Bettina Luis über „Mann vom Meer“


Volker Weidermann: Mann vom Meer

THOMAS MANN (1875-1955) starb vor fast 81 Jahren. Nur wenige Schriftsteller blieben bis heute weltweit so berühmt wie er. Und nur wenigen war es vergönnt, bereits zu Lebzeiten größten Ruhm, Glanz und Ehre erfahren zu dürfen. Aber auch politische, gesellschaftliche und persönliche Tiefschläge erlebte dieser eigentlich tiefsinnige und sensible Mann.

Gesellschaftliche Zuweisung von Rollen und Zwängen waren in seiner Zeit tragischerweise schier unüberwindbar eng, geschweige denn verhandelbar. Thomas Mann lebte nach außen durchaus konform als Patriarch, bisweilen starrköpfig, wenig kritikfähig bis autoritär. Gerade aber im sich innerlich im Anderssein treu zu bleiben, nicht in den Strömungen der „Zeitgeister“ zu ertrinken, sondern scharfsinnig reflektierend und erschreckend präzise die ihn umgebenden Bedingungen zu beobachten, zu analysieren, um sie dann meisterhaft eloquent in seine Geschichten und Romane einzubetten – dies brachte ihm bereits 1929 verdientermaßen den Literaturnobelpreis ein.

Sein persönliches Sein in den turbulenten Geschehnissen seiner Jahre bot oft die Kulisse für seine Protagonisten. Durch sie hindurch sprach er zur Welt, durch ihre Lebensgeschichten und -ereignisse schimmerte seine Kritik und Mahnung an die herrschenden Irrungen und Wirrungen seiner Zeitgenossen. Seine Botschaften erzählen von schier falsch gelebtem Leben, von nicht gelebten Leben, vom Menschen verachtenden Miteinander und ihren Sehnsüchten, … und all den leidvollen Konsequenzen. Aber da ist auch Hoffnung durch heilsame Begegnungen und schützende Auszeiten.

Volker WEIDERMANN – ein m.E. kluger und vertrauenswürdiger Autor und Journalist – schrieb 2023 dieses gründlich recherchierte Buch über Thomas Mann, das sich nicht einfach unauffällig in die unzähligen Meter Bibliografien einreiht! Nein! MANN VOM MEER- ist wirklich ein Thomas Mann Panorama- zum Horizont und zurück!

Ich teile diese Liebe zum Wasser, zum Meer zutiefst. Weidermann nennt das Meer „den stillen Held all seiner (Th.M.) Bücher“. Mann selber habe es einmal so beschrieben: „Das Meer, sein Rhythmus, seine musikalische Transzendenz ist auf irgendeine Weise überall in meinen Büchern gegenwärtig, auch dann, wenn nicht, was oft genug der Fall, ausdrücklich davon die Rede ist.“

Am Ende meiner Lektüre durfte ich feststellen: Ich habe  viel biografisch Neues über Thomas Mann erfahren! Ich war mit ihm und seiner Familie sozusagen auf einer wunderbaren „Seereise“ durch sein Leben, seine Leidenschaften und Sehnsüchte. Als bisexueller Mann hat er gelebt, aber oft waren es gerade seine homoerotischen Sehnsüchte, die ihn vor allem junge Männer leidenschaftlich beobachten ließen und die letztlich etliche seiner literarischen Charaktere formten. Und immer wieder durfte ich längere Zitate aus seinen Werken lesen, die ich bisher noch nicht oder vor langer Zeit gelesen hatte. Es war also ein vollkommen neues, vielfältiges Eintauchen -auch sprachlich -in sein Meer des Erzählens.

Volker Weidermann schafft es darüber hinaus sehr einfühlsam, Manns Zweifel, die Scham, die Wut und das Entsetzen über die damalige politische Weltlage deutlich werden zu lassen: „Er will nicht ins Exil. Er ist Deutschland, nicht diese Leute an der Macht, die sich mit dem Land verwechseln. Mann selber schreibt 1933 im französischen Badeort Bandol: „Wunderliches Erlebnis, daß einem, während man gerade draußen ist, sein Land irgendwohin davonläuft, sodaß man es nicht wiedergewinnen kann.“

 Sehr eindrücklich wird von Weidermann in 24 Strandwanderungen (Kapiteln) Manns „Wandel“ vom zunächst klassischen, treu konservativ Denkendem hin zum lauten Rufer und Streiter für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie aus dem späteren Exil heraus nachvollzogen.

Auf dieser literarischen Seereise sind mir der Mensch Thomas Mann und seine Familienbeziehungen sehr nahe gekommen und mit ihnen ein anderes, tieferes und leider auch aktuelles (Wieder)Erkennen in einigen seiner Werke. Weidermann beschreibt es so: „Er ist zusammen mit Katia über Brüssel, Paris weiter in die Schweiz gefahren. Den Sommer verbringen sie gemeinsam mit anderen Schriftstellern, die über Nacht ihr Vaterland verloren haben, am Mittelmeer. Thomas Mann beobachtet die Entwicklungen zu Hause mit Staunen. Vor allem dieses widerstandslose Sichergeben, das sich Dreinfügen in die Ungeheuerlichkeiten der neuen Zeit überrascht ihn doch. Wie genau auch immer er es am italienischen Mittelmeer im MARIO auch schon beschrieben hatte: „Wie seltsam, daß man in Deutschland gegen die wahrhaft schweinischen Mittel, mit denen diese <Volksbewegung> gesiegt hat, offenbar nicht die Empörung, den Ekel aufbringt, den ich empfinde!“ Thomas Mann erkennt eine „Verfälschung der Gehirne“ im Land und staunt, wie schnell das alles geht.“

Und noch etwas hat mir Weidermanns Buch verraten: Die Lieblingstochter ELISABETH MANN BORGESE, hat mit ihrem Vater das Meer als Ort der Sehnsucht geteilt und es mit ihm als Kind oft besucht. Sie setzte sich später engagiert als Aktivistin für die Bewahrung der Meere ein. Ihre Expertisen als Wissenschaftlerin und Visionärin waren gefragt. 1970 war sie das einzige weibliche Gründungsmitglied des CLUB OF ROME. Ihr Engagement nannte sie BLAUE REVOLUTION und propagierte die OZEANISCHE POLITIK zur „Bekämpfung der Armut und die Bewahrung der Welt. Denn mit den Meeren fängt es an“. Über ihren Vater sagte sie einmal:

„Ich halte seine Analyse des Verhältnisses der Menschen zur Natur und besonders zum Meer für die tiefgründigste, die mir je begegnet ist. Er erkannte die Ehrfurcht des Menschen vor der Unendlichkeit und Wildheit der Meere.“

Danke, Volker Weidermann!

Volker Weidermann: Mann vom Meer, btb-Verlag, 233 Seiten, ISBN 9783442774944, Preis: 14,00 Euro.


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