Bettina Luis über „Vaim“

Bettina Luis über „Vaim“

Jon Fosse: Vaim

Warum mag ich Jon FOSSE so gerne lesen? Für mich gibt es mindestens vier Gründe: Zum einen sind da seine wie Musik dahinfließenden Endlossätze ohne Punkte, aber immerhin mit Kommata. Sie schwanken wie ein Boot bei allen Wettern auf dem tiefen Meer menschlicher Sprache. Als Leserin muss ich mich diesen Satzwellen überlassen, mich tragen lassen im wechselnden Takt der Wortfolgen, darf Rhythmus und Klang hinter der Sprache erfühlen.

Ja, das muss man mögen, diesen ganz besonderen Fosse-Schreibstil! 😉

Zum anderen, die Handlung kommt inhaltlich zwar immer voran, aber sehr, sehr langsam. So, wie die Wellen auf das Ufer treffen um gleich wieder in Unterströmung zurückgesogen zu werden und einen erneuten Anlauf nehmen, so lässt Fosse Gedanken und Ideen seiner Protagonisten plätschern: vorwärts, zurück, verwirbelt, wiederholend…:

“ … aber so konnten wir jedenfalls nicht stehen bleiben, denn jetzt standen wir schon länger dort, oder es fühlte sich an, als hätten wir schon sehr lang so gestanden, und da sie, Eline, zuerst etwas gesagt hatte, meinen Namen gesagt hatte, war ich jetzt wohl an der Reihe, und da Eline meinen Namen klar und deutlich gesagt hatte, war ich jetzt wohl damit dran, klar und deutlich ihren Namen zu sagen und ich nahm irgendwie meinen Mut zusammen und dann sagte ich klar und deutlich Eline und …“

Ja, das muss man mögen, derart auf dem Meer von Sprache inhaltlich zu schaukeln! 😉

Eingebunden in diese Szenarien sind immer passend Fosses nordische Charaktere – und das ist ein dritter Grund meiner Bewunderung. Deren tatsächliche Weisheit und Klugheit lebt gerne gut versteckt hinter einem Schleier aus Einfalt. Vor allem seine männlichen Protagonisten sind gerne wortkarge Einzelgänger, tüchtig in ihrer Arbeit, aber auch unbeholfen, schräg und tragisch-komisch. Fosses Frauenfiguren dagegen wirken wacher, zielstrebiger, offener und gerne auch schlauer. Trotz alter gelebter Rollenbilder, beherrschen sie das Leben und die Männer.

Ja, die Menschen muss man mögen, um Fosses zeitloses Theater gerne zu besuchen!

Auch Jon FOSSEs drei Männer in VAIM sind – und so erwarten wir es ja nun auch – wieder scheinbar gänzlich aus der Zeit geschossen: JATGEIR und OLAV, alias Frank, leben wenig spektakulär als Fischer an zwei Fjorden in Norwegen, lieben das Meer und vor allem ihre Boote. JatGeir hoffte dereinst auf seine einzige Jugendliebe ELINE. Sie heiratete aber Frank und zog fort, bevor die Sehnsucht ihr offenbart werden konnte. Seit dem Tag heißt sein Boot ELINE, ist seine Ersatzbraut. JatGeir hat einen Freund, ELIAS. Elias ist kein Fischer, irgendwie anders, schweigsam düster, sehr sensibel. Er wohnt in der Nähe, aber viel mehr verbindet beide scheinbar nicht, denn die Besuche sind extrem selten, doch sie brauchen nicht mehr, um sich Freunde zu nennen.

Eines Tages überrascht eine sehr bestimmende Eline JatGeir auf seinem Boot, überrumpelt und drängt ihn, sie aufzunehmen. JatGeir lässt es geschehen. Sie leben zusammen bis zu seinem Tod. In dieser Zeit gibt es noch weniger Kontakt zu Elias, der aber letztlich – im Tod vereint – neben JatGeir beerdigt wird. Eline „holt sich“ ganz schnell ihren ExMann Frank , eigentlich Olav, zurück, lebt mit ihm in JatGeiers Haus, stirbt, wird neben Elias begraben und lässt ihren eigentlichen Namen auf den Grabstein setzen. Frank kehrt letztlich als Olav in sein eigenes Haus an seinem Fjord zurück.

Ja, das muss man mögen, diese Einfachheit im Plot! Allerdings wurden hier bewusst einige (zuweilen wirklich komische) Überraschungen nicht vorab verraten: Was hat es mit dem schwarzen Garn und der einen Nadel auf sich? Was ist das Besondere an Elines Werdegang? 😉

Drei Kapitel, Drei Männer, drei Erzählperspektiven – eine ganz große FOSSE-WELT auf nur 156 Seiten!

