Sonja Weber über „Das Jahr“

Sonja Weber über „Das Jahr“

Jonas Tjäder / Maja Knochenhauer: Das Jahr

Jonas Tjäders und Maja Knochenhauers neues Bilderbuch „Das Jahr“ ist für alle kleinen Menschen von vier bis sieben gedacht und alle Großen, die gerne mit Kindern Bücher anschauen.

Anhand einer Stadt, aufgeteilt in drei verschiedene Szenen und bevölkert von vielen Leuten, beschreiben die beiden jeden einzelnen Monat auf je einer Doppelseite. Ein Mehrfamilienhaus, eine Bücherei, die Bäckerei und das Sportgeschäft aus dem Januar trifft man im April, Juli und Oktober wieder. Was im Kindergarten und der Kirche los ist, entdeckt man Februar, Mai, August und November, die Schule, den Markt und ein Neubaugebiet bekommt man im März, Juni, September und Dezember zu sehen.

Die vielen, vielen kleinen Figuren, die jede Seite bevölkern, tummeln sich ebenfalls auf den Umschlaginnenseiten vorne und hinten. Einige von ihnen verstecken sich richtig gut im Buch und man hat lange zu suchen, andere haben ein paar Rätselaufgaben für alle Bilderbuchfans. Mit jeder Figur kann man das Jahr in einer individuellen Geschichte erleben.

Jonas Tjäder und Maja Knochenhauer haben ein kleines Universum erschaffen, in das man nach Lust und Laune eintauchen kann.

Jonas Tjäder / Maja Knochenhauer: „Das Jahr“, Oetinger Verlag, 32 Seiten, ISBN 978-3-7512-0785-0, Preis: 17,00 Euro.


Sonja Weber über „Der Chor“

Sonja Weber über „Der Chor“

Anna Kathrin Hahn: Der Chor

Die Cantarinen proben einmal die Woche im Gemeindesaal, treten zweimal im Jahr auf und im Sommer gibt es regelmäßig Chortreffen. Die unterschiedlichen Frauen spiegeln das Sozialgefüge der Stadt wider, jedes Alter, jede Schicht ist dabei. Bei Ihren Proben sind sie alle Chorschwestern, egal ob Rentnerin, Managerin, Hausfrau oder Reinigungskraft.

Sie genießen es, nach der Pandemie endlich wieder zusammen singen zu können. Obwohl zwischen den Freundinnen Alice und Marie seit Corona irgendwie Funkstille herrscht, die ältere Lena mit gesundheitlichen Problemen kämpft und Cora in finanziellen Nöten steckt, scheint im Chor alles zu funktionieren.

Dann taucht die schüchterne und leicht verwahrloste Sophie auf. Sie und die Tatsache, dass es Lena immer schlechter geht, wirbeln nach und nach Staub auf, der eigentlich unter dem Teppich hätte bleiben sollen. Nach einer unüberlegten Spontanreise nach Paris sieht Alice auf einmal vieles in einem neuen Licht.

Wie konnte sie Tatsachen einfach ausblenden? Sie, die jede nichtpassende Kleidung, jedes Staubkorn und jede Parfummarke sofort wahrnimmt, hatte doch nie den Mut in die Tiefe zu schauen. Nun muss sie hinsehen und dann weitersehen.

Anna Kathrin Hahn: „Der Chor“, Suhrkamp Verlag, 282 Seiten, ISBN 978-3-518-47514-0, Preis: 13,00 Euro.


Sonja Weber über „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“

Sonja Weber über „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“

Lisa Ridzén: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

Irgendwann im Leben treffen wir die erste eigene wichtige Entscheidung und irgendwann die letzte, machen irgendwann den ersten eigenen Schritt und dann irgendwann den letzten. Dazwischen liegt mit Glück ein gutes Leben, dass vielleicht sogar lang ist. Dazu muss man allerdings alt werden und es dann auch noch schaffen alt zu sein.

Lisa Ridzén erzählt in ihrem wunderbaren soeben erschienenen Debutroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ genau davon. Anhand von Notizen des Pflegeteams ihres Großvaters hat die Autorin eine feine, alle Beteiligten beleuchtende Geschichte erschaffen, in der es auf die erdenklich beste Art menschelt.

