Bettina Luis über „Lichtspiel“

Bettina Luis über „Lichtspiel“

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

GEORG WILHELM PABST (1885-1967), großer österreichischer Filmregisseur (vor allem in der Weimarer Republik), ist KEHLMANNs „fiktionale“ Hauptfigur im Roman LICHTSPIEL, der 2023 erschien. Es gab ihn aber tatsächlich, diesen G.W.Pabst! Als ROTER PABST drehte er in jungen Jahren wichtige sozialkritische Filme, die bis heute für jeden Cineasten ein Muss sind: DIE FREUDLOSE GASSE (1925), DIE BÜCHSE DER PANDORA (1929), Die DREIGROSCHENOPER (1931). Filmgrößen wie GRETA GARBO, ASTA NIELSEN, u.a. … standen bei ihm vor der Kamera, die er zu gerne auch mal selber kreativ „schwenkte“.

Sein Ruf als „der Beste“ und seine absolute Leidenschaft für das Filmemachen mutierten aber letztlich vom Segen zum Fluch. Die Zeiten änderten sich. Nicht nur mit dem Aufkommen der NS-Diktatur in Deutschland, auch Amerika war vorrangig an seinem Ruf und seinem Können interessiert. Denn als seine kreative Freiheit auch dort beschnitten wurde, kehrte er als einer der wenigen Emigranten tatsächlich ins Deutsche Reich zurück- und ließ sich nach Kriegsbeginn letztlich „unbewusst bewusst“ für die Heimat funktionalisieren. (Leni Riefenstahl hatte da allerdings weit weniger Skrupel!)

Und auf eben diesen zermürbenden moralischen „Spagat“ zwischen unbedingt frei arbeiten zu wollen und dennoch überleben zu müssen, fokussiert sich KEHLMANN in seinem Roman, der mich als Leserin 480 Seiten lang wie Kopfkino fesselte. Drei große Kapitel (DRAUSSEN, DRINNEN, DANACH) zeichnen die Pabst‘ Stationen nach. Vieles ist tatsächlich biografisch belegt, die privaten, inneren „Welten“ der Figuren aber werden durch den Autor in künstlerischer Freiheit erschaffen.

Nach der Lektüre war mir nicht nur der zwischen Selbstanspruch und Wirklichkeit „zerriebene“ Regisseur menschlich nahe. Ich habe auch viel über das Filmemachen in der damaligen Zeit gelernt und über die Weisheit, mit Geduld kapriziösen SchauspielerInnen Höchstleistungen zu entlocken.

Nachhaltig vor allem aber werden mir die sprachlich treffsicheren Szenen und Dialoge in Erinnerung bleiben, die in ihrem perfiden Zynismus und ihrem diktatorischen Machtmissbrauch Menschen willkürlich in die Ohnmacht drängten und entwürdigten. KEHLMANN beschreibt dabei eigentlich „nur“ sehr detailliert, wie rechtspopulistisch ermunterte Kräfte ihre langsam würgende Demontage kultureller Zivilisation damals betrieben. Die furchtbaren Folgen sind bekannt. Aber auch der Turbokapitalismus bedient sich im Roman ähnlicher Unterdrückungsinstrumente.

„ANGST ist der Schlüssel zur Macht“, bestätigt erneut ein aktueller Machthaber. Und der Blick in aktuelle Programme von Parteien mit undemokratischer und extremistischer Gesinnung liest sich wie ein Drehbuch, das hoffentlich und BITTE! keinen Regisseur finden möge!  Da sind KEHLMANN und ich sicher einer Meinung!

Daniel Kehlmann: Lichtspiel, rororo 2023, 480 Seiten, ISBN 9783499013454, Preis: 16,00 Euro.


Samstag, 13. Januar: St. Knut-Tag

Pluto-Platten und Weihnachtsbäume fliegen

An diesem Samstag, 13. Januar 2024, müssen auch ganz hartnäckige und Skandinavien-liebende Weihnachts-Fans das Fest für 2023 endgültig abschreiben: Es ist „St. Knut-Tag“ in Skandinavien.

Der 13. Januar markiert das Ende der 20-tägigen skandinavischen Weihnachtszeit und heißt in Finnland „nuutinpäivä“, in Norwegen „St. Knuts dag“ oder „tyvendedags jul“ und in Schweden „tjugondedag jul“ oder „tjugondag Knut“. Einem weltweit agierenden schwedischen Möbelhaus blieb es vorbehalten, den St. Knut-Tag mit aus den Häusern fliegenden Weihnachtsbäumen via Werbung auch bei uns bekannt zu machen.

Vorher sollte das nadelnde Monstrum allerdings abgeschmückt werden. Der Umwelt zuliebe. Und den Naschkatzen zuliebe, falls Süßes in den Zweigen hängen sollte. Wie man das am besten macht, auch dazu gibt es eine Anleitung der nordischen Nachbarn, genauer gesagt von Astrid Lindgren: „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“.

Heute vor 126 Jahren (1898) wurde der wohl berühmteste „offene Brief“ der Weltgeschichte veröffentlicht: Der französische Autor Émile Zola bezog in „J’accuse…!“ (Ich klage an…!) in dem Schreiben an Staatspräsident Félix Faure Stellung zur Dreyfus-Affäre – was zur Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Alfred Dreyfus und letztendlich zu dessen Rehabilitation führte.

Der Brief dürfte Zola schneller von der Hand gegangen sein als sein Roman-Zyklus „Die Rougon-Macquart“. Auf den ersten Band „Das Glück der Familie Rougon“ folgten 19 weitere Romane. Insgesamt schrieb Zola an dem Zyklus mehr als 20 Jahre lang.

Mit dem Begriff „Pluto-Platten“ werden die wenigstens etwas anzufangen wissen – obwohl die meisten so eine Scheibe wohl schon mal in der Hand hatten: Am 13. Januar 1957 produzierte die Firma Wham-O die von Walter Frederic Morrison entwickelten Pluto-Platten, die unter dem Namen Frisbee-Scheiben weltbekannt wurden. Auch nach 67 Jahren liebt die „Faszination Frisbee“ weiter.

Im gewissen Sinn einen Bogen zu Astrid Lindgren und ihrer „Pippi“ schlägt ein literarisches Geburtstagskind des Tages: Heute vor 98 Jahren (1926) wurde der englische Schriftsteller Michael Bond geboren. Ein Glücksfall für viele Kinder, denn aus ihm wurde der Erfinder des „Paddington“ Bär.

Seinen 49. Geburtstag (1975) feiert heute Daniel Kehlmann. Glaubt man den Rezensenten, bewegt der Österreicher sich irgendwo zwischen „Weltliteratur“ und „reiner Germanistenprosa“. Die Leser fällen ihr Urteil auch im Buchhandel: Von Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ wurden rund 2,3 Millionen Exemplare allein im deutschsprachigen Raum verkauft. Auf einer Liste der international bestverkauften Bücher 2006, die die New York Times veröffentlichte, kam der Roman auf Platz zwei.

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