Petra Nietsch über „Der Pfirsichgarten“

Petra Nietsch über „Der Pfirsichgarten“

Melissa Fu:

Der Pfirsichgarten

Dieser historische Roman ist eine bewegende Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt. Sie beginnt 1938 als Meilin, eine junge Witwe, mit ihrem vierjährigen Sohn Renshku ihr Dorf verlassen muss, da es von den Japanern besetzt und zerstört wird. Es beginnt eine lange Odyssee, während der sie immer wieder ihre Zufluchtsorte verlassen müssen, bis sie schließlich in Taiwan ein neues Zuhause finden.

Während all dieser Zeit begleitet sie eine wunderschön illustrierte Schriftrolle, mit deren Hilfe Meilin ihrem Sohn althergebrachte Geschichten erzählt, die ihnen Trost und Kraft geben, aber auch Weisheiten, die ihnen helfen zu überleben.

Jahre später erhält Renshu ein Stipendium an einer amerikanischen Universität. Auf Anraten eines chinesischen Freundes nennt er sich von da an Henry Dao. Da er weiß, dass der chinesischen Regierung alles berichtet wird, was ihre Studenten in den USA tun, beschließt Henry, seine Herkunft so gut es geht zu verleugnen und möglichst unauffällig zu leben.

Er heiratet eine weiße Amerikanerin und hat mit ihr eine Tochter, Lily, die sehr darunter leidet, dass sie nichts über die Familie ihres Vaters weiß.  Erst als Meilin stirbt und Vater und Tochter gemeinsam zur Beisetzung nach Taiwan reisen, erzählt Henry ihr von seiner Kindheit.

Der Roman hat mich als Leserin in eine völlig andere Welt geführt. Ich habe viel Wissenswertes über die Geschichte und Kultur Chinas erfahren.

Henrys Geschichte verdeutlicht, wie schwierig es in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts war, als asiatischer Einwanderer in den USA Fuß zu fassen und anerkannt zu werden. Die Suche nach der eigenen Identität beeinflusst sowohl Lilys als auch Henrys Leben.

Melissa Fu gelingt es, die für uns fremde Kultur auch in ihrer Sprache widerzuspiegeln. Ein wunderbarer Roman, der mir sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Melissa Fu: „Der Pfirsichgarten“, Fischer, S., 494 Seiten, ISBN 9783103971675, Preis: 25,00 Euro.


Petra Nietsch über „Ein mysteriöser Gast“

Petra Nietsch über „Ein mysteriöser Gast“

Nita Prose:

Ein mysteriöser Gast

Nita Prose erster Kriminalroman „The Maid – Ein Zimmermädchen ermittelt“ war ein Bestseller und wurde in mehr als 40 Ländern veröffentlicht. Auch dieser zweite Band hat gute Chancen, einen ähnlichen Weg zu gehen.

Molly Gray ist inzwischen zum Chef-Zimmermädchen aufgestiegen und nun umso mehr eine  der guten Seelen des Regency Grand Hotels. Aber erneut erschüttert ein Mord dieses ehrenwürdige Haus. Dieses Mal ist es ein berühmter Kriminal-Schriftsteller, der im Tee-Salon verstirbt.

Molly kennt den Toten aus ihrer Kindheit und in mehreren Rückblicken erfährt der Leser nun auch mehr über ihr Leben und unter welchen Bedingungen sie aufgewachsen ist. Parallel dazu laufen die Ermittlungen, wieder geleitet durch Detective Stark, die Molly weiterhin sehr ablehnend gegenübersteht. Aber irgendwann erkennt sie, dass Molly eine ganz besondere Gabe hat, Hinweise und Indizien zu erkennen und diese so zusammenzufügen, dass der Mörder enttarnt werden kann.

Da Molly aus ihrer Sicht die Geschichte erzählt, weiß der Leser meist nicht mehr als sie, so dass er immer ihren Gedanken folgen muss.

Ähnlich wie im ersten Band ist Mollys Art die Dinge zu beschreiben herzerfrischend, so dass man sie einfach nur lieben muss. Vor allem die immer wiederkehrenden Weisheiten ihrer Großmutter haben mich regelmäßig schmunzeln lassen.

Was mir besonders gefallen hat, ist die Tatsache, dass sich alle Charaktere aus dem ersten Band weiterentwickeln. Ich hatte beinahe das Gefühl, dass sie meine Freunde werden könnten, so liebenswert werden sie dargestellt.

