Maxim Biller: Schwarze Samstage

Der Terrorangriff der Hamas am Samstag, 7. Oktober 2023, war das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust. Für Juden in aller Welt waren das Massaker und die Verschleppung von Geiseln in den Gaza-Streifen zutiefst traumatisch. Aber nicht das Massaker, sondern das folgende militärische Eingreifen der israelischen Armee im Gaza-Streifen rief weltweit Proteste hervor, die häufig von antisemitischen Tönen begleitet waren. Viele Juden fühlen sich seitdem auch in Deutschland nicht mehr sicher.
Das ist der Hintergrund für Maxim Billers neuesten Roman. Er fragt aus Verzweiflung über diese Ereignisse, warum immer wieder Juden zum Ziel von Hass und Gewalt wurden und immer noch werden. Ari, der Ich-Erzähler des Romans, floh mit seiner Familie Anfang der 1970er Jahre aus der kommunistischen Tschechoslowakei nach Hamburg. Nie hätte er gedacht, dass Judenhass jemals wieder so stark werden könnte. So begibt sich Ari, der biografische Züge des Autors trägt, auf die Suche.
Auf einer Ebene des Romans schildert Ari seine persönlichen Erlebnisse, z.B. in Hamburg, während des Studiums in München, in Berlin oder bei Besuchen in Tel Aviv. Er schildert Phasen der Unbeschwertheit und komische Situationen, aber immer wieder auch gibt es Begegnungen mit antisemitischen Äußerungen oder offenen Anfeindungen.
Auf einer anderen Ebene durchleuchtet Ari viele historische Stationen – von biblischen Zeiten bis heute, wobei er den Sadismus des Terrors schonungslos analysiert. Auf dieser Ebene finden sich im Roman teils Ausführungen, die in einem Sachbuch stehen könnten, auch wenn er immer subjektiv schreibt. Er setzt sich bei seiner Suche nach den Gründen für die Lust an der Verfolgung von Juden auch mit zahlreichen Autorinnen und Autoren auseinander. Dabei ist er immer scharfzüngig, aber nicht immer gerecht in seinen Urteilen. So wird der Roman insgesamt zu einer schweren, aber doch lohnenden Kost. Eine Zumutung.
Und letztlich steckt hinter dem Roman ein humanistischer Antrieb. Es geht um die empathische Hinwendung zu den Opfern des Massakers dieses schwarzen Samstags, aber auch zu allen Opfern von Gewalt. Und selbst für die hingerichteten Terroristen bringt er Mitgefühl auf: „Ich freue mich nie über den Tod eines Menschen, auch nicht, wenn es Hannibal Lecter wäre“, schreibt er. Und weiter denkt der bekennende jüdische Atheist: „Gott gibt Leben, Gott nimmt Leben. Wer sind wir, ihn nachzumachen?“ Ganz vorsichtig kann man dahinter auch den Wunsch nach einer Welt universeller Gerechtigkeit erblicken.


