Dieses Buch ist spannend und sehr berührend geschrieben. Selten habe ich ein so gut ausbalanciertes Buch gelesen, welches mich oft auch an den Gesang der Flusskrebse erinnert hat.
In einer idyllischen Kleinstadt in Kalifornien kümmert sich die 13-jährige Duchess um ihren kleinen Bruder und ihre depressive Mutter, welche die Ermordung ihrer Schwester vor 30 Jahren nicht verkraftet hat. Als der vermeintliche Mörder aus der Haft entlassen wird, droht das fragile Gefüge, welches Duchess aufgebaut hat, zusammenzubrechen. Eine Kette von tragischen Ereignissen wird in Gang gesetzt und bleibt bis zum Schluss unter einem großen Bogen spannend, einfühlsam, bewegend, berührend und überraschend. Chris Withaker hat mit diesem Buch einen außerordentlichen Roman geschrieben, den man nicht verschlingt aus Sorge, dass er aufhören könnte und den man nicht aus der Hand legen möchte, weil er so spannend ist. Hier empfiehlt es sich mit Genuss zu lesen und sich verzaubern zu lassen von der einfühlsamen Erzählkraft dieses sensationellen Autors. Großes Kino!
“Ich bin weder mutig noch trainiert. Ich ächze und schnaufe bei jeder Treppenstufe, breche bei der kleinsten Anstrengung in Schweiß aus, werde beim Radfahren von Rentnern überholt, habe Angst vor Spinnen, Hunden, vor Gewitter, tiefen Seen und steilen Höhen, ich fürchte mich im Wald …“ Derart (un)vorbereitet tritt die Autorin Rebecca Maria Salentin die 2.700 km lange Wegstrecke zu Fuß auf dem EB, dem Weg von Eisenach nach Budapest, an. Zudem reißt sie alle Brücken in Leipzig ab. Sie kündigt ihre Wohnung und will erst auf dem Weg überlegen, wie es hinterher weitergehen wird.
Schwerfälliger Start
Diese Ausgangssituation hat mich fasziniert. Dennoch habe ich kurz überlegt, ob ich dieses Buch empfehlen soll. Denn, ehrlich gesagt, kam das Buch zu Beginn für mein Empfinden ein wenig schwerfällig in Gang, zu viel Ballast, z.B. den Bruch einer langen Beziehung, schleppt sie anfangs noch mit sich und erzählt davon. So brauchte ich ein wenig Geduld, bis ich wirklich auf dem Weg angekommen war. Doch mit jedem Kilometer fand ich die Erzählung über diese ungewöhnliche Reise lohnender. Sie beschreibt Begegnungen mit unbekannten Menschen, neue Beziehungen entstehen. Alte Freunde begleiten sie wechselnd für ein paar Tage. Es finden sich schöne Schilderungen von Fremdem und Vertrautem, Land und Leuten, die sie neu kennenlernt in Deutschland, Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Und natürlich begegnet sie all dem, wovor die Angst hat(te): heftigen Gewittern, dunklen Wäldern, Bärenspuren, steilen Bergen …
Sich selbst begegnen
So begegnet Rebecca Salentin nicht nur unbekannten Landschaften und Menschen, sondern auch sich selbst neu – das ist ja bei jedem wirklichen Weg so. Und die Erkenntnis: Aus einer verrückten Idee „wurde eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Trotzdem freue ich mich auf zu Hause. Ich würde den Satz, dass es zu Hause am schönsten ist, nicht unterschreiben. Aber ich würde sagen, dass es unglaublich schön ist, wenn man ein Zuhause hat …“
Ich selbst werde diese 2.700 km in meinem Leben sicher nicht gehen; dennoch war es gut, mich mit Rebecca Salentin auf den Weg zu begeben. Und wer weiß, vielleicht besuche ich ja den ein oder anderen Ort, den sie beschreibt.
Harald Welzer, einer der anregenden und streitbaren Intellektuellen der Bundesrepublik, legt mit seinem neuen Buch eine schonungslose Analyse der Irrwege in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft vor, die uns schließlich in die Klimakrise und vor die Klimakatastrophe geführt haben. Dabei ist dieses Buch sehr persönlich motiviert durch die Erfahrung, bei einem Herzinfarkt mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert worden zu sein.
