Darf ich was vorsingen?

Darf ich was vorsingen?

Inga Rumpf:

Darf ich was vorsingen?

Eine autobiografische Zeitreise

Im Mai diesen Jahres konnte ich die Sängerin Inga Rumpf mal wieder live erleben – im Wernigeröder Konzerthaus Liebfrauen. Das erste Mal habe ich sie vor 50 Jahren auf der Waldbühne meiner Heimatgemeinde hören und sehen dürfen. Damals war sie mit ihren Bands, zuerst den City Preachers, später mit Frumpy und Atlantis eine bekannte Rockröhre mit beeindruckender Stimme. Das ZEITmagazin brachte sie 1973 mit der Überschrift aufs Titelbild: „Der Krautrock aus Deutschland und sein Superstar Inga Rumpf.“ Da musste ich natürlich die im Herbst letzten Jahres erschienene Autobiografie erstehen – handsigniert selbstverständlich.

Auch ohne Signatur und ohne persönliche Vorgeschichte ist es ein unterhaltsames Buch, reichlich illustriert mit vielen Fotos, das einen Teil deutscher Rock- und Soulgeschichte abbildet. Es begegnen zahlreiche bekannte Musiker wie z.B. Udo Lindenberg, Peter Maffay, Joja Wendt oder Konstantin Wecker. Vom Krautrock hat Inga Rumpf sich weiterentwickelt über Soul, Blues und Jazz, aber auch in Kirchen war sie mit Gospelsongs erfolgreich.

In die vielen Geschichten über Musik werden auch persönliche Erlebnisse der Hamburger Seemannstochter eingeflochten – über die Kindheit in Hamburg, Ausflüge auf internationale Bühnen, Alkohol und Drogen, Liebe und Verlust, Leben in der Großstadt und schließlich das Leben auf dem Land in der Wesermarsch.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Inga Rumpf: Darf ich was vorsingen? Eine autobiografische Zeitreise, Verlag Ellert & Richter 2021, 352 Seiten, 25,00 Euro. | Für September 2022 ist eine Taschenbuchausgabe zum Preis von 20,00 Euro angekündigt.

Sieh hin!

Sieh hin!

Wieteke van Zeil:

Sieh hin!

Ein offener Blick auf die Kunst

Die niederländische Kunsthistoriker öffnet den Blick für Kunst und leitet den Blick der Betrachtenden auf ganz besondere Weise. So entsteht ein schöner Zugang zu bekannten oder unbekannten Kunstwerken, immer wird der Blick zunächst auf ein Detail gerichtet, das sonst vielleicht gar nicht aufgefallen wäre. Vom Detail her wird das gesamte Kunstwerk – vor allem Gemälde, aber auch Skulpturen – erschlossen. „Erst das – scheinbar – unbedachte Detail macht ein Bild wirklich unvergesslich“ ist das leitende Motto des Buches. Vorrangig geht es um Kunstwerke vom 14. bis zum 19. Jahrhundert.

Da fällt der Fuß von Daphne aus der griechischen Sage auf, die goldenen Kugeln in der Hand des Heiligen Nikolaus oder auch die schwarzen Sklavinnen, die nach Surinam verschleppt wurden. Immer gelingt es der Autorin, die Details in die größeren Zusammenhänge zu rücken, oft auch erstaunliche Verbindungen zu unserer Gegenwart herzustellen.

Ergänzt werden die Betrachtungen durch grundlegende Erkenntnisse und konkrete Tipps, die hilfreich sind für Museumsbesuche und die eigene Erschließung von Kunst. Auch Interviews mit Menschen, die schon von berufswegen auf das genaue Hinschauen angewiesen sind, z.B. mit einem Polizisten oder einer Genetikerin, sind eine bereichernde Ergänzung.

Gelegentlich hätte ich mir die Bilder in besserer Qualität gewünscht. Aber im Internet und erst recht beim Museumsbesuch findet man ja bessere Ansichten. Alles in allem ein wunderbares Buch, das Lust auf Kunst macht. Das Buch macht eine grundlegende Erkenntnis glaubwürdig: „Gute Kunst, darauf können Sie vertrauen, birst vor Details, die Ihnen Neues enthüllen, wenn Sie sich die Zeit dafür nehmen.“

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Wieteke van Zeil: Sieh hin! Ein offener Blick auf die Kunst, E. A. Seemann Verlag 2022, ISBN 978-3865024701, 224 Seiten mit 80 farbigen Abbildungen, 28,00 Euro.