Die Wesenheit, resp. Essenz großer Romankunst!

Jon Fosse: „Vaim“, Rowohlt Verlag, 160 Seiten, ISBN 9783498007812, Preis: 24,00 Euro.


Bettina Luis über „Was nicht gesagt werden kann“

Bettina Luis über „Was nicht gesagt werden kann“

David Szalay: Was nicht gesagt werden kann

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“!? Nun ist es nicht ganz so, als spräche ISTVÀN in Szalays Roman gar nicht. Aber ich kenne keinen Roman, in dem der Protagonist sein Leben derart einsilbig lebt. Wenn ich allerdings ganz tief in meinen Erinnerungen „grabe“, höre ich die Dialoge von Estragon und Wladimir aus dem absurden Theaterstück WARTEN AUF GODOT (1952) von Samuel BECKETT. „Es muss etwas geschehen…!“)

Dort wie auch für István gilt: Es geht symbolisch auch um das Warten. Das Warten auf Leben, um die vergebliche Suche nach individueller Sprache und damit um den möglichen Verlust urmenschlicher Beziehungsfähigkeit.

Als Konsequenz zeigt sich auch für István ein „unausweichlicher, existentieller Zwang zu vergeblichem Warten“ (Wikipedia, Warten auf Godot) und damit einhergehend ein grundsätzlicher Verlust an Initiative. Er lebt sein Leben ohne großes eigenes Dazutun. Aber wie konnte d a s geschehen? Was ist passiert?

István lebt prekär in einer ungarischen Plattenhaussiedlung mit seiner alleinerziehenden Mutter. Hilfsbereitschaft, gute Nachbarschaft und Harmonie sind der Mutter wichtig. István ist einsam, scheu, und wenig aufgeklärt. Pubertierend sucht er interessiert sexuelle Reize und Antworten auf entsprechend unbekannte Emotionen.

Mit 15 Jahren wird er dann von einer sehr viel älteren verheirateten Nachbarin scheinbar „liebevoll“ verführt. Der nur äußerlich freiwillige Missbrauch eröffnet dem Jungen zunächst die spannende fremde Welt des anderen Geschlechts.

Das wiederholte Durchleben verschiedenster Sexualpraktiken schaffen aber bald größte Abhängigkeit und Fixierung auf eine rein sexualisierte Körperlichkeit. Für ihn ist dies nun gleichbedeutend mit Liebe. Als er der Frau seine „Liebe“ gesteht, weist sie ihn schroff zurück und beendet die Beziehung.

István ist zutiefst gekränkt, seine Gefühlswelt ist traumatisiert. Eifersüchtig kommt es während eines impulsiven Streites mit dem Ehemann zu einem tödlichen Treppensturz.

István verbringt daraufhin drei Jahre in einer Jugendstrafanstalt. Danach wird er zum unkontrollierten Spielball seines zukünftigen Lebens. In einem freiwilligen Kriegseinsatz erlebt er die Verletzbarkeit menschlicher Körper, aber als „guter Soldat“ zeigt er diese Retraumatisierung nicht.  Eine spätere autoaggressive Verletzung lässt er zwar psychotherapieren – die eigentliche Ursache seiner emotionalen „Verstümmelung“ aber bleibt unbenannt.

Etliche Frauen sind von ihm als Mann fasziniert, nutzen ihn als Projektionsfläche ihrer eigenen ungelebten sexuellen Sehnsüchte. Und István, er lässt es ohne großen Widerstand geschehen. Das führt ihn tatsächlich in einem märchenhaft sozialen Aufstieg in die Welt der Reichen und Schönen. Sex und Körper sind sein „Kapital“, sein „Einsatz“ auf dem Weg in das doch so ersehnte normale Beziehungsleben. Wie und ob dies gelingt, sei hier nicht vorweggenommen. Also Stopp!

István ist Mann, ist Mensch, er ist nicht auffällig, kein Sexmonster. Moralische Werte sind immer auch wieder Impuls für mitmenschliches Handeln – leider ohne, dass er dies selbstwirksam bewusst wahrnehmen könnte. Er kämpft ohne viele Worte um sein Leben, für das er keine Sprache mehr hat, außer „fleischlicher“ Ausdrucksformen – WAS (also) NICHT GESAGT WERDEN KANN… (Der Originaltitel des Romans lautet übrigens: FLESH=Fleisch).

Dass Szalay es dennoch schafft, diesem Unaussprechlichen Ausdruck zu verleihen, ist das geniale an diesem Roman! Minimalistische Dialoge schaffen es tatsächlich, István und seine (Beziehungs)Welten so offenzulegen, dass ich als Leserin staunend auch hier konstatieren darf: Weniger ist tatsächlich Mehr! Oder, um es weiser mit dem Philosophen SENECA auszudrücken:

Bleibe auf deinem Posten und hilf durch deinen Zuruf! Und wenn man dir die Kehle zudrückt: Bleibe auf deinem Posten – und hilf durch dein Schweigen!

