In den Wäldern der Biber

In den Wäldern der Biber

Franziska Fischer:

„In den Wäldern der Biber“

Eigentlich ist Alina eine Großstadtbewohnerin, ihre letzten Aufenthalte auf dem Land bei ihren Großeltern sind lange her, sie hat irgendwann den Kontakt abgebrochen. Ihre Familie ist schwierig – oder ist vielleicht nur Alina schwierig? Als ihre Beziehung mit ihrem Lebenspartner der Kinderfrage wegen in die Brüche geht und ihr Leben mal wieder ins Wanken gerät, bricht sie alle Brücken in Frankfurt ab und steht plötzlich bei ihrem Großvater in dem kleinen Dörfchen Spechthausen vor der Tür.

 Irgendwie kommt das für beide recht unerwartet, doch sie schaffen es, das Geschenk der Gegenwart des anzunehmen, sich wieder anzunähern, die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Zukunft zu planen. Eine Zukunft mit der vermeidlichen Ruhe eines Dorfes, dem Gackern der eigenen Hühner, der Aussicht auf Liebe und der Hoffnung, nicht allein sein zu müssen.

Franziska Fischers Romanfiguren lernen ihre Lebensziele in der Abgeschiedenheit der Wälder neu oder erneut zu definieren. „In den Wäldern der Biber“ ist für mich eines der schönsten Bücher des Frühjahres, sowohl inhaltlich als auch äußerlich.

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Franziska Fischer: „In den Wäldern der Biber“, DuMont Buchverlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-8321-6592-5, Preis: 22,00 Euro.


Mythos – Was uns die Götter heute sagen

Mythos – Was uns die Götter heute sagen

Stephen Fry:

„Mythos – Was uns die Götter heute sagen“

Der Schriftsteller, Kolumnist und Schauspieler Stephen Fry (von ihm wird man in diesem Jahr noch anderes zu lesen bekommen, ich freue mich schon darauf) hat sich in seinem Buch „Mythos“ der griechischen Götter von A wie Atlas bis Z wie Zeus angenommen, allerdings in chronologischer Abfolge. Und wer jetzt denkt, das sei ja nun wirklich nicht neu (nein, natürlich nicht) oder man kenne das ja alles schon (Irrtum!), der oder die wird schon bei den ersten Zeilen des Buches eines Besseren belehrt und das im wahrsten und besten Sinne des Wortes.

Nie waren klassische Sagen und Mythen so erkenntnisreich, kurzweilig, witzig, ironisch und aktuell. Ja, tatsächlich aktuell, denn das macht ja Klassik aus, sie behält ihre „Jugendlichkeit“, Anziehungskraft und lehrreiche Brisanz (leider scheinen so einige Staatsoberhäupter dieser Welt sich nie damit beschäftigt zu haben).

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Stephen Fry: „Mythos – Was uns die Götter heute sagen“, Aufbau Taschenbuch Verlag, 448 Seiten,  ISBN 978-3-7466-3732-7, Preis: 14,00 Euro.


An der Grasnarbe

An der Grasnarbe

Miriam Wittig:

An der Grasnarbe

Miriam Wittig (*1996) hat mit „An der Grasnarbe“ ein besonderes Buch geschaffen. Es ist die Geschichte von Noa, die auf der Flucht vor Erlebnissen und Erinnerungen, die regelmäßig Panik bei ihr auslösen, aus der Stadt flieht und für eine Zeit auf einem Hof in Südfrankreich unterkommt. Ella und Gregor, die vor Jahren dorthin ausgewandert sind, leben unter widrigen Bedingungen ihren Traum vom Aussteigerleben und trotzen – immer wieder mit der Hilfe von vorbeiziehenden Studenten und Backpackern – dem Land das Nötigste ab.

