Sy Montgomery: Einfach Mensch sein – Von Tieren lernen
Die in Frankfurt am Main geborene und heute mit Ehemann in New Hampshire lebende Autorin liebt und schätzt Tiere, egal ob groß oder klein, ob zwei, vier, sechs, noch mehr oder keine Beine. Federn, Fell, Schuppen, Haut, Sy Montgomery hat keine Berührungsängste.
Sie sieht die wunderbare und beeindruckende Fauna unseres Planeten mit den Augen einer staunenden, wertschätzenden Schülerin, die von den Fähigkeiten unserer tierischen Erdenmitbewohnern lernen möchte, was möglich ist.
Ihr Buch „Einfach Mensch sein – Von Tieren Lernen“ bringt uns allen vielleicht Lebewesen näher, von denen wir es nicht gedacht hätten. Sie erzählt von den zahlreichen Tieren, die auf ihrem Grundstück und in ihrem Haus leben ebenso, wie von den Reisen als Naturjournalistin zu exotischen Orten und deren Bewohnern.
Eine literarisch reizvolle, spannende und erstaunliche Geschichte mit unvorhergesehenen Wendungen und vielen kleinen Details rechts und links des Erzählstrangs. Diese zunächst beiläufigen und später doch wichtigen Besonderheiten sind es, die die Geschichte zu einem für Heinrich Steinfest typischen leicht surreal anmutenden Kunststück machen.
Einer Schnitzeljagd gleich schickt er seine Protagonistin Klara Ingold auf die Spur ihrer Großmutter, die irgendwann Ende der Fünfziger Jahre von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Hinterlassen hat sie nur ein paar außergewöhnliche und in höchstem Maße rätselhafte Fotografien, mit denen die kunstbesessene Klara sich nun auf die Suche nach der verschwundenen Frau macht, von der sie nicht einmal weiß, ob diese noch am Leben ist.
Hinweis für Hinweis folgend, führt die Suche Klara durch Kunstmuseen, in große Städte wie Wien und Tokyo, in kleine Dörfer Japans und auf rätselhaft Inseln. Entlang berühmter Gemälde wie „Der große Wald“ von Jacob van Ruisdael oder der „Bauernhochzeit“ Pieter Bruegels des Älteren hangelt sich Klara zusammen mit einigen Menschen, die vielleicht zufällig, vielleicht vom Schicksal gewollt, ihren Weg kreuzen, näher und näher an eine Frau heran, die nicht nur ihre Großmutter, sondern auch ein Mensch zu sein scheint, auf dessen Spur gefährliche Mächte seit Jahren sind.
Hat Klara wie eine Magierin, nur ohne es zu ahnen, eine Maschinerie ins Laufen gebracht, deren Rädchen schon stillgestanden hatten? Es scheint so, denn auf einmal fügt sich eins ins andere und aufreizend langsam, ruhig und charmant treibt der Autor seine Figuren einem Showdown entgegen der, wie für Steinfest üblich, in seiner logischen Konsequenz überrascht.
Wenn ich meine Begeisterung über „Für Polina“ hier komplett ausbreiten sollte, würde es eine Extra-Website erfordern, ich fasse mich also kurz.
Es geht um hingebungsvolle Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn, eines Mädchens zu einem Jungen, eines Jungen zur Musik und eines alten Mannes zu allen zusammen. Es geht darum, dieser Liebe und der persönlichen Leidenschaft zu folgen, ohne die jeweils anderen Beteiligten zu verlieren. Es geht darum rechtzeitig und wann immer es möglich ist denen, die man liebt, zu sagen, dass man sie liebt und es geht darum, zu tun was man leidenschaftlich möchte und gut kann. Denn jeder Mensch kann jederzeit weg sein, jede Möglichkeit das Glück zu ergreifen verschwinden und dann erkennt man zu spät, was verloren ist.
So geht es Hannes Prager in Takis Würgers Roman. Er liebt seine Mutter und Polina, seine Freundin aus Kindertagen und er liebt die Musik, aus der sein ganzes Sein besteht. Als sich auf einmal alles verändert, versteht Hannes nicht, wie geschehen konnte was geschah und wie schnell das Glück endete, ohne, dass er etwas falsch gemacht hätte. Das Schicksal hat die Weiche anders gestellt, als er das in seinem kindlichen Selbstverständnis geahnt hatte. Aus Angst, was weiter geschehen könnte, wagt er als Erwachsener weder seiner Liebe noch seiner Berufung zu folgen, bis das Schicksal erneut einschreitet.