David Szalay: „Was nicht gesagt werden kann“, Claassen-Verlag, 384 Seiten, ISBN 9783546101509, Preis: 25,00 Euro.


Bettina Luis über „Lichtspiel“

Bettina Luis über „Lichtspiel“

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

GEORG WILHELM PABST (1885-1967), großer österreichischer Filmregisseur (vor allem in der Weimarer Republik), ist KEHLMANNs „fiktionale“ Hauptfigur im Roman LICHTSPIEL, der 2023 erschien. Es gab ihn aber tatsächlich, diesen G.W.Pabst! Als ROTER PABST drehte er in jungen Jahren wichtige sozialkritische Filme, die bis heute für jeden Cineasten ein Muss sind: DIE FREUDLOSE GASSE (1925), DIE BÜCHSE DER PANDORA (1929), Die DREIGROSCHENOPER (1931). Filmgrößen wie GRETA GARBO, ASTA NIELSEN, u.a. … standen bei ihm vor der Kamera, die er zu gerne auch mal selber kreativ „schwenkte“.

Sein Ruf als „der Beste“ und seine absolute Leidenschaft für das Filmemachen mutierten aber letztlich vom Segen zum Fluch. Die Zeiten änderten sich. Nicht nur mit dem Aufkommen der NS-Diktatur in Deutschland, auch Amerika war vorrangig an seinem Ruf und seinem Können interessiert. Denn als seine kreative Freiheit auch dort beschnitten wurde, kehrte er als einer der wenigen Emigranten tatsächlich ins Deutsche Reich zurück- und ließ sich nach Kriegsbeginn letztlich „unbewusst bewusst“ für die Heimat funktionalisieren. (Leni Riefenstahl hatte da allerdings weit weniger Skrupel!)

Und auf eben diesen zermürbenden moralischen „Spagat“ zwischen unbedingt frei arbeiten zu wollen und dennoch überleben zu müssen, fokussiert sich KEHLMANN in seinem Roman, der mich als Leserin 480 Seiten lang wie Kopfkino fesselte. Drei große Kapitel (DRAUSSEN, DRINNEN, DANACH) zeichnen die Pabst‘ Stationen nach. Vieles ist tatsächlich biografisch belegt, die privaten, inneren „Welten“ der Figuren aber werden durch den Autor in künstlerischer Freiheit erschaffen.

Nach der Lektüre war mir nicht nur der zwischen Selbstanspruch und Wirklichkeit „zerriebene“ Regisseur menschlich nahe. Ich habe auch viel über das Filmemachen in der damaligen Zeit gelernt und über die Weisheit, mit Geduld kapriziösen SchauspielerInnen Höchstleistungen zu entlocken.

Nachhaltig vor allem aber werden mir die sprachlich treffsicheren Szenen und Dialoge in Erinnerung bleiben, die in ihrem perfiden Zynismus und ihrem diktatorischen Machtmissbrauch Menschen willkürlich in die Ohnmacht drängten und entwürdigten. KEHLMANN beschreibt dabei eigentlich „nur“ sehr detailliert, wie rechtspopulistisch ermunterte Kräfte ihre langsam würgende Demontage kultureller Zivilisation damals betrieben. Die furchtbaren Folgen sind bekannt. Aber auch der Turbokapitalismus bedient sich im Roman ähnlicher Unterdrückungsinstrumente.

„ANGST ist der Schlüssel zur Macht“, bestätigt erneut ein aktueller Machthaber. Und der Blick in aktuelle Programme von Parteien mit undemokratischer und extremistischer Gesinnung liest sich wie ein Drehbuch, das hoffentlich und BITTE! keinen Regisseur finden möge!  Da sind KEHLMANN und ich sicher einer Meinung!

Daniel Kehlmann: Lichtspiel, rororo 2023, 480 Seiten, ISBN 9783499013454, Preis: 16,00 Euro.


Bettina Luis über „Die elfte Stunde“

Bettina Luis über „Die elfte Stunde“

Salman Rusdie: Die elfte Stunde

Vorab: Salman Rushdie ist mir vor allem als politisch verfolgter und hochdekorierter indisch/englischer Autor bekannt. Gegen ihn wurde 1989, kurz nach dem Erscheinen seiner SATANISCHEN VERSE vom iranischen Machthaber Ruhollah Chameini die Todesfatwa verhängt, die der Ajatollah immer wieder bekräftigte.