Der dritte Band dieser humorvollen Krimi-Reihe ist in englischer Sprache bereits unter dem Titel „The Mistletoe Mystery“ erschienen, so dass wir uns sicherlich auch bald auf die deutsche Übersetzung freuen können.

Nita Prose: „Ein mysteriöser Gast“, Droemer HC, 320 Seiten, ISBN 9783426283851, Preis: 21,00 Euro.


Petra Nietsch über „Wir finden Mörder“

Petra Nietsch über „Wir finden Mörder“

Richard Osman:

Wir finden Mörder

Der erste Roman, den ich in 2025 gelesen habe, hat gleich gute Chancen mein Buch des Jahres zu werden. In jedem Fall kommt er auf die Nominierungsliste.

Crime und Comedy passen für mich eigentlich nicht zusammen, denn meist kommt eines von beiden zu kurz, aber Richard Osman, der bereits mit „Der Donnerstagsmordclub“ zum Bestseller-Autor geworden ist, ist es meisterhaft gelungen, beides miteinander zu verknüpfen.

Beim Lesen musste ich immer wieder laut lachen, so sehr habe ich mich amüsiert. Wortspiele und Situationskomik werden von Osman punktgenau gesetzt. Die Story ist von Beginn an spannend und enthält so viele überraschende Wendungen, dass einem manchmal schon fast schwindelig wird.

Das dreiköpfige Ermittler-Team könnte kaum unterschiedlicher sein. Da ist zum einen Rosie D’Antonio, die berühmte Krimiautorin, die über 60 Millionen Bücher verkauft hat, steinreich ist und von der niemand genau weiß, wie alt sie eigentlich ist. Amy Wheeler ist dagegen jung, arbeitet als Personenschützerin, hatte offensichtlich eine schwere Kindheit und ist mit einem Mann verheiratet, der ebenfalls beruflich durch die ganze Welt reist, so dass sie sich kaum sehen.

Dritter im Bunde ist Steve Wheeler, Amy’s Schwiegervater, Witwer und Polizist im Ruhestand. Er lebt in einem kleinen Dorf in England und liebt seine tägliche Routine. Gemeinsam versuchen sie drei Morde aufzuklären, einem Geldwäscher auf die Spur zu kommen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie selber am Leben bleiben.

Alle Charaktere sind von Osman hervorragend gezeichnet. Ich hatte immer Bilder vor meinem geistigen Auge. Sie sind liebenswert, haben Ängste und Sorgen, Hoffnungen, Wünsche und Ziele, sie sind also eigentlich normale Menschen so wie Du und Ich.

Ein High-Five für diesen wundervollen Roman.

Richard Osman: „Wir finden Mörder“, List Paul Verlag, 432 Seiten, ISBN 9783471360675, Preis: 22,99 Euro.

Zu dem Roman „Wir finden Mörder“ liegt auch eine Rezension von Sonja Weber vor.


Petra Nietsch über „In der Kälte Alaskas“

Petra Nietsch über „In der Kälte Alaskas“

Dana Stabenow:

In der Kälte Alaskas

Dieser Kriminalroman erschien im Original bereits 1992 und wurde erstmals 1996 ins Deutsche übersetzt. Nun hat ihn der Kampa-Verlag in diesem Jahr neu aufgelegt. Der zweite Teil dieser Reihe erscheint im Februar 2025.

Wer auf Schießereien, blutige Morde und wilde Verfolgungsfahrten hofft, wird enttäuscht werden. Vielmehr dient die Handlung dazu, dem Leser die Landschaft und die Kultur Alaskas näher zu bringen.

Es ist tiefster Winter und in der Wildnis Alaskas wird ein Ranger seit sechs Wochen vermisst, ebenso verschwindet der FBI-Agent, der ihn suchen soll. Kate Shugak, ehemalige Ermittlerin für die Staatsanwaltschaft in Anchorage, kennt den Nationalpark besser als jeder andere und wird gebeten, den Fall zu übernehmen.

Aber sie kennt auch ihr Volk, die Aleuten, und weiß, dass insbesondere die Älteren wie ihre Großmutter die „Outsider“, die Touristen und Geschäftsleute, ablehnen. Sie wehren sich gegen die Erschließung von Ressourcen und wollen die Natur schützen. Somit liegt diesem Kriminalfall der immer wiederkehrende Konflikt der indigenen Kulturen zugrunde, den Spagat zwischen Tradition und Moderne zu schaffen.

