Dienstag, 16. Mai: Im Prinzip ja

Die Grill-Frage und Alters-Humor

Der Vatertag steht an diesem Dienstag, 16. Mai 2023, vor der Tür und ich stehe vor einer weitreichenden Entscheidung: Angrillen? Bislang war es mir dafür immer noch zu frisch, aber ich handele nach dem Pfadfinder-Motto: Allzeit bereit!

Was auch insoweit passt, als in USA heute der National Barbecue Day (BBQ-Day) ansteht. Der Grill ist also geputzt und die entsprechende Fachliteratur im Bücherregal nach vorn gerückt. Mit der Bücherauswahl oute ich mich zwar als Mitglied der „weltumspannenden Weber-Grillfamilie“, aber sei’s drum. „Weber’s Grillbibel“, der Klassiker im Original, darf ebenso wenig fehlen wie der zweite Band. Und „Weber’s Veggie“ (eBook) bietet mehr als 60 vegetarische Grillrezepte aus aller Welt.

Weltberühmte Bücher erschienen heute vor 213 Jahren (1810):  „Die Tafeln zur Farbenlehre und deren Erklärungen“ waren einst dem eigentlichen Hauptwerk, Goethes zweibändiger Farbenlehre, als Sonderkonvolut beigegeben, faszinieren aber bis heute durch ihre bildnerische Strahlkraft.

Selbst an Witzen merke ich mittlerweile, wie alt ich geworden bin. Als ich las, dass heute vor 104 Jahren (1919) in Jerewan die Staatliche Universität gegründet wurde, musste ich sofort an die Radio-Eriwan-Witze denken. Deren Aufbau war immer gleich, Wikipedia liefert ein schönes Beispiel:

Anfrage an Sender Jerewan: Stimmt es, dass Iwan Iwanowitsch in der Lotterie ein rotes Auto gewonnen hat? –  Antwort: Im Prinzip ja. Aber es war nicht Iwan Iwanowitsch, sondern Pjotr Petrowitsch. Und es war kein rotes Auto, sondern ein blaues Fahrrad. Und er hat es nicht gewonnen, sondern es ist ihm gestohlen worden. Alles andere stimmt.

Die Bücher sind offenbar nur noch antiquarisch zu haben. Aber wozu gibt es den BÜCHER-HEIMAT-Suchservice. Wer in (vergangenen) Witze-Welten schwelgen will, dem kann geholfen werden.

Vor 70 Jahren (1953) standen Edmund Hillary und Tenzing Norgay auf dem höchsten Gipfel der Welt und wurden damit weltberühmt. Ich muss gestehen, dass mir der Name Junko Tabei nichts sagte. Die japanische Bergsteigerin erreicht 1975 als erste Frau den Gipfel des Mount Everest. In „Honouring High Places: The Mountain Life of Junko Tabei“ wird so den „hohen Plätzen“ vor allem eine außergewöhnliche Frau geehrt.

Um so mehr sagte mir der Name Tucker Carlson. Der US-Fernsehmoderator startete als Liberaler und endete als Prediger rechtsextreme Positionen, bis ihn Fox News Channel feuerte. Falschinformationen zur Präsidentschaftswahl 2020 kosteten den Sender hunderte Millionen Dollar. Vielleicht hätten die Bosse vorher „Fake Facts“ lesen sollen, um zu erkennen, „wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“.

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Markus Weber über „Transatlantik“

Markus Weber über „Transatlantik“

Volker Kutscher:

Transatlantik

Die erfolgreiche Serie der Kriminalromane über den Berliner Kommissar Gereon Rath von Volker Kutscher ist mittlerweile beim neunten Band angekommen. Die ersten Bände sind erfolgreich verfilmt worden unter dem Titel „Babylon Berlin“. Mir gefallen die Bücher deutlich besser als die Verfilmungen, die zu sehr auf Effekte setzen.