Rushdie war gezwungen, lange Zeit in der Anonymität zu leben…und schrieb weiter! Erzählte weiter seine Geschichten, blieb unbequem. 2022 entging er nur knapp einem Attentat, verlor dabei ein Auge. Er fand zurück ins Leben, als er auch jetzt wieder begann zu schreiben. DIE ELFTE STUNDE ist sein aktuelles Werk.

Die fünf Geschichten sind mein erstes Lesehighlight im Januar 2026! Ich gehe sogar soweit, dass ich sie als den verdichteten Abschluss eines in der elften Lebensstunde stehenden nobelpreisträchtigen Autors erlebe! Er hätte ihn m.E. tatsächlich verdient!

Worum geht es thematisch in der ELFTEN STUNDE: Es ist „kurz vor Zwölf“ – in vielerlei Hinsicht. Bedroht sind FREIHEIT, WAHRHEIT, DEMOKRATIE, SPRACHE, ZIVILISATION und KULTUR in unserer Gegenwart. Auch der Tod wird als unausweichlich erkannt und RUSHDIE begegnet ihm in seiner ihm eigenen phantastischen Art und Sprache des Geschichten Erzählens:

Der Tod – mal trennt er zwei Schatten uralter Freunde, die sich nie einig waren und doch nur als zwei Schatten gemeinsam Lebenssinn erfuhren.

Oder: Ein schwuler Autor stirbt in einem englischen College. Er bekommt aber als Geist die Chance, seinen ehemaligen Peiniger unheilvoll zu „besetzen“ und ihm die Wahrheit seines Schuldigwerdens abzuringen.

Rache übt auch eine geniale Musikerin mit der verfluchenden Kraft ihrer indischen Musik, nachdem Ruhm, Geld und die Unmenschlichkeit und Oberflächlichkeit des Turbokapitalismus sie eigentlich das Leben kosten.

Auf der Suche nach sich selbst verliert sich ein Autor im surrealen Strudel von Geschichte und Geschichten einer amerikanischen Gegenwart, deren Wirklichkeit die boshaftesten Fiktionen noch übertrifft. Ein Abtauchen, Entkommen ist nicht möglich. Und was wird aus der personifizierten Sprache, wenn ihr die Worte zum notwendigen Widerstand fehlen? Sie geht, endgültig!

RUSHDIE ist sprachlich unglaublich erfrischend! Er erzählt, wie er denkt, philosophiert, phantasiert, mischt sich immer wieder biografisch selber ein. Er nutzt die gesamte Klaviatur der Prosa. Allein wie er die schweren Themen unserer Gegenwart ironisch humorvoll überzeichnet, ohne sie zu bagatellisieren…  „Grenzen des Lebens“ werden hier literarisch meisterhaft in Szene gesetzt.

Dieser RUSHDIE ist ein bittersüßes literarisches Muss!

Salman Rushdie: „Die elfte Stunde“, Verlag Penguin, 285 Seiten, ISBN 9783328604686, Preis: 26,00 Euro.


Bettina Luis über „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“

Bettina Luis über „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“

Bodo Kirchhoff: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt

Cover „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“

Louis Arthur Schongauer heißt der ‚ewige‘ Nebendarsteller in Hollywoodfilmen, einst durchaus gern engagiert. Sein Markenzeichen: Kleinste Rollen als zumeist unsympathischer Deutscher im Nationalsozialismus oder kleiner Westernheld. Eine einzige Hauptrolle in einem Film gab es – der wurde nie öffentlich gezeigt.

Nun ist er alt, in ein paar Tagen wird er 75 Jahre. Stets gegenwärtig: seine geliebte Frau Magda, eine begnadete Fotografin. Sie ertrank im Meer. Ein paar Jahre ist das her und damals zog er sich mit Ascha, seiner Hündin, in eine kleine Hütte, steil oberhalb des Gardasees, aus dem Leben zurück.

Dort, im italienischen Klima, lebt er mit und in seinen Erinnerungen: Es sind die schönen, aber auch die traumatischen. Und er wartet im Gestern und Heute – aber eigentlich auf nichts mehr.

Unerwartet fordern ihn eines Tages vier weitere Frauengestalten zur grundsätzlichen Reflexion über seine Beziehungen zu Frauen heraus:

Almut, Journalistin, Mitte Vierzig, überrascht ihn mit ihrem Wunsch, ein Interview führen zu wollen. Er will, will nicht, sagt trotzdem zu. Erinnerungen an Attraktion und Begehren stellen sich bald ein. Leben drängt sich auf. Will er? Darf er?

Frida, Mitte Zwanzig, Reise-Bloggerin – ihr Wohnmobil versagt in der steilen Zufahrt zum Haus. Schongauer „empfängt“ sie als wütender Westernheld, nur die Hündin liebt Frida von Beginn an. Später wird es ihm schwerfallen, sie beide ziehen zu lassen – wie ein Vater seine Töchter ungern loslässt.

