Hatten Sie je das Gefühl, Physik könne unterhaltsam und gar spannend sein? Nun ja, wenn Sie Physiker sind, keine Kunst, aber wer ist das schon.
In der Schule erläuterten Physiker den Unterschied von träger und schwerer Masse, obwohl seit Einstein und Nachfolgern klar war, dass die beiden äquivalent sind – es also den Unterschied nicht gibt.
Und im Deutsch-Unterricht grübelten wir mit Faust darüber, „was die Welt im Innersten zusammen hält“, aber Physiker hatten herausgefunden und Militärs angewendet, was das Innerste der Welt zersprengt.
Das Schwierigste an der Physik sind nicht ihre verblüffend bis aller Alltagserfahrung widersprechenden Aussagen über die Welt, die anders ist als wir sie an-sehen. Das Schwierigste ist die Sprache der Physik, ihre ins Mathematische übertragenen Aussagen. V = b mal t ist nachvollziehbar, aber die Beschreibung des Weges, den ein Körper im freien Fall zurücklegt ist dann schon ein Fall für Raum-Zeit Künstler und ihre Kenntnisse in Tensoren, Matritzen und ähnlichem aus der Höheren Mathematik.
Seit mich vor Jahrzehnten die Neugier gepackt hat, zumindest verstehen zu wollen, worum es geht in der Physik des ganz Großen (Weltall) und des ganz Kleinen (Quantentheorie) habe ich gelernt bescheiden zu sein und auf Menschen zu warten, die mir, dem mathematischen Laien, ihre Fachsprache in Deutsch übersetzen. Einer, der die hervorragend kann, ist Carlo Rovelli. Ich empfehle zwei Bücher von ihm: Das Bändchen „Sieben kurze Lektionen über Physik“ und „Helgoland“.
Zum Thema Antisemitismus gibt es eine schier unüberschaubare Anzahl an Publikationen. Der ehemalige Direktor des Jüdischen Museums Berlin hat hier einen hervorragenden Überblick über die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis heute vorgelegt, der schon nach kurzer Zeit zum Standardwerk geworden ist. Die gesamte Darstellung ist kenntnisreich und immer an den Quellen orientiert.
Prägende Themen und Muster
Zu Beginn begründet Schäfer, warum er für die ganze Geschichte den Begriff Antisemitismus benutzt, obwohl dieser erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der rassistischen Variante entstanden ist. Für ihn sind die zu Beginn entstandenen Themen und Muster so prägend, dass er die Zusammenhänge betonen will und nur bei besonderen Ereignissen andere Begriffe – wie etwa Antijudaismus – verwendet. Auch wenn man diese Begriffsverwendung skeptisch sieht, ist sein Ansatz eine sinnvolle und fruchtbare Arbeitsgrundlage.
Schäfer beginnt seine Darstellung mit der vorchristlichen griechisch-römischen Antike, für er nachweist, dass die für Juden identitätsstiftenden Merkmale und Bräuche als menschenfeindlich diffamiert wurden und der Hass auf die Juden schließlich in Alexandria schon zu ersten Pogromen führte. Er zeigt, dass im Laufe der Geschichte bestimmte antisemitische Chiffren und Muster immer wieder aktualisiert und ergänzt werden konnten, um so jeweils neu ihre Wirksamkeit entfalten zu können. Am wirksamsten waren für ihn dabei die mit dem Christentum entstandenen Feindbilder.
Verdrängtes neigt zur Wiederkehr
In übersichtlichen Kapiteln führt Schäfer seine „Kleine Geschichte“ bis in die Gegenwart fort und thematisiert auch gegenwärtig diskutierte Problemfelder wie islamischen Antisemitismus oder die Debatte um Israelkritik und Antisemitismus kenntnisreich und überzeugend differenziert. Dabei bleibt der Text immer gut lesbar. So konnte ich viel Neues erfahren oder bekannte Sachverhalte besser einordnen – eine sehr lohnende Lektüre!