Vergessen werden, das wollen einige Bewohner des Dorfes Nincshof im gleichnamigen Roman von Johanna Sebauer, denn sie wollen ihre Ruhe. Das fiktive Örtchen im Burgenland an der Österreichisch-Ungarischen Grenze soll einst gänzlich unbekannt gewesen sein, lag verborgen im Schilf in einem Sumpf und niemand verirrte sich je dorthin. Die Bewohner konnten tun und lassen, was sie wollten.
So jedenfalls lautet die Legende, die sich um den Flecken rankt. Sollte es je so gewesen sein, ist das lange her. Inzwischen ist Nincshof beliebt bei Radtouristen und Stadtmenschen, die es aufs Land zieht. Sogar einen eigenen Bürgermeister, eine Partnergemeinde in den Niederlanden und einen Züchter für seltene Irrziegen hat man inzwischen.
Doch es gibt einige Nincshofer, die gerne wieder in Vergessenheit geraten würden. Nur wie stellt man das an? Wie schafft man es, dass die Welt denkt, es gäbe einen nicht, hätte einen nie gegeben, wo man doch heute alles im Internet recherchieren kann? So finden sich also im Geheimen drei Herren zusammen, nennen sich Oblivisten, was einfach professioneller klingt als „Vergesser“, und tun ihr Möglichstes, dass niemand mehr nach Nincshof findet.
Ganz gegen dieses Bestreben und wie zum Trotz hat sich gerade eine Filmemacherin im Dorf angesiedelt und interessiert sich nun ausgerechnet für die alten Geschichten von Erna Rohdiebl, eine alte Dame, deren Vorfahrinnen und Vorfahren schon immer hier gelebt haben. Die gerät damit, ohne es zunächst zu wissen und somit unfreiwillig, in eine Verschwörung und dann zwischen die Fronten. Dabei wollte sie doch nur nachts heimlich im neuen Pool der Nachbarin baden.
Rituale, Traditionen und das Wissen darum, was man darf und was nicht (warum auch immer), geben Sicherheit und zeigen, wo man steht. So ist das auch im schleswig-holsteinischen Fehrdorf und den Menschen dort. Natürlich hat Autorin Martina Behm den Ort ihres Buches „Hier draußen“ erfunden, aber es könnte ihn genauso geben.
Ein Örtchen ohne Supermarkt oder eine Kirche, nur ein Dörpshus. Ich hab es vor mir gesehen, bin beim Lesen selbst Teil der Gemeinschaft gewesen, denn auch die Protagonisten sind wie aus dem Leben gegriffen. Es gibt glückliche und weniger glückliche Bauerslüt, es gibt die Alten in den Altenteilen und ein paar Zugezogene aus der Stadt in einem Resthof.
Es gibt die Vorzeigelandfrau, die sich irgendwie auch noch selbst verwirklicht und es gibt die Bauerstochter, die ihre Aussteuer in Form von Tischwäsche bekam, während der Bruder Haus und Hof erbte. Es gibt ein paar Althippies und den ewigen Junggesellen.
Natürlich gibt es irgendwie eine „Hackordnung“ an die man sich zu halten hat, Stühle, auf die sich nur bestimmte Leute setzen sozusagen und dazu ein bisschen Aberglaube, der das Dorfgefüge zusammenhält. Alles ist gut, bis Ingo ein weißes Stück Rehwild überfährt.
Unglück hängt nun in der Luft, nur noch ein Jahr zu leben hätte er, sagt man in Fehrdorf. Diese Aussicht verändert auf einmal alles, nicht nur bei Ingo, der sich fragt, ob sein Leben wirklich nur aus Arbeit bestehen soll, sondern auch bei Tove, die sich eingestehen muss, dass sie schon lange unglücklich ist. Plötzlich scheinen alle die Plätze zu tauschen und neue Sichtweisen ergeben sich.
Ein dichter atmosphärischer Dorfroman mit Realidylle.