Auf Wachstum angelegt
Im ersten Teil des Buches führt Welzer die Widersinnigkeit vieler Entscheidungen vor Augen, die nur vorgeben, Lösungen aus der Krise anzubieten, denen es aber nicht gelingt, die Probleme an der Wurzel zu fassen. Die Wurzel sieht Welzer in der Anlage der europäischen Moderne selbst, die nicht in der Lage war, eine „Kultur des Aufhörens“ zu entwickeln, sondern immer auf das Mehr, das Höher, Weiter, Schneller, auf Wachstum angelegt ist. Immer wieder scheint Welzers Empörung über diese Situation und deren Konsequenzen auf, auch über die Lebenslügen der Wachstumsgesellschaft, was sich an einigen Stellen auch sprachlich an für ihn ungewohnt derben Begriffen zeigt.
In seiner Analyse und Suche nach Gründen für die Unfähigkeit unserer Kultur, die eigenen Grenzen und die Endlichkeit anzuerkennen, verknüpft Welzer kenntnisreich die unterschiedlichsten Wissenschaftsbereiche. So wird auch deutlich, dass die Entwicklungen seit der Zeit der Aufklärung mit ihren Säkularisierungstendenzen zu einer Unsterblichkeitsillusion geführt haben. Es ist klar, dass im Zusammenhang mit Themen wie Tod und Sterblichkeit auch die religiöse Dimension gestreift wird, wobei ich persönlich mir da ein wenig mehr Kenntnis „aufgeklärter“ Theologie gewünscht hätte. Andererseits ist es für mich beim Lesen beeindruckend gewesen, wie es gelingt, so etwas wie eine säkulare Frömmigkeitshaltung zu entwickeln.
Perspektivwechsel nach Herzinfarkt
Das ist wohl vor allem ausgelöst durch die Erfahrung seines Herzinfarkts, der ihn zu einem Perspektivwechsel veranlasst hat. Nach seiner Einschätzung sollten nicht nur die Individuen ihr Leben vom Ende her denken, sondern auch der Gesellschaft täte es gut, einen Nachruf auf sich selbst zu verfassen, um Leitlinien und Maßstäbe für ein gutes Leben zu verfassen. In diesem Sinne erzählt Welzer recht breit biografische Beispiele des Aufhörens (z.B. im Gespräch mit Reinhold Messner), die er verallgemeinert, um so dessen Wert und Gewinn zu verdeutlichen: als Chance des wirklichen Neubeginns und „Feier des Lebens“.
Schließlich formuliert Welzer 15 Sätze, die er – durchaus auch selbstkritisch – im Nachruf auf sich selbst lesen möchte. Das geht von „Er konnte gut Zeit verschwenden“ bis hin zur – für mich – zentralen Formulierung „Er hat keine Entscheidungen getroffen oder mitgetragen, die zukünftige Menschen in ihrer Entfaltung beeinträchtigen.“ Bei allen Sätzen stehen immer die Menschen im Mittelpunkt und die Überzeugung, dass jeder Mensch Handlungsspielräume hat und den „Unterschied machen“ kann für eine lebenswerte Zukunft auch der künftigen Generationen.
Anregungen für eigene Überlegungen
Am Ende bietet Welzer nicht – wie ich noch zu Beginn meiner Lektüre gedacht und erwartet hatte – „die Lösung“ für die politische Dimension zur Abwendung der Klimakatastrophe, aber viele Anregungen für eigene Überlegungen und hoffentlich Anstöße für die gesellschaftliche Debatte. Und das ist ja schon viel.
Ich habe meinen 13-jährigen Enkel Juan Felipe gefragt, welches Buch er empfehlen möchte. Er hat mir geantwortet:
„Wenn ich gefragt werden würde, welches Buch ich empfehlen könnte, so ist „Thalamus“ von Ursula Poznanski das erste Buch, an das ich denke. Das verdanke ich dem extrem spannenden Schreibstil, der in allen mir bekannten Thrillern von Ursula Poznanski vorhanden ist. Das Buch handelt von einem Jugendlichen, der aufgrund eines Motorradunfalls in eine Reha-Klinik muss, er ist anfangs sehr eingeschränkt und kann nicht mal laufen und auch von reden ist er noch weit entfernt. Eine nächtliche Erfahrung mit seinem Zimmerpartner, der untertags nicht laufen kann, scheint unmöglich zu sein: Da sieht er ihn mehrfach laufen und von eben diesem Bettnachbarn wird ihm der Tod angedroht. Spätestens da wird ihm klar, dass in der abgeschiedenen Rehaklinik, genannt Marktwaldhof, einige merkwürdige Sachen geschehen.