Lilly Roth, Fridas ungeliebte exzentrische Mutter mit eigener Fernsehshow, wirkt wie ein Störsender in den zarten Beziehungswellen.

Im Hintergrund immer Lynn, Mitte Zwanzig, kreative Bühnenbildnerin. Sie war Schongauers kapriziöse Liebe in seiner Hollywoodzeit – sie erschoss sich dereinst vor seinen Augen. Seine Mitverantwortung hierbei treibt ihn immer noch um. Sie wird ihn erneut überraschen.

Was ist dies Amor,
das durch die Augen ins Herz dringt
und dort auf kleinem Raum zu wachsen scheint?
Und sich anschickt, alles zu überschwemmen? 

Che cosa è questo, Amore,
c’al core entra per gli occhi,
per poco spazio dentro per che cresca?
E s’avvien che trabocchi?

                                                            (Michelangelo)

Kirchhoff stellt dieses Zitat symbolisch seinem Roman voran. Mit Sturzregen und Überschwemmungen entwickelt er vor dem Hintergrund Schongauers Beziehungen wie ein Psychogramm in kleinsten Schritten und minutiösen Beobachtungen.

Alles auf kleinstem Raum. Man unterhält sich an einem Tisch, in einem kleinen Boot, auf einer Couch oder vor dem Wohnmobil. Wechselnde Dialoge werden immer wieder durch innere Monologe gebrochen oder ergänzt.

Diese Genauigkeit in Betrachtungen und Gesprächen mutet an wie ein Kammerspiel. Mich erinnerte der Roman beim Lesen aber vor allem an die großen französischen Filme von Truffaut, Godard, Chabrol, u.a.  Ich las ihn und fühlte mich wie im Kino!

Und so wenig ich es mag, wenn Filme unterbrochen werden, so ungern mochte ich diesen Roman aus der Hand legen. Die FAZ nennt dieses Buch einen „Pageturner“. Das passt!

Fazit: Wirklich lesenswert! (Eigentlich sehenswert!)

(P.S.: Schongauers Beziehung zu Ascha – titelgebendes Tier und ja ebenfalls ein weibliches Wesen – hätte m.E. vom Autor „aus der Nebenrolle befreit“ gehört!? Oder war es Absicht?)

Bodo Kirchhoff: „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“, dtv 2024, 383 Seiten, ISBN 9783423283571, Preis: 24,00 Euro. | Taschenbuch: ISBN 9783423149211, Preis: 14,00 Euro.


Bettina Luis über „Das Märchen von der Vernunft“

Bettina Luis über „Das Märchen von der Vernunft“

Kästner, Erich: Das Märchen von der Vernunft

mit Bildern von Ulrike Möltgen

Mit Erich KÄSTNER bin ich aufgewachsen. Je nach Altersstufe gab es ihn irgendwie immer und immer passend.

Kästner schrieb als Seher und Mahner und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte er die Gefährdung der demokratischen Weimarer Republik besonders im Blick. Seine kritischen Gedanken lassen heute wieder aufhorchen: Wohin steuert die Welt diesmal in ihrer Unvernunft und der Gier nach Macht und Profit?

Geld ist sicher nicht alles, aber es erleichtert das Alltägliche und – sofern vernünftig eingesetzt – schenkt es Menschen ein gewisses Maß an Zufriedenheit und in Folge ein friedlicheres Miteinander.

So zumindest denkt Kästners „netter alter Herr“ im vorliegenden kleinen Märchen, der sich überhaupt sehr gerne vernünftige Sachen ausdenkt. Die stellt er regelmäßig den vielen Staatshäuptern und Staatsoberhäuptern der Welt vor.

Für diese ist sein Wort der Vernunft natürlich Blödsinn und Zeitverschwendung im eigenen Ringen um Geld und Macht. Aber um des ‚lieben Friedens willen‘ gewähren sie ihm die lästige Anhörung.

Eine einfache logische Berechnung des alten Herrn – dieses Mal zum Thema Frieden – zeigt: Krieg kostet viel Geld, Frieden genau so viel! Geht es euch Herrschenden wirklich um eure Völker und das Glück der einzelnen Menschen? Dann nehmt alle tatsächlich „richtig Geld in die Hand“! Und … also erläutert der kleine Herr den großen Herren seinen vernünftigen Plan.  

Werden sie diesmal richtig zuhören?…

Ulrike Möltgen hat die kleine Geschichte verstörend gut illustriert. Ihre Bilder/Zeichnungen katapultieren Kästners Inhalte punktgenau auf die aktuell hochbrisante Politebene.