Paul Scraton: Harzwanderungen – Auf Heines Spuren durch den deutschen Wald
Schon Goethe, Andersen, Heine und andere Dichter und Denker bewegten sich für den Schaffensprozess. Sie veränderten Standorte und damit manchmal Standpunkte, genossen Ausblicke und bekamen Einblicke. Mit seiner Wanderung auf Heinrich Heines Spuren durch den Harz hat mich der in Lancashire im Nordwesten Englands geborene und inzwischen in Berlin lebende Autor Paul Scraton beeindruckt.
Inspiriert durch das 1826 erschienen Buch „Die Harzreise“, machte sich Scraton fast 200 Jahre nach Heinrich Heine auf den Weg, diese nachzugehen. Nun ist das per se erst einmal keine neue Idee, das haben schon einige Menschen gemacht und auch darüber geschrieben. Als Engländer aber bereist der Autor nicht nur einen unbekannten Teil seiner Wahlheimat, sondern betrachtet sowohl die Orte, die Harzer und die Natur als auch Heinrich Heine selbst mit den Augen eines Menschen aus einem anderen Land.
Auf seiner Route von Göttingen über Northeim, Osterode, hinauf zum Brocken und ganz zum Ende bis nach Weimar nimmt uns der Autor immer wieder mit in die Geschichte, verdeutlicht uns Heines Weltsicht, seine Toleranz, seinen Individualismus und den tiefen Eindruck, den er bei Dichtern wie Alexandre Dumas hinterlassen hatte. Mit Genuss und angenehmen Staunen trifft Paul Scraton auf Geister der Vergangenheit und auf Spuren seiner Landsleute, die wie Samuel Taylor Coleridge ebenfalls einst den Harz besuchten.
Diesen leisen, tiefen Genuss, die der Seele angepasste Geschwindigkeit des Reisens und die Sehnsucht und Lust am Gehen auf alten Pfaden, hat sich beim Lesen auf mich übertragen.
Torsten Körner: Wir waren Heldinnen – Wie Frauen den Fußball eroberten
Torsten Körner ist in seinem neuen Buch „Wir waren Heldinnen – Wie Frauen den Fußball eroberten“ den Damen des deutschen Fußballs auf der Spur. Aus vielen Blickwinkeln hinterfragt er, warum die Männer, und hier vor allem der Deutsche Fußballbund, das Revier auf dem Rasen so vehement gegen die Frauen verteidigten.
Es ist schon beachtlich, unglaublich und in Teilen im höchsten Maße fragwürdig, was da gelaufen ist. Die Alte Riege im DFB hat doch tatsächlich geglaubt, wenn man nur alle Vereine, Trainer und Schiedsrichter genügend unter Druck setzte, könne man fußballbegeisterten Mädchen und Frauen das Spielen, zumindest außerhalb von Hinterhöfen und Kuhwiesen verwehren.
Tja, hat nicht geklappt! Denn eben von dort, von privaten Wiesen, Plätzen und von der Straße gelang der Vormarsch. Es gibt zum Glück Frauen wie Christa Kleinhans und Marlis Marohn, die sich nicht aufhalten ließen, Städte wie Dortmund und München, die sich aus Schmähbriefen des DFB nichts machten und Männer wie Josef Floritz, die sich vehement für die Damenmannschaften einsetzten.
Dieses Buch ist nicht nur sporthistorisch interessant und absolut fesselnd, es klärt noch einen anderen wichtigen Aspekt, nämlich den emanzipatorischen, daher liegt es mir als Frau sehr am Herzen.
Die Frauen in Rabea Edels Buch „Portrait meiner Mutter mit Geistern“ haben mich tief bewegt. Über vier Generationen spannt sich dieser mutige und außergewöhnlich konstruierte Roman, in dem sich die Blickwinkel immer wieder ändern und die Frauen mal aktiv mal passiv ihre Sicht der Dinge erzählen.
Sie blicken auf die Geschichte, das Schicksal und die Männer, die sie geliebt, die Männer, die sie geheiratet und die Männer, die verschwanden, zurück. Da ist lange keine Zeit für Träume, kein Raum für eigene Wünsche und Vernunft geht immer vor Liebe.
Dann wird 1945 Martha geboren und durchbricht als erste einen bis dahin vorgegebenen Kreislauf. Mit ihrer Tochter Raisa zieht sie allein durch die Welt, wilde Wanderjahre, Glück und Familie für zwei. Nicht mehr, nicht weniger.