Nicht zuletzt um aktuelle Entwicklungen und Diskussionen einordnen zu können, ist Schäfers Werk von hohem Wert. Auch wenn eine Erkenntnis aus der Geschichte zu sein scheint, dass Antisemitismus „nie ein für alle Mal überwunden sein wird“, helfen vor allem die bewusste Auseinandersetzung gegen Antisemitismus und dessen Aufarbeitung, denn Verdrängtes neigt zur Wiederkehr.
Erst jetzt habe ich die autobiografischen Aufzeichnungen des 2018 verstorbenen Priesters, Theologieprofessors und langjährigen geistlichen Beirats der katholischen Friedensbewegung pax christi kennengelernt. Mich hat das Buch gerade in seiner recht nüchternen Sprache und teils harten Analyse sehr angesprochen und zum eigenen Nachdenken angeregt – ob sich allerdings viele Menschen überhaupt noch für ein „katholisches Leben im 20. Jahrhundert“ interessieren, vermag ich nicht zu sagen.
Bewusste ideologische Distanz
Geboren im Jahr 1926 und aufgewachsen in einem geschlossen katholischen Milieu im Ruhrgebiet, beschreibt er die Atmosphäre in der Familie, seine Erfahrungen in Schule und Hitlerjugend und wie er geprägt wurde durch kirchliche Einflüsse. Allerdings bewahrt ihn seine bewusste ideologische Distanz zu den Nationalsozialisten, gar die Einsicht in die Unvereinbarkeit von Katholisch- und Nazi-Sein, nicht davor, den Dienst als Luftwaffenhelfer und weiteren Einsatz während des Krieges als selbstverständliche religiöse und vaterländische Pflicht zu verstehen. Diese Erkenntnis und das – über lange Zeit verdrängte – Erschrecken darüber, wie der staatliche Drill ihn bereit machte, die Waffe gegen andere Menschen zu richten, bleibt prägend für sein späteres Leben und seine gesellschaftliche und theologische Reflexion. Doch nach dem Krieg muss er erfahren, dass weder in der Gesellschaft noch in der Kirche die entstandenen Fragen so bearbeitet wurden, wie es nötig gewesen wäre, so etwa die Verstrickung der katholischen Seelsorge im Krieg, die er zu einem seiner wissenschaftlichen Themen macht.
Fragen und Suchen
In seinem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement wird ihm der Wirklichkeitsverlust und die Reformunwilligkeit und -unfähigkeit der römischen Kirche immer deutlicher. Statt den angeblichen Besitz ewiger Wahrheiten zu hüten und zu verwalten, wird ihm das Fragen und Suchen immer wichtiger – nach Lebensformen, die dem Evangelium und einer geschwisterlichen Gemeinde entsprechen und nach Konfrontation des Glaubens mit der erfahrenen Wirklichkeit. Deshalb engagiert er sich für die Ökumene und christlich-jüdische Verbundenheit, vor 1989 sind ihm Beziehungen in die Kirchen der DDR wichtig und lebenslang das Eintreten für friedenspolitische Themen. Auch wenn der Glaube persönlich ist, privat ist er niemals.
In den letzten Kapiteln des Buches hält Missalla für ihn wesentliche Einsichten und Möglichkeiten fest. Bei aller scharfer Kritik schiebt er Verantwortung für Fehlentwicklungen nicht einfach ab auf andere Personen und hierarchische Instanzen, sondern bedenkt immer auch eigene Verantwortung. Eine – erfreuliche – persönliche Entwicklung: Mit 70 Jahren heiratet Missalla und findet hier Erfüllung, auch wenn es den Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis zur Folge hat. Was ihm am Ende bleibt: Das Vertrauen auf den Gott der Bibel.