Wem ich dieses wunderbare Büchlein schenke, dem muss ich nicht mehr erklären, wo ich stehe 😉

Kästner, Erich: „Das Märchen von der Vernunft“ mit Bildern von Ulrike Möltgen,  Verlag ATRIUM, Zürich 2024, 48 Seiten, ISBN 9783855350704, Preis: 14,00 Euro.


Bettina Luis über „Wackelkontakt“

Bettina Luis über „Wackelkontakt“

Wolf Haas:

Wackelkontakt

Vorab: Ich gehöre zu den Haas-Fans. Oft aber erlebe ich unverständliches Kopfschütteln bei Menschen, wenn ich nur seinen Namen nenne. Wolf Haas spaltet die Leserschaft in ein kompromissloses JA oder NEIN. Ein Dazwischen gibt es offensichtlich nicht. Doch der Österreicher hat längst die Kommissar Brenner-Spuren verlassen und bewiesen, dass er nicht nur des Hochdeutschen durchaus mächtig ist. Konsequent schräg und spannend bleibt er thematisch aber allemal: Schräg, kreativ und knallhart lächelnd. Voll Wunder eben – bis zum letzten Satz!

Sein neuester Roman „Wackelkontakt“: Er schafft „Synapsensalat“ im Kopf schon beim Betrachten des schrill gelben Covers und der elektrisierend flirrenden Buchstaben im Titel.

Zum Inhalt: Hier lesen Menschen über Menschen, die lesen und sie lesen dieselbe Geschichte, sie lesen sie aufeinander zulesend. Gleichzeitig werden Identitäten an- und ausgeschaltet. Zwei Handlungsstränge flackern abwechselnd in immer unberechenbar kürzer werdenden Abständen auf. Ein „Stromschlag“ ist nur konsequent. OFF-ON … Und ich weiß nicht mehr, wo vorne und hinten ist, oben und unten, gestern und heute … So, wie der niederländische Künstler M.C. Escher in seinen Grafiken und Skulpturen seine Betrachter mit seinen perspektivischen Unmöglichkeiten (führen jene Treppen hinauf oder hinunter?) und optischen Täuschungen (wie viele Vögel zähle ich?) provoziert und schier verrückt werden lässt.

Franz Escher (Namensgleichheit nicht zufällig) ist Trauerredner. Wenn er nicht puzzelt, liest er – während er auf einen Elektriker wartet – ein Buch über einen Mafioso, der als Kronzeuge in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird und mit neuer Identität sein neues Leben, sein neues Glück lebt. Doch schon Lohengrin wusste ja, dass unerwünschtes Fragen nach der Herkunft Glück in Unglück verwandelt. Und niemand ist sicher, wenn erwach(s)ende Kinder nach ihren Wurzeln suchen… Elektrisierend wird „Wackelkontakt“ nun aber dadurch, dass der Mafioso – und später seine Tochter- ein Buch lesen, in dem ein Trauerredner auf einen Elektriker wartet und ein Buch liest, in dem ein Mafioso, der als Kronzeuge… u.s.w.

Und plötzlich liegt der endlich eingetroffene Elektriker tot am Boden: Stromschlag! Escher hat versehentlich die Sicherungen von OFF auf ON geschaltet…!? Und dann stehen da noch etliche andere „geladene Stromabnehmer“ in zunehmend ungesichert flackerndem Licht.

„Spannung ON“ bis zum letzten Satz!!!

Wolf Haas: „Wackelkontakt“, Verlag Hanser 2025, 238 Seiten, ISBN 9783446282728, Preis: 25,00 Euro.


Bettina Luis über „Hey, guten Morgen, wie geht es Dir?“

Bettina Luis über „Hey, guten Morgen, wie geht es Dir?“

Martina Hefter:

Hey, guten Morgen, wie geht es Dir?

(Deutscher Buchpreis 2024)

Ich empfehle auch diesen modernen, aktuellen und emotional packenden Roman gerne, denn er liest sich leicht und kurzweilig, wenn auch schleichend bedrückend. Hefter greift existentielle Themen ernsthaft auf. Leichtigkeit, Tanz und Spiel erschaffen dann aber auch immer wieder drumherum einen bewegenden Kosmos in dem (unter dem) Sehnsüchte und Ängste in wunderbar gelingenden Bemühungen letztlich in einer erträglichen Balance gehalten werden!?

JUNO liebt ihren schwer MS-kranken Mann JUPITER. Beide haben die Mitte ihres Lebens hinter sich, allzu viele Worte und direkte Nähe gibt es selten, außer in den Pflegesituationen. Aber eine tiefe und ehrliche Liebe verbindet sie.