Nachdem die ersten Romane historisch am Ende der Weimarer Republik angesiedelt waren, sind wir inzwischen im Jahr 1937 angekommen. Gereons Frau Charly nimmt nun mit ihren Aktivitäten einen ebenso bedeutenden Raum ein wie Gereon, der nach seinem fingierten Tod in Wiesbaden untergetaucht ist. Charly arbeitet nach dem politisch bedingten Ausscheiden aus dem Kriminaldienst in einer Detektei und kämpft nicht nur um ihren Pflegesohn Fritz, sondern bald auch um ihr eigenes Leben. Nicht umsonst heißt die Folge „Transatlantik“, spielt ein Teil der Handlung doch im kriminellen Untergrund New Yorks. So ergeben sich vielfältige Verwicklungen und Überraschungen, die immer wieder für Spannung sorgen und gleichzeitig Einblicke in das Milieu Mitte der 1930er Jahre bieten.

Auch wenn Handlungsstränge der vorhergehenden Romane aufgegriffen und fortgeführt werden, kann man als Leser*in auch im neunten Band in die Reihe einsteigen. Doch kann ich ebenso empfehlen, mit dem ersten Band „Der nasse Fisch“ zu beginnen. Für gute und spannende Unterhaltung vor dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Ereignisse des 20. Jahrhunderts ist in jedem Fall gesorgt.

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Volker Kutscher: Transatlantik. Der neunte Rath-Roman, Piper Verlag 2022, 587 Seiten, ISBN 978-3492071772, 26,00 Euro

Für Einsteiger in die Welt des Kommissars Gereon Rath:

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. Der erste Rath-Roman, Piper Verlag 2020, 540 Seiten, ISBN 3492315941, 14,00 Euro

Markus Weber zu „Über Israel reden“

Markus Weber zu „Über Israel reden“

Meron Mendel:

Über Israel reden

Meron Mendel, Leiter der Anne-Frank-Bildungsstätte in Frankfurt und Professor für Soziale Arbeit, hat ein Buch zur richtigen Zeit geschrieben. Am 14. Mai steht nicht nur der 75. Gründungstag Israels vor der Tür. Aktuell steht Israel ja auch im Blickpunkt wegen seiner Regierung, die unter Beteiligung rechtsradikaler Kräfte rechtsstaatlich und demokratisch fragwürdige Reformen anstrebt, der eine breite Opposition und anhaltende Demonstrationen entgegen stehen. Auch die Angst vor einer Eskalation der Gewalt zwischen Palästinensern und Israel treibt viele Menschen um. So ist das sachliche und differenzierte, dennoch klar Stellung beziehende Buch von Meron Mendel „Über Israel reden“ ein Beitrag, der die Debatten in Deutschland hoffentlich bereichert.

Mendel schreibt nicht wissenschaftlich distanziert, sondern in einer ersten Annäherung beschreibt er seine eigene Betroffenheit als „Israeli, der inzwischen auch Deutscher ist“ und seit mehr als 20 Jahren hier lebt. Während seines Militärdienstes in Israel und in den besetzten Gebieten nahm er sehr deutlich wahr, dass nicht nur Israel ein nicht zu bestreitendes Existenzrecht hat, sondern auch die Palästinenser schutzbedürftig sind, etwa gegenüber radikal-nationalistischen Siedlern. Niemals jedoch darf Kritik an der Besatzungspolitik oder die notwendige Ablehnung der Beteiligung Rechtsextremer an der gegenwärtigen Regierung zum Deckmäntelchen für Antisemitismus oder die Forderung nach einem „Schlussstrich“ unter die deutsche Geschichte werden. Da lässt Mendel sich weder von rechts noch von links vereinnahmen.

Meron Mendel möchte Räume für einen echten Dialog jenseits von Vorurteilen oder ideologischen Schranken und entgegen verfestigter politischer Lager schaffen. Dazu betrachtet er in mehreren Durchgängen die Probleme deutscher Gespräche über Israel – von der interessegeleiteten Israelpolitik der bundesrepublikanischen Regierungen, über die Auseinandersetzungen mit der BDS-Bewegung, die Israel boykottieren will, und linke Debatten und Solidaritätskampagnen für Palästina bis hin zu Fragen der Erinnerungskultur. Mit klarem Blick entlarvt Mendel Verzerrungen, die ein sachliches Gespräch verhindern.