Das Buch ist bis zum Ende spannend und man kann sich die merkwürdigen Taten mancher Insassen und Insassinnen bis zu den letzten Seiten nicht erklären.
Die Lektüre ist geeignet für die Altersklasse 13 bis 99 Jahre.“
Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten
Die Journalistin Alice Hasters, 1989 in Köln geboren, beschreibt im Buch ihre vielfältigen Erfahrungen von Rassismus in verschiedensten Lebensbereichen. Auch harmlos klingende Fragen – „Darf ich mal deine Haare anfassen“ – oder als Kompliment gemeinte Äußerungen – „Du hast einen richtig schönen N**erpopo“ – sind Ausdruck rassistischer Einstellungen, so ihre Grundthese. In den Bereichen Alltag, Schule, Körper, Liebe und Familie wird diese durchbuchstabiert. Dabei belässt Hasters es nicht bei der Beschreibung eigener Erfahrungen, sondern sie bezieht auch wissenschaftliche Erkenntnisse und Literatur kenntnisreich mit ein, um ihre Position zu untermauern. Dabei bleibt der Text immer gut lesbar. Mich hat das Buch an vielen Stellen angestoßen, noch einmal vertieft nachzudenken. Zum Beispiel, ob wir die Tradition der europäischen Aufklärung – ohne die hohe und bleibende Bedeutung von Vernunft, Menschenrechten und Toleranz infrage zu stellen – nicht doch neu erzählen müssten, wenn es von ihren prominenten Vertretern rassistische Äußerungen gibt. Auch wenn ich am Ende nicht allen Wertungen der Autorin zustimme, so habe ich das Buch trotzdem mit Gewinn gelesen.
Der vielseitig begabte und engagierte Wiener Multimediakünstler, Poet, Liedermacher, Kulturmanager und Schauspieler André Heller verwebt in dieser Erzählung eigene Kindheitserinnerungen kreativ mit phantasievollen Einfällen zu dieser Erzählung um den Jungen Paul. Paul besucht auf Geheiß des Vaters ein erzkatholisches Internat: „Am falschen Ort und bei den falschen Leuten … Künftige Kirchenfürsten und Minister der christlichen Volkspartei, Generaldirektoren bürgerlicher Großbanken und Universitätsprofessoren züchtete man dort. Aber ich hatte anderes mit mir vor.“ Weltmeister im Unsichtbarsein oder Taucher im Inneren des Vesuvs wollte Paul werden und entwickelt Gegenstrategien. Zur Bestattung des Vaters reisen Pauls Onkel aus Übersee an und geben Anekdoten aus dem schillernden Leben der Silbersteins, einer jüdischen Wiener Großindustriellenfamilie, zum Besten. Onkel York hat auch einen Ratschlag für Paul: „Hör zu: Geboren wird man als Entwurf zu einem Menschen, und dann muss man Zeit seines Lebens aus sich einen wirklichen Menschen machen.“
Eine unterhaltsame und wunderbar zu lesende Erzählung voller Phantasie und Poesie!
„Ich war nicht traurig, als mein Bruder starb.“ Dieser erste Satz des Romans hat mich gleich in die Geschichte des jungen Mädchens Tambu hineingezogen. Die Geschichte spielt in den 1960er und 70er Jahren in Simbabwe – bis 1965 noch britische Kolonie und noch bis 1980 Rhodesien genannt. Sehr anschaulich wird der Kampf Tambus um Bildung, Anerkennung und Gleichberechtigung geschildert – ihre Herkunft aus Armut und Kinderarbeit im Dorf, der neidische Blick auf den Bruder, der die Missionsschule in der Stadt besuchen darf, die patriarchalen Strukturen in ihrer Familie und der Gesellschaft. Als Tambu schließlich selbst städtische Schulen besuchen darf, erfährt sie auch die koloniale Bevormundung im Land am eigenen Leib. Die Teilhabe an der britisch geprägten Bildung stellt sie vor die Frage der eigenen Zugehörigkeit: „Sag mir Tochter, was werde ich, deine Mutter, dir zu sagen haben, wenn du nach Hause kommst, eine Fremde voller weißer Gewohnheiten und Ideen?“ – so formuliert es Tambus Mutter bei ihrem Fortgang in die Stadt.
