See. Not. Rettung.

SeeNotRettung
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Tobias Schlegl:

See. Not. Rettung.

Meine Tage an Bord der Sea-Eye 4

Tobias Schlegl hat ein bewegendes und sehr persönliches Buch über seinen freiwilligen Einsatz auf dem Seenotrettungsschiff Sea-Eye 4 geschrieben. Das Buch ist kein distanzierter Bericht, sondern Schlegl verarbeitet auch seine Erfahrungen. Denn: Wer die Lebensgeschichten der Geflüchteten hautnah miterlebt hat, der wird selbst verändert.

Tobias Schlegl war lange Fernsehmoderator, zunächst bei Viva, dann bei der Satiresendung Extra3 und für das Kulturmagazin aspekte. Diese Jobs gab er zum Teil auf, um eine Ausbildung zum Rettungssanitäter zu machen – und nun fuhr er auf der Sea-Eye 4 bei einem Einsatz mit, um seine Kenntnisse in den Dienst der Sache zu stellen. Wie in einer Reportage berichtet er gut lesbar er über seine eigenen Schwierigkeiten, sich auf die Situation an Bord einzustellen, über Vorbereitungen und Schwierigkeiten, über das internationale Team an Bord, über behördliche Schikanen im Hafen, den gefährlichen Wettlauf mit der libyschen Küstenwache und die dramatische Rettung Geflüchteter – im Mittelpunkt aber stehen die Geflüchteten selbst mit ihren Geschichten. Sie machen deutlich, dass niemand sich leichtfertig auf dem Mittelmeer in Lebensgefahr begibt. Sie alle haben brutale Erfahrungen in ihrem Leben gemacht.

Tobias Schlegl haben nach Bekanntwerden seines Einsatzes und Erscheinen des Buches heftige Anfeindungen und Hassbotschaften im Netz erreicht. Das Buch entlarvt diese Verleumdungen. Das Anliegen der Sea-Eye 4 und des Autors werden mehr als deutlich: „Seenotrettung ist humanistische Pflicht. Bei allen politischen Diskussionen um die Migration ist das doch das Mindeste, auf das sich alle einigen können sollten.“ So ist das Buch auch ein Appell an Gesellschaft und Politik dafür zu sorgen, dass niemand mehr im Mittelmeer ertrinken muss. Denn bisher ist das Mittelmeer „ein riesiger Friedhof“. Und das darf nicht so bleiben.

Tobias Schlegl: See. Not. Rettung. Meine Tage an Bord der Sea-Eye 4, Piper Paperback 2022, 224 Seiten, ISBN 978-3492063463, Preis: 16,00 Euro

Sie kam aus Mariupol

Sie kam aus Mariupol

Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin:

Sie kam aus Mariupol

Mariupol – eine Stadt, die beim Hören und Sehen der vielen Schreckensnachrichten aus dem gegenwärtigen Krieg gegen die Ukraine immer wieder begegnet. So kam mir wieder ein großartiges Buch in den Sinn, das ich vor einigen Jahren gelesen habe: „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin. Das 2017 erschienene und vielfach preisgekrönte Buch, inzwischen als Taschenbuch verfügbar, beschreibt eindrücklich die Suche der Autorin nach ihrer Mutter und deren Familiengeschichte.

Natascha Wodin wurde 1945 in einem DP-Lager (Displaced Persons) als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter geboren. Die Mutter nahm sich früh das Leben, weil sie das entwürdigende Leben in Deutschland nicht ertragen konnte. Natascha, die anschließend in einem Kinderheim aufwuchs, blieben nur einige Fotos und eine Ikone von ihrer Mutter. Natascha Wodin nimmt die Leser*innen mit auf eine lange Suche nach ihrer Mutter und der Familie.

Dabei begegnet man einem bewegenden menschlichen Schicksal und den vielen Wendungen europäischer Geschichte im 20. Jahrhundert: Verfolgung unter dem Stalinismus, dem Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion in der Ukraine, Zwangsarbeit in Deutschland, Demütigungen in der Nachkriegszeit. Und als Leser*in kommen wir auch nach Mariupol, der Stadt am Asowschen Meer, die vor dem Ersten Weltkrieg eine multikulturelle Stadt war – Ukrainer, Russen, Griechen, Italiener, Franzosen, Deutsche, Türken, Polen, Juden lebten hier zusammen. Und fassungslos werden wir auch  mit der Zerstörung durch die Deutschen konfrontiert: „Ganz Mariupol verbrannt, gesprengt …“ Wie sich die Bilder gleichen.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol, Rowohlt Taschenbuch 2018, 368 Seiten, ISBN 978-3499290657, Preis: 12,00 Euro.