Für Raisa gibt es nur das. Dann kommen die Schuljahre, Raisa lernt, dass da mehr sein muss. Was ist mit dem Rest der Familie? Häppchenweise, in Briefen, die sie heimlich in die Ritzen der Gartenmauer schiebt, erzählt Martha, was geschehen ist.
In eben solchen Häppchen erfahren auch die Leserinnen und Leser die Zusammenhänge. Wie ein Mantra hat sich Martha all die Jahre vorgesagt, dass nichts immer wieder geschehe, dass die Zeit kein Kreis sei.
Aber oft hat sie Angst vor der Geschichte, unterdrückt den Drang, die Koffer zu packen und erneut zu verschwinden. Doch für Raisa muss sie jetzt reden, von Familie, von richtig und falsch, von Liebe und Enttäuschung und von Geistern, die nur Möglichkeiten sind, die wiederkommen, wenn man sie lässt.
Karsten Dusse: Achtsam morden – Das Übungsbuch nach der Joschka-Breitner-Methode
Ziemlich geschickt der Herr Dusse. Nicht nur, dass er mit seinen Romanen um Rechtsanwalt Björn Diemel überaus erfolgreich ist, er hat auch den fiktiven Achtsamkeitscoach aus den Büchern irgendwie zum Autor gemacht.
Frei nach seinem Motto „lieber erfundene Experten mit echten Ratschlägen, als echte Experten mit erfundenen Ratschlägen“, hat Karsten Dusse all die Achtsamkeitsübungen, die seinen Protagonisten Diemel unkonventionell, aber sehr erfolgreich durch prekäre Situationen leiten, in einem Mitmach-Buch zusammengestellt. Das mag Ihnen vielleicht zunächst nicht ernsthaft vorkommen, aber muss es das?
Mir fallen Dinge sehr viel leichter, wenn sie mir Spaß machen. Arbeiten, Sport, die innere Mitte finden. Oder Aufräumen, das ist viel schöner, wenn ich dabei spannende Dinge finde. Achtsamkeit ist ja so eine Art Aufräumen der Seele, das kann anstrengend werden, warum also nicht das Ganze mit Humor angehen?
Sich selbst wiederfinden und Spaß dabei haben ist die Devise des Übungsbuches frei nach dem nichtexistenten Coach Joschka Breitner. Sollten Sie noch Teile Ihrer selbst, Ihres freien Willens oder Ihres Humors vermissen, könnten Sie sich einfach bei Herrn Dusse und Herrn Breitner einklinken und bei dem Spaß mitmachen.
Äußerlich kommt das Buch wie ein Mix aus James Bond und einem späten Hitchcock daher, inhaltlich irgendwie zwischen Quentin Tarantino und Agatha Christie, aber das allein würde dem Buch nicht gerecht. Mit den Figuren Amy Wheeler, ihrem kauzigen Altrocker-Schwiegervater Steve und der etwas schrillen Starautorin Rosie D`Antonio hat Richard Osman ein besonderes Kriminal-Universum geschaffen.
Amy ist Personenschützerin bei Maximal Impact Solutions. Sie diskutiert nicht gern, Probleme regelt sie handgreiflich. Sie soll die ultrareiche, sehr berühmte und so ganz und gar nicht auf den Mund gefallene Schriftstellerin Rosie vor einem russischen Oligarchen beschützen. Der möchte die Lady wegen einer Äußerung über ihn zum Schweigen bringen. Während Amy ihr Bestes gibt, die flatterhafte Diva vor einem vorschnellen Tod zu bewahren, gerät sie selbst ins Fadenkreuz mindestens eines Killers.
Aber warum? Hängt das womöglich mit einem dubiosen Geldschmuggler zusammen, für den ihr Chef gearbeitet hatte? Wenn ja, kann sie niemandem mehr trauen außer ihrem Schwiegervater. Der ist zwar bis auf die Knochen provinziell, lebt aus Überzeugung in einem kleinen englischen Dorf mit zwei Pubs und einer Autowerkstatt und hasst Flugreisen, ist aber ein brillanter Ermittler – auf seine Art. Steve Wheelers Devise ist: Sei nett zu den Menschen, höre auf deine Katze, traue niemandem, der nicht auf Van Halen steht, mach dich nicht nackig und verpass nicht den Quiz-Abend im Pub.