Es ist ein Glückfall, dass der Familienroman, an dem die Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Tergit zwei Jahrzehnte gearbeitet hat und der in erster Ausgabe bereits 1951 erschienen ist, seit ein paar Jahren in einer Neuausgabe wieder erhältlich ist. Der Roman erzählt anhand von drei Familien über vier Generationen eine große deutsch-jüdische Gesellschaftsgeschichte, die sich von 1878 bis 1948 spannt.
Aus der Sicht dieser jüdischen Familien aus der fränkischen Provinz und aus der im 19. Jahrhundert aufstrebenden Großstadt Berlin wird die deutsche Geschichte mitsamt zentraler politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen und Debatten anschaulich gemacht. Da werden die allgemeinen Tendenzen lebendig – wie etwa der Aufstieg der Industrie und der Niedergang des traditionellen Handwerks und damit einhergehende Veränderungen des Lebensstandards und Konsums oder ideologische Orientierungen.
Aber es wird auch deutlich, wie jüdische Menschen angesichts von Ausgrenzung und Antisemitismus, aber auch Hoffnungen auf Aufstiegsmöglichkeiten mit den Veränderungen zu kämpfen haben – um traditionelle Religion und Heimat, Zugehörigkeit zur deutschen Nation, Nationalstolz oder Zionismus, kurz um ihre Identität.
Das alles wird lebendig und anschaulich in den zahlreichen Dialogen, die das Ringen um die eigene Position und den Stellenwert jüdischen Lebens aufscheinen lassen. Diese Auseinandersetzungen in den Familien lassen keine Langeweile aufkommen, sondern haben bei mir die Lust am Schmökern stets wachgehalten.
Während das Kaiserreich, aber auch die Weimarer Republik besonders ausführlich in der Familiengeschichte reflektiert wird, braucht es für die Zeit des Nationalsozialismus nur relativ wenige Striche, um (trotz aller Kontinuität und Anpassung deutscher Täter) den tiefen Einschnitt und Abbruch deutscher Geschichte vor Augen zu führen.
Das Nachwort von Nicole Henneberg hilft der Einordnung des Romans. Es wird auch deutlich gemacht, dass die Autorin in ihrem Roman eigene Familienerfahrungen verarbeitet hat. Für mich war es ebenso erhellend, dass Gabriele Tergit selbst über ihr Buch schrieb, es sei nicht „der Roman des jüdischen Schicksals, sondern es ist ein Berliner Roman, in dem sehr viele Leute Juden sind“. Für mich ein wichtiger und erhellender Perspektivwechsel.
Meiner Meinung nach hätte es der Roman verdient, noch mehr wahrgenommen und gelesen zu werden. Thea Dorn hält es gar für einen Skandal, dass das Buch „nicht längst ein fester Bestandteil des deutschen literarischen Kanons ist“.
Gabriele Tergit: „Effingers“, Roman, btb-Verlag 2020, ISBN 978-3442719723, 913 Seiten, 16 Euro.