Der Autorin gelingt es die Natur, die Atmosphäre und die Stimmung so zu beschreiben, dass der Leser das Gefühl hat, hinter Kate Shugak auf dem Motorschlitten zu sitzen und mit ihr durch die verschneite Landschaft zu fahren.

Dana Stabenow: „In der Kälte Alaskas“, Kampa Verlag, 206 Seiten, ISBN 9783311120919, Preis: 17,90 Euro.


Petra Nietsch über „Mr. Wilder und ich“

Petra Nietsch über „Mr. Wilder und ich“

Jonathan Coe:

Mr. Wilder und ich

Cover Roman Mr. Wilder & ich

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals ein Buch gelesen zu haben, dessen Titel und Buchumschlag so irreführend sind. Lediglich die Tatsache, dass Jonathan Coe mir als seriöser Schriftsteller bekannt war, hat mich dazu gebracht, den Klappentext zu lesen.

Um es gleich vorwegzusagen, der Roman hat mich begeistert. Mr. Wilder ist Billy Wilder, der berühmte Filmregisseur, über dessen Leben und dessen Filme wir viel erfahren. Historische und fiktive Elemente werden überzeugend miteinander verknüpft.

Die junge Griechin Calista lernt auf ihrer Reise durch die USA durch einen Zufall Billy Wilder kennen, von dem sie noch nie gehört hat und dessen Filme sie nicht gesehen hat. Ein Jahr später bietet er Calista einen Job als Dolmetscherin an, da er einen Film auf einer griechischen Insel dreht. Sie erfährt die schönen und weniger schönen Seiten des Filmgeschäfts. Eine der weiteren Drehorte ist München, wo sich Wilder unerwartet mit seiner eigenen Lebensgeschichte auseinandersetzen muss.

An dieser Stelle arbeitet Jonathan Coe mit einem überraschenden literarischen Kniff. Aus der erzählenden Handlung wird über die nächsten 60 Seiten ein Filmskript, in dem Wilder die Hauptrolle spielt. Anschließend kommt dann wieder Calista, die Ich-Erzählerin, zu Wort. Die Begegnung und die Arbeit mit Wilder prägt ihren weiteren Lebensweg und nichts anderes beinhaltet dieser Buchtitel.

Der Roman wird im nächsten Jahr unter der Regie von Stephen Frears verfilmt. Die Hauptrolle wird Christoph Waltz spielen. Alleine diese Tatsache zeigt, dass es sich lohnt, mit diesem Roman in die Welt des Films einzutauchen.

Ich habe ihn zu meinem Buch des Jahres 2024 gekürt.

Jonathan Coe: „Mr. Wilder und ich“, Folio Verlag, 276 Seiten, ISBN 9783852568331, Preis: 22,00 Euro (Taschenbuch: ISBN 9783453428690, Prei: 13,00 Euro).


Petra Nietsch über „Der Sommer zu Hause“

Petra Nietsch über „Der Sommer zu Hause“

Ann Patchett:

Der Sommer zu Hause

Tom Lake

Der Sommer zu Hause

Ann Patchett ist eine in Nordamerika sehr beliebte Autorin, deren Hörbücher u.a. von Meryl Streep und Tom Hanks gesprochen werden. Obwohl viele ihrer Bücher ins Deutsche übersetzt sind, ist sie bei uns kaum bekannt.

„Der Sommer zu Hause“ ist ihr jüngster Roman und spielt auf einer Obstplantage in Michigan während der Pandemie.

Die Kirschen sind reif, aber die Saisonarbeiter und ihre Familien, die seit Jahren bei der Ernte helfen, dürfen nicht kommen, stattdessen sind die drei Töchter Emily, Maisie und Nell, alle in den Zwanzigern, zu Hause und helfen ihren Eltern beim Pflücken der Früchte. Somit bietet sich endlich die Gelegenheit, ihre Mutter Lara zu der Episode in ihrem Leben auszufragen, von der sie bislang nur wenig wissen.

Als diese so alt war wie die jungen Frauen jetzt, verdiente sie sich ihr Geld als Theater- und Filmschauspielerin und hatte eine Liebesbeziehung mit Duke, der später Hollywood eroberte und sogar einen Oscar gewann. Es ist ihnen unverständlich, wie Lara eine möglicherweise erfolgreiche Schauspielkarriere aufgeben konnte, um einen Farmer zu heiraten.