Der Roman ist im Original bereits 1988 erschienen; doch auch heute ist das Buch der Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels von 2021 immer noch lohnend und trägt zum besseren Verständnis Afrikas bei. Gewünscht hätte ich mir ein erweitertes Glossar, um leichter in die afrikanischen Begriffe und Vorstellungswelten hineinzukommen.
Ich habe gerade das Buch „KEINE REGELN warum Netflix so erfolgreich ist“ aus der Hand gelegt. Literatur über Unternehmensführung gibt es reichlich. Die Grundregel zwischen Highperformern und Selbstdarstellern zu unterscheiden ist nicht neu, wird aber bei Netflix konsequent durchgeführt. Die Netflixleute sind auf der Suche nach einer sehr hohen Talentdichte. Diese Talente erhalten sehr viele Freiheiten, zum Beispiel die Eigenentscheidung über die Häufigkeit und Dauer des Urlaubs. Dafür wird eine sehr hohe Verantwortung erwartet. Die Erkenntnis das gute Leute in einem Unternehmen von schlechten Kollegen und untalentierten Vorgesetzten genervt sind, wird in diesem Buch besonders breit dargestellt. Der Erfolg von Netflix scheint dem CEO und Gründer Reed Hastings Recht zu geben. Das Buch gehört in die Hände von Menschen die sich mit Führung beschäftigen. Das Buch hat mich inspiriert.
Dieses Buch zieht einen vom ersten Moment an soghaft in den Rausch der Ereignisse. Ein Paar ist unterwegs durch die nächtliche Marokkanische Wüste. Begleitet von ihren jeweils eigenen Dämonen und unzufrieden mit dem Lebenswandel des Anderen, sind sie auf dem Weg zu einer glamourösen Party. Was suchen sie? Was werden sie finden? Als Leser*in kann man sich dem schicksalshaften Geschehen bald nicht mehr entziehen, steht erstaunt neben den Protagonisten, ist selbst zutiefst in die Sache verstrickt und sieht das Ende doch nicht kommen. Neben dem spannenden Handlungsstrang besticht Osborne mit seiner Sprache und der allgegenwärtigen Frage, wie und ob das eigene Handeln das Schicksal bestimmt. Das exotische Setting verstärkt die Intension auf ganz subtile Art. Ein süßer Pfefferminztee und ein paar Datteln machen die Lektüre perfekt.
Colson Whitehead erzählt auf packende Weise die Geschichte von Elwood, der Anfang der 1960er Jahre in Florida im Ghetto der Schwarzen bei seiner Großmutter aufwächst. Mit Martin Luther King und seinen Reden, die er wieder und wieder von der Platte hört, träumt Elwood von der Befreiung und Gleichberechtigung der Schwarzen, die so anders sein wird als die erlebte Gegenwart der Diskriminierung und Ausgrenzung. Sein persönlicher Traum, aus dem Ghetto herauszukommen, scheint in Erfüllung zu gehen, als er einen Platz am College erhält. Stattdessen gerät Elwood in eine Erziehungsanstalt voller Brutalität und Willkür. Die Ohnmacht angesichts der gewaltvollen Strukturen wird erlebbar. Eine Flucht aus der Anstalt ist aussichtslos, auch wenn der Traum von Martin Luther King lebendig bleibt. Am Ende hält der Roman eine überraschende Wendung bereit.
Offenbar muss man – wie Whiteheads Roman zeigt – selbst kein Schwarzer sein, um klar und unmissverständlich den Rassismus der US-Gesellschaft darzustellen und die Leserinnen einfühlsam mitzunehmen in diese Geschichte. Aber Achtung: Man muss sich darauf gefasst machen, dass die rassistische Sprache der Zeit im Text ohne Warnung benutzt wird, man also auch das N**-Wort zu lesen bekommt. Wie sonst sollte es gehen, diese Zeit verständlich zu machen und den Rassismus, der ja bis heute nicht vorüber ist, aufzuzeigen?