Heinrich Missalla: „Nichts muss so bleiben, wie es ist“. Mein katholisches Leben im 20.Jahrhundert, Publik-Forum Edition 2009, 224 Seiten, ISBN 978-3880951877, Preis: 14,80 Euro.
„Vielleicht kennen Sie das Gefühl: Wie sich Beklommenheit beim Lesen eines guten Essays schlagartig in Euphorie verwandelt. Welche Erleichterung es darstellt, wenn sich ein Text nicht vor der angeblichen Dummheit der Leser verbeugt. Wenn um des Nachdenkens willen nachgedacht wird. … Die Delegation von kritischem Bewusstsein an die Befugten der Expertokratie ist heutzutage wahrscheinlich die häufigste Form von selbstverschuldeter Unmündigkeit.“
D a s ist auch Juli Zeh: Sperrig, zumutend, frech, humorvoll. Eine durch und durch am politischen Diskurs interessierte Schriftstellerin, die unserer Gesellschaft schmerzhaft den Finger in die Wunde unbeantworteter Fragen legt. Oder scheinbar beantwortete Fragen als sekundenkleberfeste wenig differenzierte Vorurteile entlarvt. Ein Treidler zieht ein schweres Schiff an Seilen stromaufwärts – ein schwerer, ein heute ausgestorbener Beruf. Juli Zeh erlebt genau dies als die Aufgabe einer Schriftsteller*in: Gegen den gesellschaftlichen Mainstream zieht sie unbequeme Schiffe mithilfe sprachlicher Zugseile quer durch unseren Alltag.
TREIDELN ist eine wunderbare Zumutung! Ein Mail-Roman, der uns in die Werkstatt einer SCHRIFTSTELLER*IN blicken lässt … wo um jede Aussage gerungen wird, an jedem Wort gefeilt, jede „Wahrheit“ gnadenlos hinterfragt wird. Manch eine/r nennt es Arroganz …
„Bist du sicher, dass du das lesen willst? Dann gibt es vielleicht kein zurück mehr. Denk nur an Schokolade, an Eiscreme, an Prali- Ja, ich denke ich sollte das lesen.“
Das waren meine ersten Gedanken, als ich das Ratgeber-kein-Ratgeber-Erfahrungsbuch von Anastasia Zampounidis im Bücherregal sah. Zuckerfrei leben. Ein Thema, auf das meine Gedanken schon öfter stießen, wenn ich ihnen freien Lauf ließ. Natürlich finde ich immer eine Ausrede, dann doch in den Schokoriegel zu beißen.
Nun, jetzt hatte ich mir das Buch aber doch gekauft und siehe da: Ich liebe es. Anastasia (ich bin so frei) beschreibt offen, ehrlich und unglaublich sympathisch, wie sie ihren Weg in die Zuckerfreiheit gefunden hat. Ich gebe zu, dass ich an der ein oder anderen Stelle dachte: „Ist diese Info jetzt wirklich wichtig für mich?“ Aber letztendlich spricht der Erfolg für sich, denn je mehr ich laß, desto mehr wollte auch ich diesen Weg gehen.
Obwohl mein Zucker-Konsum sicher nicht so beträchtlich ist wie der, den die Autorin sich selbst zuschreibt, wollte auch ich mich von dieser Sucht, der Abhängigkeit, dem Heißhunger, lossagen können. Anastasia hat mich auf diesen Weg geführt und meine Hand gehalten, während die Idee in meinen Gedanken weiter und weiter reifte. Durch reichlich Hinweise, wo versteckter Zucker zu finden ist, wie ich Heißhunger umgehen kann und welche kleinen Köstlichkeiten ich mir alternativ zubereiten kann, fühlte ich mich immer von einer erfahrenen Freundin umgeben. Danke! Der Anhang (der selbst einen recht großen Anteil an der Gesamtseitenzahl ausmacht) beinhaltet weiteres Material: Rezepte! Leckeres, zuckerfreies Futter.