Aus der Sicht des alten Bo blicken wir als Leserinnen und Leser auf einen Alltag, in dem alles was Jahrzehnte leicht war, immer schwieriger wird. Egal ob Kochen, in die Stadt fahren, Putzen, den Kamin anfeuern oder mit dem Hund rausgehen, Bo benötigt Hilfe. Deshalb kommt ein Pflegedienst und deshalb möchte Bos Sohn Hans den Hund weggeben.

Aber darf er das? Ist es nicht immer noch Bos Leben? Ist es nicht seine Entscheidung, ob er beim Spaziergang mit dem Hund oder auf der Küchenbank stirbt? In den einzelnen Kapiteln verweben sich Vergangenheit und Gegenwart, erleben wir Bos gefühlte Realität und das „so ist es“ aus der Sicht von Hans, der Pflegekräfte und Bos Enkelin und wir begleiten Bo das letzte halbe Jahr seines langen und aus seiner Sicht sicher auch guten Lebens.

Lisa Ridzén: „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“, btb Verlag, 384 Seiten, ISBN 978-3-442-76296-5, Preis: 24,00 Euro.


Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Sonja Weber empfiehlt Literatur im Doppelpack

Saša Stanišićs: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn

Pascal Mercier, Der Fluss der Zeit

Literatur im Doppelpack bekommt man mit „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“ von Stanišić und „Der Fluss der Zeit“ von Pascal Mercier. Beides Bände mit Erzählungen, beide sind großartig, sehr gegensätzlich und passen trotzdem zusammen, ich erlebte sie als Ergänzung zueinander.

Stanišićs Figuren, seine burschikose Sprache und seine skurrilen Handlungsideen erstaunen und gehen unter die Haut. Heiter desillusioniert und naiv zielgenau nimmt der deutsch-bosnische Ausnahmeschriftsteller uns mit in seine Jugend und in die unbeleuchteten Ecken der Gesellschaft. Anhand unwahrscheinlicher Zufälle und vielleicht möglichen Glücks, konnte ich als Leserin in fremde Leben schlüpfen.

Pascal Merciers Geschichten sind sanft und hüllen ein. Auch er beleuchtet durchaus die schwachen Stellen unseres Seins, die Momente, in denen wir es gut meinen, aber nicht wissen, wie zu Handeln ist. Situationen, die uns fragend dastehen lassen und wir unverhofft in die eigene Seele blicken. Dabei bleibt der vor drei Jahren gestorbene Schweizer Autor seinen philosophischen Ideen, wie man sie aus „Nachtzug nach Lissabon“ kennt und seinem eleganten, weich dahinfließenden Stil treu.

Saša Stanišićs: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorn“, Btb Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-442-77541-5, Preis: 14,00 Euro.

Pascal Mercier, „Der Fluss der Zeit“, Hanser Verlag, 112 Seiten, ISBN 978-3-446-28577-4, Preis: 22,00 Euro.


Sonja Weber über „Ein Bild von einer Frau“

Sonja Weber über „Ein Bild von einer Frau“

Natascha Bub: Ein Bild von einer Frau

Die Protagonistin Insa Schönberg, eine junge noch unerfahrene, aber in höchstem Maße abenteuerlustige Fotografin der Nachkriegszeit, geht mit dem bekannten Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt eine Wette ein. Sie wird ihm ein Foto seines Stars Ernest Hemingway beschaffen, das den exzentrischen Autor nicht nur als Person abbilden, sondern ihn nahbar und sehr persönlich zeigen soll. So reist sie also mit nichts als Mut, Entschlossenheit und ihrer Kamera im Gepäck nach New York und dann notgedrungen weiter nach Kuba.

Die Autorin, die selbst sehr jung nach New York „durchbrannte“, lebt heute in Berlin. Der Roman sei als Hommage an die Fotografin und Verlegerin Inge Schönthal, später Inge Feltrinelli, endstanden, schreibt sie im Nachwort. Mit einem guten Gespür für die Ära und natürlich für ihre Protagonistin lässt Natascha Bub uns ein wenig vom Flair des Kuba in den frühen fünfziger Jahren und einen polarisierenden Starautor erleben.

Natascha Bub: „Ein Bild von einer Frau“, Ullstein Verlag, 288 Seiten, ISBN 978-3-548-06847-3, Preis: 12,99 Euro.


