert – die Bar, der Espresso am Tresen, das Glas Wein am Nachmittag als soziale Ereignisse, ebenso wie die Kunst der „bella figura“ oder das Radfahren, Don Camillo und Peppone oder Padre Pio.
Immer wird Hintergründiges sichtbar. Manches desillusioniert auch: Ich wusste nicht, dass an der Piazza del Campo in Siena, einem der schönsten Plätze der Welt, viele Häuser ausländischen Investoren gehören – ebenso wie die Markenrechte am Familienbetrieb der „Pasticceria Nannini“. All das tut der Faszination keinen Abbruch, wirkt aber aufklärend.
Das Buch hat mich auch an Orte gelockt, die nicht überlaufen sind und die ich bisher nicht kannte. So in Rom zum von Donato Bramante entworfenen „Tempietto“, der dort erbaut wurde, wo Petrus gekreuzigt worden sein soll. Steinfeld nennt ihn „in seinen bescheidenen, überaus menschlichen Maßen eine perfekte Illusion dessen, was Schönheit ist“, ein „Versprechen des Glücks“ – und ich finde, er hat recht damit.
Auch wenn ich das Buch nicht von vorne bis hinten gelesen habe, ich kann es nur empfehlen. Und ich werde es sicher wieder zur Hand nehmen: wenn ich mal wieder Sehnsucht nach Italien habe oder bei der nächsten Reise.