Ich habe das Buch mit Gewinn gelesen, auch wenn ich nicht allen Wertungen zustimme (mich auch über einen sachlichen, aber für die Grundaussage unerheblichen Fehler geärgert habe) und manche Aussagen – etwa zur Erinnerungskultur – sehr zugespitzt finde. Dem Rezensenten in der Süddeutschen Zeitung kann ich voll und ganz zustimmen: Für Ronen Steinke ist das Buch ein „in großer geistiger Unabhängigkeit geschriebenes Essay eines Autors, der an billigem Applaus und muffigem Zugehörigkeitsgefühl offenbar so fantastisch desinteressiert ist, wie es auf diesem Gebiet leider sehr, sehr selten geworden ist.“

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Meron Mendel: Über Israel reden. Eine deutsche Debatte, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2023, 224 Seiten, ISBN 978-3462003512, Preis: 22,00 Euro.

Markus Weber über „Jerusalem Ecke Berlin“

Markus Weber über „Jerusalem Ecke Berlin“

Tom Segev:

Jerusalem Ecke Berlin

Tom Segev, einer der bekanntesten israelischen Journalisten und Historiker, 1945 drei Jahre vor Gründung des Staates Israel in Jerusalem geboren, erzählt Geschichten seines Lebens. Es ist wohltuend, dass er nicht mit großer Geste ewige Wahrheiten verkündet oder sich selbst ein Denkmal setzen will, wie das manche bedeutende Persönlichkeiten in ihren Memoiren tun. Sondern Segev teilt Erinnerungen an Begegnungen mit Menschen, die sein Leben geprägt haben. Nebenbei erfährt man vieles über die Geschichte Israels, an der er als aufmerksamer und sensibler Beobachter teilgenommen hat.

Prägend für Segevs Biografie ist die Einwanderungsgeschichte seiner Eltern, beide Bauhausschüler, die vor den Nazis nach Palästina flohen, weil sie keine Alternative hatten. Der Vater stirbt schon 1948. Die Mutter, Nichtjüdin, bleibt trotz anderen Ideen ihr Leben lang in Israel wohnen, „fremdelt“ aber mit Land und Sprache. Es ist interessant zu sehen, wie Segev die Erinnerungen seiner Mutter, aber auch seine eigenen Erinnerungen immer wieder infrage stellt und auch die bleibenden Zweifel an der Darstellung des Todes seines Vaters als Held im Unabhängigkeitskrieg offen benennt. Seine Haltung gegenüber den Palästinensern wird durch einen Freund der Familie, den Journalisten David Stern, beeinflusst. Der geht mit dem vierjährigen Tom an der Teilungsgrenze in Jerusalem entlang: „Diese Grenze ist keine Linie, die zwischen guten Menschen und bösen Menschen trennt. Auch auf der anderen Seite gibt es gute Menschen.“ Diese zutiefst humane Einstellung durchzieht die Erinnerungen, egal welchen Menschen er begegnet.

Und es sind viele Menschen, denen Segev begegnet. Darunter sind zahlreiche internationale Prominente, Regierungschefs und Minister, Wissenschaftler, auch NS-Täter. Mindestens so viel Raum nehmen aber die Begegnungen mit einfachen Menschen ein, etwa einem drogensüchtigen Palästinenser, der immer wieder in Schwierigkeiten gerät und es versteht, Segev für sich einzunehmen.

Anrührend ist auch die Familiengeschichte am Ende des Buches: Eigentlich ist Segev nur als Journalist mit einer Delegation nach Äthiopien gereist, um über die Ausreise bedrohter äthiopischer Juden zu berichten. Dabei lernt er den Jungen Itayu kennen, woraus sich letztlich eine Vater-Sohn-Beziehung entwickelt. So wird der unverheiratete und kinderlose Segev doch noch Vater und Opa.

Der letzte Satz des Buches, den der viellesende Enkel Ben unvermittelt spricht, sei hier verraten, ohne zu spoilern: „Opa, weißt du, ich habe Worte furchtbar gern.“ – „Ich auch“, stimmt Opa Tom zu. Wohl im Sinne aller Freund*innen der Bücher-Heimat.

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Tom Segev: Jerusalem Ecke Berlin. Erinnerungen, Siedler Verlag 2022, 411 Seiten, ISBN 9783827501523, 32,00 Euro.

Christine Weber über „Europa – wo bist Du?

Christine Weber über „Europa – wo bist Du?

Alex Rühle:

Europa – wo bist du?