Freunde. Für immer.

Freunde. Für immer.

Kimberly McCreight:

Freunde. Für immer.

Freundschaft bedeutet, dass man nicht so genau hinsieht und lieber Geld zur Hilfe reicht. Freundschaft bedeutet, dass man schlimme Dinge unter den Teppich kehrt. Freundschaft bedeutet, eine Leiche verschwinden zu lassen. Okay, kommt das noch jemandem komisch vor? Mir schon.

Für die Protagonist:innen in diesem Buch ist das aber die Realität. Skurril, manchmal zum Haare raufen und manchmal auch einfach zum Augen rollen. Ich habe mich gefühlt, als würde ich neben ihnen herlaufen, die Arme verschränkt und mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf schütteln. Aber ich wollte weiter mit ihnen gehen. Ich wollte ja schließlich sehen, ob sie es dieses Mal besser machen.

Leichte Lektüre für den Sommer? Das haut gut hin.

Ganz ehrlich, das Ende habe ich bereits zu Beginn des Kapitels gekannt. Trotzdem fand ich das Buch unterhaltsam, denn das Rätselraten ist ja nur der halbe Spaß. Die Charaktere sind reichlich flach, aber unterhaltsam ist das Buch deswegen nicht weniger.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Kimberly McCreight: „Freunde. Für immer.“, Droemer HC, 368 Seiten, ISBN 978-3-426-28388-2, Preis: 15,99 Euro.


Du musst nicht von allen gemocht werden

Du musst nicht von allen gemocht werden

Fumitake Koga und Ichiro Kishimi:

Du musst nicht von allen gemocht werden

„Sie sind nicht in Wut geraten und haben gebrüllt. Sie sind einzig und allein wütend geworden, damit Sie brüllen konnten.“

Es gibt Bücher, die man nicht aus der Hand legen kann. Dieses ist keines. Das liegt nicht daran, dass das Buch etwa schlecht wäre. Im Gegenteil, es ist ein tolles Buch. Wenn man sich aber ernsthaft mit den vermittelten Ansichten befasst, bzw. eher das eigene Leben im Hinblick auf dieses neu erworbene Wissen betrachtet, dann ist es unmöglich, alles auf einmal zu verschlingen.

Ähnlich geht es auch dem jungen Mann, der in diesem Buch eine Diskussion mit einem älteren führt. Zunächst will der Jüngere die Thesen des Älteren zerfetzen. Am Ende gehen sie als Freunde auseinander in dem Wissen, dass jeder Mensch glücklich sein kann – jetzt sofort.

Ich war nicht mit allem einverstanden, was ich gehört habe und ich habe reichlich mit diskutiert. Und was war am Ende? Ich konnte wirklich merken, wie sich mein Denken änderte. So viele Dinge fallen mir nun auf und ich versuche, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Versuchen Sie dieses Buch, vielleicht ändert es nicht ihr Leben, aber sicher regt es zum Diskutieren an.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Fumitake Koga und Ichiro Kishimi: „Du musst nicht von allen gemocht werden“, Rowohlt Taschenbuch, 304 Seiten, ISBN 978-3-499-63405-5, Preis: 10,00 Euro.


Sei wie ein Baum

Sei wie ein Baum

Maria Gianferrari:

Sei wie ein Baum!

„Alle zusammen sind wir ein Wald“

Viele Kinderbücher überzeugen mit niedlichen Charakteren und der obligatorischen „Moral von der Geschichte“. Sei wie ein Baum besticht aber vielmehr durch seine wunderschönen Illustrationen, entworfen und angefertigt von der talentierten Felicita Sala. Die Struktur eines Baumes, das Netz der Wurzeln als Netz von Informationen.