Jupiter ist Schriftsteller, nicht allzu berühmt, Juno ist engagierte Balletttänzerin und Performancekünstlerin. Das Einkommen des Paares ist knapp und unregelmäßig. Ihre Altbauwohnung und der Bewegungsradius sind extrem eingeschränkt. Man ist isoliert, oft auf fremde Hilfe angewiesen. Der Alltag mit Rollstuhl gestaltet sich für beide mühsam, kräftezehrend und soziale Kontakte sind rar.

Juno schafft sich vor allem Freiräume durch ihre Tanzprojekte, sie genießt absolut jede Probe, jedes Training.  Abends aber bleibt sie zu Hause bei Jupiter, nicht nur aus Pflichtgefühl, sie ist besorgt, will ihm im Nebenzimmer wirklich nahe sein. In zwei getrennten Räumen leben sie so in not-wendiger Distanz.

Jupiter schreibt an einem Roman, verfolgt das kurze Leben einer Wildbiene im Insektenhotel auf dem Balkon. Juno verbringt im Netz nachts ihre Zeit mit LOVE-SCAMMERN (digitalen Heiratsschwindlern), die sie immer durchschaut, selber anlügt und dann mit Genugtuung bloßstellt.

BENU enttarnt sie so eines Nachts als mittellosen Nigerianer, der zwangsweise als Love-Scammer arbeitet. Eine vorsichtige, zunehmend lügenfreiere Freundschaft entsteht. Die Welt weitet sich für Juno. Afrika/Nigeria rücken näher, aber damit auch die Probleme globaler Spaltung. Jupiter erzählt sie nichts von ihren „Treffen“ mit Benu. Die Chats bleiben scheinbar eher oberflächlich, sie beschreiben sich unwichtige Alltäglichkeiten, bleiben verhalten in ihren Beobachtungen des jeweils anderen. Hey, guten Morgen, wie geht es dir?

Juno liebt die Sterne, die Sternbilder und die Astronomie überhaupt. Die Sterne sind es, die Entfernungen überbrücken, Kontinente, Welten verbinden können. Und doch: MELANCHOLIA (Film 2011, L.v.TRIER) liegt als Endzeit-Katastrophe wie ein drohender Schleier über dem Roman.

HEY, Martina HEFTER, Herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Buchpreis 2024! Sechs Titel standen auf der Shortlist, ich habe zwei davon gelesen: HEY, GUTEN MORGEN, WIE GEHT ES DIR und den Anti-Idylle-Roman von Markus Thielemann VON NORDEN ROLLT EIN DONNER. Es wäre vermessen, die Entscheidung der Frankfurter Jury in Frage stellen zu wollen, aber ich sag es ehrlich: Für mich persönlich wäre M. Hefters Roman die zweite Wahl gewesen. HEY, GUTEN MORGEN, WIE GEHT ES DIR? So geht es MIR! Andere LeserInnen mögen ganz anders urteilen. Lesenswert ist dieser Roman aber allemal!

Martina Hefter: „Hey, guten Morgen, wie geht es Dir?“, Klett-Cotta 2024, 224 Seiten, ISBN 9783608988260, Preis: 22,00 Euro.


Bettina Luis über „Huch, ein Buch!“

Bettina Luis über „Huch, ein Buch!“

Kai Lüftner / Wiebke Rauers:

Huch, ein Buch!

Oder: Die anderen Seiten des Hubert B.

Huch! Eines Morgens erwachte Hubert und war ein Buch. Man kann sich darüber streiten, doch er hatte wirklich viele Seiten und, wie er fand, einen viel zu dicken Einband. … Er begann in den nächsten Tagen damit, durch die eigenen Seiten zu schlagen … zu lachen und sich einen Reim auf sich selber zu machen.“

Dass Kafkas Gregor Samsa eines Morgens als Käfer erwachte, wird natürlich sofort erinnert, und ist von Lüftner genau so beabsichtigt. Ebenso wie viele der anderen lustigen Anspielungen auf bekannte Literatur: Vom Winde verdreht, Tausend und eine Nacht, Tausend Meilen unterm Meer, Fünfzig Schattierungen von Grau, …

Nachdem Hubert B. sich selbst als zwar kompliziertes, aber liebenswertes Gedicht erkannt hat, beginnt er, auch die vielen anderen Seiten seiner Mitmenschen zu aufzuschlagen. Und Lüftner lässt Hubert B. deren Lebensbücher in wunderbar humorvollen, liebenswerten Reimen beschreiben. „So wurd Hubert klar, es bleibt zu berichten, jeder erzählt seine eigenen Geschichten.“

Die Botschaft: Jeder Mensch schreibt sich als Lebensbuch selber – und jedes einzelne Buch ist es wert, aufgeschrieben und gelesen zu werden! Das können übrigens auch Schulkinder schon verstehen.