Mein persönlicher Hit sind die Dattel-Walnuss-Snacks… wirklich himmlisch und Schokolade jederzeit vorzuziehen. Ich kann kaum glauben, dass ich das sage, aber so ist es.
Fazit: Was kann ich also abschließend sagen? Ein tolles Buch. Stück für Stück hinterfrage ich mein eigenes Handeln und meine eigenen Einstellungen und habe etwas für mein Leben und über mich selbst gelernt. Absolut zu empfehlen für all diejenigen, die mal etwas Neues probieren wollen.
Ich habe Volker Weidermanns „Das Duell“ gelesen und möchte es weiterempfehlen, weil ich es sehr spannend fand, diese Lebensgeschichten in dieser Form beieinander zu finden. Volker Weidermann zeichnet die Lebenslinien von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki von der der Geburt bis zum Tod auf, die persönlichen Entwicklungen und Entscheidungen dieser beiden Protagonisten der deutschen Nachkriegsliteratur. Diese Linien treffen dann 1958 zusammen in der Gruppe 47. Es war zwar das zweite Zusammentreffen, aber erst von diesem Zeitpunkt an nahm man sich gegenseitig wirklich wahr. Und für beide wurde es eine Zeit der Auseinandersetzungen, Romane und Verrisse, Liebeserklärungen und Wut. Gleichzeitig ist die Beschreibung dieser beider Leben eine Spiegelung der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts.“
Die beiden Bücher von Daniel Speck haben mich sehr begeistert, weil es der Autor meiner Meinung nach gut versteht, historische Zusammenhänge in die jeweilige Geschichte zu integrieren. Mir als Leserin wurde vieles verständlicher und nachvollziehbarer. Trotz einer sehr unterschiedlichen Thematik beider Bücher geht es jeweils um Identitätssuche, die letztlich erst in den nächsten Generationen aufgelöst werden kann.
Bella Germania
In Bella Germania geht es im weitesten Sinne um die Situation italienischer „Gastarbeiter“ in Deutschland in den 1960er Jahren. Was bedeutete es für die Menschen, ihre Familien zu verlassen und ins Ungewisse zu gehen? Sie wurden nicht immer gut aufgenommen, sondern kritisch beäugt. Wir erleben das im Roman an Giovanni, den es auf der Suche nach Arbeit nach München verschlägt. Aber auch der deutsche Ingenieur Vincent, der nach Italien reiste, um die Zusammenarbeit mit dem Isettawerk aufzubauen, hatte so seine Schwierigkeiten. Beide Schicksale und die ihrer Familien sind über die Generationen hinweg miteinander verwoben. So geht es insgesamt um Identitätsfindung unter der neuen Situation sowie die Auswirkungen auf die nächste und übernächste Generation.
Piccola Sicilia
Auch im zweiten Buch, Piccola Sicilia, ist die Identitätssuche im weitesten Sinne zentral. Das Buch spielt im Zweiten Weltkrieg: Ein junger deutscher Soldat, Moritz, kommt in seiner Funktion als Fotograf für die NS-Propagandamaschinierie im Zusammenhang des Rommelfeldzuges nach Tunesien, dort schließlich an einen Ort, der Piccola Sicilia heißt. Wegen der schwierigen Umstände setzt er sich von der Truppe ab und verhilft einem gefangenen Juden zur Flucht. Nach Ende der deutschen Besatzung Tunesiens wird der Fotograf von dessen Familie versteckt. Seine Familie in Deutschland, auch seine schwangere Freundin, erfahren nur, dass er angeblich mit einem mit einem der letzten Flugzeuge der Luftwaffe abgestürzt ist. Aber der Lebensweg von Moritz, in einem neuen Leben Maurice genannt, erfährt ungeahnte Wendungen. Es bleibt ein dunkles Geheimnis in der Familie. Erst die Enkelin erfährt die andere Seite der Geschichte bei einer ungewöhnlichen Begegnung.