Unverfügbarkeit

Unverfügbarkeit

Hartmut Rosa:

Unverfügbarkeit

Gelegentlich lasse ich mich gerne anregen, um über grundlegende Fragen menschlichen Lebens nachzudenken. Der Soziologe Hartmut Rosa hat es mit seinem kleinen Buch „Unverfügbarkeit“ geschafft, mir solche Anregungen zu geben. Für ihn gehört es zum individuellen und gesellschaftlichen Leben, dass Wesentliches der Verfügbarkeit entzogen ist und um der Lebendigkeit willen auch bleiben muss. An Alltagserfahrungen wie dem Schneefall oder dem Fußballspiel zeigt er das auf: „Eine Welt, die vollständig gewusst, und beherrscht wäre, wäre eine tote Welt.“

In der europäischen Moderne aber sieht er ein Projekt, das den Versuch unternimmt, die gesamte Welt – Mensch und Natur – verfügbar zu machen, zu kontrollieren und nutzbar zu machen. Von der Geburt bis zum Tod soll alles planbar und beherrschbar werden. Das führt jedoch in seinen Augen gerade nicht zu einem besseren Leben, sondern zu neuen Bedrohungen und nicht beherrschbaren Situationen, wie an Naturkatastrophen als Folge menschlicher Eingriffe oder der Unbeherrschbarkeit der Atomkraft ablesbar ist.

Neben der begrifflichen Anstrengung , die das Buch zuweilen verlangt, gibt Rosa schöne Beispiele, wo uns die Unverfügbarkeit begegnen kann und die Faszination für verschiedene Dinge wichtig bleibt – im Hören von Musik, im Lesen eines Buches, im Blick in ein menschliches Antlitz – , sofern wir dafür offen bleiben.

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit, Suhrkamp Taschenbuch 2020, 130 Seiten, ISBN 978-3518471005, Preis: 10,00 Euro

71/72 – Die Saison der Träumer

Bernd M. Beyer: 71/72 – Die Saison der Träumer

Bernd M. Beyer: 71/72 – Die Saison der Träumer

Bernd M. Beyer:

71/72 – Die Saison der Träumer

Bernd-M. Beyer hat ein wunderbares Fußball-Buch geschrieben, das nicht nur für eingefleischte Fußballfans spannend zu lesen ist, sondern auch für alle, die an der Zeitgeschichte interessiert sind. Das Fußballgeschehen in der Bundesliga und rund um die Europameisterschaft 1972 lebt zwar auf und die Größen der damaligen Zeit wie Franz Beckenbauer, Uwe Seeler, Stan Libuda, Günter Netzer & Co werden entsprechend gewürdigt, aber vor allem wird der Fußball gekonnt eingebettet in das politisch-gesellschaftliche Geschehen Anfang der 1970er Jahre.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs und der Veränderung. Im Fußball sind Bestechungsskandale an der Tagesordnung, Geld und Fußball verbinden sich immer mehr. Rio Reiser und seine Band Ton, Steine, Scherben geben sich revolutionär und Willi Brandts Politik verspricht neue Beziehungen mit Osteuropa und die Demokratisierung der Gesellschaft. Die RAF terrorisiert Deutschland. All das und noch mehr wird, gegliedert durch die Bundesliga-Spieltage, miteinander verbunden. So entsteht ein buntes Bild der frühen 70er, das man genussvoll lesen kann.

Bernd-M. Beyer: 71/72 – Die Saison der Träumer, Verlag Die Werkstatt 2021, 352 Seiten, ISBN 978-3730705407, Preis: 22,00 Euro

Das verlorene Paradies

Abdulzarak Gurnah: „Das verlorene Paradies“

Abdulzarak Gurnah: „Das verlorene Paradies“

Abdulzarak Gurnah:

Das verlorene Paradies

Abdulrazak Gurnah erzählt in seinem Roman, der bereits 1994 auf Deutsch erschienen war und jetzt anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises neu aufgelegt wurde, die Geschichte des Erwachsenenwerdens von Yusuf. Historischer Hintergrund der Geschichte, die an der Küste Ostafrikas spielt, ist die beginnende deutsche Kolonialherrschaft, die erst nach und nach wahrnehmbar wird. Während die Menschen in der alten Welt konkret wahrnehmbar sind, anschaulich gezeichnet werden und alle einen Namen tragen, bleibt die Kolonialherrschaft zunächst abstrakt, die Europäer und Deutschen haben keine Namen. Nur die Gewaltförmigkeit lässt sich erahnen.