Sonja Weber über „Schattengrünes Tal“

Sonja Weber über „Schattengrünes Tal“

Kristina Hauff: „Schattengrünes Tal“

Sind Geheimnisse in Ordnung, die höchst eigene Privatsphäre? Hat die nicht Jeder und Jede? Womöglich, und doch können sie zerstörerisch sein, wenn sie ans Licht kommen. Das unangenehme Gegenteil von geheimnisvoll sozusagen. Also geheimniskrämerisch, berechnend, manipulativ und egoistisch oder ein Verheimlichen aus Angst vor einer Auseinandersetzung.

Genau durch so eine Nichterwähnung gerät in Kristina Hauffs neuestem Roman „Schattengrünes Tal“ die Beziehung zwischen Lisa und ihrem Mann Simon mehr als ins Wanken. Als Simon immer wieder verstörende Nachrichten über sein Smartphone erhält, beginnt ein Versteckspiel für ihn, dass einen Abgrund zwischen dem Paar schafft, den Lisa viel zu spät bemerkt.

Das marode Hotel ihrer Eltern, der tyrannische Vater und der nahende Winter in dem kleinen Ort im Schwarzwald beanspruchen ihre ganze Aufmerksamkeit. Dabei möchte Lisa doch noch so viel mehr vom Leben.

Als eine unbekannte und seltsam hilflose Frau ausgerechnet im Familienbetrieb Unterschlupf sucht, scheint das zunächst ein Segen zu sein. Als Lisa merkt, dass die angebotene Hilfe im Hotel und die Suche nach Freundschaft nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eine feindliche Übernahme ihres ganzen Lebens sind, scheint es fast zu spät zu sein. Lisas und Simons vermeintlich stabiler Alltag wird durch ein manipulatives Psycho-Erdbeben erschüttert, dass alle Beteiligten in den Abgrund zu reißen droht.

Kristina Hauff: „Schattengrünes Tal“, Hanser Verlag, 301 Seiten, ISBN 978-3-446-28428-9, Preis: 24,00 Euro.

Zu diesem Roman liegt auch eine Rezension von Lena Scholz vor


Sonja Weber über „Alles ist noch zu wenig“

Sonja Weber über „Alles ist noch zu wenig“

Katja Schönherr: „Alles ist noch zu wenig“

Eine Familie, drei Generationen, viele verschiedene Blickwinkel und Ansichten, die auf-, gegen- und voneinander abprallen. Ein Lesegefühl wie bei Juli Zeh vermittelt Katja Schönherr.

In ihrem Buch „Alles ist noch zu wenig“ geschieht kein großes Unglück, kein Mord und es wird auch nicht von der Liebesgeschichte des Jahrhunderts erzählt, es ist einfach der Alltag, der geschieht. Die in Dresden geborene Autorin und Schriftstellerin hat einen Familienroman geschaffen, der ohne schicksalshafte Zufälle und unglaubliche Dramen zu bemühen doch die großen Themen unserer Gesellschaft anspricht: Erwartungen, Verantwortung, Verständnis für die Situation anderer Menschen, Hilfsbereitschaft und Zuneigung.

In einem heißen Brandenburger Sommer driften Carsten, seine Mutter Inge und seine Tochter Lissa aufeinander zu und wieder voneinander weg. Stoßen alle Menschen um sie herum ab und ziehen sie wieder an, bis sich die eigenen Wünsche und Möglichkeiten mit der Realität angefreundet haben. 

Nichts ist hier perfekt, alles, was die Einzelnen geben können, wird nicht ausreichen, um allen Ansprüchen zu genügen und alle tragen dabei Altlasten mit sich herum. So ist das wohl im Leben, es gibt Zeiten für Champagner, Zeiten für Pellkartoffeln und Zeiten für heiße Milch mit Honig.

Katja Schönherr: „Alles ist noch zu wenig“, Arche Verlag, 314 Seiten, ISBN 978-3-7160-0017-5, Preis: 13,00 Euro.


Sonja Weber über „Ein Mord im November“

Sonja Weber über „Ein Mord im November“

Simon Mason: „Ein Mord im November“

Machen Sie sich einen Tee, gönnen Sie sich etwas Shortbread dazu, vielleicht einen Whisky später, legen Sie Holz in den Kamin und los geht es mit DI Wilkins und DI Wilkins. Dass die zwei so verschiedenen Männer den gleichen Nachnamen tragen und sich zudem auch noch ihre Vornamen ähneln, sorgt in der Uni-High-Society von Oxford zunächst für Verwirrung und die Tatsache, dass einer der Ermittler nicht so richtig in die ehrwürdigen Hallen eines der Colleges passt, erregt Unmut.