Wiebke Rauers hat Lüftners Lesereisen anrührend lebendig illustriert. Ihre warmen Farbtöne und die ausdruckstarken Gesichter und Bewegungen der Figuren erleichtern das bildhafte Eintauchen in durchaus philosophische Erkenntnisse. Huch, dieses Buch! Dass es so was Schönes gibt!

Kai Lüftner / Wiebke Rauers: „Huch, ein Buch! Oder: Die anderen Seiten des Hubert B.“, Verlag Coppenrath 2024, 40 Seiten, ISBN 9783649672296, Preis: 15,00 Euro.


Bettina Luis über „Von Norden rollt ein Donner“

Bettina Luis über „Von Norden rollt ein Donner“

Markus Thielemann:

Von Norden rollt ein Donner

Zufall oder kein Zufall? Realität oder psychotischer Wahnsinn? Transgenerationales Trauma – epigenetisch vererbt – gibt es „so etwas“? JA, bis in die dritte Generation, bestätigt MEDICA MONDIAL (2024) wissenschaftliche Forschungsergebnisse.

Spätestens jetzt, wenn sich diese Fragestellungen als Thema in mir als Leserin einnisten, wird es unheimlich, grauselig und bedrohlich. Da „rollt ein Donner“ horrenden Ausmaßes nicht nur auf den eher passiven jungen Schäfer JANNES (19J) zu. Und dieser Roman zwingt seine Leserinnen und Leser beeindruckend in gruselig bewegende Empathie.

Wir beobachten – drehbuchartig genau – wahrhaftig viele WÖLFE IM SCHAFSPELZ – und dies GANZ UND GAR NICHT ZUFÄLLIG! Vielleicht ist es diese (auch sprachlich) detailversessene Vielschichtigkeit von Tatsachen, mystischer Symbolkraft und aktueller erbitterter Diskussion um das Zulassen des „Fremden“ (nicht nur des Wolfes), dass Thielemanns Roman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024 „führte“!?

Worum geht es: Als jüngster Vertreter einer alteingesessenen Schäferfamilie kämpft Jannes mit seinen Eltern und dem Großvater (die Großmutter lebt dement in einem Altenheim) in der Lüneburger Heide im widersprüchlichen Alltag zwischen Gestern und Heute. Es geht – neben dem Bewahren eigener Berufsidentität und zunehmend touristisch bedenkenswerter Schäferidylle – knallhart auch ums wirtschaftliche Überleben.

Moderne Technik schützt die Herden nicht ausreichend vor dem Wolf, der seinerseits zunehmend einzuwandern droht. Drohend leise versucht gleichermaßen ein rückwärts gerichtetes rechtes Gedankengut erneut einzuwandern. Wo ist die Grenze des Zumutbaren erreicht?!

Jannes weiß um die Leiden in und um das Lager Bergen Belsen und die Bedeutung der Heide für den nationalsozialistischen Mörderapparat. Die noch heute ansässige Rüstungsindustrie erinnert ihn täglich lautstark, Probemunition zerreißt regelmäßig Stille und Ruhe auf seinen Weidegängen. Es bewegt ihn und Schafe wenig.

Schäfer gelten ja oft als introvertierte, etwas schräge Zeitgenossen und so verwundert es anfangs nicht wirklich, dass Jannes zunehmend neu bedrohliche Erscheinungen heimsuchen. Diese abschreckenden Begegnungen werden zunehmend realer, Brutalität und Gewalt rauben ihm zeitweilig die Sinne, er ist ihnen ohnmächtig ausgeliefert. Erst Äußerungen der „ver-rückten“ Großmutter verweisen kryptisch auf vergangene Spuren, die nur wenige Familien in Verantwortung für die Gegenwart bereit sind neu zu betreten.

„Schmerz wandert durch Familien, bis jemand bereit ist, ihn zu fühlen!“ (Katja Duregger). Und Jannes „fühlt“ wahrhaftig – und mich hat genau diese Macht lange nicht mehr so gegruselt, abends allein – auf einer kleinen idyllischen Insel…

P.S.: Ich las den Roman jüngst auf (meine)r Insel Hiddensee – an den zwei folgenden Tagen traf ich zwei Schäfer an zwei unterschiedlichen Orten. Zufall oder kein Zufall? Der eine jung, …er erbat sofort Titel und Autor! Der andere älter, …ihn nervt, dass Touristen ihm immer glauben, Schäferliteratur empfehlen zu müssen…! Beide imponierten mir

Markus Thielemann: „Von Norden rollt ein Donner“, C.H.Beck, 2024, 287 Seiten, ISBN 9783406822476, Preis: 23,00 Euro.