Aber die Sommer werden trockener und wenn es regnet, dann gleich sturzbachartig. Die Temperaturen schwanken wie die Stimmung von Noa und das Land ist so vernarbt wie ihre Seele. Sie ist eine Überlebende und kann damit fast nicht leben. Jede in ihren Augen „verdächtig“ aussehende Person versetzt sie in Angst, laute Geräusche und Feuerwerk sind wie Schüsse, gleichen Explosionen. Das Hüten der Schafe, die Landarbeit und Jade, die kleine Tochter von Gregor und Ella, werden ein wichtiger Teil von Noas Heilung.

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Miriam Wittig: „An der Grasnarbe“, Suhrkamp Verlag, 191 Seiten, ISBN 978-3-518-43062-0, Preis: 23,00 Euro.


Der Markisenmann

Der Markisenmann

Jan Weiler:

Der Markisenmann

Die Hitze wabert auf dem Asphalt, der MSV Duisburg steigt in die erste Bundesliga auf und Manuel Neuer steht bei Schalke im Kasten. Das hätte die sechzehnjährige Kim bis vor Kurzem eigentlich gar nicht interessiert, aber nachdem sie beinahe ihren kleinen Stiefbruder schwer verletzt hätte, muss sie die Sommerferien statt mit Mutter und Stiefvater in Miami bei ihrem leiblichen Vater in Duisburg verbringen.

Für Kim wird das der Sommer der Wahrheiten. Wahrheiten über sich, über ihre Geburt, über ihren Vater und ihre Mutter. Jan Weiler lässt in dem ihm eigenen leichten, witzigen und trotzdem tiefgründigen Stil seine Protagonistin rückblickend erzählen. Während man als LeserIn mit Kim und ihrem Vater Markisen in fragwürdigem Design an Haustüren verkauft, an Würstchenbuden zu Mittag isst und auf einem Schrottplatz am Rhein-Herne-Kanal mit der ersten Liebe in der Sonne liegt, steuert die Geschichte fast unbemerkt aber unaufhaltsam auf ein Ende zu, das für alle Beteiligten so einiges ändert.

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Jan Weiler: „Der Markisenmann“, Wilhelm Heyne Verlag, 336 Seiten, ISBN 978-3-453-27377-1, Preis: 22,00 Euro.


Beinahe Alaska

Beinahe Alaska

Arezu Weitholz:

Beinahe Alaska

Arezu Weitholz, Journalistin, Illustratorin und Songtexterin schreibt neben Büchern auch Lieder (u.a. für Grönemeyer und Lindenberg) und ihr poetischer, zielgenauer und sehr präziser Blick auf Zusammenhänge und die Abgründe des menschlichen Daseins macht ihr Buch so lesenswert und besonders.

Die Ich-Erzählerin, Fotografin, vierzig, allein und immer auf dem Weg weg von sich, ist für einen Auftrag auf einem Schiff unterwegs in die Arktis. Während am Bullauge ihrer Kabine der Himmel von blau zu grau wechselt, das Meer vor dem Bug über Nacht ergraut, am Oberdeck Fjordwände und beim Essen ihr erster Eisberg am Schiff vorbeiziehen, kommt sie dem tauenden Permafrost, dem uralten Eis, den ältesten Steinen der Welt, einem weitgehend unberührten Ort, sozusagen dem „letzten weißen Wal“ Stück für Stück näher. Aber auch den Menschen, die mit ihr reisen schaut sie in die die Seelen. Durch die Augen und die Linse einer Fotografin lässt Weitholz uns beim Lesen am Schicksal einer Landschaft und der Menschen auf dem Schiff teilhaben.

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Arezu Weitholz: „Beinahe Alaska“, Goldmann Verlag, 185 Seiten, ISBN 978-3-442-49263-3, Preis: 11,00 Euro.


Im eigenen Feuer

Im eigenen Feuer

Ami Ajalon:

Im eigenen Feuer.

Wie Israel sich selbst zum Feind wurde und die jüdische Demokratie trotzdem gelingen kann. Erinnerungen eines Geheimdienstchefs

Selten habe ich ein politisches Buch mit so viel Schrecken und Freude gleichzeitig gelesen. Schrecken über die Brutalität der Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern, die der Autor aus eigener Beteiligung und nächster Nähe beschreibt. Freude über den Prozess des Nachdenkens über eigene Positionen, die Suche nach Lösungen und den Mut zum Wandel bei einem klaren Bekenntnis zum unbestreitbaren Existenzrecht Israels.