Ohne Chance auf eine Rückkehr

Yusuf ist zwölf Jahre alt, als er von seinen Eltern seinem vermeintlichen Onkel Aziz, der ein reicher Karawanenhändler ist, mitgegeben wird in eine fremde Stadt, wo er für den „Onkel“ in seinem Geschäft arbeiten muss. Nach und nach wird Yusuf deutlich, dass Aziz kein Onkel ist, sondern dass er von seinen Eltern verpfändet wurde, um ihre Schulden zu begleichen – letztlich ohne Chance auf eine Rückkehr. Die Welt Ostafrikas ist eine der Vielfalt von Ethnien und Religionen, in der aber die Anderen zumeist als unzivilisiert gesehen und als „Wilde“ bezeichnet werden – übrigens auch die deutschen Kolonialherren.

Der Untergang der bisherigen Welt wird deutlich bei einer langen Handelsreise, die Yusuf ins Landesinnere führt, die auch die Unerbittlichkeit von Natur und Machtverhältnissen vor Augen führt.

Kein Paradies

Gurnah erzählt mit leichter Hand und schildert das Zusammenleben der Menschen, aber lässt auch die Landschaften und die Natur anschaulich und erlebbar werden. Eine Welt mit der ihr eigenen Kultur – besser Kulturen – ging verloren, wurde zerstört – ein Paradies aber war auch diese Welt nicht.

Abdulrazak Gurnah: „Das verlorene Paradies“, Penguin Verlag 2021, 336 Seiten, ISBN 978-3328602583, Preis: 25,00 Euro

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Kurze Geschichte des Antisemitismus

Peter Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus

Peter Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus

Peter Schäfer:

Kurze Geschichte des Antisemitismus

Zum Thema Antisemitismus gibt es eine schier unüberschaubare Anzahl an Publikationen. Der ehemalige Direktor des Jüdischen Museums Berlin hat hier einen hervorragenden Überblick über die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis heute vorgelegt, der schon nach kurzer Zeit zum Standardwerk geworden ist. Die gesamte Darstellung ist kenntnisreich und immer an den Quellen orientiert.

Prägende Themen und Muster

Zu Beginn begründet Schäfer, warum er für die ganze Geschichte den Begriff Antisemitismus benutzt, obwohl dieser erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der rassistischen Variante entstanden ist. Für ihn sind die zu Beginn entstandenen Themen und Muster so prägend, dass er die Zusammenhänge betonen will und nur bei besonderen Ereignissen andere Begriffe – wie etwa Antijudaismus – verwendet. Auch wenn man diese Begriffsverwendung skeptisch sieht, ist sein Ansatz eine sinnvolle und fruchtbare Arbeitsgrundlage.

Schäfer beginnt seine Darstellung mit der vorchristlichen griechisch-römischen Antike, für er nachweist, dass die für Juden identitätsstiftenden Merkmale und Bräuche als menschenfeindlich diffamiert wurden und der Hass auf die Juden schließlich in Alexandria schon zu ersten Pogromen führte. Er zeigt, dass im Laufe der Geschichte bestimmte antisemitische Chiffren und Muster immer wieder aktualisiert und ergänzt werden konnten, um so jeweils neu ihre Wirksamkeit entfalten zu können. Am wirksamsten waren für ihn dabei die mit dem Christentum entstandenen Feindbilder.

Verdrängtes neigt zur Wiederkehr

In übersichtlichen Kapiteln führt Schäfer seine „Kleine Geschichte“ bis in die Gegenwart fort und thematisiert auch gegenwärtig diskutierte Problemfelder wie islamischen Antisemitismus oder die Debatte um Israelkritik und Antisemitismus kenntnisreich und überzeugend differenziert. Dabei bleibt der Text immer gut lesbar. So konnte ich viel Neues erfahren oder bekannte Sachverhalte besser einordnen – eine sehr lohnende Lektüre!