Alex Rühle unternimmt eine interessante Reise mit Bahn und Bus durch Europa abseits der Metropolen. Zu Gast ist er bei Menschen, die sich für die Belange ihrer nächsten Umgebung engagieren, aber auch das große Ganze im Blick haben.

Alex Rühle beschreibt in sehr schöner Sprache die Landschaft und die Situationen der Menschen, denen er begegnet. Ich erfahre vieles, was mir vorher nicht bekannt und bewusst war. Dinge, die mich neugierig, erstaunt, manchmal auch erschreckt und entsetzt zurücklassen.

Die Karte der Route, die Rühle nimmt, ist im Umschlag abgedruckt, sodass man seine Reise gut verfolgen und sich vergewissern kann, wo er sich gerade befindet. Verglichen mit anderen Kontinenten ist Europa zwar ziemlich klein, aber die Beschreibungen des Autors machen die unglaubliche Vielfalt deutlich. Rühle ist Autor im Kulturressort der Süddeutschen Zeitung und so mit vielen Fragen an die Menschen in den unterschiedlichen Ländern unterwegs: Was verbindet uns? Was bedeutet Europa für den Einzelnen?

Seine Kontakte spielen sich oft abseits der großen Politik und nicht in den Metropolen ab. So lautet sein Fazit: „Das Wichtigste an dieser Reise waren die Begegnungen. All die Menschen, die genau dort, wo sie gerade stehen, versuchen etwas zum Guten zu wenden.“

Eine Empfehlung für alle, die europainteressiert sind und sich abseits der großen Politik für die Menschen interessieren.

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Alex Rühle: „Europa – wo bist du? Unterwegs in einem aufgewühlten Kontinent“, dtv, 416 Seiten, ISBN 978-3423283168, Preis: 25,00 Euro.


Markus Weber über „Der erste Zug nach Berlin“

Markus Weber über „Der erste Zug nach Berlin“

Gabriele Tergit:

Der erste Zug nach Berlin

„Als das Flugzeug sich in Bewegung setzte und ich den guten alten friedlichen Kontinent verließ, um ins wilde, unkultivierte Europa zu fahren, da war mir doch sehr anders…“ Mit dieser Einstellung bricht die junge US-Amerikanerin Maud aus der High Society nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Kommission nach Deutschland auf.

Gabriele Tergit beschreibt die Erkundung Deutschlands in ihrem Roman sprachlich leichtfüßig, aber mit einem scharfen Blick für die historische Wirklichkeit noch vor der Gründung der beiden deutschen Staaten. Gerade die Naivität ihrer Protagonistin, aber auch deren Abenteuerlust und offene Augen, entlarven die Sichtweisen sowohl der Sieger als auch der Besiegten.

So werden die Gegensätze zwischen dem Reichtum weniger und dem Elend der Massen ebenso deutlich wie der Wiederaufstieg ehemaliger Nazis und der Profiteure der Nazi-Herrschaft. Letztlich wird ein sehr skeptisches Bild der deutschen Nachkriegsgesellschaft gezeichnet, in dem nationalistisches, rassistisches und antisemitisches Denken unausrottbar zu sein scheint.

Der einzige deutsche Journalist, dem Maud begegnet und der wegen seiner Widerständigkeit viele Jahre im KZ verbrachte, lebt und stirbt in menschenunwürdigen Verhältnissen. Dabei kommt der Text nicht bitter daher, sondern in einer gekonnten „Mischung aus Satire, schwarzem Humor und aufgeregten, oft heftigen Gesprächen“, wie Nicole Henneberg in ihrem erläuternden Nachwort schreibt.

Ein auffälliges Stilmittel des Romans ist, dass in den Dialogen einzelne Wörter, Sätze oder kleinere Absätze auf Englisch geschrieben sind, so wie es im Originalmanuskript der Autorin vorgesehen ist. So wird die Fremdheit der Erkundungskommission verdeutlicht, zudem spiegelt sich die Wirklichkeit der im Exil lebenden Deutschen, zu denen Gabriele Tergit ja seit 1933 gehörte. Im Anhang kann man bei Bedarf die deutsche Übersetzung nachlesen.

Die Romane der Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Tergit (1894 – 1984) sind immer wieder neu entdeckt und aufgelegt worden. Völlig zu Recht, wie auch dieses Buch beweist.

