Sonja Weber über „Eines Menschen Herz“

Sonja Weber über „Eines Menschen Herz“

William Boyd: Eines Menschen Herz

Der Protagonist Logan Mountstuart, den der Autor William Boyd durch die Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts streifen lässt macht diesen Entwicklungs- und Gesellschaftsroman in Tagebuchform so besonders.

Geboren in Uruguay kommt Logan, Sohn eines britischen Wurstfabrikanten und einer Uruguayerin als Kind zurück nach England. Als Leserin und Leser begleiten wir ihn durchs Internat und später durch sein Studium in Oxford. Wir erleben, wie er Vater wird und Autor, sich immer neu verliebt und in den Krieg zieht.

Wir sind an seiner Seite in der Gefangenschaft und in einer sich neu erfindenden Weltordnung. Wir lieben und leiden mit ihm, treffen Politiker, Monarchen und Künstler und lassen nichts Menschliches aus.

William Boyd hat sich schon mit seinen früheren Werken als Autor hervorgetan, der an einigen Stellen durchaus etwas Hemingwaysches im besten Sinne bietet. In „Eines Menschen Herz“ verknüpft er Kolonialismus, politisches Geschehen aber ebenso Kunst, Literatur und die Suche nach Liebe, die Sehnsucht nach Glück und das Auflehnen gegen Konventionen zu einer lebendigen Geschichte.

William Boyd: Eines Menschen Herz, Kampa Verlag, 652 Seiten, ISBN 9783311150657, Preis: 16,00 Euro.


Sonja Weber über „Portrait meiner Mutter mit Geistern“

Sonja Weber über „Portrait meiner Mutter mit Geistern“

Rabea Edel: Portrait meiner Mutter mit Geistern

Die Frauen in Rabea Edels Buch „Portrait meiner Mutter mit Geistern“ haben mich tief bewegt. Über vier Generationen spannt sich dieser mutige und außergewöhnlich konstruierte Roman, in dem sich die Blickwinkel immer wieder ändern und die Frauen mal aktiv mal passiv ihre Sicht der Dinge erzählen.

Sie blicken auf die Geschichte, das Schicksal und die Männer, die sie geliebt, die Männer, die sie geheiratet und die Männer, die verschwanden, zurück. Da ist lange keine Zeit für Träume, kein Raum für eigene Wünsche und Vernunft geht immer vor Liebe.

Dann wird 1945 Martha geboren und durchbricht als erste einen bis dahin vorgegebenen Kreislauf. Mit ihrer Tochter Raisa zieht sie allein durch die Welt, wilde Wanderjahre, Glück und Familie für zwei. Nicht mehr, nicht weniger.

Für Raisa gibt es nur das. Dann kommen die Schuljahre, Raisa lernt, dass da mehr sein muss. Was ist mit dem Rest der Familie? Häppchenweise, in Briefen, die sie heimlich in die Ritzen der Gartenmauer schiebt, erzählt Martha, was geschehen ist.

In eben solchen Häppchen erfahren auch die Leserinnen und Leser die Zusammenhänge. Wie ein Mantra hat sich Martha all die Jahre vorgesagt, dass nichts immer wieder geschehe, dass die Zeit kein Kreis sei.

Aber oft hat sie Angst vor der Geschichte, unterdrückt den Drang, die Koffer zu packen und erneut zu verschwinden. Doch für Raisa muss sie jetzt reden, von Familie, von richtig und falsch, von Liebe und Enttäuschung und von Geistern, die nur Möglichkeiten sind, die wiederkommen, wenn man sie lässt.

Rabea Edel: „Portrait meiner Mutter mit Geistern“, C.H. Beck, 396 Seiten, ISBN 9783406829710, Preis: 26,00 Euro.