Dieses Buch ist spannend und sehr berührend geschrieben. Selten habe ich ein so gut ausbalanciertes Buch gelesen, welches mich oft auch an den Gesang der Flusskrebse erinnert hat.
In einer idyllischen Kleinstadt in Kalifornien kümmert sich die 13-jährige Duchess um ihren kleinen Bruder und ihre depressive Mutter, welche die Ermordung ihrer Schwester vor 30 Jahren nicht verkraftet hat. Als der vermeintliche Mörder aus der Haft entlassen wird, droht das fragile Gefüge, welches Duchess aufgebaut hat, zusammenzubrechen. Eine Kette von tragischen Ereignissen wird in Gang gesetzt und bleibt bis zum Schluss unter einem großen Bogen spannend, einfühlsam, bewegend, berührend und überraschend. Chris Withaker hat mit diesem Buch einen außerordentlichen Roman geschrieben, den man nicht verschlingt aus Sorge, dass er aufhören könnte und den man nicht aus der Hand legen möchte, weil er so spannend ist. Hier empfiehlt es sich mit Genuss zu lesen und sich verzaubern zu lassen von der einfühlsamen Erzählkraft dieses sensationellen Autors. Großes Kino!
“Ich bin weder mutig noch trainiert. Ich ächze und schnaufe bei jeder Treppenstufe, breche bei der kleinsten Anstrengung in Schweiß aus, werde beim Radfahren von Rentnern überholt, habe Angst vor Spinnen, Hunden, vor Gewitter, tiefen Seen und steilen Höhen, ich fürchte mich im Wald …“ Derart (un)vorbereitet tritt die Autorin Rebecca Maria Salentin die 2.700 km lange Wegstrecke zu Fuß auf dem EB, dem Weg von Eisenach nach Budapest, an. Zudem reißt sie alle Brücken in Leipzig ab. Sie kündigt ihre Wohnung und will erst auf dem Weg überlegen, wie es hinterher weitergehen wird.
Schwerfälliger Start
Diese Ausgangssituation hat mich fasziniert. Dennoch habe ich kurz überlegt, ob ich dieses Buch empfehlen soll. Denn, ehrlich gesagt, kam das Buch zu Beginn für mein Empfinden ein wenig schwerfällig in Gang, zu viel Ballast, z.B. den Bruch einer langen Beziehung, schleppt sie anfangs noch mit sich und erzählt davon. So brauchte ich ein wenig Geduld, bis ich wirklich auf dem Weg angekommen war. Doch mit jedem Kilometer fand ich die Erzählung über diese ungewöhnliche Reise lohnender. Sie beschreibt Begegnungen mit unbekannten Menschen, neue Beziehungen entstehen. Alte Freunde begleiten sie wechselnd für ein paar Tage. Es finden sich schöne Schilderungen von Fremdem und Vertrautem, Land und Leuten, die sie neu kennenlernt in Deutschland, Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Und natürlich begegnet sie all dem, wovor die Angst hat(te): heftigen Gewittern, dunklen Wäldern, Bärenspuren, steilen Bergen …
Sich selbst begegnen
So begegnet Rebecca Salentin nicht nur unbekannten Landschaften und Menschen, sondern auch sich selbst neu – das ist ja bei jedem wirklichen Weg so. Und die Erkenntnis: Aus einer verrückten Idee „wurde eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Trotzdem freue ich mich auf zu Hause. Ich würde den Satz, dass es zu Hause am schönsten ist, nicht unterschreiben. Aber ich würde sagen, dass es unglaublich schön ist, wenn man ein Zuhause hat …“
Ich selbst werde diese 2.700 km in meinem Leben sicher nicht gehen; dennoch war es gut, mich mit Rebecca Salentin auf den Weg zu begeben. Und wer weiß, vielleicht besuche ich ja den ein oder anderen Ort, den sie beschreibt.
