Johannes Jakob über „Das Narrenschiff“

Johannes Jakob über „Das Narrenschiff“

Christoph Hein: Das Narrenschiff

Christoph Hein: Das Narrenschiff

Was hoffnungsvoll begonnen wurde, endete in einem Desaster. Christoph Hein hat die Geschichte der DDR selbst erlebt. Er hat die Schwächen des Systems gesehen, am 4. November 1989 hat er bei der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz eine Rede gehalten. Über 40 Jahre zeichnet er die Geschichte nach.

Es war wichtiger, sich mit dem System zu arrangieren als Leistung zu bringen. Seine Protagonisten lernen schnell, worauf es ankommt, wenn man in der DDR Erfolg haben will. Kompetenz war weniger gefragt. „Die Partei hat immer recht…“, nach dem Motto lebten ein Ökonom, ein Wissenschaftler für Metalltechnik und deren Ehefrauen und ein international angesehener Professor, der keine Stelle an der Uni bekam, weil er während der Nazizeit in England und nicht in der UDSSR war. Er wurde schließlich für Kinderfilme zuständig.

So haben viele absurde Entscheidungen erst zum Selbstzweifel, zur Verlogenheit und schließlich zum Zusammenbruch geführt. Das Narrenschiff ist gesunken. Eine spannende Geschichte durch 40 Jahre DDR, vor allem für Menschen, die die DDR selbst nicht mehr erlebt haben.

Christoph Hein: Das Narrenschiff, Suhrkamp Verlag, 750 Seiten, ISBN 9783518475355, Preis: 16,00 Euro.

Eine Rezension zum „Narrenschiff“ hat auch Markus Weber vorgelegt.


Markus Weber über „Das Narrenschiff“

Markus Weber über „Das Narrenschiff“

Christoph Hein: Das Narrenschiff

Christoph Hein, bedeutender zeitgenössischer Schriftsteller und aufgewachsen in der DDR, hat einen großen und schwergewichtigen Roman über die Geschichte der DDR geschrieben. Die Geschichte beginnt schon in den letzten Kriegstagen in Berlin und führt bis hin zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Im Zentrum der Erzählung stehen fünf Personen, die an diesen Staat glaubten und ihn mittrugen – eine durchaus ungewöhnliche und umso spannendere Perspektive. Bei aller Unterschiedlichkeit sind sie durch ihre staatstragenden Stellungen und privaten Verbindungen miteinander verbunden.

Dabei sind die Motive ihrer Haltungen zur DDR durchaus unterschiedlich, zum Beispiel: Karsten Emser war als linker Professor für Ökonomie vom NS-Staat entlassen worden und in die Sowjetunion ausgewandert, um dann von Beginn an beim Aufbau des neuen Staates dabei zu sein. Heinrich Goretzka war als überzeugter Nazi in den Weltkrieg gezogen und in der Umerziehung in sowjetischer Kriegsgefangenschaft zum kommunistischen Gefolgsmann geworden, um dann umso dogmatischer die Staatsdoktrin zu vertreten. Seine Frau drängte er zum Eintritt in die Partei, damit sie Karriere machen konnte.

Alle Zweifel an den Entscheidungen im Staat werden nicht zuletzt im Sinne auch eigener Interessen letztlich der Partei untergeordnet: „Man darf sich irren, aber nie gegen die Partei. Und wenn die Partei sich irrt, machst du einen Fehler, wenn du diesen Irrtum nicht teilst. Man darf nie gegen die Partei recht haben, denn sie allein hat immer recht.“ Erst die nachfolgende Generation nimmt sich das Recht auf mehr Distanz, wenn auch mit Kompromissen.

Geschickt verbindet Hein das Schicksal und den Alltag der Personen mit der Entwicklung und den Wendepunkten der Geschichte der DDR, die quasi im Hintergrund und in den Gesprächen miterzählt wird. So wird deutlich, woran der Staat mit seiner Ideologie krankte und letztlich scheiterte oder scheitern musste. Doch auch der Ausblick in die Verhältnisse nach dem Mauerfall fällt durchaus kritisch aus.

Christoph Hein gelingt ein gut erzählter Roman, bei dem man immer erwartungsvoll den nächsten Ereignissen und Verwicklungen entgegensieht und nicht aufhören möchte zu lesen. Dass man doch Lesepausen machen kann, wird durch die Einteilung in kleine Kapitel erleichtert, die in sich thematische Einheiten bilden. Tatsächlich ist der Roman auch für mich ein „eindrucksvolles historisches Panorama“, wie Steffen Mau urteilt.

Christoph Hein: Das Narrenschiff. Roman, Suhrkamp Verlag 2025, 750 Seiten, ISBN 978-3518432266, 28,00 Euro.

Eine Rezension zum „Narrenschiff“ hat auch Johannes Jakob vorgelegt.