Die Handlung spielt auf zwei sich abwechselnden Zeitebenen, was ein geschickter schriftstellerischer Schachzug ist, denn beim Leser baut sich regelmäßig Spannung auf, wie es wohl in dem jeweils anderen Erzählstrang weitergeht.

Laras Töchter glauben, sie hätten das Recht, alles über die Jugend der Mutter zu erfahren. Aber haben Kinder das wirklich?

Lara hatte den Mut, ihr Leben zu verändern, als sie in einer Sackgasse angekommen war. Diese Entscheidung hat ihr seitdem ein glückliches Leben beschert. Sie ist zufrieden, liebt ihren Mann, ihre Kinder und die Natur.

Ann Patchetts Art zu schreiben kommt ohne große sprachliche oder formale Schnörkeleien aus und ist dadurch sehr angenehm zu lesen. Unterschwellig spricht sie viele Themen an, überlässt es aber dem Leser, diese für sich zu entdecken.

In meinem Buchclub waren wir einhellig der Meinung, dass es ein wundervoller lesenswerter Roman ist. Lediglich über sein Ende gab es unterschiedliche Auffassungen.

Ann Patchett: „Der Sommer zu Hause“, Berlin Verlag, 398 Seiten, ISBN 9783827015037, Preis: 26,00 Euro.


Petra Nietsch über „So weit der Fluss und trägt“

Petra Nietsch über „So weit der Fluss und trägt“

Shelley Read:

So weit der Fluss uns trägt

Go as a River

Es hat lange gedauert, bis ich in Worte fassen konnte, was mich an diesem Roman so begeistert hat. Eine bewegende Handlung, wiedergegeben in kraftvoller Sprache und Botschaften, die zum Nachdenken anregen, zeichnen ihn aus.

Die Autorin hat viele richtige Entscheidungen getroffen. Eine davon ist, dass die Protagonistin ihre eigene Geschichte erzählt. So sind wir ganz nah dran. Wir lieben, wir leiden, und wir hoffen mit ihr.

Viktoria, von allen nur Torie gerufen, wächst auf der familieneigenen Pfirsichplantage am Gunnison River in Colorado auf. Nach dem Unfalltod ihrer Mutter muss sie sich schon in jungen Jahren um Haus und Garten kümmern und Vater, Onkel und Bruder versorgen. Niemand fragt sie, wie es ihr geht. Ihr weiteres Leben scheint vorbestimmt. Doch dann, mit siebzehn, trifft sie Will Moon, und plötzlich ist alles anders. Aber diese erste große Liebe endet tragisch. Ab jetzt muss Viktoria immer wieder Entscheidungen treffen, und jedes Mal nimmt ihr Leben eine neue Wendung.

              “Just as a single rainstorm can erode the banks and change the course of a river,
              so can a single circumstance of a girl’s life erase who she was before.” *

Dieses Zitat bezieht sich darauf, dass es manchmal nur zufälliger Begegnungen bedarf, die uns dazu bewegen, von dem Pfad abzuweichen, von dem wir glaubten, dass er für uns bestimmt war. Diese Tatsache ist ein wesentliches Element dieses Romans. Weitere Themen sind Rassismus, der Umgang des Menschen mit der Natur und wie diese unser Leben formt.

Viktoria steht im Mittelpunkt der Geschichte. Alle anderen Charaktere sind nur Randfiguren, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnet.

Shelley Read ist eine großartige Schriftstellerin. Mit ihren Worten zeichnet sie beeindruckende Bilder. Das raue Leben und die raue Landschaft Colorados erscheinen vor dem geistigen Auge. Manche Sätze sind schon fast philosophisch, und es lohnt sich, für einen Moment über sie nachzudenken.

Wie in so vielen anderen Werken auch hat der Fluss, der bereits im Titel und auf dem Umschlag erscheint, eine symbolhafte Bedeutung, die sich durch den gesamten Roman zieht.

Shelley Read: „So weit der Fluss uns trägt“, Bertelsmann Verlag, 368 Seiten, ISBN 9783570105139, Preis: 24,00 Euro.


