Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Markus Weber über „Die zerbrechliche Zeit“

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit

Drei Generationen in einem Tal der Abruzzen sind mit einer Gewalttat verwoben, die 30 Jahre zurückliegt, auch die Nachgeborenen tragen daran. Niemand geht offen damit um. Dennoch, oder gerade deshalb, lastet die Gewalt auf allen in unterschiedlicher Weise: auf der jungen Studentin Amanda, auf ihrer Mutter und dem Großvater sowie den anderen Bewohnern des Tals.

Erst nach und nach stellt sich heraus, was geschehen ist und welche Rolle die Beteiligten spielen. Obwohl es untergründig immer um die erlittene Gewalt geht, wird diese nicht sensationsheischend dargestellt. So verschlossen wie die Menschen, aber auch sensibel und intensiv, habe ich die Sprache erlebt. Es geht langsam voran. In die Auseinandersetzungen mischen sich aktuelle Pläne eines Investors zum Grundstück der Familie am Dentro del Lupo, dem „Wolfszahn“. Die Interessen der Generationen treffen aufeinander.

Für mich war besonders die Darstellung der Beziehung zwischen Amanda und ihrer Mutter interessant. Wie wird mit den traditionellen Erwartungen umgegangen? Wie können die Frauen ihren eigenen Weg finden? Wie weit darf die Mutter sich in das Leben ihrer Tochter einmischen – gerade in der Sorge um deren Zukunft einerseits und deren Recht auf freie Entfaltung andererseits? Und bei aller Gewalterfahrung: Es bleibt letztlich die Frage, ob die Wunden heilen können.

Donatella di Pietrantonio wurde 2024 für ihren Roman mit dem Premio Strega, einem der höchsten italienischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Donatella di Pietrantonio: Die zerbrechliche Zeit. Roman, Verlag Antje Kunstmann 2024, 237 Seiten, ISBN 978-3956146213, 22,00 Euro.

Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Saša Stanišićs: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn

Pascal Mercier, Der Fluss der Zeit

Literatur im Doppelpack bekommt man mit „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“ von Stanišić und „Der Fluss der Zeit“ von Pascal Mercier. Beides Bände mit Erzählungen, beide sind großartig, sehr gegensätzlich und passen trotzdem zusammen, ich erlebte sie als Ergänzung zueinander.

Stanišićs Figuren, seine burschikose Sprache und seine skurrilen Handlungsideen erstaunen und gehen unter die Haut. Heiter desillusioniert und naiv zielgenau nimmt der deutsch-bosnische Ausnahmeschriftsteller uns mit in seine Jugend und in die unbeleuchteten Ecken der Gesellschaft. Anhand unwahrscheinlicher Zufälle und vielleicht möglichen Glücks, konnte ich als Leserin in fremde Leben schlüpfen.

Pascal Merciers Geschichten sind sanft und hüllen ein. Auch er beleuchtet durchaus die schwachen Stellen unseres Seins, die Momente, in denen wir es gut meinen, aber nicht wissen, wie zu Handeln ist. Situationen, die uns fragend dastehen lassen und wir unverhofft in die eigene Seele blicken. Dabei bleibt der vor drei Jahren gestorbene Schweizer Autor seinen philosophischen Ideen, wie man sie aus „Nachtzug nach Lissabon“ kennt und seinem eleganten, weich dahinfließenden Stil treu.

Saša Stanišićs: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“, Btb Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-442-77541-5, Preis: 14,00 Euro.

Pascal Mercier, „Der Fluss der Zeit“, Hanser Verlag, 112 Seiten, ISBN 978-3-446-28577-4, Preis: 22,00 Euro.


Donnerstag 30. Juni Die Schaltsekunde

Wem die Sekunde schlägt

Dieser Donnerstag, 30. Juni 2022, ist der 181 Tag des Jahres und bei Bedarf wird am letzten Juni-Tag eine Schaltsekunde eingefügt. Heute aber nicht, wir ticken noch richtig.

Wer jetzt meint, ich brächte da etwas mit Schalttagen durcheinander, irrt. Allerdings muss ich einräumen, dass ich von der Schaltsekunde heute bei den Recherchen zu unserem „bebücherten Kalenderblatt“ zum ersten Mal gehört habe. Es geht darum, dass die Erde sich minimal langsamer dreht, als sie per Definition sollte. So dauert ein Tag um Sekundenbruchteile länger als die 86.400 „Norm“-Sekunden.

Was harmlos klingt, aber man sollte die Sekunde nicht zu gering achten. Beispielsweise zeigt die Reihe „…in 30 Sekunden“, dass in wenig Zeit viel Wissen konsumiert werden kann. So bringt uns „Das Gehirn in 30 Sekunden“ laut Klappentext „die erstaunlichsten Theorien der Neurowissenschaften in 30 Sekunden“ näher. Und wenn da eine Sekunde fehlt…

Zurück zu den Schaltsekunden. Irgendwann hinken wir auf der trödelnden Erde eine satte Sekunde hinterher. Was natürlich gar nicht geht. Deshalb wird in manchen Jahren am 30. Juni eine Schaltsekunde in die koordinierte Weltzeit (UTC) eingefügt, um sie mit der auf der Erdrotation basierenden Weltzeit (UT1) möglichst synchron zu halten.

Genau dies geschah genau heute vor 50 Jahren (1972) zum ersten Mal: Eine Schaltsekunde wurde ans Tagesende angefügt, um die offizielle Zeit mit der mittleren Sonnenzeit zu synchronisieren. Und wer mehr darüber wissen will, liest „Die Erfindung der Zeit – Die Geschichte der Zeitmessung von der Antike bis heute“. Oder man nimmt es fatalistisch und greift gleich zu Hemingways „Wem die Stunde schlägt“.

Kein Weg vorbei führt für ein „bebücherten Kalenderblatt“ am 30. Juni 1936: An diesem Tag veröffentliche Margaret Mitchell ihren Roman „Vom Winde verweht“ (Gone With the Wind) um Scarlett O’Hara und Rhett Butler. Es wurde ein unfassbarer Welterfolg und zieht die Menschen bis heute in den Bann.

Bis heute wurden weltweit mehr als 30 Millionen Exemplare des Buches verkauft. Und die von David O. Selznick produzierte Verfilmung mit Clark Gable, Vivien Leigh (DVD), die drei Jahre später in die US-amerikanischen Kinos kam, wurde zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Margaret Mitchell wurde für „Vom Winde verweht“ 1937 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

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