 Kinder (und Eltern im Übrigen auch) erhalten spielend einfach und auf wunderschöne Weise, lehrreiches Wissen über Bäume und ganz am Ende auch noch, als Anmerkungen der Autorin, Hinweise zu ihrem Schutz. Das Buch beinhaltet arg wenig Text, aber ganz ehrlich? Ist das nicht das Schöne an Kinderbüchern? Dafür gibt es reichlich Illustrationen zu bestaunen. Jede für sich ein kleines Kunstwerk.

Wunderschönes Buch zum Entdecken für Klein und Groß. Meiner Meinung nach ein kleiner Schatz zum Schmökern und gemeinsam genießen. Und übrigens: das Buch wurde klimaneutral produziert.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Maria Gianferrari: „Sei wie ein Baum!“, Insel Verlag GmbH, 48 Seiten, ISBN: 978-3-458-17992-4, Preis: 15,90 Euro.


In den Wäldern der Biber

In den Wäldern der Biber

Franziska Fischer:

„In den Wäldern der Biber“

Eigentlich ist Alina eine Großstadtbewohnerin, ihre letzten Aufenthalte auf dem Land bei ihren Großeltern sind lange her, sie hat irgendwann den Kontakt abgebrochen. Ihre Familie ist schwierig – oder ist vielleicht nur Alina schwierig? Als ihre Beziehung mit ihrem Lebenspartner der Kinderfrage wegen in die Brüche geht und ihr Leben mal wieder ins Wanken gerät, bricht sie alle Brücken in Frankfurt ab und steht plötzlich bei ihrem Großvater in dem kleinen Dörfchen Spechthausen vor der Tür.

 Irgendwie kommt das für beide recht unerwartet, doch sie schaffen es, das Geschenk der Gegenwart des anzunehmen, sich wieder anzunähern, die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Zukunft zu planen. Eine Zukunft mit der vermeidlichen Ruhe eines Dorfes, dem Gackern der eigenen Hühner, der Aussicht auf Liebe und der Hoffnung, nicht allein sein zu müssen.

Franziska Fischers Romanfiguren lernen ihre Lebensziele in der Abgeschiedenheit der Wälder neu oder erneut zu definieren. „In den Wäldern der Biber“ ist für mich eines der schönsten Bücher des Frühjahres, sowohl inhaltlich als auch äußerlich.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Franziska Fischer: „In den Wäldern der Biber“, DuMont Buchverlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-8321-6592-5, Preis: 22,00 Euro.


Mythos – Was uns die Götter heute sagen

Mythos – Was uns die Götter heute sagen

Stephen Fry:

„Mythos – Was uns die Götter heute sagen“

Der Schriftsteller, Kolumnist und Schauspieler Stephen Fry (von ihm wird man in diesem Jahr noch anderes zu lesen bekommen, ich freue mich schon darauf) hat sich in seinem Buch „Mythos“ der griechischen Götter von A wie Atlas bis Z wie Zeus angenommen, allerdings in chronologischer Abfolge. Und wer jetzt denkt, das sei ja nun wirklich nicht neu (nein, natürlich nicht) oder man kenne das ja alles schon (Irrtum!), der oder die wird schon bei den ersten Zeilen des Buches eines Besseren belehrt und das im wahrsten und besten Sinne des Wortes.

Nie waren klassische Sagen und Mythen so erkenntnisreich, kurzweilig, witzig, ironisch und aktuell. Ja, tatsächlich aktuell, denn das macht ja Klassik aus, sie behält ihre „Jugendlichkeit“, Anziehungskraft und lehrreiche Brisanz (leider scheinen so einige Staatsoberhäupter dieser Welt sich nie damit beschäftigt zu haben).

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Stephen Fry: „Mythos – Was uns die Götter heute sagen“, Aufbau Taschenbuch Verlag, 448 Seiten,  ISBN 978-3-7466-3732-7, Preis: 14,00 Euro.


An der Grasnarbe

An der Grasnarbe

Miriam Wittig:

An der Grasnarbe

Miriam Wittig (*1996) hat mit „An der Grasnarbe“ ein besonderes Buch geschaffen. Es ist die Geschichte von Noa, die auf der Flucht vor Erlebnissen und Erinnerungen, die regelmäßig Panik bei ihr auslösen, aus der Stadt flieht und für eine Zeit auf einem Hof in Südfrankreich unterkommt. Ella und Gregor, die vor Jahren dorthin ausgewandert sind, leben unter widrigen Bedingungen ihren Traum vom Aussteigerleben und trotzen – immer wieder mit der Hilfe von vorbeiziehenden Studenten und Backpackern – dem Land das Nötigste ab.