* So wie ein einziger Regensturm die Ufer erodieren und den Lauf eines Flusses verändern kann, so kann ein einziger Umstand im Leben eines Mädchens auslöschen, wer sie vorher war.

Petra Nietsch über “One For The Rock”

Petra Nietsch über “One For The Rock”

Kevin Major:

One For The Rock

Neufundlandkrimi

Auf der Suche nach einem Reiseführer über Neufundland, den es nicht gibt, bot mir die Website der BÜCHER-HEIMAT als Alternative dieses Buch an. „One For The Rock“ ist der erste Band einer bislang fünfteiligen Krimi-Reihe, wovon bereits drei ins Deutsche übersetzt wurden.

Laut Beschreibung erfährt der Leser viel über Land und Leute, vor deren Hintergrund sich ein Mord ereignet. Der Roman hat mich tatsächlich auf viele Orte und Sehenswürdigkeiten vorbereitet, die ich bei meinem Aufenthalt auch besucht habe. Selbst die Stelle, an der das Opfer von einer Klippe stürzt, haben wir entdecken können. Trotzdem ist das Buch nicht nur für Touristen empfehlenswert, die irgendwann einmal diese wunderschöne Gegend besuchen möchten.

Tatort Signal Hill. Foto: Nietsch

Sebastian Synard, ehemaliger Lehrer an einer High-School, ist ein sympathischer Mann, der gerne Bücher liest und regelmäßig einen Whisky-Blog schreibt. Er hat sich mit einem Outdoor-Unternehmen selbständig gemacht und bietet Touren überall auf der Insel an. Dieser erste Band spielt in St. Johns, der Hauptstadt der östlichsten Provinz Kanadas.Gleich am ersten Tag, als er die sechsköpfige Gruppe zum Signal Hill führt (ein historisch bedeutsamer Ort, da dort das erste Telegrafensignal aus Europa empfangen wurde), kommt es zu besagtem Todesfall. Von hier aus nehmen die Dinge ihren Lauf…

Sebastian Synard ist aber auch ein von seiner Frau getrenntlebender Vater, der sich liebevoll um seinen pubertierenden Sohn kümmert. Dieser wiederum wünscht sich sehnlichst einen Hund, wovon seine Mutter überhaupt nicht begeistert ist.

Das Buch ist äußerst amüsant geschrieben und voller Humor. Ich empfehle es jedem, der etwas über Neufundland erfahren möchte, und/oder sich einfach nur gerne unterhalten lässt. Eingefleischte Krimifans könnten allerdings enttäuscht werden, denn die Aufklärung des Verbrechens gerät gelegentlich ein wenig zur Nebensache.

Ich habe nach meiner Rückkehr den zweiten Band Two for the Tablelands gelesen, der mir fast noch besser gefallen hat, da ich die Charaktere bereits gut kannte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich viele der Orte, die darin erwähnt werden, auf meiner Reise bereits kennengelernt hatte.

Der dritte Teil Three for Trinity liegt bereits auf meinem Nachttisch.

Kevin Major: „One For The Rock – Neufundlandkrimi“, 248 Seiten, ISBN 9783865328595, Preis: 18,00 Euro.


Petra Nietsch über „Das ferne Feuer“

Petra Nietsch über „Das ferne Feuer“

Amy Waldman:

Das Ferne Feuer

Bereits nach dem Lesen des ersten Kapitels wusste ich, dass mir dieses Buch gefallen würde, und das hat es bis zum Schluss. Es ist vielschichtig und tiefgründig. Zudem führt es uns in eine andere Welt.

Parvin, eine junge amerikanische Studentin mit afghanischen Wurzeln beschließt, für ein paar Monate in ihr Heimatland zu gehen. Auslöser ist ein Buch, dass in den USA als Bestseller gilt, und in dem der Autor Gideon Crane erzählt, aus welchen Beweggründen er in einem abgelegenen Dorf in den Bergen eine Geburtsklinik hat bauen lassen.

Voller Enthusiasmus und mit großen Erwartungen vor allem den Frauen zeigen zu können, wie sie ein besseres und gesünderes Leben führen können, reist Parvin in dieses Dorf.  Mit dabei hat sie ihre Yoga-Matte, Energieriegel und Nagellack. Dort angekommen folgt sehr schnell die Ernüchterung, denn sie muss feststellen, dass Vorstellung und Wirklichkeit sehr weit auseinanderliegen.

