Joachim MEYERHOFF ist derzeit in aller Munde angesichts des neuesten Films von Simon Verhoeven: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke…. Meyerhoff umgibt tatsächlich ein Marketing-Hype, der ihn für einige „gute Literatur“ Suchende angeblich a priori disqualifiziert. Aber den 6. Teil der Reihe ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH voreilig zu ignorieren, möge ernsthaft überdacht werden, denn: MAN KANN (doch!) IN DIE HÖHE FALLEN! 😊
Schon die ersten fünf Romane ließen rückblickend in erfrischender Erzählbegabung akribisch Leben, Familie und Gedanken des Autors „streng öffentlich“ werden. Durch Höhen und Tiefen begleiten Lesende ihn dort – ein wirklich interessanter, ganz echter Mensch, mag man am Ende resümieren. Aber auch ziemlich mutig, mag man kritisch bemerken, seine private Vergangenheit „zu Markte zu tragen“… Was, wenn alles erzählt ist?
Im vorliegenden Roman wechselt der Autor nun in die Gegenwart. Mit vertrautem Witz und Charme beobachtet er hier seine sehr aktionistische, durchaus schräge 86-jährige Mutter, die allein und eigenwillig ein idyllisches Landgut der Familie in Schleswig-Holstein bewirtschaftet. Dorthin flieht der 56-jährige Meyerhoff, Ruhe suchend, aus Berlin.
Es gab zuvor einen beschämenden Nervenzusammenbruch, eine Schreibblockade, eine existentiell tiefe Sinnkrise. Zehn Wochen wird er bei seiner Mutter bleiben. Er könne ja über sie und ihren Alltag schreiben („…wenn dir nichts anderes einfällt…“). Hauptsache, er schreibt überhaupt wieder!
Auf diesen mütterlichen Rat hin beginnt Meyerhoff – da sich ihm keine Geschichten aufdrängen – das Hier und Jetzt zu akzeptieren und nutzt seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe. Er öffnet die Sinne, nimmt ohne jegliche Bewertung minutiös lediglich wahr: Landschaften, Haus und Garten, Menschen, das Meer und – allem voran – sie, die Mutter, seine so authentisch geerdete Mutter, hier und jetzt und damals, als er noch Kind war.
All dies (be)schreibt er: Mutter isst, Mutter heilt, Mutter hackt Holz, …mäht, …verliebt sich. Mutter ist weg… Mutter braucht Geschichten… Die Mutter hört abends interessiert zu, auch sie bewertet nicht. Es sind Geschichten und tragisch-komische Anekdoten, die in mütterlicher Anwesenheit, diesem sicheren Freiraum entstehen.
Wie aneinandergereihte Filmsequenzen flackern sie über die „Leinwand“ und als Leserin darf ich mit schauen. Behutsam führen sie Meyerhoff zurück in seine eigenen Geschichten und zunehmend heilend zu sich.
In wunderbar humorvollen und pointierten Beschreibungen – das kann Meyerhoff wirklich 😊 – blitzen Menschen und situationskomische Erinnerungen auch aus seiner langjährigen Theaterwelt auf. Amüsanteste Pleiten, Pech und Pannen werden lebendig. Gerade diese beruflichen und familiären ANEKDOTEN überdauern nicht nur mündlich, sondern dürfen es lt. Meyerhoff eben auch schriftlich, denn sie sind „…eine winzige Quelle (in der Geografie der literarischen Formen), aus der ununterbrochen, seit Anbeginn der Zeit, das klarste Wasser sprudelt. Müde und ausgelaugt vom Besteigen literarischer Achttausender kann man sich hier erfrischen und kurz verweilen.“
Man kann diese Definition vielleicht anders formulieren, aber m.E. nicht schöner!
Ein literarischer Hochgenuss d i e s e r Meyerhoff – trotz Hype!



