Markus Weber über „Die Himmelsscheibe von Nebra“

Harald Meller/Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra

Als Kind faszinierten mich Bücher wie „Götter, Gräber und Gelehrte“ des Journalisten C.W. Ceram, der nicht nur die frühen Hochkulturen darstellte, sondern auch die spannende Geschichte von deren Entdeckung erzählte. Das vorliegende Buch versteht sich durchaus als Nachfolger. Allerdings führt das Buch nicht nach Ägypten oder Vorderasien, sondern in unser geografisches Umfeld, nämlich die Region östlich des Harzes, wo die „wohl bedeutendste Kultur der mitteleuropäischen Vorzeit“ entstand, die am „Anbeginn unserer eigenen Geschichte steht“ und von der wir bisher nur wenig wussten und wissen.

Das Buch liest sich teilweise wie eine Kriminalgeschichte. Das liegt nicht nur daran, dass die Himmelsscheibe von Nebra, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, zunächst aus den Händen von Grabräubern befreit werden musste, um der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Forschung zugänglich gemacht werden zu können.

Das liegt auch daran, dass die Erforschung der Scheibe selbst und der Kultur, der sie entstammt, kriminalistisches Gespür verlangte. So führt uns das Buch auf interessante Weise in die Welt vor etwa 3600 Jahren.

An dem Forschungsprozess lassen uns die Autoren teilhaben. Hypothesen wurden aufgestellt und wieder verworfen. Neue Ideen entstanden. Dabei wurde auf die Hilfe zahlreicher Wissenschaften zurückgegriffen: Archäologie, Astronomie, Genetik, Metallurgie, Soziologie und manch anderer.

Und auch am Ende bleiben Fragen offen. Dennoch entsteht ein Bild des Reiches von Aunjetitz, das zwar am Harzrand gelegen war, aber doch Verflechtungen bis nach England, Griechenland und in den Nahen Osten hatte.

Zahlreiche Skizzen und Bilder illustrieren und veranschaulichen den Text, zeigen nicht nur die Himmelsscheibe, sondern auch andere Grabungsfunde und die für die Geschichte bedeutsamen Orte. Am Ende gibt es Hinweise, wo man heute das „Reich von Nebra“ erkunden kann, etwa im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Ob ich das Buch als Kind hätte lesen können wie damals das Buch von Ceram? Ich glaube kaum. Auch wenn die Autoren sich um nachvollziehbare Gedankengänge und nicht zu schwere Sprache bemühen, so sind es doch recht viele wissenschaftliche Erkenntnisse und Einzelheiten, die vor allem in der zweiten Hälfte einiges vom Leser verlangen.

Übrigens: Abschließend geben die Autoren den Leser*innen sieben Lehren aus der Geschichte für heute mit. Am besten hat mir gefallen: „Despotie ist nicht unser Schicksal.“

Harald Meller/Kai Michel: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“, Propyläen Verlag 2018 (8. Aufl. 2024), ISBN 978-3549076460, 384 Seiten, 27,00 Euro

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