Vieles, was in dem Buch erzählt wird, wurde geschönt und entspricht nicht den Tatsachen. Die hochmoderne Geburtsklinik wird kaum genutzt, denn lediglich einmal pro Woche kommt eine afghanische Ärztin über eine schlecht zu befahrende Straße in den Ort, um Frauen zu beraten und zu behandeln.

Obwohl Parvin Dari, eine der  Landessprachen, spricht, fühlt sie sich von den Dorfbewohnern abgelehnt und nicht dazugehörig. Im Laufe der Handlung wird zunehmend deutlich, wie monoperspektivisch jegliche Form der Hilfe ist, die Parvin oder die amerikanischen Soldaten anbieten. Einwände der Dorfbewohner werden nicht ernst genommen, denn man ist überzeugt, ihnen etwas Gutes zu tun. Diese Ignoranz führt zu einer tragischen Entwicklung.

Für mich thematisiert dieser Roman die jahrhundertalte arrogante und zugleich auch naive Vorstellung der westlichen Welt, fremden Völkern und Kulturen zu einem „besseren Leben“ verhelfen zu wollen. Dabei werden kulturelle Eigenarten ebenso missachtet wie mögliche Konsequenzen des eigenen Tuns und Handelns.

Als Parvin im Dorf ankommt, wirkt auch sie naiv und ein wenig überheblich, aber in den langen Monaten ihres Aufenthaltes lernt sie, Zusammenhänge zu verstehen, und erkennt, dass sie ihren Blick auf die Dinge ändern muss. Am Schluss stellt sie die Frage „Was wollen die?“ und meint dabei die Bevölkerung, in erster Linie aber die afghanischen Frauen.

Mir hat dieser Roman besonders deshalb gefallen, weil er Fragen aufwirft, Argumente für die Positionen beider Seiten liefert, aber mir als Leserin auch die Möglichkeit lässt, eine eigene Meinung zu bilden. Dadurch liefert er viele Diskussionsansätze, so dass er sich auch für Lesekreise anbietet.

Amy Waldman: „Das ferne Feuer“, btb Taschenbuch, 495 Seiten, ISBN 9783442772445, Preis: 14,00 Euro.

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Petra Nietsch über „Was der Fluss erzählt“

Petra Nietsch über „Was der Fluss erzählt“



Diane Setterfield:

Was derFluss erzählt

Once Upon a River

Schon lange hat mich kein Buch mehr so in den Bann gezogen wie dieses. Es handelt sich um einen Roman mit märchenhaften Elementen. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob das, was erzählt wird, auch so hätte geschehen können oder nicht. Und das macht diese Geschichte so besonders, denn trotz einer schlüssigen Handlung bewegt sie sich immer am Rande von Sage und Legende.

Dazu bei trägt auch der Schauplatz, denn bei allem, was geschieht, spielt die Themse eine Rolle, denn es gelingt Diane Setterfield die Mystik, die diesen Fluss umgibt, mit wunderbaren Worten wiederzugeben. Alles beginnt in dem ehrwürdigen Gasthaus „The Swan“, das seit Jahrhunderten dafür berühmt ist, dass sich dort die Einheimischen bei Kaminfeuer Geschichten erzählen.

Am Abend der Wintersonnenwende 1887 schleppt sich ein völlig durchnässter, schwer verletzter Mann mit einem Kind auf dem Arm in die Gaststube. Alle Anwesenden sind davon überzeugt, dass es tot ist. Wie durch ein Wunder erwacht es plötzlich wieder, bleibt aber stumm.

Wer ist dieses Kind? Woher kommt es und zu wem gehört es? Um diese Fragen spinnt sich die folgende Handlung, mit wundervollen, glaubwürdig beschriebenen Charakteren. 

Für mich war es ein besonderer Lesegenuss, denn auf meiner Themsewanderung im letzten Jahr bin ich durch all die Orte gekommen, die im Roman eine Rolle spielen. Ich habe sogar eine Rast in dem Pub „The Swan“ gemacht!

Aber auch ohne diese Erfahrung, wird jeder, der eine gute Geschichte mag und sich gerne einmal verzaubern lässt, Freude an diesem auch sprachlich gelungenem Roman Freude haben.

Diane Setterfield: „Was der Fluss erzählt“, Heyne Taschenbuch, 576 Seiten, ISBN 9783453426306, Preis: 13,00 Euro.

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