Nicht zuletzt um aktuelle Entwicklungen und Diskussionen einordnen zu können, ist Schäfers Werk von hohem Wert. Auch wenn eine Erkenntnis aus der Geschichte zu sein scheint, dass Antisemitismus „nie ein für alle Mal überwunden sein wird“, helfen vor allem die bewusste Auseinandersetzung gegen Antisemitismus und dessen Aufarbeitung, denn Verdrängtes neigt zur Wiederkehr.

Peter Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus, C.H. Beck 2020, 335 Seiten, ISBN 978-3406755781, Preis: 26,95 Euro. | Ende April 2022 wird eine günstigere Taschenbuchausgabe im Piper-Verlag erscheinen.

Nichts muss so bleiben, wie es ist

Heinrich Missalla: „Nichts muss so bleiben, wie es ist“.

Heinrich Missalla: „Nichts muss so bleiben, wie es ist“.

Heinrich Missalla:

Nichts muss so bleiben, wie es ist

Erst jetzt habe ich die autobiografischen Aufzeichnungen des 2018 verstorbenen Priesters, Theologieprofessors und langjährigen geistlichen Beirats der katholischen Friedensbewegung pax christi kennengelernt. Mich hat das Buch gerade in seiner recht nüchternen Sprache und teils harten Analyse sehr angesprochen und zum eigenen Nachdenken angeregt – ob sich allerdings viele Menschen überhaupt noch für ein „katholisches Leben im 20. Jahrhundert“ interessieren, vermag ich nicht zu sagen.

Bewusste ideologische Distanz

Geboren im Jahr 1926 und aufgewachsen in einem geschlossen katholischen Milieu im Ruhrgebiet, beschreibt er die Atmosphäre in der Familie, seine Erfahrungen in Schule und Hitlerjugend und wie er geprägt wurde durch kirchliche Einflüsse. Allerdings bewahrt ihn seine bewusste ideologische Distanz zu den Nationalsozialisten, gar die Einsicht in die Unvereinbarkeit von Katholisch- und Nazi-Sein, nicht davor, den Dienst als Luftwaffenhelfer und weiteren Einsatz während des Krieges als selbstverständliche religiöse und vaterländische Pflicht zu verstehen. Diese Erkenntnis und das – über lange Zeit verdrängte – Erschrecken darüber, wie der staatliche Drill ihn bereit machte, die Waffe gegen andere Menschen zu richten, bleibt prägend für sein späteres Leben und seine gesellschaftliche und theologische Reflexion. Doch nach dem Krieg muss er erfahren, dass weder in der Gesellschaft noch in der Kirche die entstandenen Fragen so bearbeitet wurden, wie es nötig gewesen wäre, so etwa die Verstrickung der katholischen Seelsorge im Krieg, die er zu einem seiner wissenschaftlichen Themen macht.

Fragen und Suchen

In seinem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement wird ihm der Wirklichkeitsverlust und die Reformunwilligkeit und -unfähigkeit der römischen Kirche immer deutlicher. Statt den angeblichen Besitz ewiger Wahrheiten zu hüten und zu verwalten, wird ihm das Fragen und Suchen immer wichtiger – nach Lebensformen, die dem Evangelium und einer geschwisterlichen Gemeinde entsprechen und nach Konfrontation des Glaubens mit der erfahrenen Wirklichkeit. Deshalb engagiert er sich für die Ökumene und christlich-jüdische Verbundenheit, vor 1989 sind ihm Beziehungen in die Kirchen der DDR wichtig und lebenslang das Eintreten für friedenspolitische Themen. Auch wenn der Glaube persönlich ist, privat ist er niemals.

In den letzten Kapiteln des Buches hält Missalla für ihn wesentliche Einsichten und Möglichkeiten fest. Bei aller scharfer Kritik schiebt er Verantwortung für Fehlentwicklungen nicht einfach ab auf andere Personen und hierarchische Instanzen, sondern bedenkt immer auch eigene Verantwortung. Eine – erfreuliche – persönliche Entwicklung: Mit 70 Jahren heiratet Missalla und findet hier Erfüllung, auch wenn es den Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis zur Folge hat. Was ihm am Ende bleibt: Das Vertrauen auf den Gott der Bibel.

Heinrich Missalla: „Nichts muss so bleiben, wie es ist“. Mein katholisches Leben im 20.Jahrhundert, Publik-Forum Edition 2009, 224 Seiten, ISBN 978-3880951877, Preis: 14,80 Euro.

