Johannes Jakob über „Die Revolution entlässt ihre Kinder“

Johannes Jakob über „Die Revolution entlässt ihre Kinder“

Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder

Das Buch ist 70 Jahre alt. Aber wenn man den Stalinismus verstehen will, gehört es immer noch zu den besten Quellen.

Wolfgang Leonhard kam als 13-jähriger Junge mit seiner Mutter in die Sowjetunion. Seine Mutter wurde während der Säuberungen in den Gulag verschleppt und blieb dort 10 Jahre. Er selbst wurde und blieb überzeugter Kommunist, durchlief die Ausbildung, um später als Führungskraft im neuen Deutschland den Sozialismus aufzubauen.

Er erlebt die Zeit des Krieges in der Sowjetunion. Die Gräueltaten der Nazis blieben ihm weitgehend verborgen. Aber die russische Sicht auf den Krieg wird sehr spannend beschrieben. Er ist dabei nah am Geschehen und kann viele Interna schildern.

1945 kam er noch vor Ende des Krieges mit der sogenannten Gruppe Ulbricht nach Berlin. Aus heutiger Sicht sind vor allem die ersten Jahre in Ostberlin sehr interessant. Sehr detailliert schildert er das Vorgehen, wie es gelang einen Sozialismus sowjetischer Prägung in Deutschland durchzusetzen, was letztlich zur Teilung Deutschlands führte.

Er wurde Dozent an der Parteihochschule, brach aber mit dem System, als seine Hoffnung, dass Deutschland einen eigenen Weg zum Sozialismus gehen könnte, sich in Luft auflöste. Sehr präzise analysiert und beschreibt er die Mechanismen des Stalinismus.

Er floh 1949 zunächst in das damalige Jugoslawien und später in die Bundesrepublik. 2014 starb er. Er war einer der besten Kenner der Sowjetunion und Russlands und lehrte an mehreren internationalen Universitäten. Erst nach der Wende konnte er nach Ostberlin und Russland zurückkehren. Eine spannende Zeitgeschichte des letzten Jahrhunderts.

Wolfgang Leonhard: „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, Kiepenheuer & Witsch GmbH, Jubiläumsausgabe, 704 Seiten, ISBN 9783462034981, Preis: 16,00 Euro.


Dienstag, 11. Oktober: Mächtig gewaltig

Kulturbanausen und Kult aus Dänemark

„Mächtig gewaltig!“ Spätestens nach diesem Einstieg wissen Fans, was an diesem Dienstag, 11. Oktober 2022, in unserem bebücherten Kalenderblatt folgt: Heute vor 54 Jahren lief der erste Film der dänischen Kultserie „Die Olsenbande“ an.

So gesehen müsste es heute zumindest zum Start „befilmtes Kalenderblatt“ heißen, denn unser Tipp ist der erste Teil von „Die Olsenbande“ (DVD). Hoher Nostalgiefaktor für ältere Semester. Um die skurrile Dängen-Gang zu sehen, wurde auch in der Bundesrepublik seinerzeit gern mal das DDR-Fernsehen gewählt, in dem die Filme liefen.  

„Mächtig gewaltig“ ist übrigens eine sozusagen stubenreine Übersetzung des Originals. Denn da sagt Benny gern und oft „Skide godt“, was übersetzt „Scheiß-gut“ bedeutet. Zumindest gut waren die komischen Krimis tatsächlich, mehrfach sollte der letzte Film gedreht werden, schließlich wurde es dann aber eine 14-teilige Reihe.

Der Einstieg in den Blog mit Filmen und Schauspielern passt heute auch insoweit gut, als wir den bundesweiten „Tag des Schauspiels“ begehen. Ins Leben gerufen hat diesen erst vor drei Jahren der Bundesverband Schauspiel e.V. (ext.), der mit diesem Aktionstag auf die problematische Einkommenssituation der Schauspielerinnen und Schauspieler aufmerksam machen will: „Altersarmut – Ruhm statt Rente“.

Bei mir weckte der „Tag des Schauspiels“ Erinnerungen an die Schulzeit und an die Jahre, in denen man sich noch Gedanken um das eigene Image macht und nicht als Kulturbanause dastehen will. Bei diesen Bemühungen half mir verlässlich „Reclams Schauspielführer“. Oder der Opernführer. Oder der Konzertführer.

Vielleicht sollte man gleich zu „Reclams Musik- und Theaterkassette“ greifen, denn die beinhaltet Opernführer, Schauspielführer, Konzertführer im Schuber.  Oder weltläufiger ausgedrückt: im „slip-cased set“ (da sollte man vielleicht noch ein Englisch-Wörterbuch als Gimmick dazugeben).

Bei den Geburtstagen gibt es heute Tipp-Probleme, denn von Nobelpreisträger (1952) François Mauriac, der heute vor 137 Jahren (1885) zur Welt kam, sind aktuell gar keine deutschen Übersetzungen und auch fremdsprachige Ausgaben nur mit Lieferzeiten erhältlich. Beispielsweise „Vipers‘ Tangle“ (Das Natterngezücht“). Nobelpreisruhm ist offenkundig zumindest an den Ladentheken vergänglich.

Größer ist die Auswahl schon bei Elmore Leonhard, der am 11. Oktober 1925 zur Welt kam. Was allerdings auch leicht erklärbar ist, denn während Mauriac eine sozialkritische, katholische Literatur prägte, wählte sich Leonhard Western und Krimis als Spielwiese. Mit großem Erfolg, viele seiner Bücher wie „Rum Punch“  wurden verfilmt.

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