Ryan Wilkins ist zwar ein guter DI, hat aber seine Umgangsformen nicht im Griff und kann seine Herkunft abseits der elitären Welt nicht verbergen. Für seinen neuen Partner Ray Wilkins, der selbst in Oxford studiert hat, wird das zu einer Herausforderung und zeitweise sind Fall und Karrieren in Gefahr. Ryan lässt sich weder durch Stand, Adel oder Stellung beeindrucken. Mord ist Mord mit oder ohne Vitamin B und Titel im Namen.

Bis die beiden Männer schließlich herausfinden, was der toten jungen Frau im Büro von Sir James Osborne, des Provosts von Barnabas Hall, zugestoßen ist, fließt einiges Wasser die Themse hinab und gehen diverse Beschwerden bei Detective Superintendent Waddington ein. Die Frage, ob gute Bildung, Geld und Herkunft für Immunität bei der Strafverfolgung sorgen, steht für Ray im Raum, während Ryan bei seiner durchaus radikalen Wahrheitsfindung keine Manieren benötigt und auch gerne Regeln umgeht.

Simon Mason: „Ein Mord im November – Ein Fall für DI Wilkins“, Goldmann Verlag, 400 Seiten, ISBN 978-3-442-49564-1, Preis: 17,00 Euro.


Sonja Weber über „Leibniz und der Goldrausch“

Sonja Weber über „Leibniz und der Goldrausch“

Rolf Aderhold: Leibniz und der Goldrausch

In seinem historischen Kriminalroman „Leibniz und der Goldrausch“ schickt der Autor den Philosophen, Erfinder, Mathematiker, Reisenden und Visionär Gottfried Wilhelm Leibniz und seinen Assistenten Bernward „ausgerechnet nach Clausthal, in den finsteren Harz“. Zwischen Münzrecht und Bergfreiheit sollen die beiden nun Holmes und Watson gleich einem Komplott auf die Spur kommen.

Dabei wird man nicht nur mit Appetithäppchen zum Thema Naturwissenschaften und Philosophie neugierig gemacht, auch die Bergbaugeschichte des Harzes und die Orte Clausthal und Zellerfeld, die einst durch den Zellbach getrennt sogar unterschiedlichen Fürstentümern angehörten, rücken nochmal ins Interesse.

Leichte, amüsante Unterhaltung mit Faktentopping sozusagen und genüsslich einfach wegzulesen.

Rolf Aderhold: „Leibniz und der Goldrausch“, Ellert & Richter Verlag, ISBNPreis:  978-3-8319-0879-0, 19,95 Euro.


Sonja Weber über „Yoga Town“

Sonja Weber über „Yoga Town“

Daniel Speck: Yoga Town

Um der Enge und dem „Spießertum“ zu entfliehen, machen sich Marc, Lou und Marie bei Nacht, Nebel und Schneetreiben in einem gekaperten Daimler auf nach Indien. Pässe haben sie nur dabei, um von Berlin aus die damalige DDR zu durchqueren, dann winkt die Freiheit, hinter den Alpen der Frühling, spätestens ab Istanbul der Sommer und ab Peshawar die Erleuchtung.

Die Drei sind auf dem Weg dahin, wo sie ihre Idole vermuten, nach Rishikesh in den Ashram von Guru Maharishi am Ufer des Ganges. Sie folgen einem Traum und müssen lernen, das der beste Traum nur so viel taugt, wie die Realität es zulässt.

Sie wollen von Stars und Gurus lernen, sich selbst finden und die freie Liebe leben. Was das Leben sie lehrt ist, dass man lernen muss, die richtige Wahl zu treffen und man hat immer eine, die richtige kann die unbequemere sein.

Dass der Weg des geringsten Widerstands nicht ohne Folgen bleibt, dass Geheimnisse immer ans Licht kommen und Wunden nur heilen können, wenn man darüber redet, zeigt sich Jahrzehnte später, als Lous Tochter aus einer Sinnkriese heraus auf den Spuren ihrer Eltern reist.

Alle Fäden laufen an einem Ort zusammen und erneut scheint Indien das Land der Erleuchtung zu sein. Letztendlich müssen alle erkennen, dass der Ort nicht wichtig ist, nur die Wahrheit, Liebe und Verzeihen.

Daniel Speck: „Yoga Town“, Fischer Verlag, 480 Seiten, ISBN 978-3-596-71200-7, Preis: 18,00 Euro.