Der ehemalige Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes führte mich mitten hinein in eine mir fremde Welt des Militärs und Geheimdienstes. Auf interessante, gut lesbare Weise nimmt Ajalon mit an wichtige Stationen der israelischen Geschichte und der – zumeist gescheiterten – Friedensbemühungen. Spannend ist zu sehen, wie der ehemalige Hardliner zu seiner wertvollsten Lektion, die er gelernt hat, gekommen ist: „Palästinenser als Menschen, nicht als Zielscheiben zu sehen“.

Im Geleitwort schreibt der berühmte Dirigent Daniel Barenboim: „Ajalons Memoiren zeigen uns, dass es für Menschen doch möglich ist, sich selbst, ihre Meinungen und Handlungsweisen zu ändern und das Gegenüber nicht nur zu erkennen, sondern auch Empathie für den vermeintlichen Feind zu empfinden.“

Nur eine Anmerkung: Das hervorragende Buch hätte eine deutlich sorgfältigere Fehlerkorrektur seitens des Verlags verdient gehabt.

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Ami Ajalon: Im eigenen Feuer. Wie Israel sich selbst zum Feind wurde und die jüdische Demokratie trotzdem gelingen. Erinnerungen eines Geheimdienstchefs, Dietz-Verlag November 2021, 360 Seiten, ISBN 978-3801206192, 26,00 Euro.

Eine kurze Geschichte der Menschheit

Eine kurze Geschichte der Menschheit

Yuval Noah Harari:

Eine kurze Geschichte der Menschheit

Lust auf ein bisschen Science Fakten? Tja, dieser flache Scherz hat sich aufgedrängt. Fragt ihr euch auch manchmal, wie die Homo Sapiens es überhaupt geschafft haben, so lange zu überleben und sich gegen die übrigen Menschen-Spezies durchzusetzen? Fest steht, dass wir uns dabei auf räuberische Weise anderer Spezies und ihres Lebensraums bedient haben. Das Feuer hat uns einen unfairen Vorteil, gegenüber anderen verschafft und uns so an die Spitze katapultiert. Nun, als Schrecken des Ökosystems, befinden wir uns in einer Position, auf die wir gar nicht vorbereitet waren. Erklärt einiges oder? Wir haben einen derart starken Drink zur Selbstzerstörung… da macht uns wirklich niemand etwas vor.

Fazit: Viele nackte Tatsachen, unerschütterliche und unschöne Wahrheiten sowie teilweise mittelmäßig komplexe Verschachtelungen: Klare Empfehlung. Dieses Buch nimmt sich selbst nicht so ernst und begegnet unserer Geschichte mit der mindest notwendigen Menge an Humor, um sie zu ertragen

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Yuval Noah Harari: “Eine kurze Geschichte der Menschheit“, DVA Dt.Verlags-Anstalt, 544 Seiten, ISBN 9783421048554, Preis: 28 Euro (HC), 14,99 Euro (TB).


Die Splitterkrone

Die Splitterkrone

Jennifer Estep:

Die Splitterkrone (1)

Kill the Queen

Ein magischer (bisher) Dreiteiler. Everleigh Saffira Winter Blair ist ein Murks. Was das ist? Eine Person, die über nur sehr geringe und noch dazu niedere Kräfte Verfügt. In ihrem Fall bedeutet das eine gute Spürnase – wortwörtlich. Sie kann schon den kleinsten Geruch wahrnehmen. Was aber niemand weiß ist, dass sie noch über eine weitere, bei weitem bedeutendere Kraft verfügt: Sie ist immun gegen Magie.