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Gabriele Tergit: „Der erste Zug nach Berlin“, Roman, Verlag Schöffling & Co, 208 Seiten, ISBN 978-3895614750, Preis: 22,00 Euro.

Vortrag von Luca Weber (Fotoweberei)

„Fotografie als Outdoor-Erlebnis“

Mit seinem Vortrag „Fotografie als Outdoor-Erlebnis“ ist Luca Weber (Fotoweberei) am 31. August zu Gast in der Bücher-Heimat Bad Harzburg. Als Landschaftsfotograf ist man zu ungewöhnlichen Uhrzeiten und bei jedem Wetter unterwegs. Dabei erlebt man viel und stößt auch hin und wieder an seine Grenzen. Luca Weber erzählt aus dem Leben eines Landschaftsfotografen und über seine Herangehensweise an das perfekte Foto. Zahlreiche faszinierende Fotos umrahmen den Vortrag. Zudem bietet Luca Weber an, Feedback zu den Fotos der Zuhörerinnen und Zuhörer zu geben. Wer darin interessiert ist, sollte sein Foto bis zum 20. August per Mail an fotoweberei@web.de senden. Die Fotos werden in den Vortrag eingebaut.

Donnerstag, 31. August 2023, 19.00 Uhr, BÜCHER-HEIMAT
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Anmeldung in der BÜCHER-HEIMAT,
Telefon  (05322) 9059599 | Mail: info@die-buecherheimat.de

Dienstag, 28. Februar: Die Zahnfee und ihr Helfer

Die finnische Hauptstadt Helsinki. Foto: Pixabay

Ein Gruß geht nach Finnland

„Hyvää päivää“ (Guten Tag) wünschen wir an diesem Dienstag, 28. Februar 2023, besonders den Finnen. In dem skandinavischen Land steht heute der „Tag des Kalevala und der finnischen Kultur“ an (Kalevalan ja suomalaisen kulttuurin päivä).

Das „Kalevala“ ist das von Elias Lönnrot heute vor 188 Jahren (1835) veröffentlichte und auf der Grundlage von mündlich überlieferter finnischer Mythologie zusammengestellte Nationalepos. Eine deutsche Nacherzählung „Kalevala“ der „Sage aus dem Norden“ gibt es aber natürlich auch.

Und es gibt weitere große Werke, die an diesem Datum an den Start gingen: Die Uraufführung des Dramas „Ein treuer Diener seines Herrn“ von Franz Grillparzer ging vor 195 Jahren (1828) über die Bühne. Kaiser Franz I. wollte das Stück sogar kaufen – allerdings nicht als Fan, sondern um weitere Aufführungen und Nachdrucke zu verhindern.

Mit einer „Vorstadtlegende in sieben Bildern und einem szenischen Prolog“ landete heute vor 110 Jahren Ferenc Molnár einen Welterfolg. Dabei war das Theaterstück „Liliom“ vor der Wiener Aufführung unter Regisseur Alfred Polgar in Budapest von Presse und Publikum verrissen worden.

Noch zwei Geburtstage, der erste mit direktem Bad-Harzburg-Bezug – wenngleich der am 28. Februar 1862 geborene Rudolf Huch in der Kurstadt lediglich verstarb. Der Jurist, Essayist und Autor vornehmlich satirischer Romane wie „Junker Ottos Romfahrt“ steht wegen starker antisemitischer Tendenzen heute in der Kritik.

Allerdings, so Wikipedia, sei „Huch annähernd vergessen. In Bad Harzburg ist eine Straße nach ihm benannt“ – worüber man, wie gerade erst zu erleben war, trefflich streiten kann. Der Bad Harzburger Historiker Markus Weber hat eine aufschlussreiche Schrift über Huch veröffentlicht, die in der BÜCHER-HEIMAT erhältlich ist.

Seinen 70. Geburtstag (1953) feiert heute mit Paul Krugman einer der bekanntesten Ökonomen, der auch als Schriftsteller für Furore sorgt. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger erklärt in „Kampf den Zombies“, warum „manche Ideen aus Politik und Wirtschaft nicht totzukriegen sind“. Das Buch basiert auf Krugmans New York Times-Kolumnen und fordert „eine Versachlichung politischer Debatten und eine Konzentration auf Fakten statt Mythen“.