Harald Welzer, einer der anregenden und streitbaren Intellektuellen der Bundesrepublik, legt mit seinem neuen Buch eine schonungslose Analyse der Irrwege in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft vor, die uns schließlich in die Klimakrise und vor die Klimakatastrophe geführt haben. Dabei ist dieses Buch sehr persönlich motiviert durch die Erfahrung, bei einem Herzinfarkt mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert worden zu sein.
Auf Wachstum angelegt
Im ersten Teil des Buches führt Welzer die Widersinnigkeit vieler Entscheidungen vor Augen, die nur vorgeben, Lösungen aus der Krise anzubieten, denen es aber nicht gelingt, die Probleme an der Wurzel zu fassen. Die Wurzel sieht Welzer in der Anlage der europäischen Moderne selbst, die nicht in der Lage war, eine „Kultur des Aufhörens“ zu entwickeln, sondern immer auf das Mehr, das Höher, Weiter, Schneller, auf Wachstum angelegt ist. Immer wieder scheint Welzers Empörung über diese Situation und deren Konsequenzen auf, auch über die Lebenslügen der Wachstumsgesellschaft, was sich an einigen Stellen auch sprachlich an für ihn ungewohnt derben Begriffen zeigt.
In seiner Analyse und Suche nach Gründen für die Unfähigkeit unserer Kultur, die eigenen Grenzen und die Endlichkeit anzuerkennen, verknüpft Welzer kenntnisreich die unterschiedlichsten Wissenschaftsbereiche. So wird auch deutlich, dass die Entwicklungen seit der Zeit der Aufklärung mit ihren Säkularisierungstendenzen zu einer Unsterblichkeitsillusion geführt haben. Es ist klar, dass im Zusammenhang mit Themen wie Tod und Sterblichkeit auch die religiöse Dimension gestreift wird, wobei ich persönlich mir da ein wenig mehr Kenntnis „aufgeklärter“ Theologie gewünscht hätte. Andererseits ist es für mich beim Lesen beeindruckend gewesen, wie es gelingt, so etwas wie eine säkulare Frömmigkeitshaltung zu entwickeln.
Perspektivwechsel nach Herzinfarkt
Das ist wohl vor allem ausgelöst durch die Erfahrung seines Herzinfarkts, der ihn zu einem Perspektivwechsel veranlasst hat. Nach seiner Einschätzung sollten nicht nur die Individuen ihr Leben vom Ende her denken, sondern auch der Gesellschaft täte es gut, einen Nachruf auf sich selbst zu verfassen, um Leitlinien und Maßstäbe für ein gutes Leben zu verfassen. In diesem Sinne erzählt Welzer recht breit biografische Beispiele des Aufhörens (z.B. im Gespräch mit Reinhold Messner), die er verallgemeinert, um so dessen Wert und Gewinn zu verdeutlichen: als Chance des wirklichen Neubeginns und „Feier des Lebens“.
Schließlich formuliert Welzer 15 Sätze, die er – durchaus auch selbstkritisch – im Nachruf auf sich selbst lesen möchte. Das geht von „Er konnte gut Zeit verschwenden“ bis hin zur – für mich – zentralen Formulierung „Er hat keine Entscheidungen getroffen oder mitgetragen, die zukünftige Menschen in ihrer Entfaltung beeinträchtigen.“ Bei allen Sätzen stehen immer die Menschen im Mittelpunkt und die Überzeugung, dass jeder Mensch Handlungsspielräume hat und den „Unterschied machen“ kann für eine lebenswerte Zukunft auch der künftigen Generationen.
Anregungen für eigene Überlegungen
Am Ende bietet Welzer nicht – wie ich noch zu Beginn meiner Lektüre gedacht und erwartet hatte – „die Lösung“ für die politische Dimension zur Abwendung der Klimakatastrophe, aber viele Anregungen für eigene Überlegungen und hoffentlich Anstöße für die gesellschaftliche Debatte. Und das ist ja schon viel.