Klub Druschba

Rebecca Maria Salentin: Klub Druschba

Rebecca Maria Salentin: Klub Druschba

Rebecca Maria Salentin:

Klub Druschba

“Ich bin weder mutig noch trainiert. Ich ächze und schnaufe bei jeder Treppenstufe, breche bei der kleinsten Anstrengung in Schweiß aus, werde beim Radfahren von Rentnern überholt, habe Angst vor Spinnen, Hunden, vor Gewitter, tiefen Seen und steilen Höhen, ich fürchte mich im Wald …“ Derart (un)vorbereitet tritt die Autorin Rebecca Maria Salentin die 2.700 km lange Wegstrecke zu Fuß auf dem EB, dem Weg von Eisenach nach Budapest, an. Zudem reißt sie alle Brücken in Leipzig ab. Sie kündigt ihre Wohnung und will erst auf dem Weg überlegen, wie es hinterher weitergehen wird.

Schwerfälliger Start

Diese Ausgangssituation hat mich fasziniert. Dennoch habe ich kurz überlegt, ob ich dieses Buch empfehlen soll. Denn, ehrlich gesagt, kam das Buch zu Beginn für mein Empfinden ein wenig schwerfällig in Gang, zu viel Ballast, z.B. den Bruch einer langen Beziehung, schleppt sie anfangs noch mit sich und erzählt davon. So brauchte ich ein wenig Geduld, bis ich wirklich auf dem Weg angekommen war. Doch mit jedem Kilometer fand ich die Erzählung über diese ungewöhnliche Reise lohnender. Sie beschreibt Begegnungen mit unbekannten Menschen, neue Beziehungen entstehen. Alte Freunde begleiten sie wechselnd für ein paar Tage. Es finden sich schöne Schilderungen von Fremdem und Vertrautem, Land und Leuten, die sie neu kennenlernt in Deutschland, Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Und natürlich begegnet sie all dem, wovor die Angst hat(te): heftigen Gewittern, dunklen Wäldern, Bärenspuren, steilen Bergen …

Sich selbst begegnen

So begegnet Rebecca Salentin nicht nur unbekannten Landschaften und Menschen, sondern auch sich selbst neu – das ist ja bei jedem wirklichen Weg so. Und die Erkenntnis: Aus einer verrückten Idee „wurde eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Trotzdem freue ich mich auf zu Hause. Ich würde den Satz, dass es zu Hause am schönsten ist, nicht unterschreiben. Aber ich würde sagen, dass es unglaublich schön ist, wenn man ein Zuhause hat …“

Ich selbst werde diese 2.700 km in meinem Leben sicher nicht gehen; dennoch war es gut, mich mit Rebecca Salentin auf den Weg zu begeben. Und wer weiß, vielleicht besuche ich ja den ein oder anderen Ort, den sie beschreibt.

Rebecca Maria Salentin: Klub Druschba. 2700 km zu Fuß auf dem Weg der Freundschaft von Eisenach bis Budapest, Verlag Voland & Quist 2021, 320 Seiten, ISBN 978-3863912970, Preis: 20,00 Euro.

Nachruf auf mich selbst

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens

Harald Welzer:

Nachruf auf mich selbst.

Harald Welzer, einer der anregenden und streitbaren Intellektuellen der Bundesrepublik, legt mit seinem neuen Buch eine schonungslose Analyse der Irrwege in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft vor, die uns schließlich in die Klimakrise und vor die Klimakatastrophe geführt haben. Dabei ist dieses Buch sehr persönlich motiviert durch die Erfahrung, bei einem Herzinfarkt mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert worden zu sein.

Auf Wachstum angelegt

Im ersten Teil des Buches führt Welzer die Widersinnigkeit vieler Entscheidungen vor Augen, die nur vorgeben, Lösungen aus der Krise anzubieten, denen es aber nicht gelingt, die Probleme an der Wurzel zu fassen. Die Wurzel sieht Welzer in der Anlage der europäischen Moderne selbst, die nicht in der Lage war, eine „Kultur des Aufhörens“ zu entwickeln, sondern immer auf das Mehr, das Höher, Weiter, Schneller, auf Wachstum angelegt ist. Immer wieder scheint Welzers Empörung über diese Situation und deren Konsequenzen auf, auch über die Lebenslügen der Wachstumsgesellschaft, was sich an einigen Stellen auch sprachlich an für ihn ungewohnt derben Begriffen zeigt.