Und dann ist heute noch der „Tag der Zahnfee“. Die hatte bei uns mit drei Kindern so gut zu tun, dass sie mir wegen des Stresses schon leid tat.  Erst jetzt lese ich, dass sie gar nicht allein unterwegs war: „Zahnmaus und Zahnfee“ – wieder was dazugelernt…

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Markus Weber über „Ombra“

Markus Weber über „Ombra“

Hanns-Josef Ortheil: Ombra

„Das zweite Leben ist eine komplett neue Erfahrung,“ so heißt es in einem neuen Buch von Hanns-Josef Ortheil. Viele seiner Bücher sind autobiografisch gefärbt. „Ombra“ (= Schatten) lässt den Leser noch direkter am Leben des Autors und seinem Kampf, wieder zurück ins Leben zu kommen, teilhaben.

Nach einer schweren Herzoperation, nach der er längere Zeit zwischen Tod und Leben schwebte, ist vieles infrage gestellt. Auch weil er grundlegende Fähigkeiten, die sein Leben bisher ausgemacht haben – wie das Schreiben und das Klavierspielen – verloren hat.

So zwingt ihn diese Situation, genau hinzuschauen: auf Kindheitstraumata, auf seinen Körper, insgesamt auf bisher Verdrängtes oder nur unzureichend Wahrgenommenes. Dabei helfen ihm die körperlichen Übungen in der Rehaklinik ebenso wie intensive Gespräche mit der Psychologin oder einem alten Freund ebenso wie Erkundungen der Orte seiner Kindheit.

Als Leser ist man dabei, auch bei den kontroversen Gesprächen Ortheils mit seinen verstorbenen Eltern und Sigmund Freud, die nicht esoterisch wirken, sondern sich organisch einfügen. So werden seine „Lebensgeister“ aktiviert.

Ich fand diese Suche nach dem, was im eigenen Leben wichtig ist, intensiv und anregend. „Vergiss aber nicht, das zweite Leben auch wirklich zu leben,“ schreibt Ortheil für sich selbst. Für mich als Leser bleibt: Auch das erste Leben will bewusst gelebt werden.

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Hanns-Josef Ortheil: Ombra. Roman einer Wiedergeburt, btb Taschenbuch 2022, 297 Seiten, ISBN 978-3442772698, Preis: 14,00 Euro

Markus Weber über „Nachtlichter“

Markus Weber über „Nachtlichter“

Amy Liptrot:

Nachtlichter

In „Nachtlichter“ verbinden sich wunderbare Naturbeschreibungen der vor Schottland gelegenen Orkney-Inseln mit dem Ringen der Autorin um die Befreiung von ihrer Alkoholsucht. Mit 18 Jahren wollte Amy Liptrot der Inselwelt entfliehen und suchte im Großstadtleben Londons neue Erfahrungen und Freiheit. Sie fühlte sich wild und lebendig.

Doch schließlich landete sie mit etwa 30 Jahren in Arbeitslosigkeit, wurde verlassen von ihrem Freund. Alle Versuche, mit Alkoholexzessen ihrem Jammer und ihren Ängsten zu entkommen, scheiterten. Nach einer überstandenen Entziehungskur kehrt sie für einige Zeit zurück auf die Orkneys. Im Erkunden der Inseln, der Tier-, vor allem der Vogelwelt, der Geologie, des nächtlichen Himmels und des Meeres, erkennt Amy sich selbst Stück für Stück neu.

Es bleibt jedoch immer ein Ringen mit der Sucht. „Seit ich trocken wurde, fühle ich mich mitunter überrascht und beglückt vom ganz normalen Leben. … Das Leben kann größer und reicher sein, als ich gedacht habe.“

Das Schöne an Büchern ist ja auch, dass man in fremde und faszinierende Welten eintauchen und diese gemeinsam mit den Autoren entdecken kann. Zur Erkundung der Orte kann man dorthin fahren, man muss es aber nicht unbedingt, sondern man kann den kalten Wind der Orkneys auch im warmen Zuhause spüren. Wunderbar.

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Amy Liptrot: Nachtlichter, btb Verlag 2019, 352 Seiten, ISBN 978-3442718412, Preis: 10,00 Euro