In drei Teilen erzählt und Jennifer die Geschichte des Königreichs Bellona, aus Sicht, unserer bereits genannten Protagonistin. Die drei Bücher sind so unglaublich unterschiedlich, dass eigentlich jedes seine eigene Empfehlung bräuchte. Ich will aber nicht päpstlicher sein als der Papst. Also, eine Empfehlung für alle. Während im ersten Buch eher eine coming-of-age-Geschichte beschrieben wird (wie es so unschön heißt), steht im zweiten Band die Liebe an erster Stelle. Der dritte und (bisher) abschließende Teil stellt wieder die nun erwachsenere Everleigh in den Vordergrund und ihren Kampf, gegen einen scheinbar übermachten Psychopathen.

Mein Favorit ist im übrigen Teil 1, aber das ist ja oft so.

Fazit:

Tolle Geschichte und durch den so unterschiedlichen Fokus der Teile, auch nicht langweilig. Die ein oder andere Stelle in Band drei hätte mMn kürzer ausfallen können. Aber da blättere ich gern frech drüber hinweg.

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Jennifer Estep: „Kill the Queen (Die Splitterkrone 1)“, Piper Verlag GmbH, 465 Seiten, ISBN 9783492705417, Preis: 17,00 Euro.


Fuchs 8

Fuchs 8

George Saunders:

Fuchs 8

Noch ein Saunders. Nicht zum schallenden Lachen, wie Frau Thea Dorn es geschah, aber immer wieder zum Schmunzeln. Aber auch zum Heulen, wie in einer Rezension der GZ 2020 beschrieben.

Das Büchlein „Fuchs 8“ von George Saunders ist dünn.  Es handelt von einem Fuchs, der „mänschisch“ reden und lesen kann, weil er unter einem Fenster zugehört hat, wie eine Mutter ihren Kinder Geschichten vorlas. Er konnte auch oft in die Bücher linsen vom Fenster aus. Und fast immer handelten die Geschichten von Liebe.

Die schlimme Zeit für den Fuchs beginnt, als ein riesiges Einkaufszentrum im Fuchsrevier gebaut und der Lebensraum vernichtet wird. Er will sich arrangieren, weil er ja mänschisch kann. Aber das geht schief. Er macht sich dann notgedrungen auf die Suche nach einem neuen Revier, was ihm mehr tot als lebendig gelingt.

Das Besondere an dem kleinen Buch ist, dass der Fuchs uns nun diese Geschichte als Brief übermittelt, in phonetischer Sprache. Es endet mit seinem Rat: „Wenn ir wollt, das oire Geschichten eine Heppi Ent haben, seit einfach mal ein bisschen netter. Ich wate auf oire Antwort. Fuks 8“.

Was können wir ihm den jetzt antworten?

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George Saunders: „Fuchs 8“, Luchterhand Literaturverlag, 56 Seiten, ISBN 9783630876207, Preis: 12,00 Euro.


Lebensstufen

Lebensstufen

Lebensstufen

Julian Barnes:

Lebensstufen

Ein Buch ohne penetranten Trauergestus: Locker verwebt Barnes drei einzelne Begebenheiten. Zu Beginn erzählt er von den ersten Menschen, die sich in die Lüfte erhoben haben und die Welt von oben sehen: die Ballonfahrer. In der zweiten Geschichte verliebt sich einer der Ballonfahrer in die berühmte französische Schauspielerin Sarah Bernhardt, die ihn abweist. Und in der dritten berichtet Julian Barnes vom plötzlichen Tod seiner Frau und der tiefen Trauer, die ihn ergriffen hat. Er beschreibt sich und seine Erfahrungen sachlich-konsterniert: Er ist in ein neues Leben gestürzt, nichts ist wie vorher. Als er verzweifelt an Selbstmord denkt, stoppt ihn ein Gedanke: Seine geliebte Frau würde mit ihm ein zweites Mal sterben, denn er bewahre Erinnerungen an sie auf, die dann verloren wären.

Lesenswert für Trauernde, hilfreich für Freunde und Angehörige von Verlassenen.

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Julian Barnes: „Lebensstufen“, btb-Verlag,  141 Seiten, ISBN 9783442713714, Preis: 9,99 Euro.