Lukas Rietzschel: Sanditz

Der Roman beginnt mit einer skurrilen Szene in der fiktiven ostdeutschen Stadt Sanditz, die der Ort der meisten Geschichten des Buches ist. Vom Himmel fallen nachts große Vögel, die sich nach und nach in Männer verwandeln. Sie kommen weit aus der Vergangenheit, um ein Denkmal zu stürzen, das das Wiedererwachen des alten Deutschlands symbolisiert.
Dann aber sind wir mitten in der Realität von Sanditz im Jahr 2021. Die Kapitel des Buches erzählen das Leben sehr unterschiedlicher Menschen und deren Schicksale. Dabei gibt es einen Erzählstrang, der ausgehend vom Jahr 1978 in der DDR beginnt, aber bis ins Jahr 1997 führt.
Ein zweiter Erzählstrang schildert Ereignisse in den Jahren 2021/22. Beide sind einander verschachtelt. In den einzelnen Kapiteln begegnen die Leser sehr vielen Menschen und ihrem Leben, z.B. Bürgerrechtlern der DDR und Offizieren der Stasi, Menschen im kirchlichen Milieu, einer Pastorin, einem Orgelbauer, einem homosexuellen Liebespaar, Kindern, einem Bausoldaten, Arbeitern und einem Banker.
Im Zentrum steht die Familie Wenzel, an der gezeigt sind, wie die Lebenswege aus der DDR in die Nachwendezeit bis in die Gegenwart führen. In vielen der Geschichten wird nicht nur der Alltag lebendig erzählt, sondern auch gezeigt, wie die Politik in diesen Alltag hineinwirkt – und zu Verwerfungen führt.
So werden auch die Brüche der Nachwendezeit anhand der Lebensgeschichten deutlich, etwa wenn ein „Westler“ nun Bankdirektor Sanditz wird, ein „Ostler“ seinen Unterhalt im Westen verdienen muss, Familien sich in der Coronakrise zerstreiten oder der Krieg in der Ukraine neue Konflikte hervorruft.
Von der Kritik wird der Roman vielfach gelobt. Ich stimme dem zu – es ist ein großes Buch über die letzten Jahre der DDR und über die Schwierigkeiten in den Umbrüchen. Aber das Buch macht es dem Leser – zumindest ging es mir so – nicht immer leicht, den verschiedenen Erzählsträngen und den einzelnen Personen zu folgen, zumal es auch in den einzelnen Kapiteln Rückblicke gibt.
Eine kleine Hilfe gibt es in den Innenseiten des Einbands mit Zeichnungen zu den Orten in Sanditz und den persönlichen Beziehungen der Protagonisten. Auf jeden Fall bietet der Roman interessante Perspektiven auf die neuere deutsche Geschichte.