Aber die Sommer werden trockener und wenn es regnet, dann gleich sturzbachartig. Die Temperaturen schwanken wie die Stimmung von Noa und das Land ist so vernarbt wie ihre Seele. Sie ist eine Überlebende und kann damit fast nicht leben. Jede in ihren Augen „verdächtig“ aussehende Person versetzt sie in Angst, laute Geräusche und Feuerwerk sind wie Schüsse, gleichen Explosionen. Das Hüten der Schafe, die Landarbeit und Jade, die kleine Tochter von Gregor und Ella, werden ein wichtiger Teil von Noas Heilung.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Miriam Wittig: „An der Grasnarbe“, Suhrkamp Verlag, 191 Seiten, ISBN 978-3-518-43062-0, Preis: 23,00 Euro.


Der Markisenmann

Der Markisenmann

Jan Weiler:

Der Markisenmann

Die Hitze wabert auf dem Asphalt, der MSV Duisburg steigt in die erste Bundesliga auf und Manuel Neuer steht bei Schalke im Kasten. Das hätte die sechzehnjährige Kim bis vor Kurzem eigentlich gar nicht interessiert, aber nachdem sie beinahe ihren kleinen Stiefbruder schwer verletzt hätte, muss sie die Sommerferien statt mit Mutter und Stiefvater in Miami bei ihrem leiblichen Vater in Duisburg verbringen.

Für Kim wird das der Sommer der Wahrheiten. Wahrheiten über sich, über ihre Geburt, über ihren Vater und ihre Mutter. Jan Weiler lässt in dem ihm eigenen leichten, witzigen und trotzdem tiefgründigen Stil seine Protagonistin rückblickend erzählen. Während man als LeserIn mit Kim und ihrem Vater Markisen in fragwürdigem Design an Haustüren verkauft, an Würstchenbuden zu Mittag isst und auf einem Schrottplatz am Rhein-Herne-Kanal mit der ersten Liebe in der Sonne liegt, steuert die Geschichte fast unbemerkt aber unaufhaltsam auf ein Ende zu, das für alle Beteiligten so einiges ändert.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Jan Weiler: „Der Markisenmann“, Wilhelm Heyne Verlag, 336 Seiten, ISBN 978-3-453-27377-1, Preis: 22,00 Euro.


Beinahe Alaska

Beinahe Alaska

Arezu Weitholz:

Beinahe Alaska

Arezu Weitholz, Journalistin, Illustratorin und Songtexterin schreibt neben Büchern auch Lieder (u.a. für Grönemeyer und Lindenberg) und ihr poetischer, zielgenauer und sehr präziser Blick auf Zusammenhänge und die Abgründe des menschlichen Daseins macht ihr Buch so lesenswert und besonders.

Die Ich-Erzählerin, Fotografin, vierzig, allein und immer auf dem Weg weg von sich, ist für einen Auftrag auf einem Schiff unterwegs in die Arktis. Während am Bullauge ihrer Kabine der Himmel von blau zu grau wechselt, das Meer vor dem Bug über Nacht ergraut, am Oberdeck Fjordwände und beim Essen ihr erster Eisberg am Schiff vorbeiziehen, kommt sie dem tauenden Permafrost, dem uralten Eis, den ältesten Steinen der Welt, einem weitgehend unberührten Ort, sozusagen dem „letzten weißen Wal“ Stück für Stück näher. Aber auch den Menschen, die mit ihr reisen schaut sie in die die Seelen. Durch die Augen und die Linse einer Fotografin lässt Weitholz uns beim Lesen am Schicksal einer Landschaft und der Menschen auf dem Schiff teilhaben.

— Das will ich lesen! Alle Links im Text führen direkt zum Shop —

Arezu Weitholz: „Beinahe Alaska“, Goldmann Verlag, 185 Seiten, ISBN 978-3-442-49263-3, Preis: 11,00 Euro.