In seiner Analyse und Suche nach Gründen für die Unfähigkeit unserer Kultur, die eigenen Grenzen und die Endlichkeit anzuerkennen, verknüpft Welzer kenntnisreich die unterschiedlichsten Wissenschaftsbereiche. So wird auch deutlich, dass die Entwicklungen seit der Zeit der Aufklärung mit ihren Säkularisierungstendenzen zu einer Unsterblichkeitsillusion geführt haben. Es ist klar, dass im Zusammenhang mit Themen wie Tod und Sterblichkeit auch die religiöse Dimension gestreift wird, wobei ich persönlich mir da ein wenig mehr Kenntnis „aufgeklärter“ Theologie gewünscht hätte. Andererseits ist es für mich beim Lesen beeindruckend gewesen, wie es gelingt, so etwas wie eine säkulare Frömmigkeitshaltung zu entwickeln.

Perspektivwechsel nach Herzinfarkt

Das ist wohl vor allem ausgelöst durch die Erfahrung seines Herzinfarkts, der ihn zu einem Perspektivwechsel veranlasst hat. Nach seiner Einschätzung sollten nicht nur die Individuen ihr Leben vom Ende her denken, sondern auch der Gesellschaft täte es gut, einen Nachruf auf sich selbst zu verfassen, um Leitlinien und Maßstäbe für ein gutes Leben zu verfassen. In diesem Sinne erzählt Welzer recht breit biografische Beispiele des Aufhörens (z.B. im Gespräch mit Reinhold Messner), die er verallgemeinert, um so dessen Wert und Gewinn zu verdeutlichen: als Chance des wirklichen Neubeginns und „Feier des Lebens“.

Schließlich formuliert Welzer 15 Sätze, die er – durchaus auch selbstkritisch – im Nachruf auf sich selbst lesen möchte. Das geht von „Er konnte gut Zeit verschwenden“ bis hin zur – für mich – zentralen Formulierung „Er hat keine Entscheidungen getroffen oder mitgetragen, die zukünftige Menschen in ihrer Entfaltung beeinträchtigen.“ Bei allen Sätzen stehen immer die Menschen im Mittelpunkt und die Überzeugung, dass jeder Mensch Handlungsspielräume hat und den „Unterschied machen“ kann für eine lebenswerte Zukunft auch der künftigen Generationen.

Anregungen für eigene Überlegungen

Am Ende bietet Welzer nicht – wie ich noch zu Beginn meiner Lektüre gedacht und erwartet hatte – „die Lösung“ für die politische Dimension zur Abwendung der Klimakatastrophe, aber viele Anregungen für eigene Überlegungen und hoffentlich Anstöße für die gesellschaftliche Debatte. Und das ist ja schon viel.

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens, S. Fischer 2021, 288 Seiten, ISBN 978-3103971033, Preis: 22,00 Euro.

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Alice Hasters:

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Die Journalistin Alice Hasters, 1989 in Köln geboren, beschreibt im Buch ihre vielfältigen Erfahrungen von Rassismus in verschiedensten Lebensbereichen. Auch harmlos klingende Fragen – „Darf ich mal deine Haare anfassen“ – oder als Kompliment gemeinte Äußerungen – „Du hast einen richtig schönen N**erpopo“ – sind Ausdruck rassistischer Einstellungen, so ihre Grundthese. In den Bereichen Alltag, Schule, Körper, Liebe und Familie wird diese durchbuchstabiert. Dabei belässt Hasters es nicht bei der Beschreibung eigener Erfahrungen, sondern sie bezieht auch wissenschaftliche Erkenntnisse und Literatur kenntnisreich mit ein, um ihre Position zu untermauern. Dabei bleibt der Text immer gut lesbar. Mich hat das Buch an vielen Stellen angestoßen, noch einmal vertieft nachzudenken. Zum Beispiel, ob wir die Tradition der europäischen Aufklärung – ohne die hohe und bleibende Bedeutung von Vernunft, Menschenrechten und Toleranz infrage zu stellen – nicht doch neu erzählen müssten, wenn es von ihren prominenten Vertretern rassistische Äußerungen gibt. Auch wenn ich am Ende nicht allen Wertungen der Autorin zustimme, so habe ich das Buch trotzdem mit Gewinn gelesen.

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten, hanserblau 2019, 224 Seiten, ISBN  978-3446264250, Preis: 17,00 Euro.